Lesejahr C: 2018/2019

Evangelium (Lk 15,1-3.11-32)

151Alle Zöllner und Sünder kamen zu ihm, um ihn zu hören.

2Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Dieser nimmt Sünder auf und isst mit ihnen.

3Da erzählte er ihnen dieses Gleichnis und sagte:

11Weiter sagte Jesus: Ein Mann hatte zwei Söhne.

12Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht! Da teilte der Vater das Vermögen unter sie auf.

13Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen.

14Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er begann Not zu leiden.

15Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten.

16Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab ihm davon.

17Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben Brot im Überfluss, ich aber komme hier vor Hunger um.

18Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt.

19Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner!

20Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von Weitem kommen und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn.

21Da sagte der Sohn zu ihm: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein.

22Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand und zieht es ihm an, steckt einen Ring an seine Hand und gebt ihm Sandalen an die Füße!

23Bringt das Mastkalb her und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein.

24Denn dieser, mein Sohn, war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie begannen, ein Fest zu feiern.

25Sein älterer Sohn aber war auf dem Feld. Als er heimging und in die Nähe des Hauses kam, hörte er Musik und Tanz.

26Da rief er einen der Knechte und fragte, was das bedeuten solle.

27Der Knecht antwortete ihm: Dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn gesund wiederbekommen hat.

28Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu.

29Doch er erwiderte seinem Vater: Siehe, so viele Jahre schon diene ich dir und nie habe ich dein Gebot übertreten; mir aber hast du nie einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte.

30Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet.

31Der Vater antwortete ihm: Mein Kind, du bist immer bei mir und alles, was mein ist, ist auch dein.

32Aber man muss doch ein Fest feiern und sich freuen; denn dieser, dein Bruder, war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden.

Überblick

Der „Verkaufsschlager“ unter den neutestamentlichen Beispielerzählungen! Im Gleichnis vom verlorenen Sohn geht es ganz existentiell um die Freude über ein neu begonnenes Leben.

1. Verortung im Evangelium
Die Szene im Lukasevangelium (Lk) 15,1 schließt sich an die vorangegangenen Episoden an. Irgendwo auf dem Weg nach Jerusalem, auf dem Jesus „viele Menschen“ (Lukasevangelium 14,25) begleiten, spricht Jesus nun in Gleichnissen (Beispielgeschichten) zu den Menschen und ganz besonders zu den „Pharisäern und Schriftgelehrten“. Zu Beginn von Kapitel 16 wird er sich dann sehr konkret den Jüngern als Adressaten seiner Worte zuwenden.

 

 

2. Aufbau
Vers 1 bietet die Ausgangssituation für das gesamte Kapitel: „Zöllner und Sünder“ kommen, um Jesus zu hören. In Vers 2 wird durch die Konfrontation mit den „Pharisäern und Schriftgelehrten“ ein Konfliktgespräch begonnen, indem Jesus durch eine ausführliche Gleichnisrede Stellung bezieht. Die hier ausgelassenen Gleichnisse vom Schaf und der Drachme (Verse 4-10, siehe Kontext) erzählen von der Freude im Himmel über die Umkehr eines einzigen Sünders. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn veranschaulicht erzählerisch, was die Gleichnisse zuvor behaupten (Freude über das Wiedergefundene). Deshalb sind die Gleichnisse in Kapitel 15 des Lukasevangeliums auch durch die Worte „verlieren – finden“ und „Freude“ eng miteinander verbunden.

 

 

3. Erklärung einzelner Verse


Verse 1-3: In Lk 14,25 war von einer großen Menge die Rede, die mit Jesus zog. Nun werden zwei Gruppen aus dieser Menge explizit in den Blick genommen: „Sünder und Zöllner“ einerseits und „Pharisäer und Schriftgelehrte“ andererseits. Diese Gruppierungen liefern für die folgenden Gleichnisse einen Verstehenshorizont: Immer wieder gerät Jesus im Laufe seiner Verkündigung mit Pharisäern und Schriftgelehrten aneinander. Sie, die sehr strikt nach den Geboten Gottes zu leben versuchten, hielten sich nach Möglichkeit entfernt von Menschen, die sich nicht oder kaum an Gottes Gebote hielten. Zu solchen Menschen gehörten Sünder und Zöllner. Der Beruf des Zöllners steht in einem schlechten Ruf, weil diese oft ohne Skrupel möglichst viel Geld von den anderen einforderten.

