Lesejahr C: 2018/2019

2. Lesung (Offb 22,12-14.16-17.20)

12Siehe, ich komme bald und mit mir bringe ich den Lohn und ich werde jedem geben, was seinem Werk entspricht.

13Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende.

14Selig, die ihre Gewänder waschen: Sie haben Anteil am Baum des Lebens und sie werden durch die Tore in die Stadt eintreten können.


16Ich, Jesus, habe meinen Engel gesandt als Zeugen für das, was die Gemeinden betrifft. Ich bin die Wurzel und der Stamm Davids, der strahlende Morgenstern.

17Der Geist und die Braut aber sagen: Komm! Wer hört, der rufe: Komm! Wer durstig ist, der komme! Wer will, empfange unentgeltlich das Wasser des Lebens!


20Er, der dies bezeugt, spricht: Ja, ich komme bald. - Amen. Komm, Herr Jesus!

Überblick

Der siebte Sonntag in der Osterzeit schließt die Lesungsfolge aus dem Buch der Offenbarung ab. Dessen letzten Verse wenden sich ganz der Gestalt Jesu Christi als dem Weltenrichter zu, der vor allem als der Stiller allen Lebensdurstes vor Augen gestellt wird. Diesem Christus rufen Johannes und die ihm anvertrauten Gemeinden ein sehnsuchtsvolles "Komm, Herr Jesus!" zu. 

Einordnung in den Kontext

Die Lesung ordnet sich in den Schluss der Offenbarung (Offenbarung 22,6-21) ein. Nach der vorangehenden letzten großen Heilsvision vom himmlischen Jerusalem (Offenbarung 21,1 - 22,5)  hat das Schlusskapitel zum einen die Aufgabe, die Worte des Sehers Johannes, deren Ursprung im Letzten Gott selbst ist (vgl. Offenbarung 1,1), als wahr und zuverlässig zu erweisen (Verse 6-8). Als Bürge der Wahrheit spricht ein Engel Gottes.

Die Verse 10 und 11, die der Lesung unmittelbar vorangehen, greifen das Bild vom Buch mit den sieben Siegeln aus Kapitel 5 auf. Ging es dort um eine himmlische, verschlossene Buchrolle als Bild für den Heilsplan Gottes, die nach und nach geöffnet wurde, ist jetzt die Niederschrift all dessen gemeint, was Johannes in Visionen gesehen und gehört hat. Diese Botschaft soll nicht mehr versiegelt, d. h. geheim gehalten, sondern verbreitet werden. Was die Menschen daraus machen, so wird Johannes gesagt, ist dann ihre Sache. Allerdings werden sie sich für ihre Taten zu verantworten haben.

Genau an dieser Stelle setzt die Lesung ein, die vom "Augenblick" der Konfrontation mit der Verantwortung für das eigene Tun spricht. Umschrieben wird dieser "Augenblick" - letztlich versagen hier unsere an Raum und Zeit gebundenen Vorstellungen - mit der Wiederkunft Christi: Der Mensch begenet seinem Gott, der in Jesus Christus menschliche Gestalt gewonnen hat. Dieser Moment der Begegnung kennt nicht nur Freude, sondern auch Bewusstwerdung von Schuld (vgl. den ausgelassenen Vers 15). Im Blick auf die Gemeinde der Glaubenden aber liegt das Schwergewicht auf der Stillung des Lebensdurstes der Bedrängten und der Vollmacht dessen, der diesen Durst zu stillen vermag (vgl. besonders Vers 17). 

Die ausgelassenen Verse 18-19 sichern dern Wortlaut der Niederschrift gegen Verfälschung: Nichts darf hinzugefügt oder weggenommen werden. Damit ist die Offenbarung zu einem heiligen - "kanonischen" - Text erklärt.

Ebenfalls weggelassen ist der Schlussatz (Vers 21): eine Gnadenwunschformel, die in Entsprechung zu den Versen Offenbarung 1,4-6, die formal einer Brieferöffnung nachempfunden sind, am Ende eines Briefes der damaligen Zeit üblich ist. Durch diese Rahmung soll der Eindruck erweckt werden, dass das ganze Buch der Offenbarung ein Brief ist. Dadurch wird aus der Niederschrift von Visionen, die eigentlich dem Johannes gelten, ein gemeindebezogenes Schreiben, das zur Lesung im Gottesdienst gedacht ist.

 

Die unterschiedlichen Sprecher in der Lesung

Der Lesungsabschnitt ist nicht ganz einfach zu verfolgen, weil er mehrfach mit Sprecherwechseln arbeitet, ohne diese immer deutlich zu markieren.

