Lesejahr C: 2018/2019

Evangelium (Lk 6,17.20-26)

17Jesus stieg mit ihnen den Berg hinab. In der Ebene blieb er mit einer großen Schar seiner Jünger stehen und viele Menschen aus ganz Judäa und Jerusalem und dem Küstengebiet von Tyrus und Sidon

20Er richtete seine Augen auf seine Jünger und sagte:

Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes.

21Selig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet gesättigt werden. / Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen.

22Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und wenn sie euch ausstoßen und schmähen und euren Namen in Verruf bringen um des Menschensohnes willen.

23Freut euch und jauchzt an jenem Tag; denn siehe, euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn ebenso haben es ihre Väter mit den Propheten gemacht.

24Doch weh euch, ihr Reichen; denn ihr habt euren Trost schon empfangen.

25Weh euch, die ihr jetzt satt seid; denn ihr werdet hungern. Weh, die ihr jetzt lacht; denn ihr werdet klagen und weinen.

26Weh, wenn euch alle Menschen loben. Denn ebenso haben es ihre Väter mit den falschen Propheten gemacht.

Überblick

Auf der Suche nach dem Mittelpunkt des eigenen Lebens zwischen Seligpreisung und Weheruf.

1. Verortung im Evangelium

Der Abschnitt mit Seligpreisungen und Weherufen gehört zur sogenannten „Feldrede“ im Lukasevangelium (Lk). Zuvor hat Jesus die 12 Apostel aus der Schar der vielen Jünger, die mit ihm unterwegs sind, ausgewählt (Lk 6,12-16). Den Aposteln und Jüngern gelten auch die, folgenden Worte (Lk 6,17-26). Erst bei dem anschließenden Teil über die Feindesliebe wendet sich Jesus allen Menschen zu, die sich um ihn versammelt haben (ab Lk 6,27).

 

2. Aufbau

Vers 17 ist als Einleitungssatz zur gesamten Szene und Rede hinzugezogen worden. Die Verse 20-26 lassen sich in zwei Teile aufteilen. Die Verse 20-23 und die Verse 24-26 zeigen zwei inhaltliche Pole auf: Die Seligpreisungen und die Weherufe.

 

3. Erklärung einzelner Verse


Vers 17: Bei der Nennung der anwesenden Personen werden immer größer werdende Kreise um den einen Mittelpunkt Jesus Christus gezogen. Zugegen sind die zwölf Apostel, weitere Jünger und viele Menschen, die aus dem nahen und fernen Umland gekommen sind, um Jesus zu hören. Alle Gruppen lassen sich von Jesus ansprechen und begeistern: Die Apostel haben „alles hinter sich gelassen“ wie es in der Berufungsgeschichte in Lk 5,1-11 heißt, sie lassen sich ganz in den Dienst nehmen für die Botschaft vom Reich Gottes. Die Jünger, die Jesus folgen, manche für eine bestimmte Zeit, manche für immer, sie werden später auch ausgesendet (Lk 10,1-16). Und viele Menschen, die von fern und nah kommen, um denjenigen zu sehen, der so wortmächtig verkündet und Kranke heilt.

Vers 20: Adressaten der folgenden Worte ist nur ein kleiner Teil der Menschen, die i n Vers 17 erwähnt wurden. Den Jüngern gelten ganz konkret die Seligpreisungen und auch die Weherufe. Beide sind als Worte der Bestärkung und Bekräftigung ihrer Entscheidung an sie gerichtet.
Wenn die Jünger als Arme angesprochen werden, dann weil sie bei der Entscheidung Jesus nachzufolgen alles verlassen haben: ihre beruflichen Sicherheiten haben sie aufgegeben, ihre sozialen Zusammenhänge hinter sich gelassen (Lk 5,11). Doch ist „Armut“ hier nicht nur im real-materiellen Sinn zu verstehen. Armut ist auch ein Zeichen religiöser Entschiedenheit: Zum Ausdruck kommt das fromme Vertrauen, das Notwendige von Gott zu erhalten, sich ihm ganz anzuvertrauen. Dem entspricht die Zuwendung Gottes zu den Armen wie sie Jesus selbst in der Synagoge in Nazareth noch einmal bekräftigt hatte (Lk 4,18). So ist die Zusage des Reiches Gottes an die Armen die logische Konsequenz für diejenigen, die für das Reich Gottes alles verlassen, und auch für jene, die sich Gott ganz anvertrauen.

Vers 21: Die Hungernden und Weinenden, denen die zweite und dritte Seligpreisungen gelten, sind Beispiele für die Armen aus Vers 20, die fast so eine Art Überschrift oder Leitbegriff für die Formulierungen in Vers 21 bilden. Hunger und Trauer/Weinen ist das, was sich aus Situationen der Armut und Not ergibt. Diese Folgen – so die Verheißung – werden sich gewandelt. Sättigung und Lachen sind damit Zeichen des Reich Gottes.

