Lesejahr C: 2018/2019

Evangelium (Lk 9,28b-36)

28Es geschah aber: Etwa acht Tage nach diesen Worten nahm Jesus Petrus, Johannes und Jakobus mit sich und stieg auf einen Berg, um zu beten.

29Und während er betete, veränderte sich das Aussehen seines Gesichtes und sein Gewand wurde leuchtend weiß.

30Und siehe, es redeten zwei Männer mit ihm. Es waren Mose und Elija;

31sie erschienen in Herrlichkeit und sprachen von seinem Ende, das er in Jerusalem erfüllen sollte.

32Petrus und seine Begleiter aber waren eingeschlafen, wurden jedoch wach und sahen Jesus in strahlendem Licht und die zwei Männer, die bei ihm standen.

33Und es geschah, als diese sich von ihm trennen wollten, sagte Petrus zu Jesus: Meister, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija. Er wusste aber nicht, was er sagte.

34Während er noch redete, kam eine Wolke und überschattete sie. Sie aber fürchteten sich, als sie in die Wolke hineingerieten.

35Da erscholl eine Stimme aus der Wolke: Dieser ist mein auserwählter Sohn, auf ihn sollt ihr hören.

36Während die Stimme erscholl, fanden sie Jesus allein. Und sie schwiegen und erzählten in jenen Tagen niemandem von dem, was sie gesehen hatten.

Überblick

Gehen oder bleiben? Oder: Wie kann man verstehen, was doch Geheimnis bleibt?

1. Verortung im Evangelium
Die Verklärung Jesu findet sich in einem spannenden Rahmen im Lukasevangelium, in dem es fast vollständig um die Jünger und ihr Verstehen geht. Zu Beginn von Kapitel 9 hatte Jesus seine 12 Jünger ausgesendet (Lukasevangelium (Lk) 9,1-6), die dann begeistert erzählen, was ihnen widerfahren und gelungen ist bei der Verkündigung der frohen Botschaft (Lk 9,10-17). Im Anschluss formuliert Petrus auf die Frage, wer Jesus sei, das Bekenntnis „Christus Gottes“ (Lk 9,18-22) und muss mit den anderen Jüngern direkt danach erfahren, dass Nachfolge nur mit dem Auf-sich-Nehmen des Kreuzes gelingen kann (Lk 9,23-27). Direkt danach kommt es zur Szene auf dem Berg (Lk 9,28-36), die wiederum gefolgt wird von einem Bericht über die Unfähigkeit der Jünger, einen Jungen zu heilen (Lk 9,37-43a). Abgerundet wird der Blick auf die Jünger durch die Ankündigung des Leidens Jesu (Lk 9,43b-45) und dem Streit der Jünger über die Rangfolge untereinander (Lk 9,46-48).

 

 

2. Aufbau
Die Verse 28 und 36b führen in die Szene ein und wieder aus ihr heraus. Der mittlere Teil konzentriert sich auf das eigentliche Geschehen der Verklärung (Verse 29-36a) und nimmt dabei zunächst das Geschehen an und um Jesus (Verse 29-31) und dann die begleitenden Jünger (Verse 32-36) in den Blick.

 

3. Erklärung einzelner Verse


Vers 28: Das zweite Mal nach Lk 6,12 steigt Jesus auf einen Berg, um zu beten. War er vor der Auswahl der 12 Apostel alleine, um mit dem Vater ins Gespräch zu kommen, nimmt er nun die „Erstberufenen“ mit: Petrus, Jakobus und Johannes. Auch bei der Heilung eines Kindes in Lk 8,51-55 hatte Jesus diese drei als Einzige mit in das Haus und damit zum Geschehen hinzugenommen.

 

Verse 29-31: Während des Gebets geschieht nun Außergewöhnliches: Das Aussehen des Gesichts und der Kleider Jesu verändert sich. Die weiße Farbe der Gewänder Jesu erinnert die kundigen jüdischen Ohren daran, dass weiß die Farbe Gottes ist. Doch auch für diejenigen, die diese Brücke nicht schlagen können, wird deutlich, dass weiß als Farbe des Reinen, des Heiligen nun eine besondere Bedeutung in der Erzählung einnimmt. Die Veränderung des Gesichts und die weiße Farbe des Gewandes sind zwei Anzeichen, dass hier das Himmlische, die Sphäre Gottes offenbar wird. Das dritte Zeichen dafür ist die Begegnung mit Elija und Mose. Die beiden großen Gestalten des Alten Testaments treten an keiner anderen Stelle gemeinsam auf. Sie stehen für das Gesetz (Mose) und die Propheten (Elija) und damit für die gesamte heilige Schrift des Alten Testaments. Sie kommen ganz eindeutig aus der himmlischen Welt und sind nun neben Jesus (und seinen Jüngern) gegenwärtig. Dass Jesus selbst auch zu dieser himmlischen Welt gehört wird bei Lukas sehr subtil verdeutlicht: Anders als sonst, wenn himmlische Gestalten irdische Menschen treffen (z.B. der Engel, der Maria besucht Lk 1,29), gibt es kein Erschrecken. Jesus fürchtet sich nicht vor Elija und Mose, den Repräsentanten der himmlischen Welt, weil er selbst aus ihr stammt.