Verse 12-16

Ohne dass der Text es am Anfang ausdrücklich sagt, kann hier eigentlich nur Christus selbst der Sprecher sein, allerdings mit Worten, die sonst Gott selbst in den Mund gelegt werden. Dies zeigt ein Vergleich mit Offenbarung 1,8: "Ich bin das Alpha und das Omega, spricht Gott, der Herr, der ist und der war und der kommt, der Herrscher über die ganze Schöpfung."  Jesaja 40,10 bringt zumindest das Bild vom Lohn mit Gott in Verbindung: "Siehe, Gott, der Herr, kommt ... Sein Lohn ist mit ihm." Dass dennoch Christus der Sprecher in Offenbarung 22,12-16 ist, zeigt spätestens Vers 16, der ausdrücklich festhält: "Ich, Jesus ...".

 

Vers 17

Die rätselhaft klingende Rede vom "Geist" und der "Braut" meint wohl einerseits Johannes selbst als vom Geist Gottes erfüllte Person (vgl. die liturgische Antwort im Gottesdienst: "Und mit deinem Geiste.") und andererseits die aus den Einzelgemeinden des Johannes sich zusammensetzende Gesamtgemeinde der Glaubenden, die sich bereit hält, ihren "Bräutigam", Christus, zu empfangen. Alle vereint stimmen in das "Komm, Herr Jesus!" ein. Der Chor der Rufenden vergrößert sich durch die, "hören" und sich anstecken lassen vom Ruf der Gemeinde.

Dieser Christus einladende Gebesruf wird von einer nicht präzise erkennbaren Stimme (Gott?, Jesus?, ein Engel?, Johannes im Auftrag Gottes?) mit Einladungen an alle  Durstigen und Wollenden kommentiert, ihrerseits dazuzukommen.

 

Vers 20

Hier sind die Dialogpartner eindeutiger: Jesus bestätigt seine baldige Wiederkunft. Die Gemeinde antwortet geschlossen mit der Wiederholung des einladenden Gebtsrufs aus Vers 17.

 

Ein kommentierender Durchgang durch den Lesungsabschnitt

Vers 12: Christus und der "Lohn"

Die Verbindung von Christus als Sprecher und göttlicher Redeweise (s. oben zu Verse 12-16) zeigt, wie sehr Vater und Sohn hier als Einheit verstanden werden. Sie sind eins in ihrer Göttlichkeit. Im Tätigwerden unterscheiden sie sich. Der sprechende Christus stellt sich hier als der endzeitliche Richter vor. Das Heilsbild aus Jesaja 40, wo Gott selbst als Hirte die babylonischen Gefangenen befreit und durch die Wüste nach Jerusalem zurückführt als "Lohn" für seine Mühe um seine Herde, nämlich sein eigenes Volk, wird in Offenbarung 22,12 zu einem Gerichtsbild umgedeutet: Gott bzw. Christus bringt nicht "seinen" Lohn mit, sondern den Lohn für die Menschen, d. h. die urteilende Antwort auf deren Tun. Der individuelle Entsprechungsgedanke (jede und jeder wird "belohnt" entsprechend seinem "Werk") ist grundgelegt im Buch Ezechiel: "Darum will ich euch richten, jeden nach seinem Weg, ihr vom Haus Israel - Spruch GOTTES, des Herrn (Ezechiel 18,30; zum größren Zusammenhang dieses Verses s. das Textbeispiel unter "Kontext" ).

 

Vers 13: Umfassender geht es nicht

In dreifacher Bildlichkeit wird die allumfassende Herrschaft Christi, die ihm seine Vollmacht wie Legitimation als endgültiger Richter verleiht, zum Ausdruck gebracht: "Alpha und Omega" sind der erste und letzte Buchstabe des griechischen Alphabets. Das Bild entspricht also der deutschen Redewendung: "von A bis Z". Während dieses erste Bild sich auf alles überhaupt mit Worten Benennbare bezieht, Materielles oder Gedankliches, umschreibt "Anfang und Ende" vor allem die zeitliche Dimension. Dabei stecken im griechischen Wort für "Ende" (télos) auch die Bedeutungen "Ziel" und "Vollendung".

Mit der letzten Bedeutung spielt besonders das Johannesevangelium, wenn es am Beginn der Passionserzählung festhält, dass Jesus die seinen bis "zum Ende"/zur "Vollendung" liebte (Johannes 13,1), und schließlich Jesus mit den Worten sterben lässt: "Es ist vollendet" (Johannes 19,30).  Zumeist wird hier übersetzt: "Es ist vollbracht"; im Griechischen steht hier ein von télos abgeleitetes Verb: tetélestai.