Wenn der Evangelist Lukas hier bereits zweimal das Stichwort „Sünder“ auftauchen lässt, dann verweist er auf einen Grundkonflikt zwischen den „Pharisäern und Schriftgelehrten“ und Jesus. Sein Verhalten gegenüber Sündern, also denen, die sich vermeintlich durch ihre Lebensweise von Gott abgewandt hatten, war für „Pharisäer und Schriftgelehrte“ nicht tolerierbar. Das erzählte Gleichnis ist also eine direkte Antwort Jesu auf den Vorwurf der Pharisäer und Schriftgelehrten: „Dieser nimmt Sünder auf und isst mit ihnen.“

 

Vers 11: Die Eröffnung „ein Mann…“ ist eine typische Redeeinleitung für beispielhafte Erzählungen im Lukasevangelium (siehe auch Lk 10,30 und Lk 14,16).

 

Verse 12-13: Die Ausgangssituation wird geschildert. Mit der Auszahlung des Erbes verliert der jüngere Sohn alle weiteren Ansprüche. Die Verben „zusammenpacken“ und „verschleudern“ stehen sich mit ironischem Unterton gegenüber und bereiten auf die folgende Krise vor.

 

Verse 14-16: Der Begriff „große Hungersnot“ ist sowohl aus der Bibel (z.B. Genesis 12,10) als auch in der griechischen Literatur bekannt. Eine solche Hungersnot kann unterschiedliche Ursachen haben (Missernten, Naturkatastrophen, Kriege etc.), sie hat jedoch immer dasselbe Ergebnis: Nahrung ist knapp und teuer und die Armen sind die Leidtragenden. Zu diesen Armen gehört nun auch der Sohn, der zuvor alles Zusammengepackte verschleudert hat.

Weil er nicht mehr über ausreichend Geld verfügt, um die teuren Lebensmittel zu kaufen, muss der Sohn seine Arbeitskraft verkaufen. Die Umschreibung „sich aufdrängen“ beschreibt die Aufnahme eines Arbeitsverhältnisses, das anders als bei Tagelöhnern/Tageskräften, auf Dauer angelegt war. Ein Teil der Entlohnung konnte in der Bereitstellung hier in Form von Unterkunft, Nahrung und Kleidung erfolgen. Das Hüten der Schweineherde symbolisiert den sozialen Abstieg des Sohnes. Schweine sind nach dem jüdischen Gesetz unreine Tiere. Wenn Lukas erzählt, dass sich der Sohn aus Not sogar das Essen mit ihnen teilen würde, wird der vollkommene Abstieg des Sohnes deutlich.

 

Verse 17-19: Die Krisenerfahrung führt den Sohn in eine innere Einkehr („er ging in sich“ Vers 17). In Form eines inneren Monologs vergleicht er seine Lebenssituation mit der Situation der Lohnarbeiter seines Vaters: Während diese „im Überfluss haben“, kommt er vor Hunger um. Im Griechischen steht hier das Wort „apollymi“ (ἀπόλλυμι), das übersetzt sowohl „verlieren/verloren gehen“ wie „umkommen“ heißen kann. Der Evangelist Lukas spielt hier bewusst mit der Doppeldeutigkeit der Vokabel. Im Bild vom „Verlorengehen“ und „Wiedergefunden werden“ nimmt er später genau dieses Wort wieder auf.

Die erste Folge des Nachdenkens des Sohnes ist das Eingeständnis der eigenen Schuld. Ein vergleichbares Bekenntnis findet sich zum Beispiel im Buch Exodus: „Da ließ der Pharao Mose und Aaron eiligst rufen und sagte zu ihnen: Ich habe gegen den HERRN, euren Gott, gesündigt und auch gegen euch.“ (Exodus 10,16)

Die zweite Folge des Nachdenkens ist die Feststellung der eigenen Unwürdigkeit, also des Zurückbleibens hinter den eigenen Ansprüchen und den religiösen und sozialen Erwartungen (Umgang mit dem Erbe, Zusammenleben mit Schweinen). Damit einher geht die Bereitschaft, den eigenen Status aufzugeben. Interessant ist, dass der Sohn zwar davon abrückt, als Sohn mit den entsprechenden Rechten zurückzukehren, er zugleich aber weiterhin vom „Vater“ spricht. Diese Verhältnisbestimmung „Vater-Sohn“ bleibt für ihn intakt, auch wenn er sich als unwürdig erwiesen hat.

