Lesejahr C: 2018/2019

2. Lesung (Kol 3,12-21)

12Bekleidet euch also, als Erwählte Gottes, Heilige und Geliebte, mit innigem Erbarmen, Güte, Demut, Milde, Geduld!

13Ertragt einander und vergebt einander, wenn einer dem anderen etwas vorzuwerfen hat! Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!

14Vor allem bekleidet euch mit der Liebe, die das Band der Vollkommenheit ist!

15Und der Friede Christi triumphiere in euren Herzen. Dazu seid ihr berufen als Glieder des einen Leibes. Seid dankbar!

16Das Wort Christi wohne mit seinem ganzen Reichtum bei euch. In aller Weisheit belehrt und ermahnt einander! Singt Gott Psalmen, Hymnen und geistliche Lieder in Dankbarkeit in euren Herzen!

17Alles, was ihr in Wort oder Werk tut, geschehe im Namen Jesu, des Herrn. Dankt Gott, dem Vater, durch ihn!

18Ihr Frauen, ordnet euch den Männern unter, wie es sich im Herrn geziemt!

19Ihr Männer, liebt die Frauen und seid nicht erbittert gegen sie!

20Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern in allem, denn das ist dem Herrn wohlgefällig!

21Ihr Väter, schüchtert eure Kinder nicht ein, damit sie nicht mutlos werden!

Überblick

Liebe, Vergebung, Dankbarkeit und Friede - das sind für den Kolosserbrief die entscheidenden Zutaten, damit Zusammenleben aus christlichem Geist gelingen kann. Das gilt in der Familie ebenso wie in allen größeren sozialen Gemeinschaften.

 

Einordnung des Lesungsabschnitts in den Kolosserbrief

Der Kolosserbrief bewegt sich im Wesentlichen auf zwei Ebenen: einer philosophisch-theologischen und einer christlich-lebenspraktischen. Zwei Verse zeigen dies deutlich an:

Kol 2,8 setzt nach einer langen Briefeinleitung folgendermaßen an:

Gebt Acht, dass euch niemand mit seiner Philosophie und leerem Trug einfängt, die sich nur auf menschliche Überlieferung stützen und sich auf die Elementarmächte der Welt berufen, nicht auf Christus!

Nachdem der Brief die entsprechende Argumentation abgeschlossen hat, die zum Verständnis der Sonntagslesung nicht behandelt werden muss, heißt es in Kol 3,1:

Seid ihr nun mit Christus auferweckt, so strebt nach dem, was oben ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt!

Das "Streben nach oben" meint nichts anderes als eine Ausrichtung des Lebens auf Christus hin, von dem man durch das Todesbad der Taufe hindurch in ein neues Leben auferweckt  worden ist. Diesen Existenzwechsel bezeichnet der usrprüngliche Taufritus, mit dem man als "alter" Mensch in das im Boden eingelasseneTaufbecken einstieg und untertauchte (ein Sterbesymbol), um dann als "neuer", von Jesus Christus geprägter Mensch aufzutauchen und aus dem Becken herauszukommen (ein Symbol der Auferweckung in ein neues Leben, das eben nicht erst nach dem Tode beginnt). 

Was in der Taufe rituell geschieht, soll aber im Alltagsleben Wirklichkeit werden und für andere ablesbar sein. Dazu entwickelt der Kolosserbrief  zunächst eine Art christliche Tugendlehre. Dabei beginnt er mit einer Auflistung von Verhaltensweisen, die man ablegen und meiden soll wie Zorn, Wut, Bosheit, Lästerung,schmutzige Rede und Lüge (Kol 3,8-10), um dann zu positven Verhaltensweisen zu kommen.

 

Der Lesungstext

Hier genau setzt die Zweite Lesung zum Fest der Heiligen Familie ein. Der Auflistung der zu unterlassenden Verhaltensweisen steht ab Vers 12 ein positver Forderungskatalog gegenüber: inniges Erbarmen, Güte, Demut, Milde, Geduld, Vergebung, Liebe, Friede. Dabei kann die Liebe als das alles andere zusammenfassende Zentralgebot verstanden werden.

