Lesejahr C: 2018/2019

1. Lesung (1 Sam 26,2.7-9.12-13.22-23)

261[Die Sifiter kamen zu Saul nach Gibea und sagten: David hält sich auf der Anhöhe von Hachila gegenüber von Jeschimon auf.] 2Saul machte sich mit dreitausend Mann, ausgesuchten Kriegern aus Israel, auf den Weg und zog in die Wüste von Sif hinab, um dort nach David zu suchen. 3[Er schlug sein Lager auf der Anhöhe von Hachila am Weg gegenüber von Jeschimon auf, David aber blieb in der Wüste. Als er sah, dass Saul ihm in die Wüste folgte,4schickte er Kundschafter aus und erfuhr, dass Saul mit Sicherheit am Kommen war.5Er brach auf und kam zu dem Ort, wo Saul sein Lager hatte. Und David konnte die Stelle sehen, wo Saul sich mit seinem Heerführer Abner, dem Sohn Ners, zur Ruhe hingelegt hatte: Saul schlief mitten im Lager, während seine Leute rings um ihn herum lagen.

6Da wandte sich David an den Hetiter Ahimelech und an Abischai, den Sohn der Zeruja, den Bruder Joabs, und sagte:

Wer geht mit mir zu Saul ins Lager hinab?

Abischai antwortete:

Ich gehe mit.]

7So kamen David und Abischai in der Nacht zu den Leuten und siehe, Saul lag mitten im Lager und schlief; sein Speer steckte neben seinem Kopf in der Erde und rings um ihn schliefen Abner und seine Leute.8Da sagte Abischai zu David:

Heute hat Gott deinen Feind in deine Hand ausgeliefert. Jetzt werde ich ihn mit einem einzigen Speerstoß auf den Boden spießen, einen zweiten brauche ich nicht dafür.

9David aber erwiderte Abischai:

Bring ihn nicht um! Denn wer hat je seine Hand gegen den Gesalbten des HERRN erhoben und ist ungestraft geblieben?

10[Und er fügte hinzu:

So wahr der HERR lebt: Der HERR möge ihn schlagen, ob nun der Tag kommt, an dem er sterben muss, oder ob er in den Krieg zieht und dort umkommt.11Mich aber bewahre der HERR davor, dass ich meine Hand gegen den Gesalbten des HERRN erhebe. Nimm jetzt den Speer neben seinem Kopf und den Wasserkrug und lass uns gehen!]

12David nahm den Speer und den Wasserkrug, die neben Sauls Kopf waren, und sie gingen weg. Niemand sah und niemand bemerkte etwas und keiner wachte auf; alle schliefen, denn der HERR hatte sie in einen tiefen Schlaf fallen lassen.13David ging auf die andere Seite hinüber und stellte sich in größerer Entfernung auf den Gipfel des Berges, sodass ein weiter Zwischenraum zwischen ihnen war.

14[Dann rief er dem Volk und Abner, dem Sohn Ners, zu:

Abner, willst du antworten?

Abner antwortete und sagte:

Wer bist du, um den König anzurufen?

15David antwortete Abner:

Bist du nicht ein Mann, dem keiner in Israel gleicht? Warum hast du deinen Herrn, den König, nicht bewacht? Es ist nämlich einer aus dem Volk gekommen, um den König, deinen Herrn, umzubringen. 16Das war nicht gut, was du da gemacht hast. So wahr der HERR lebt: Ihr habt den Tod verdient, weil ihr euren Herrn, den Gesalbten des HERRN, nicht bewacht habt. Sieh doch nach, wo der Speer des Königs und der Wasserkrug sind, die neben dem Kopf des Königs standen!

17Saul erkannte die Stimme Davids und sagte:

Ist das deine Stimme, mein Sohn David?

David antwortete:

Es ist meine Stimme, mein Herr und König.

18Dann fragte er:

Warum verfolgt eigentlich mein Herr seinen Knecht? Was habe ich denn getan? Welches Unrecht habe ich begangen?19Möge doch mein Herr, der König, jetzt auf die Worte seines Knechtes hören: Wenn der HERR dich gegen mich aufgereizt hat, möge er ein wohlriechendes Opfer erhalten. Wenn es aber Menschen waren, dann sollen sie verflucht sein vor dem HERRN; denn sie haben mich vertrieben, sodass ich jetzt nicht mehr am Erbbesitz des HERRN teilhaben kann. Sie sagen: Geh fort, diene anderen Göttern!20Doch mein Blut soll nicht fern vom HERRN zur Erde fließen. Der König von Israel ist ausgezogen, um einen einzigen Floh zu suchen, wie man in den Bergen ein Rebhuhn jagt.

21Darauf sagte Saul:

Ich habe gesündigt. Komm zurück, mein Sohn David! Ja, ich werde dir nichts zuleide tun, weil dir heute mein Leben so kostbar war. Ich sehe ein, ich habe töricht gehandelt und schwere Fehler gemacht.]

