Lesejahr C: 2018/2019

2. Lesung (Offb 21,1-5a)

211Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr.

2Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat.


3Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein.

4Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen.

5AEr, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu.

Überblick

"Neu" ist das Leitwort dieser Lesung. Dieses Wort meint das noch nicht Dagewesene, das für den Menschen nicht Machbare und doch so sehr Ersehnte: einen Zustand der unverstellten und unbedrohten, von jeder Angst, jedem Missverständnis und jeder Trauer befreiten Begegnung zwischen Gott und Mensch und auch der Menschen untereinander. 

 

Einordnung der Lesung in den größeren Zusammenhang

Mit dem Fünften Sonntag in der Osterzeit springt die Lesungsfolge aus der Offenbarung in den Schluss des Buches: das 21. und 22. Kapitel. Vorangegangen sind, beginnend mit Kapitel 8, die Öffnung des siebten Siegels, die wiederum zwei siebenteilige Zyklen von Unheilsvisionen hervorbrachte: sieben Posaunen (Offenbarung 8,2 - 11,19) und sieben Schalen (15,1 - 16,21). Das jeweils letzte Element, also die siebte Posaune und die siebte Schale, eröffnen jeweils eigene Endzeitpanoramen: den Kampf zwischen Weltmacht und Gottesvolk in Offenbarung 12,1 - 14,20, das Endgericht in Offenbarung 17,1 - 20,15.

Nachdem der Raum des Unheils und des Gerichts von Johannes so mehrfach und in sich steigernder Intensität durchschritten  wurde, geht ab Kapitel 21 "die Sonne auf": In reinstem Licht wird für den Seher die neue Welt Gottes sichtbar als Ziel aller Zeitläufte.

 

Aufbau der Lesung

Der Lesungsabschnitt umfasst drei Teile:

Verse 1-2 enthalten ene Doppelvision: Johannes sieht eine neue Schöpfung und ein himmlisches Jerusalem.

Verse 3-4 enthalten eine Audition (Hörvorgang): eine Stimme (ein Engel?)l deutet die Jerusalem-Vision. 

Vers 5a: Dies ist der erste Satz einer zweiten Audition. Diesmal spricht Gott selbst. Der ausgewählte Teilvers beschränkt sich auf eine göttliche Bestätigung der ersten Vision. Die ausgelassene Fortsetzung, die bis Vers 8 reicht, enthält eine weiterführende Deutung dieser Vision aus Gottes Mund.

 

Vers 1: Neue Schöpfung

Johannes, der apokalyptische Seher und Verfasser der Offenbarung, muss wahrnehmen: Das endgültige Heil ist ein völliger Neuanfang. Was er sieht, umschreibt er mit Worten, die er aus der Tradition kennt. So heißt es am Ende des Buches Jesaja:

"Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird" (Jes 65,17).

Durch diesen Bezugstext ist auch klar, woher die neue Schöpfung kommt: Ihr Ursprung ist Gott selbst. Jes 65,17 spricht ausdrücklich vom göttlichen "Ich". Johannes verschweigt durch seine "neutrale" Formulierung ("Ich sah") zunächst den Urheber. Aber das "nachgereichte" Gotteswort in Vers 5 bestätigt die Interpretation:, wenn "der auf dem Throne" (das ist Gott) in Ich-Rede sagt: "Siehe, ich mache alles neu."

"Himmel und Erde" stehen für die gesamte Schöpfung, d. h. für eine völlige Entgrenzung des Heils. "Heilung des Kosmos" - so könnte man das Geschaute umschreiben. Es wird absolut nichts mehr geben, was als Bedrohung erfahren wird. Deshalb wird auch das "Meer" genannt. Hier geht es weder um reale Meere noch um eine Welt, die ohne Wasser auskommt. Das "Meer" ist biblisch Symbol des bedrohlichen Chaos, das Leben verschlingt, aber nicht wirklich hervorbringt. Nicht zufällig wird es an anderer Stelle in der Offenbarung zum Rückzugsort der bedrohenden Mächte (vgl. Offenbarung 13,13).

 

Vers 2: Himmlisches Jerusalem

Die zweite Vision "beschreibt" das in der ersten Vision Geschaute mit einem neuen Bild. Diesmal ist der Anknüpfungspunkt die Stadt Jerusalem, der zentrale Ort des Judentums aber auch der Ausgangspunkt des Christentums. An die Stelle der also bekannten Stadt tritt - wie bei der Schöpfung - ein "neues" Jerusalem. Dass es vom Himmel kommt, lässt Gott als den eigentlichen "Baumeister" erkennen. Die Fortsetzung wird zeigen, dass es sich wieder um eine Chiffre und nicht um eine konkrete Stadt handelt, deren Koordinaten man angeben könnte. Die Verse Offenbarung 21,10-25 beschreiben nämlich dieses aus dem Himmel herabkommende Jerusalem eher als einen überdimensionalen Edelsteinwürfel, der nur Einlass kennt, aber keine Ausgrenzung und Verteidigung. Sie erübrigen sich, weil es keine Bedrohung gibt (s. o.) Das himmlische Jerusalem ist also ein weiteres Bild vollkommenen Heils.