Was sie in ganz konkreten Lebenszusammenhängen bedeutet, das entfalten wiederum die Verse 18-21 - eine sogenannte Haustafel, die allerdings im ausgewählten Lesungsabschnitt nur verkürzt  ohne die Verse Kol 3,22 - 4,1 wiedergegeben wird. "Haustafel" meint so etwas wie eine Familienordnung, wobei zur "Familie" in biblischer Zeit auch die Sklaven gehörten. Diese waren nicht etwa "Sachobjekte", sondern ordentliche Familienmitglieder, die sicherlich ihre - auch sehr schwere - Arbeit zu verrichten hatten, aber auch Anspruch auf Wahrung festgelegter Rechte und Sicherung ihrer Lebensbedürfnisse hatten (vgl. dazu besonders den Vers Kol 4,1, der sich an die "Herren" werndet"). Dass Ideal und Wirklichkeit immer wieder auch auseinanderklafften, ist keine Frage. Andererseits war es gerade ein Alleinstellungsmerkmal der frühen christlichen Gemeinden, dass Sklaven vollwertige Mitglieder waren. Das wird daran deutlich, dass innerhalb der Haustafel Frauen, Kinder, Sklaven und Herren in derselben Art und Weise angesprochen werden, auch wenn es in den inhaltlichen Forderungen Unterschiede gibt. Nicht zufällig verwendet sich Paulus im Philemonbrief für einen Sklaven namens Onesimus, dass dieser auch wirklich von seinem Herrn und in der Gemeinde als geliebter christlicher Bruder behandelt und gewertschätzt wird.

Auslegung

Der christliche "Anzug" (Verse 12-13)

"Zieht an" - hinter dieser ersten Aufforderung steckt das Bild des sich Bekleidens. Es ist prinzipiell schon aus dem Alten Testament bekannt, wenn die Bitte, dass Gott seine Stärke zur Rettung des Volkes Israel erweisen soll, in die Worte gebracht wird: "Bekleide dich mit Macht, Arm des HERRN" (Jesaja 51,9), oder im Text des Kirchenliedes: "Zieh an die Macht, du Arm des Herrn". Dies meint: Gott möge seine Wirkmacht, für die der Arm steht, wie einen Ärmel überstreifen. Es wäre ein Missverständnis, zu meinen, es gehe damit um etwas Äußerliches. Vielmehr geht es darum, dass etwas Wesentliches (Macht, Stärke, Fähigkeit zur Hilfe) sichtbar und damit erfahrbar wird.

Paulus nutzt dieses Bild des sich Bekleidens im Blick auf die Taufe:

Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. (Galater 3,27)

Auch hier soll gesagt werden: Taufe ist nicht etwas Äußerliches; sondern etwas Wesentliches - die Prägung durch Christus - soll sichtbar werden im Erscheinungsbild des Getauften - wie ein Kleid. Auf diese Vorstellung greift der Kolosserbrief zurück, der vermutlich nach Paulus durch einen uns unbekannten Autor geschrieben wurde, der die Paulusbriefe - übrigens ganz besonders den oben genannten Philemonbrief - sehr genau gelesen hat. Er verbindet das paulinische Bild der Bekleidung mit der anderen Feststellung des Paulus, dass das ganze Gesetz im Liebesgebot zusammengefasst sei (Galater 5,14). Einen großen Teil der konkreten Tugenden findet sich übrigens auch bereits im sogenannten Hohelied der Liebe in 1 Korinther 13 (s. Kontexte) und in Galater 5,21.

Die eigentliche Mahnung des Kolosserbriefes lautet also. All ihr Getauften, lasst Euer Getauftsein spürbar und sichtbar werden. An eurem Verhalten muss ablesbar sein, dass ihr Christus "angezogen" habt und zu ihm gehört.

 

Das "Band der Vollkommenheit" (Vers 14)

"Vollkommenheit" ist ein starkes Wort und führt schnell zur Entmutigung. Wer ist schon vollkommen? Doch es geht ja nicht einfach um eine Aufforderung zur Vollkommenheit. Vielmehr wird mit dem Begriff die "Leistungsfähigkeit" der Liebe an und für sich beschrieben. Gemeint ist also: Besser als im Begriff der Liebe, die prinzipiell am Wohl des Anderen Maß nimmt und nicht an den eigenen Ansprüchen, lässt sich nicht zusammenfassen, was eine Lebensgemeinschaft wirklich zusammenhalten kann. Alle anderen denkbaren "Bänder" - z. B. Gerechtigkeit, Gleichberechtigung usw. - haben nicht dieselbe Bindekraft und Umfassendheit. Da es hier um eine entschieden christliche Sicht geht, schließt die Vorstellung der "Liebe" auch eine Liebe bis zur Selbsthingabe ein, die in Jesus ihr Vorbild hat.