Sehr kurz, aber deswegen nicht weniger brisant, wird der Inhalt des Gesprächs zwischen Elija, Mose und Jesus wiedergegeben: Es geht um das bevorstehende Ende Jesu in Jerusalem. Wenn Lukas formuliert „sprachen von seinem Ende, das er in Jerusalem erfüllen sollte“, dann will er damit deutlich machen, dass das Ende Jesu in Jerusalem, sein Leiden und seine Auferstehung in „Erfüllung“ gehen lässt, wovon die Schrift spricht. Das Schicksal Jesu ist durch Propheten und Verheißungen Gottes angekündigt, die Schriften helfen es zu verstehen. Genau in diesem Sinne werden auch die Emmausjünger in Lk 24,25-27 von Jesus über die Schriften und Propheten belehrt, damit sie verstehen, was mit ihm geschehen ist.

 

Vers 32: Der Blick wechselt hinüber zu den Jüngern und enthüllt dem Leser eine Überraschung: Die Jünger sind eingeschlafen (vgl. Getsemani) und haben von der Erscheinung der Männer und dem Gespräch nichts mitbekommen! Sie nehmen die Veränderung an Jesu äußerer Erscheinung war und die beiden himmlischen Männer, bleiben inhaltlich aber vollkommen ahnungslos.

 

Vers 33: Die Ahnungslosigkeit der Jünger wird besonders deutlich im Vorschlag des Petrus drei Hütten bauen zu wollen. Da der Vorschlag geäußert wird als die Situation sich aufzulösen scheint, geht es Petrus wohl vor allem darum den Moment der Begegnung zwischen Himmel und Erde festzuhalten. Das Äußere Jesu und die Anwesenheit von Mose und Elija sind an sich schon Anzeichen dieser außerordentlichen Begegnung mit dem Himmel, das versteht auch Petrus. Die ganze Tragweite des Geschehens bleibt ihm jedoch verborgen, dies macht der Kommentar am Ende des Verses deutlich, der aus der Perspektive eines Erzählers das Handeln des Petrus kommentiert.

 

Verse 34-35: Die Wolke ist ein Motiv der Gotteserscheinung, so z.B. immer wieder in der Zeit der Wüstenwanderung des Volkes Israel. Anders als Jesus zuvor erschrecken die Jünger vor dieser direkten Begegnung mit einem himmlischen Zeichen.

Die Begegnung mit dem Himmlischen ist jedoch nicht mit der Erscheinung der Wolke beendet. Vielmehr wird die Szene der Verklärung abgeschlossen durch eine direkte Gottesrede, die aus der Wolke heraus ertönt. Die Zusprache der Gottessohnschaft Jesu durch die himmlische Stimme erinnert an die Erzählung von der Taufe Jesu in Lk 3,21-22. Die drei Jünger erfahren hier auf dem Verklärungsberg nun das, was Jesus selbst am Jordan bereits über sich ausgesprochen gehört hat und was die Leser seitdem ebenfalls wissen: Jesus ist Gottes auserwählter Sohn. Dieser Offenbarung wird eine Aufforderung hinzugegeben: Die Jünger sollen auf den Gottessohn hören.

 

Vers 36: Die Offenbarungssituation ist beendet, Jesus bleibt allein zurück. Das Irdische hat ihn ganz wieder. Ebenso die Jünger, die „in jenen Tagen“ über das Geschehen kein Wort verlieren. Die zeitliche Eingrenzung „in jenen Tagen“ ist dem Blick des Evangelisten Lukas geschuldet, der im zweiten Teil seiner Jesusgeschichte, der Apostelgeschichte, deutlich macht, dass die Jünger sehr wohl irgendwann von den Ereignissen berichtet haben. „In jenen Tagen“ ist damit eine Zeitspanne, die bis in die Ostererfahrung und das entsprechende Verständnis der Jünger hineinführt. Erst dann sind sie in der Lage für das Geschehene Worte zu finden.