22David erwiderte:

Seht her, hier ist der Speer des Königs. Einer von den jungen Männern soll herüberkommen und ihn holen.23Der HERR wird jedem seine Gerechtigkeit und Treue vergelten. Obwohl dich der HERR heute in meine Hand gegeben hatte, wollte ich meine Hand nicht an den Gesalbten des HERRN legen.24[Doch denk daran: Wie dein Leben heute in meinen Augen wertvoll war, so wird auch mein Leben in den Augen des HERRN wertvoll sein; er wird mich aus aller Bedrängnis erretten.

25Saul sagte zu David:

Gesegnet seist du, mein Sohn David. Du wirst es sicher vollbringen, dir wird es auch bestimmt gelingen.

Und David zog weiter, Saul aber kehrte an seinen Ort zurück.]

Überblick

Wenn Gott Dir den Feind in Deine Hände auslieferst, ergreifst Du die Chance? Darf ein Verworfener, aber von Gott Gesalbter, umgebracht werden?

 

1. Verortung im Buch

Der erste König Israel, Saul, wird von Gott verworfen und David heimlich zum kommenden König gesalbt (1 Samuel 16,1-13). In der Folge diente er dem verworfenen König als erfolgreicher Krieger, doch die Missgunst und der Hass Sauls führte zum offenen Konflikt zwischen Beiden (1 Samuel 22,29-30). Obwohl Saul nach Davids Leben trachtet, töte ihn David nicht, als er die Möglichkeit dazu hat (2 Sam 24). Saul hatte ihm selbst das Königtum zugestanden: „Jetzt weiß ich, dass du König werden wirst und dass das Königtum in deiner Hand Bestand haben wird.“ (1 Samuel 24,21). Aber er verfolgte David weiterhin und trachtete ihm nach dem Leben.

 

2.Aufbau

Aus einer Erzählung (Verse 1-12) wird ein ausführlicher Dialog zwischen Saul und David (Verse 13-25) – das letzte Gespräch zwischen den beiden zum Königtum Gesalbten. Obwohl am Anfang der Geschichte die Initiative bei Saul liegt: Er verfolgt David. Wird bereits in Vers 3 deutlich, dass nun David den weiteren Verlauf bestimmen wird. David beobachtet ihn (Verse 3-5), er dringt in Sauls Lager ein (Verse 6-12) und stellt ihn aus sicherer Entfernung bloß (Verse 13-25), bevor sich ihre Wege für immer trennen.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 1-5: Wie schon zuvor, verraten die Sifiter Davids Versteck (2 Samuel 23,19). Wo die „Anhöhe von Hachila“ zu verorten ist, kann heute nicht mehr gesagt werden. Sicherlich spielt sich das Geschehen in der Nähe von Sif, südlich von Hebron. Saul jagt ihm mit 3000 Soldaten hinter her – David hatte um sich nur 600 Mann gescharrt (1 Samuel 25,13). Gut informiert, versteckte sich David jedoch vor ihm und spähte ihn aus. Bei ihm liegt die eigentliche Initiative: Vers 2 erzählt, dass Saul sich aufmachte, um David zu jagen – nun macht sich in Vers 5 David auf, um zu Saul zu gehen. In der Nacht lagerten die Soldaten in mehreren Ringen um Saul herum, um ihn zu schützen, wie das verwendete hebräische Wort (בַּמַּעְגָּ֔ל, gesprochen: ba-ma‘gal; wörtlich: „kreisförmig“). Bei ihm war Abner, sein Cousin und Truppenführer.

Verse 6: Allein ins Lager Sauls gehen zu wollen, klingt wie ein Selbstmordkommando. Der Hetiter Ahimelech, der vorher und nachher in den Erzählungen Davids keine Rolle mehr spielt, meldet sich daher nicht freiwillig. Der in den folgenden Erzählungen noch häufiger als wagemutiger Krieger dargestellte Abischai meldet sich freiwillig. Für alttestamentliche Erzählungen ungewöhnlich wird er nicht durch die Nennung seines Vaters, sondern seiner Mutter identifiziert. Zeruja war gemäß 1 Chr 2,16 eine Schwester Davids.

Verse 7-12: Der metallene Spieß ist das Herrschaftssymbol Sauls. Gestützt auf ihn hält er Hof (1 Samuel 22,6). Zugleich symbolisiert er Sauls Gefährlichkeit. Während die Feldflasche in der Wüste seine Bedürftigkeit – David nimmt Saul das für die Lebenserhaltung notwendige Wasser weg. Mitten im Lager diskutieren nun Abischai und David darüber, ob Saul umgebracht werden soll. David verbietet Abischai – wörtlich – Saul zu vernichten (אַל־תַּשְׁחִיתֵ֑הוּ, gesprochen: al-taschchitehu). Zwar hat es Gott ermöglicht, dass Sauls Leben in ihrer Hand liegt, aber David anerkennt, dass Saul trotz der Verwerfung weiterhin ein Gesalbter Gottes ist und Gott für seinen Tod sorgen wird (siehe Auslegung). Gott hatte das gesamte Lager in einen tiefen Schlaf fallen lassen, wie er ihn über den ersten Menschen kommen ließ, bevor er ihm die Rippe entnahm, um daraus die Frau zu erschaffen (Genesis 2,11).

