Lesejahr C: 2018/2019

2. Lesung (1 Thess 3,12-4,2)

12Euch aber lasse der Herr wachsen und reich werden in der Liebe zueinander und zu allen, wie auch wir euch lieben,

13damit eure Herzen gestärkt werden und ihr ohne Tadel seid, geheiligt vor Gott, unserem Vater, bei der Ankunft Jesu, unseres Herrn, mit allen seinen Heiligen. Amen.

41Im Übrigen, Brüder und Schwestern, bitten und ermahnen wir euch im Namen Jesu, des Herrn: Ihr habt von uns gelernt, wie ihr leben müsst, um Gott zu gefallen, und ihr lebt auch so; werdet darin noch vollkommener!

2Ihr wisst ja, welche Ermahnungen wir euch im Auftrag Jesu, des Herrn, gegeben haben.

Überblick

In Zeiten, in denen der Vorwurf des sexuellen und auch des geistlichen Missbrauchs schwer auf der Kirche lastet, rufen die Worte des Apostels in Erinnerung, was eigentlich gefordert ist: wirklich liebevoller Umgang – nicht nur mit den eigenen Gemeindemitgliedern; ein Verhalten, das keinen Grund zur Beschwerde liefert; ein Handeln, das Gott gefallen könnte. Und: in alledem immer besser werden.

 

1. Einordnung der Lesung in den Brief

Der erste Thessalonicherbrief gilt als erster Brief des Paulus. Er schreibt ihn vermutlich aus Korinth um das Jahr 50 nach Christus. Die Gemeinde hat er erst vor kurzem auf die ihm eigene Art gegründet. Genau diese Art, die auf Großspurigkeit, Ausnutzung oder Belehrung aus der Distanz verzichtet, ist für Paulus im wörtlichen Sinne „maßgeblich“. Positiv spricht er davon, dass er mit den Menschen nicht nur das Evangelium, sondern das Leben selbst geteilt habe; dass er wie sie für seinen Lebensunterhalt gearbeitet habe und dass sie ihm im Laufe der Zeit „lieb geworden“ seien (vgl. 1 Thessalonicher 2,1-12)..

Die Liebe, von der Paulus spricht, ist weder rührselig noch hat sie etwas mit Erotik zu tun, sondern sie ist eine respektvolle, prinzipiell wertschätzende Art der Zuwendung gegenüber jedermann, in der man nie übertreiben kann. Sie ist aber alles andere als selbstverständlich. Deshalb, und obwohl die Thessalonicher schon Einiges an Liebeswerken, an Hoffnung und Geduld aufweisen können (vgl. das 1. Kapitel des Briefes), legt Paulus bei Christus Fürbitte um weiteres Wachstum ein. Möge das vorbildliche Verhalten sich steigern bis zur Wiederkunft Jesu, die die Thessalonicher und wahrscheinlich auch Paulus noch in absehbarer Zeit erwarten. Solch intensives Bitten macht deutlich: Es besteht die Gefahr, dass es genau anders kommen könnte; dass nämlich die Gemeinde in ihrem Glaubens- und Liebeseifer nachlassen könnte. Dazu könnte der Druck führen, den die Gemeinde durch jüdische Gruppierungen erfahren, die in der römischen Provinz Achaia um ihre Existenzberechtigung kämpfen und in den zur Zeit von Rom  geduldeten Christen eine Gefahr sehen. Paulus ist so sehr um seine Gemeinde besorgt, dass er, weil er selbst nicht kommen konnte, schon einmal seinen Gefährten Timotheus vorgeschickt hatte. Dessen Auskünfte waren beruhigend. Und dennoch: Die Sorge bleibt.

 

2. Struktur des Textes

Die Fürbitte des Paulus schließt den ersten Briefteil ab, der stark im Gemeindelob ist und ansonsten schwerpunktmäßig  die bisherige Geschichte in Erinnerung ruft. Mit 1 Thess 4,1 beginnt der zweite Briefteil, in dem Paulus konkretes moralisches Verhalten einfordern und auf Fragen der Wiederkunft Christi antworten wird. Im langen Warten, das ja letztlich bs heute andauert und weiter währen wird, liegt ein weiterer Keim, dass der Eifer um ein vorbildliches Leben aus dem Geiste Jesu erkalten könnte. So wundert es nicht, dass die Eröffnungsverse dieses Briefteils im selben Ton einsetzen, wie der erste Teil endet. Nur liegt diesmal kein Gebet vor, sondern die ausdrückliche Bitte und Mahnung des Paulus. Der Hinweis auf das eigene Vorbild wird unterstrichen durch den Auftrag Jesu selbst,von dem Paulus zutiefst überzeugt ist.

Auslegung

"Wachsen und reich werden"

„Pleonasmus“ – so nennt man die Häufung von bedeutungsgleichen Ausdrücken (z. B. „pechrabenschwarz“) als Stilmittel der Verstärkung und Intensivierung. Das dahinter stehende griechische Wort „pleonázo“ „reichlich vorhanden sein“, „in Überfülle vorhanden sein“, „wachsen (lassen) bis zum Überfließen“ wird nun tatsächlich „zu allem Überfluss“ gleich im ersten Vers der Lesung gedoppelt. Denn auch hinter dem Wort „reich werden lassen“ steht im Griechischen eine  Vokabel („perisseúo“), die ebenfalls „Überfließen“ beinhaltet. Wenn aber im „Überschäumen und Überfließen“ gedoppelt wird, bekommt man vielleicht ein Gespür dafür, mit welcher Energie Paulus um Anstrengungen aus der Liebe heraus bittet und wirbt. Sie ist für ihn das Markenzeichen der Christen schlechthin, bei dem sie unschlagbar sein, besser: an dem sie prinzipiell erkennbar sein sollen. Jegliche Art von Übergriffigkeit, Geringachtung, Machtmissbrauch, Unanständigkeit, Schadenfreude, Freude an der Unwahrheit – um nur einige Beispiele zu nennen, die sich aus dem Ersten Thessalonicherbrief oder aus dem Hohenlied der Liebe in 1 Korinther 13 ergeben – unterwandern die Kraft des Zeugnisses für das Evangelium. Was Paulus mit klarem und eiferndem Verstand gesehen hat, hat nichts an Bedeutsamkeit und Richtigkeit verloren.

Kunst etc.

Dieses Bild zeigt etwas von der Güte und Liebe, von der Paulus selbst im Rahmen seiner Missionsarbeit erfüllt war und die er auch in der Gemeinde von Thesaloniki gelebt wissen wollte.

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