 

Verse 3-4: Gott zeltet inmitten der Menschen

Eine Stimme vom Thron her spricht und nennt dabei Gott in der dritten Person. So kann die Stimme entweder nur einem der vier Wesen (Offenbarung 4,6) oder einem der unzähligen Engel gehören (Offenbarung 5,11). Wer auch immer spricht, er deutet Jerusalem als Ort der Gegenwart Gottes. Dabei fällt auf, dass der Begriff "Tempel" - der Ort der Gegenwart Gottes im Alten Testament, der seit 70 n. Chr.  allerdings durch die Römer zerstört ist - vermieden wird. Statt dessen wird das griechische Wort für "Zelt" (skènè; Einheitsübersetzung: "Wohnung") gebraucht. Und selbst das mit "wohnen" übersetzte Verb bedeutet wörtlich "zelten" (griechisch: skèno). Durch die deutenden Worte der himmlischen Stimme wird also bestätigt, dass es beim himmlischen Jerusalem nicht um Architektur geht. Das Zelt entlässt biblisch aus sich vor allem zwei Assoziationen: Beweglichkeit (im Gegensatz zum festen Bauwerk) und Begegnung. "Zelt der Begegnung" hieß nämlich das transportable Heiligtum während der Zeit der Wüstenwanderung Israels nach der Flucht aus Ägypten (leider übersetzt die Einheitsübersetzung mit "Offenbarungszelt", vgl.z. B. Exodus 31,7).

Wenn aber das Zeichen der Heilszeit ist, dass nicht mehr die Menschen ein Zelt für Gott bauen, sondern dass Gott sein Zelt unter den Menschen aufschlagt, so soll deutlich werden: Gott verheißt pure Begegnung.  

Das so entstehende Verhältnis zwischen Gott und Mensch wird in ein weiteres aus dem Alten Testament bekanntes Bild gefasst: das Bild des Bundes. Heißt es im Alten Testament immer wieder: "Ihr werdet mein Volk sein und ich werde euer Gott sein" oder ähnlich (Jeremia 30,22; vgl. Deuteronomium 29,11-12; Levitikus 26,12), so wird in der Offenbarung jede Engführung auf ein einzelnes Volk aufgehoben. Die sogenannte "Bundesformel" "Ihr werdet mein Volk sein ..." wird in Offenbarung 21 auf die Menschen insgesamt bezogen: "Sie" werden sein Volk sein. Allerdings nimmt Offenbarung trotz der großen Weite des Bildes den Gerichtsgedanken ernst: Es geht nicht einfach um alle Menschen, sondern um "Menschen ...  aus allen Stämmen und Sprachen, aus allen Nationen und Völkern" (Offenbarung 5,9). Wen aber Gott wirklich ausschließt, darüber hat der Mensch nicht zu befinden. Erst recht hat er das Gericht nicht vorab selbst in die Hand zu nehmen. Die Offenbarung lädt an keiner Stelle zur Gewalttätigkeit ein!

Der Vers 4 zitiert ein weiteres Mal das schon aus Offenbarung 7,17 bekannte Wort aus Jesaja 25,(6-)8: die Verheißung einer "Zeit", in der auch die allerschlimmste Bedrohung, der Tod, beseitigt sein wird (s. dazu die Auslegung zur Zweiten Lesung am Vierten Sonntag der Osterzeit, besonders auch die Rubrik "Kontext"). Dazu wird auf das Jesaja-Motiv des "Abwischens der Tränen" wörtlich zurückgegriffen, um es dann eigenständig zu verstärken.

 

Vers 5: Resümee

Vers 5 ist so etwas wie ein göttliches Resümee, das noch einmal das entscheidende Stichwort "neu" aufgreift. Für das erwartete Heil gibt es kein "altes" Vorbild. Es ist gegenüber allem, was wir kennen, neu und darin größer als alle menschlichen Sehnsüchte.