 

Die christliche Familienordnung (Verse 18-21)

Es ist sehr einfach, gerade diese Verse schnell abzutun mit ihrer Forderung an die Frauen, sich den Männern unterzuordnen, und an die Kinder, zu gehorchen. Das ist heute - jedenfalls in vielen westlichen Ländern - so nicht mehr vermittelbar und widerspricht völlig dem Lebensgefühl der Menschen.

Den Text so zu lesen heißt aber, ihn fundamentalistisch misszuverstehen. Schon im Überblick wurde festgehalten, dass die christliche Lebensordnung gegenüber der griechischen Ordnung, die den gesellschaftlichen Hintergrund des Kolosserbriefes bildet, einen gewaltigen Sprung in Richtung Gleichberechtigung bedeutet. Dass Männer, Frauen, Kinder und Sklaven als absolut gleichrangiges Gegenüber des Briefschreibers auftauchen, wäre in keiner griechischen Haustafel denkbar gewesen. Dass dieser Sprung nicht schon gleichzeitig das Herausspringen aus patriarchalischen Vorstellungen bedeutet, die wir gerade einmal im ausgehenden 20. Jahrhundert wirklich zu ändern begonnen haben, ist für das erste nachchristliche Jahrhundert nun wirklich nicht erwartbar oder es ist die Erwartung desjenigen, der zweitausend Jahre später alles besser weiß.

So gelesen steckt in der Haustafel des Kolosserbriefes eine große Sprengkraft für das vorbildliche Leben christlicher (Lebens)-Gemeinschaften. Stark zu machen sind die Forderungen, dass gerade die Männer zur Liebe aufgefordert werden, und die Väter zu einer Erziehung, die die Kinder nicht einschüchtert und entmutigt. Wo in der Kirche aus dem Getauftsein aller gegenseitig solche herzensgute, wohlmeindende und wertschätzende Zuwendung zwischen allen Geschlechtern, Generationen und sozialen Gruppen gelebt wird, könnte eine große missionarische Kraft entstehen.

Und so gelesen beschreibt das Fest der Heiligen Familie keine Idylle, sondern einen herausfordernden Auftrag.

 

 

 

 

Kunst etc.

 

Im Blick auf das Hohelied der Liebe in 1 Korinther 13, das unter "Kontexte" wiedergegeben ist und als Folie besonders zu Kolosser 3,14 gelesen werden kann, soll hier eine Meditation desselben Textes stehen. Am besten liest man sie nach der Lektüre von 1 Korinther 13 oder aber als eigenes "Kunstwerk".

 

Meditation zum Hohelied der Liebe 1 Korinther 13

Die Liebe ist
einfach und schlicht,
verschwenderisch
und voll Vergebung.

Die Liebe beginnt täglich neu.
Sie endet nicht,
sondern vermehrt sich,
um in das Meer
der Liebe Gottes
einzumünden.
Diese ist
Quelle und Mündung
in einem.
Aus der Quelle strömt der Glaube,
zur Mündung fließt die Hoffnung,
und das Element,
in dem sich beide bewegen,
ist die
Liebe.

Lass aus meinem Herzen
deine Liebe strömen.
Heute!

Die Liebe ist
leise.
Sie weiß nicht alles.
Was immer sie
weiß und glaubt -
sie lässt dem anderen Raum
für sein Wissen und seinen
Glauben,
für sein Nicht-Wissen und seinen
Unglauben.

Die Liebe kann zuwarten
und gibt nicht auf.
Trauern, Klagen, Beten
sind Formen der Liebe,
die sich bewusst ist,
stark und schwach zugleich
zu sein.

Die Liebe will nicht.
Sie lässt wachsen.

Kein Wort von Selbstliebe
im Hohen Lied der Liebe.
Und doch spricht es laufend von
ihr:
Wer seinen Leib dem Feuer
übergeben möchte,
liebt sich nicht.
Der Prahler und Bläher,
er liebt sich nicht und verdeckt
was er an sich nicht mag.
Wer zürnt und nachträgt,
ist unversöhnt mit sich selbst.
Wer am Unrecht Freude hat,
 kann sich nicht lieben.

Liebe ist die Annahme des
Fragments -
meinerselbst und des anderen.
Die Einfügung ins Ganze
ist der Horizont der Liebe.

Liebe ist die Selbstbescheidung,
Fragment zu sein.

Liebe ist Erkennen.

Erkennen ist nicht Vorwitz und
Neugier,
sondern die Suche nach tiefer
Begegnung,
das Aufspüren der Wege
auf denen bereichernder Austausch
möglich ist.

 

                                                                                                                                     Gunther Fleischer