Die dazwischen stehende Redeweise "Erster und Letzter" erinnert an die Selbstvorstellung Gottes als dem Einen und Einzigen, die zweimal im Buch Jesaja begegnet: "Ich bin der Erste, ich bin der Letzte, außer mir gibt es keinen Gott"  Jesaja 44,6; vgl. 48,12). Damit ist diese Aussage im Sinne der Einzigkeit des Weltenrichters aufzulösen. Es gibt keinen anderen.

 

Vers 14: Die letzte Seligpreisung

Dieser Vers ist die letzte von insgesamt sieben Seligpreisungen, die sich über die ganze Offenbarungsschrift verteilen: Offenbarung 1,3; 14,13;; 16,15; 19,9; 20,6; 22,14. Auf sie soll ein Blick unter der Rubrik "Auslegung" geworfen werden. Für hier reicht es, zu verstehen, dass die Gewänder auf die sündenvergebende und in diesem Sinne "waschende"/reinigende Taufe anspielen. Wer dieses Gewand trägt und im Leben seiner Taufberufung treu geblieben ist, darf auf das ewige Leben hoffen, das hier mit dem paradiesischen Bild des "Baums des Lebens" und dem Eintritt in die himmlische Stadt Jerusalem (vgl. Offenbarung 21,1 - 22,5) ausgedrückt wird. Der ausgelassene Vers 15 verweist auf die reale Möglichkeit, diese Taufwürde zu verspielen, z. B. durch Verlogenheit.

 

Vers 16: Die Zuverlässigkeit der Botschaft

In diesem Vers geht es um den Wahrheitsgehalt der Botschaft des Johannes, die letztlich in Jesus selbst gründet.  Der "Engel", der in der gesamten Apokalyptik (s. dazu die Einleitung in die Offenbarung am Zweiten Sonntag der Osterzeit) immer wieder als deutende Gestalt und Gottesbote auftritt, ist kein "Verfälscher" der Ausgangsworte, sondern zuverlässiger "Zeuge". Christus selbst wählt in seiner Rede für sich Bilder des von Israel erwarteten Heilsbringers, des Messias. Dabei überrascht, dass er nicht nur auf den Spross aus der Wuzel Isai Bezug nimmt (der alttestamentliche Bezugstext ist Jesaja 1,11; vgl. dazu  das berühmte Weihnachtslied: "Es ist ein Ros' [gemeint ist ein Zweig/Reis/Spross] entsprungen, aus einer Wurzel zart ... von Jesse [das ist König Davids Vater Isai] kam die Art."). Im Text der Offenbarung ist Jeuss Wurzel und Spross in einem. Wiederum sollen wohl Gott Vater und Sohn ineins gedacht werden. Das Bild vom "Morgenstern" (das ist die Venus, die die Dunkelheit überwindet) spielt auf eine andere, messianisch verstandene Ankündigung aus dem Buch Numeri an. Dort sagt der Prophet Bileam voraus: "Ich sehe ihn, aber nicht jetzt, ich erblicke ihn, aber nicht in der Nähe: Ein Stern geht in Jakob auf, ein Zepter erhebt sich in Israel" (Num 24,17). Schon das Matthäusevangelium scheint dieses Wort auf Jesus zu beziehen, wenn die Weisen aus dem Osten den neugeborenen Jesus am "Stern" erkennen (vgl.Matthäus 2,1-12).

 

Vers 17: Der Durststiller

Zu diesem Vers findet sich die Auslegung bereits oben beim Blick auf die Verteilung der Sprecherrollen. Hinzuzufügen ist, dass das Heilsbild von der "unentgeltlichen" (wörtlich: "geschenkweisen")  Gabe des "Wassers des Lebens" zwei Bildwelten miteinander verbindet: Jes 55,1-3a (hier ist vom Wort Gottes als "ohne Geld zu kaufendem Wasser" die Rede) und das Johannesevangelium (Jesus bezeichnet sich als der, der "lebendiges Wasser" zu geben vermag: Johannes 4,10.11; 7,38). Beides gilt: Auf den durch Johannes von Patmos sprechenden Christus ist zu hören. Und er ist der, aus dem das ewige Leben quillt.

Hoffnungsvoll stimmt die große Weite der Einladung an alle Hörenden, Durstigen, ja an alle ernsthaft Wollenden, , also von Gott etwas Erwartenden, zur Familie Gottes hinzuzutreten.