 

Auslegung

Warum gerade Jerusalem? - Das Bild der zweiten Vision (Vers 2)

Nach dem großartigen Bild einer neuen Schöpfung mag das "kleiner" wirkende Bild eines vom Himmel herabkommenden Jerusalem überraschen. Doch ist Jerusalem bereits im Alten Testament Zielort einer "am Ende der Tage" erwarteten Heilszeit: Dann werden die Völker zum Zion kommen, sich von Gott her sagen lassen, was Recht ist und auf dieser Grundlage alle Waffen zu Nutzwerkzeugen umschmieden - zugunsten eines allgemeinen Friedens (vgl. Jes 2,1-5). 

Darüber hinaus wird Jerusalem in der Bibel mit dem Paradies gleichgesetzt. Das sieht man daran, dass in der "Paradies-Geographie" Genesis 2,10-14 neben den großen Flüssen Euphrat, Tigris und Nil (Pischon ist das ägyptische Wort für Fluss, so dass der Nil gemeint ist) noch ein gewisser "Gihon" genannt wird. Diesen Namen trägt allein die "Wasserader" Jerusalems (vgl. 1 Könige 1,33.38.45; 2 Chronik 33,14). 

Diese zweifach besondere Stellung Jerusalems hängt natürlich damit zusammen, dass es die Hauptstadt Judas und damit das politische wie auch religiöse  Zentrum (Tempel) des Südreichs Juda war. Auch wenn ihm die Zerstörung durch die Babylonier nicht erspart blieb, bekam es den Ruf einer "heiligen Stadt" (Jes 48,2; 52,1; Daniel 9,24).

Alle diese positiven Füllungen sind mitzuhören, wenn Johannes das kommende Heil im Bild des vom Himmel herabkommenden Jerusalem sieht, mit dem Gott sein Zelt unter den Menschen aufschlägt. Diese Herabsenkung des Himmels auf die Erde hebt im Bild auf, was für die "alte" Erde und den "alten" Himmel gilt. Der Skeptiker und Weisheitslehrer Kohelet 5,1b bringt es auf den Punkt:

"Gott ist im Himmel, du bist auf der Erde, also mach wenig Worte!

Mit anderen Worten: Während für die irdische Zeit gilt, dass göttlicher und menschlicher Bereich im Grunde getrennte Wlten sind ("Gott sehen bedeutet sterben", vgl. Exodus 33,20), umschreibt die von Johannes in Aussicht gestellte Heilszeit die völlige Verschmelzung der Horizonte.

Diese Begegnung ist nur denkbar in den schönsten Gefilden. Dafür wird ein Bild gebraucht, das bis heute für Schönheit par excellence steht: die prachtvoll geschmückte Braut. Sie ist in der Offenbarung das absolute Gegenbild zur "Hure Babylon" (Offenbarung 14,8; 17,5) als Bild für das Unterdrückersystem Rom. Hier deutet alles statt auf Reinheit, Pracht und Schönheit nur auf Gemeinheit und Verfall hin. Hier wird deutlich, dass das himmlische Jerusalem auch ein Gegenbild, ja ein Gegenentwurf zum irdischen Rom darstellt. Hier wird die Offenbarung, die vielleicht in ihren Heilsbildern sehr fremd, mythisch und unrealistisch klingt, auf einmal hoch aktuell und politisch: Von Gott her wird eine klare Absage formuliert gegen die verheerende Mischung aus Dekadenz, Brutalität und Machtgier, für die das Rom zur Zeit des Johannes als Beispiel herhalten muss. Aber wie gewagt: Es ist nur ein Beispiel!

 

Kunst etc.

Friedrich Eduard Bilz, Das Volk im Zukunftsstaat (1904); gemeinfrei
Friedrich Eduard Bilz, Das Volk im Zukunftsstaat (1904); gemeinfrei

Das Bild von Eduard Bilz (1842 - 1922) zeigt eine "klassische", von Bilz' Naturheilkude beeinflusste Sozialutopie. Die bessere Welt ist nichts anderes als eine aus menschlichen Gegebenheiten hochgerechnete andere Welt, die aber im Letzten immer noch den sehr begrenzten irdischen Maßsstäben und Fantasien entspricht. Dahinter steht die Vorstellung einer "machbaren" Gegenwelt zu der unsrigen. 

Davon ist die Vision der johannes-Apokalypse weit entfernt. Hier wird Heil in einer Dimension gesehen, die sich jeder Machbarkeit entzieht. Der "Himmel" ist nicht kalkulierbar, erst recht ncht "entwerfbar", sondern er ist ein jede Sehnsucht übertreffendes Geschenk. Er ist reine Hoffnung, für die jedes Bild zu klein ist. Deshalb greifen die Visionen des Johannes im Grunde zu "Un-Bildern", zu Zusammenstellungen, die "maßlos" sind, weil Gott jedes Menschenmaß sprengt.