 

Verse 20-21: Der Sohn setzt sein inneres Vorhaben um und bricht zum Vater auf. Noch bevor der Sohn seine Schuld eingestehen kann, wird die Reaktion des Vaters geschildert. Die Pointe dieses Abschnitts entsteht aus der natürlichen Erwartung der Leser und dem tatsächlichen Verhalten des Vaters. Das Wort „Mitleid haben“ entstammt dem griechischen Wort „splangnizomai“ (σπλαγχνίζομαι), was so viel bedeutet wie „bis ins Innerste, die Eingeweide erschüttert werden“. Es geht also nicht um ein oberflächliches „Mitfühlen“, sondern um ein wortwörtliches „Mitleiden“, das unter die Haut geht und spürbar wird.

 

Verse 22-24: Interessanterweise spricht der Vater nicht zu seinem Sohn, sondern zu den Knechten. Die Anweisungen für die Behandlung des Zurückgekehrten (Kleidung, Schuhe, Ring) bedeuten nicht, dass der jüngere Sohn in seine alte Stellung als Erbe zurückversetzt wird. Es kommt aber eine besondere Ehrung zum Ausdruck. Insofern stimmt die Reaktion des Vaters mit dem inneren Monolog in den Versen 17-19 überein. Das Verhältnis „Vater-Sohn“ existiert weiter, eine Wiedereinsetzung als Erbe erfolgt nicht. Der jüngere Sohn hat seinen Teil erhalten und ist damit unwürdig oder unverantwortlich umgegangen, er bekommt diese Chance nicht noch einmal.

Das „Mastkalb“ ist ein besonders teures Schlachttier, weil es neben Grünfutter auch Getreide, also teures Futter bekam.

Der Aufruf zum Fest „wir wollen essen und fröhlich sein“ führt das Leitmotiv „Freude“ für das anschließende Streitgespräch mit dem älteren Sohn ein. Die Begründung für das Fest und die Freude ist der Unterschied zwischen einst und jetzt. Mit der Gegenüberstellung „tot – lebendig“ greift der Evangelist auf typische Vokabeln aus Bekehrungsgeschichten zurück. Die Bildwelt „verloren – wiedergefunden“ hingegen verweist auf die Gleichnisse vom verlorenen Schaf und der verlorenen Drachme in den Versen 4-10. Diejenigen, die die Gleichnisse am Stück lesen oder hören, erkennen hier sofort, dass sie eine Einheit bilden und sich gegenseitig deuten.

 

Verse 25-32: Die Schlussszene des Gleichnisses erfolgt in der Form eines Streitgesprächs und schließt damit einen Boden zur Auseinandersetzung Jesu mit den „Pharisäern und Schriftgelehrten“ in Vers 2.

Der ältere Sohn kehrt erst zurück als das Fest schon in vollem Gange ist, er hat von den Vorbereitungen und der reumütigen Wiederkehr des Bruders nichts mitbekommen. Durch einen Filter (Schilderung des Knechtes) wird er in die Geschehnisse einbezogen, er erhält die „wesentlichen Infos“: der Bruder ist zurück und der Vater ließ das Mastkalb schlachten, weil er wohlbehalten heimgekehrt ist. Die Worte des Knechtes trivialisieren das Geschehen und führen so hinein in die heftige Reaktion des älteren Sohnes.

In Vers 28 prallen die Einstellungen des Vaters und des älteren Sohnes aufeinander: Während der Vater gutzuredet (wörtlich: bittet, einlädt) will der Sohn „nicht hineingehen“. Die Verwendung des Imperfekts bei beiden Verben (bitten – nicht hineingehen wollen) bedeutet, es geht nicht um eine vorübergehende Haltung, sondern um eine grundlegende und anhaltende Ablehnung bzw. Einladung!