Verse 13-25: David klagt nicht Saul an, sondern dessen Truppenführer. Er ist seiner Pflicht, den Gesalbten zu beschützen, nicht nachgekommen und Saul lebt nur aufgrund Davids Entscheidung. Er unterstellt sogar fremden Einfluss auf Saul, der ihn dazu geführt haben könnte, David nach dem Leben zu trachten. Am Ende erklingt jedoch ein direkter Vorwurf: „Der König von Israel ist ausgezogen, um einen einzigen Floh zu suchen, wie man in den Bergen ein Rebhuhn jagt.“ David bezeichnet sich selbst als Floh, um die Unverhältnismäßigkeit des Handelns Sauls zu benennen. Er jagt mit 3000 Soldaten einer Person nach, die nicht nach seinem Leben trachtet. Ein Rebhuhn jagt man, indem man es aufscheucht, sodass es vor Schreck nicht davonfliegt, sondern panisch auf dem Boden herumläuft, bis es erschöpft ist und einfach mit einem Stock erschlagen werden kann. Saul gesteht daraufhin seine Schuld ein, er habe „töricht gehandelt“ und sich „verfehlt“. Sein Schuldgeständnis gleicht der Beschuldigung Samuels, mit der er Saul die Königswürde entzogen hatte (1 Sam 13,13). Aber ist Sauls jetziges Angebot, Frieden mit David zu schließen ehrlich gemeint oder eine Hinterlist? Die Antwort überlässt der Text dem Leser. David geht nicht darauf ein. In seinen Worten zuvor, zeigt sich schon, dass David jede weitere Konfrontation aus dem Weg gehen wird, sondern zu den Philistern übertreten wird. Das letzte Wort gehört dann Saul, der wörtlich, sehr offen formuliert: „Du [, David,] wirst es bestimmt schaffen!“

Auslegung

Die Wortwahl zwischen David und Saul ist vielsagend: David redet von und mit Saul zutiefst respektvoll: Saul ist „JHWHs Gesalbter“, der „Herr König“, sein „Herr“, der „König Israels“ – aber obwohl Saul ihn dreifach als „mein Sohn“ anspricht, antwortet er nicht mit „mein Vater“. David redet ehrerbietend mit ihm, aber verneint die enge persönliche Beziehung. Die Beziehung liegt auch Davids Entscheidung zugrunde, Saul nicht aus Rache oder einfach aufgrund der gegebenen Möglichkeit zu töten. Zwar befindet sich David in einer gottgegebenen Situation, Gott legt Sauls Leben in David Hände. Aber die Tötung eines von Gott Gesalbten sieht er als ein Tabu, vor dem er auch Abischai beschützt: „Denn wer hat je seine Hand gegen den Gesalbten des HERRN erhoben und ist ungestraft geblieben?“ (Vers 9). Der wagemutige Held, der sich sozusagen in die Höhle des Löwen begibt, umgeben von 3000 feindlichen Soldaten, achtet das Leben seines Feindes. Zumindest in dieser Erzählung stellt er die Gewaltlosigkeit über die todbringende Gewalt.  

Kunst etc.

Das Verhalten Davids steht im deutlichen Kontrast zum aufbrausenden Temperament Sauls. Der Speer, den David nicht benutzt um den ihm nach dem Leben Trachtenden umzubringen, bedrohte zuvor sein eigenes Leben: „Der Krieg ging weiter und David zog wieder gegen die Philister in den Kampf. Er brachte ihnen eine schwere Niederlage bei und sie ergriffen die Flucht. Doch wieder kam vom HERRN ein böser Geist über Saul, während er in seinem Haus saß und den Speer in der Hand hielt. David schlug mit der Hand die Saiten. Da versuchte Saul, David mit dem Speer an die Wand zu spießen; aber er wich Saul aus, sodass der Speer in die Wand fuhr. David floh und brachte sich noch in derselben Nacht in Sicherheit.“ (1 Samuel 19,8-10). Bereits zuvor in 1 Samuel 18,10-11 hatte Saul versucht David mit dem Speer zu töten. Die Erzählung in 1 Samuel 26 steht dazu in deutlichem Kontrast. David erhebt den Speer nicht, wie es in der Darstellung dieser aus der Doré-Bibel von 1866 Saul tut:

“Saul Attempts to Kill David (1Sam. 18:6-14)“, Doré’s English Bible, 1866.
“Saul Attempts to Kill David (1Sam. 18:6-14)“, Doré’s English Bible, 1866.