Auslegung

Wer hat sich angesichts der unverständig wirkenden Jünger, die etwas einfältig vorschlagen, Hütten zu bauen, nicht auch schon einmal verwundert die Augen gerieben? So viel Unverständnis, Pragmatismus zur falschen Zeit und mangelnde Sensibilität ausgerechnet bei Jesu engsten Freunden? Doch was sollten sie auch denken und wie sollten sie verstehen? Sie waren Zeugen eines Moments, in dem sich Himmel und Erde so nahe kamen, wie sie es noch nie erlebt hatten. Und gleichzeitig bleiben sie, weil ihnen der entscheidende Moment vorenthalten wird, auch Unwissende. Da der Evangelisten Lukas bemerkt, dass die Jünger einschlafen, gehen diese auch nach den Ereignissen auf dem Berg völlig ahnungslos die nächsten Schritte mit Jesus nach Jerusalem. Sie wissen nichts von dem, was Mose und Elija mit Jesus besprochen haben. Der Deutungshorizont des gesamten Ereignisses bleibt ihnen erst einmal verwehrt. Nicht ohne Grund muss ihnen nach der Auferstehung geholfen werden, damit sie den Bogen von der vorösterlichen Verkündigung Jesu und dem Zeugnis der Schrift hin zu der nachösterlichen Wirklichkeit spannen können.
Die Verklärung Jesu ist dabei durch einige Motive mit Passion und Ostererzählung verbunden: das Einschlafen der Jünger auf dem Berg und in Getsemani, das Ringen um das Verstehen der Situation mithilfe der Schrift (Mose und Elija als Repräsentanten der Schrift), die weißen/glänzenden Gewänder (Jesus und die Engel am Grab) als Hinweis auf das Himmlische.

 

Bedeutsam an der Begegnung auf dem Berg ist nicht nur das Einbrechen der himmlischen Welt in die irdische, sondern auch das, was auf diese Weise offenbar wird. Die Leser haben bereits durch die Ankündigung der Geburt an Maria Hinweise auf die Frage, wer Jesus ist. Er wird „Sohn des Höchsten“ (Lk 1,32) und „Sohn Gottes“ (Lk 1,35) genannt werden. In der Tauferzählung wird diese Identität Jesu durch die himmlische Stimme bestätigt: „Du bist mein geliebter Sohn“ – die Jünger waren jedoch bei keine dieser Szenen anwesend. Bislang haben sie „nur“ ihr eigenes Erleben der Taten und Worte Jesu, sie verstehen mal besser und mal schlechter wem sie folgen (Lk 9,18-22). Erstmalig auf dem Verklärungsberg sind sie Zeugen einer eindeutigen Bestätigung dessen, wer Jesus ist: „Dieser ist mein auserwählter Sohn, auf ihn sollt ihr hören.“
Die Tragweite dieser Offenbarung, die Konsequenz des Weges Jesu, der ihn nach Jerusalem und bis zu Kreuz führen wird, bleibt ihnen aber verborgen. Von alleine erklärt sich ihnen das Geschick Jesu nicht, dies wird u.a. wenige Episoden später sichtbar: Sie streiten um die richtige Rangfolge untereinander und verstehen nicht, was Jesus mit der Ankündigung seines Leidens sagen will (Lk 9,43b-48). Sie gehen ein wenig ahnungslos weiter mit nach Jerusalem. Sie erleben den Tod Jesu und begreifen erst nach der Auferstehung und deutenden Worten Jesu, wie die Geschehnisse zusammenhängen und in der Tiefe zu verstehen sind.

So sehr die Verklärung Jesu auf dem Berg in der Tiefe für die Jünger verborgen bleibt, so sehr wird ihnen aber eben auch etwas offenbart: Jesus ist der Sohn Gottes! Er ist Teil der himmlischen Welt, nach der sie sich selbst immer sehnen und sich austrecken, auf die sie hoffen und deren Existenz sie nur glauben, nicht beweisen können.
Genau in dieser Ambivalenz von Verstehen und Nicht-Verstehen sind die Worte des Petrus zu verstehen: „Meister, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen…“. Das Gefühl, dem Himmel so nahe zu sein, wie nie zuvor, weckt den Wunsch zu bleiben, den Moment festzuhalten und dort zu bleiben. Doch um endgültig in der himmlischen Wirklichkeit bleiben zu können, müssen sie, muss Jesus noch einen Weg gehen. Und dieser Weg führt über Leiden und Anfeindung hin zum Tod und dem Auferwecktwerden zu neuem Leben. Ohne den Weg nach Jerusalem ist der Weg Jesu nicht vollständig. Und ohne diesen Weg Jesu bleibt die himmlische Welt für die Jünger und für uns weiter ein Sehnsuchtsort. Das Weitergehen und bis zu Ende gehen des Weges ist notwendig, um am Ende dort bleiben zu können, wo Petrus jetzt schon Hütten bauen will. Es braucht das Leben in der irdischen Welt mit all seinen Herausforderungen, es braucht ein Leben im Glauben, das mitten in der Welt stattfindet, das werden auch die Jünger auf dem Weg nach Jerusalem weiter lernen.
Aber die Sehnsucht nach dem Himmlischen und der Ausblick auf die Realität einer anderen Wirklichkeit, sie kann dazu motivieren, den je eigenen Weg auf Erden zu suchen und vertrauensvoll zu gehen.

Kunst etc.

Alexander Andreyevich Ivanov [Public domain], via wikicommons
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