In den Versen 29-32 stehen sich nun die Argumente von älterem Sohn und Vater gegenüber. Zu jedem Argument des Sohnes hat der Vater dabei ein Gegenargument. Jedoch diskutieren sie auf unterschiedlichen Ebenen: Für den Sohn ist der Anlass zum Ärgernis und zur Ablehnung das Fest, das für den Bruder ausgerichtet wurde – trotz des bekannten Lebenswandels. Er stellt dem Fehlverhalten des Bruders sein eigenes gutes Verhalten gegenüber. Für den Vater ist jedoch nicht das Verhalten entscheidend, sondern die Tatsache, dass seine Kinder bei ihm sind. Der eine war es immer, der andere war verloren und ist nun wiedergefunden. Die Wiederkehr des jüngeren Sohnes ist für den Vater der Anlass für das gemeinsame Fest: „aber man muss doch ein Fest feiern und sich freuen“.

Auslegung

Das Gleichnis vom Vater und seinen beiden Söhnen – wie man es ganz neutral betiteln könnte – ist ein „Schlager“ unter den Erzählungen des Neuen Testaments und vielen Menschen bekannt. Wie kaum eine andere Geschichte lädt sie dazu ein, sich im erzählten Geschehen einen eigenen Platz zu suchen und sich mit einer der Personen zu identifizieren. So bekannt die Geschichte ist, so leicht kommt sie einem beim Lesen in die Ohren und so einfach verleitet sie zu Urteilen und schnellen Handlungsanweisungen. Die Erzählung des Evangelisten Lukas entpuppt sich beim genaueren Hinsehen jedoch als weitaus herausfordernder für den Leser als gedacht.

 

verloren sein – wiedergefunden werden – Freude

Diese drei Begriffe durchziehen das 15. Kapitel des Lukasevangeliums und geben Antwort auf die Auseinandersetzung zwischen Jesus und den „Pharisäern und Schriftgelehrten“. Auf ihre Kritik an seinem Umgang mit Sündern antwortet er mit drei Gleichnissen, in denen von der großen Freude über das Wiedergefunden werden von etwas Verlorenem erzählt. Angesichts der „Zöllner und Sünder“ von denen es in Vers 1 heißt, dass sie zu Jesus kommen, um ihn zu hören, spricht Jesus hier klar über seine eigene Haltung ihnen gegenüber. Sie, die sich durch ihr Verhalten von Gott abgewendet haben, sie kommen auf ihn, den Sohn Gottes zu. Und er ermöglicht ihnen in einem unvoreingenommenen Umgang, dass sie „wiedergefunden werden“, eine neue Beziehung zu Gott aufbauen können – wenn sie es wollen. Wenn ein Mensch, der seine Beziehung zu Gott verloren hat, diese von sich aus wieder aufnehmen will, sich Gott wiederannähert, dann ist das Grund zu großer himmlischer Freude. Und genau dies ist der Auftrag Jesu: die Sünder zur Umkehr, zum Umdenken, zum Neuausrichten ihres Lebens zu bewegen. So heißt es im Lukasevangelium 5,32: „Ich bin nicht gekommen, um Gerechte, sondern Sünder zur Umkehr zu rufen.“

Das griechische Wort für Umkehr (griechisch: μετάνοια, metanoia) heißt wörtlich übersetzt: Sinnesänderung oder auch Verhaltensänderung, Bekehrung. Im Gleichnis vom verlorenen Schaf und der verlorenen Drachme wird es explizit verwendet, im Gleichnis vom verlorenen Sohn wird diese Sinnesänderung dann erzählerisch ausgefaltet (ohne das Wort zu gebrauchen).

 

Der Vater

Die Reaktion des Vaters entspricht genau dem, was in den vorangegangenen Gleichnissen vom verlorenen Schaf und der verlorenen Drachme als Fakt berichtet wurde. In den Versen 5-6 und 9 wurde von der Freude der himmlischen Welt angesichts des Sünders, der umkehrt, berichtet. In unserem Gleichnis wird die Freude der himmlischen Welt durch den Vater verkörpert. Er steht in der Erzählung für Gott. Der Vater lädt zum Fest ein, weil der Sohn in sich gegangen und auf ihn zugekommen ist. Der Vater kommt in der Erzählung dem Sündenbekenntnis seines Sohnes voraus, aber die freudige Aufnahme macht erst dann Sinn, wenn der Sohn sich auf dem Weg zu ihm befindet. Das Aufnehmen des Sohnes ist das „Wiedergefunden werden“ durch den Vater. Diesen Schritt kann der Sohn nicht selbst gehen, dieser Schritt geht ganz vom Vater aus, der aus wirklichem Mitleid, aus Barmherzigkeit handelt. Das Mitleid mündet in die Freude über das Wiederfinden des Sohnes, die in einem Fest Ausdruck findet und damit auch für andere sichtbar und erlebbar wird.