 

Vers 20: Amen

Der Schluss Dialog bringt die göttliche Zusage und das positive "Wollen" der Gemeinde prägnant zum Ausdruck. Man hat den Eindruck, sie sei zum Gottesdienst versammelt, hört Gottes Wort und antwortet darauf. Dabei steht im Hintergrund des Wortes "Amen" ein hebräisches Wort, das Festigkeit und Gewissheit meint.

 

Auslegung

Vers 14 und die sieben Seligpreisungen der Offenbarung des Johannes

Insgesamt ist die Offenbarung von sieben Seligpreisungen durchzogen, die keine wirklich gliedernde Funktion haben. Aber sie bilden untereinander einen Gedankenzusammenhang. 

Dabei gilt generell: "Seligpreisung" ist biblisch eine Art Gratulaton an diejenigen, die von zwei möglichen Wegen den richtigen gewählt haben. Das Ziel der Gratulation ist das Werben für den richtigen Weg, also eine Empfehlung. So ist die "Gratulation" verbunden mit der Zusage eines wirklich heilvollen Ziels am Ende dieses Weges. Das lässt sich an der Seligpreisung, die Psalm 1 als ganzer darstellt, ebenso erkennen wie an den berühmten Seligpreisungen aus der Bergpredigt Jesu (Matthäus 5,3-12).

Das ist aber auch bereits an der ersten Seligpreisung in der Offenbarung ablesbar:

Offb 1,3Selig, wer die Worte der Prophetie vorliest, und jene, die sie hören und das halten, was in ihr geschrieben ist; denn die Zeit ist nahe.

Die richtige Entscheidung für Johannes lautet, dem Verkündigungsauftrag Folge zu leisten und nicht eifersüchtig ein geheimes Gotteswissen für sich zu behalten. Auf der Seite der Hörenden ist die richtige Entscheidung, nicht nur zu hören, sondern das Gehörte auch in die Tat umzusetzen. U. a. heißt das konkret: keine faulen Kompromisse mit dem römischen System, soweit es die Grundsätze des eigneen Glaubens untergräbt.

Sich also auch im Alltagsleben, und nicht etwa nur im Gottesdienst, am Wort Gottes zu orientieren ist auch genau das, was mit der letzten Seligpreisung (aus der heutigen Lesung) gemeint ist:

Offb 22,14Selig, die ihre Gewänder waschen: Sie haben Anteil am Baum des Lebens und sie werden durch die Tore in die Stadt eintreten können.

"Gewänder waschen" bedeutet: nicht nur in der Taufe ("Gewand" als Anspielung auf das wieße Taufkleid) Ja zu Christus sagen, sondern es im Leben "gewaschen", also rein zu halten und nicht die Flecken der faulen Kompromisse daran kommen zu lassen. Das "Taufkleid" als Bild für die Taufwürde ist kein Gewand für besondere Anlässe, sondern die Dauergewandung. Sie bleibt nicht durch "Weghängen" rein, sondern durch das entschieden gelebte Leben. Sie ist in jedem Augenblick vor Christus vorzeigbar. Hier decken sich die Verheißung des ewigen Lebens für die Gewandträger in Offenbarung 22,14 und die Absage an den Mann ohne richtiges Gewand in Jesu Gleichnis vom Hochzeitsmahl (Matthäus 22,1-14).

Die beiden Seligpreisungen zusammen genommen ergeben genau den oben beschriebenen Zusammenhang: Die Gratulation bzw. die Empfehlung zum Weg des Verkündens, Hörens und entsprechenden Handelns sowie der Eintritt in das himmlische Jerusalem als erwartbares Ziel am Ende dieses Weges.

Dieses Ziel wird zum Trost den bereits Verstorbenen, die so gelebt haben, mit Offenbarung 14,13 vor Augen gestellt:

"... Selig die Toten, die im Herrn sterben, von jetzt an; ja, spricht der Geist, sie sollen ausruhen von ihren Mühen; denn ihre Taten folgen ihnen nach."

Das Thema "Gewand" das ständig zu tragen und rein zu halten ist,  entfaltet mit anderen Worten die dritte Seligpreisung innerhalb des Buches:

Offenbarung 16,15: "Siehe, ich komme wie ein Dieb. Selig, wer wach bleibt und sein Gewand anbehält, damit er nicht nackt gehen muss und man seine Blöße nicht sieht!"

Angesichts des in Aussicht gestellten himmlischen Hochzeitsmahles, zu dem Christus selbst als das Lamm einlädt, gilt die Seligpreisung aus

Offenbarung 19,9: "Jemand sagte zu mir: Schreib auf: Selig, wer zum Hochzeitsmahl des Lammes eingeladen ist! Dann sagte er zu mir: Das sind zuverlässige Worte Gottes."