 

Der jüngere Sohn

Nachdem er feststellt, dass er sein Leben falsch angepackt hat, kommt der jüngere Sohn ins Nachdenken. Sein Schritt des Umdenkens und der Neuausrichtung des Lebens ist die Umkehr von der in den Gleichnissen vom verlorenen Schaf und der verlorenen Drachme die Rede war. Er muss sein Verloren sein anerkennen und auf das Wiedergefunden werden hoffen. Nur weil er sich auf den Vater zubewegt, kann dieser ihm vorgreifen und ihn schon vor dem Bekenntnis der Schuld bei sich aufnehmen. Die Freude des Vaters wird für ihn am eigenen Leib spürbar (Kleidung, Schuhe, Ring) und erlebbar (Fest).

 

Der ältere Sohn

Auch er ist eingeladen, an der Freude des Vaters Anteil zu haben. Insofern hat das Wiedergefunden werden des Bruders auch für ihn Auswirkungen. Doch weil er sich selbst benachteiligt fühlt, weil er seinen Status mit dem des Bruders vergleicht, verschließt er sich gegenüber der Freude des Vaters. Er setzt sein eigenes Tun in Relation zum Verhalten des Vaters: ‚ich war immer da und brav und bekomme kein Fest‘. Er übersieht dabei, dass er wie alle anderen zum Fest eingeladen ist und sein Tun dabei keine Rolle spielt. Er ist zum Fest eingeladen, weil er zum Vater gehört und das auch immer zum Ausdruck gebracht hat. Aber das Fest wird nicht seinetwegen veranstaltet und das macht für ihn den Unterschied. Er verweigert sich der Freude, die angesichts des verlorenen und wiedergekehrten Bruders um sich greift. Wer das Gleichnis vom Festmahl in Lk 14,15-24 noch im Ohr hat, wird sich daran erinnern, dass dort die Weigerung der Einladung zu folgen zum Ausschluss vom Festmahl führt.

 

Die Freude, über ein neu angefangenes Leben, die Freude über den Sohn, der in sich geht und voll Reue zurückkehrt, die Freude über den einen Sünder, der umkehrt und sein Leben neu und auf Gott hin ausrichtet – diese Freude durchzieht die Gleichniserzählungen im 15. Kapitel des Lukasevangeliums. Aber es wird auch berichtet, dass diese Freude nicht für alle einleuchtend ist, dass sie gar auf Ablehnung stößt. Für den älteren Sohn wie für die „Pharisäer und Schriftgelehrten“ ist es schwierig zu verstehen, warum sich der Vater im Gleichnis und Jesus im Evangelium so sehr über die Umkehr des Sohnes und der Sünder freuen. Wenn der heutige Sonntag unter dem Titel „Laetare – Freue dich“ zur Freude aufruft, dann stehen wir vor einer doppelten Entscheidung. Sind wir bereit, das Leben in diesen Tagen der Fastenzeit umzukrempeln und umzukehren und lassen wir uns dabei von der Einladung und Freude Gottes motivieren? Und sind wir in der Lage dabei nicht immer nur auf uns zu schauen, sondern uns auch einfach mit denen zu freuen, denen eine Umkehr gelungen ist? Können wir der unvermittelten Einladung Gottes zum Freudenfest ohne Wenn und Aber folgen?

Kunst etc.

Die vermutlich bekannteste Darstellung des Gleichnisses aus dem Lukasevangelium stammt von Rembrandt. Sein Bild zeigt die Situation der Rückkehr des jüngeren Sohnes jedoch in einer vom Evangelium abweichenden Weise. Bereits während der Vater den „verlorenen Sohn“ in seiner heruntergekommenen Kleidung milde umarmt, steht der ältere Sohn mit deutlicher Distanz und wie ein neutraler Betrachter dabei.

Rembrandt van Rijn, Die Rückkehr des verlorenen Sohnes (ca. 1668), gemeinfrei via wikicommons.
Rembrandt van Rijn, Die Rückkehr des verlorenen Sohnes (ca. 1668), gemeinfrei via wikicommons.