Da die Offenbarung des Johannes als Teil der Apokalyptik eine doppelte Auferstehung kennt, eine "vorläufige" während der tausendjährigen Herrschaft Satans, und eine endgültige ins ewige Leben, ist die erste Auferstehung natürlich Voraussetzung für die zweite. Daraus erklärt sich die eher schwierige Formulierung der fünften Seligpreisung im Buch der Offenbarung:

Offenbarung 20,6Selig und heilig, wer an der ersten Auferstehung teilhat! Über solche hat der zweite Tod keine Gewalt. Sie werden Priester Gottes und Christi sein und tausend Jahre mit ihm herrschen.

Das Schlusskapitel enthält sogar zwei Seligpreisungen: diejenige aus der heutigen Lesung (s. o. zu Offenbarung 22,14) und eine werbende Gratulation, den Worten des Sehers unbedingt Glauben zu schenken und sich danach in seiner Lebensgestaltung auszurichten. Dies ist vor allem eine Ermutigung gegen alle Irrwege, die nicht aus Vertrauen auf Gott, sondern aus tiefsitzender Angst vor wem auch immer gegangen werden.

Offenbarung 22,7:  "Siehe, ich komme bald. Selig, wer an den prophetischen Worten dieses Buches festhält!"

"Komm, Herr Jesus!"  (Vers 20)

Offensichtlich rechnet die Gemeinde des Johannes mit einer baldigen Wiederkunft Christi, die so nicht eingetreten ist. Diese sogenannte Naherwartung hat wahrscheinlich mehr mit der gefühlten Bedrängnis zu tun als mit einem wirklichen Wissen um einen Zeitpunkt. Übrigens rät bereits der Jesus des Matthäusevangeliums, der auch solche Naherwartung kennt, von jeder Berechnung ab, denn " ... jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater" (Mt 24,36). 

Hat sich damit die Bitte "Komm, Herr Jesu!" erübrigt? Wenn diese Lesung am Sonntag vor Pfingsten vorgetragen wird, darf die zugehörige Gebetsbitte "Komm, Heiliger Geist" als ein wichtiger Zwischenschritt verstanden werden, die ganz in der Spur des Schlusses der Offenbarung steht. Denn die Kirche bittet an Pfingsten  um denselben Geist, der bereits Jesus erfüllt hat. Sie bittet um den Beistand des Herrn, den die Menschen im Hier und Heute brauchen. Diese Bitte bleibt dringlich, bs Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ineins fallen und Gott selbst, der in Jesus sein menschliches Antlitz gezeigt hat, sich als "Anfang und Ende", genauer: als "Anfang und Ziel" erweist. "Komm, Heiliger Geist" ist eine Form der Bitte "Komm, Herr Jesus!"

Kunst etc.

Christus Pantokrator in der Apsis der Kathedrale von Cefalu auf SizilienCC BY-SA 3.0
Christus Pantokrator in der Apsis der Kathedrale von Cefalu auf SizilienCC BY-SA 3.0

Eine Darstellungsweise mit langer Tradition, den wiederkehrenden Christus ins Bild zu bringen, hat die byzantinische Kunst entwickelt. Es ist der Typos des Christus Pantokrator (Allherrscher). Er betont die Gottgleichheit Christi, seine Weltherrschaft, Segensmacht (Handgestus mit den gekreuzten Fingern, die drei übrigen Finger bilden das Zeichen der Redehoheit) und Lehrautorität (neben den drei Fingern das Evangeliar: Christus als das Wort Gottes).

Die konkrete Darstellung aus der Kathedrale von Cefalù auf Sizilien passt insofern besonders gut zum Lesungstext aus Offenbarung 22, weil sie noch zwei Texte einbaut, die zwar keine Zitate aus der Offenbarung sind, aber die beiden dortigen Themen "Orientierung am gehörten Wort" und "Gericht" ("Lohn") ansprechen:

Das aufgeschlagene Evangelienbuch zitiert Johannes 8,12: "Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben."

Um das Apsismosaik herum ist in sehr verdichteter Sprache (lateinisch) von der Menschheit und Göttlichkeit Jesu als Schöpfer und Erlöser sowie als (kommendem) Richter die Rede:

"Factus Homo Factor Hominis Factique Redemptor + Iudico Corporeus Corpora Corda Deus" 

"Mensch geworden, Schöpfer des Menschen und Erlöser des Erschaffenen + Als Leib Gewordener richte ich die Leiber, als Gott die Herzen."