Vers 22-23: Die letzte Seligpreisung ist stärker ausformuliert als die ersten und bringt einen größeren Ausblick auf das Kommende mit sich.
Die realen Erfahrungen von Ablehnung, sozialer Ausgrenzung, Verleumdung und Diskriminierung aufgrund des Bekenntnisses zu Christus stehen im Hintergrund dieser Seligpreisung. Die Beschreibungen sind zum einen konkret, zum anderen aber auch offen formuliert, damit sich auch die Leser des Lukasevangeliums mit ihren Alltagserfahrungen hier drin wiederfinden können.
Der zweite Teil dieser letzten Seligpreisung wagte einen Ausblick: Die Bedrängnisse werden in Freude gewandelt. Das „Jauchzen“ als Ausdruck der Freude ist im Lukasevangelium bereits verwendet worden. In Lk 1,41 und 44 bezeichnet es das „freudige Hüpfen“ Johannes‘ des Täufers im Mutterleib und nimmt damit Bezug auf das frohe Springen der Kälber, die auf die Weide kommen in Anschluss an Maleachi 3,20.

Der Verweis am Schluss auf das Schicksal der Propheten greift auf alttestamentliche Vorlagen zurück. Auf die Jüngern in ihrer Entscheidung, Jesus zu folgen, werden die Menschen um sie herum ähnlich reagieren, wie einst die Väter auf Propheten, die einen neuen Weg weisen oder beschreiten.

Vers 24: Die Reichen, die nun in den Fokus rücken, sind ein Gegenmodell zu den Jüngern. Sie sind eine Negativfolie zur Lebensweise und Entscheidung der Jünger. Der Evangelist schreibt hier nicht an konkrete „Reiche“ also wohlhabende Mitglieder aus der Gemeinde oder Leser des Evangeliums. Es geht um die Reichen als solche, die sich in ihrer Lebensausrichtung ganz auf das Hier und Jetzt ausrichten.
Anders als den Armen in Vers 20, denen eine Verheißung zugesprochen wird, erschöpft sich das Schicksal der Reichen in dem, was sie nun bereits erhalten. Ihre Sicherheiten, ihr Genuss, ihre Sattheit und ihr Lachen, sind ihr Lohn – mehr haben sie nicht zu erwarten.

Weherufe sind im Alten Testament bekannt aus der Tradition prophetischer Gerichtsankündigung, sie sind Warnrufe und Klage gegenüber konkreten Gruppen oder einem bestimmten Verhalten.

Vers 25: Die beiden Weherufe gegenüber den Satten und Lachenden entsprechen den Seligpreisungen in Vers 21.

Vers 26: Die unterschiedlichen Bedrängnisse aus Vers 22 werden nur mit einem Gegenbegriff kontrastiert. Das Lob der Menschen ist Zeichen für eine Prophetie, die den Menschen (vor allem den Reichen und Mächtigen) nach dem Mund redet, die nicht aufweckt, sondern bestätigt und damit eigentlich den Sinn des Prophetischen als Richtungsweisung umkehrt.

Auslegung

„Selig“ lässt sich auch mit „glücklich“ übersetzen – es wirkt dann weniger auf ein Später ausgerichtet und eröffnet die Möglichkeit auch in der gegenwärtigen Welt schon etwas vom Reich Gottes zu spüren. Gerade in diesem Evangeliumsabschnitt scheint diese Übersetzung gut zu passen. Denn Jesus spricht gezielt zu denen, die sich dazu entschieden haben, ihm nachzufolgen. Diese Jünger haben sich entschieden, auf viele Annehmlichkeiten und Selbstverständlichkeiten zu verzichten. Sie haben ihre Familien, ihre Berufe, ihren Status, ihre Habe zurückgelassen. Das, was für sie bisher den Mittelpunkt ihres Lebens ausmachte, haben sie zur Seite geschoben und sich und ihrem Leben einen neuen Mittelpunkt gegeben: Jesus Christus. Ihr Bekenntnis zu dem Sohn Gottes ist die Formulierung einer neuen Lebensausrichtung und eines damit verbundenen Grundvertrauens in Gott. Nachdem sie selbst nicht mehr alle Sorge auf Lebensunterhalt, Status und berufliches Fortkommen richten, sie sich selbst arm gemacht haben, können sie sich auf die Botschaft vom Reich Gottes hin fokussieren. Wenn sie sich wenig später von Jesus aussenden lassen (Lk 9,1-6 und 10,1-16) konkretisiert sich dieses neue Zentrum ihres Lebens. Sie streben nicht mehr nach ihrem eigenen Nutzen, sie wollen sich für andere in den Dienst nehmen lassen. Und sie vertrauen darauf, dass Gott sie in dieser neuen Lebensweise schützt und stützt. Sie die Jesus Christus und die Botschaft vom Reich Gottes zum Mittelpunkt ihres Lebens erleben reale Bedrängnis und Notlagen, aber sie werden auch im Hier und Jetzt erleben, wie Menschen umkehren, sich ebenfalls Gott zuwenden, wie Menschen geheilt werden. Damit ist die Frucht ihrer Armut, das Sichtbarwerden des Reich Gottes zum Teil auch schon gegenwärtig sichtbar, wenngleich die volle Erfüllung noch aussteht und Verheißung bleibt (Vers 20).

Die Reichen mit ihrer Sattheit und Freude sind ein Gegenmodell dazu: Sie sind diejenigen, denen die Jünger immer wieder begegnen werden: Menschen, die sich selbst genug sind, die auf sich und andere Menschen, aber weniger auf Gott vertrauen, die für sich Dinge sammeln, die in ihrem Leben festgefahren sind. Wenn Jesus sie mit Weherufen direkt anspricht, obwohl sie gar nicht zugegen sind und wohl auch nicht das Evangelium lesen werden, dann will er seinen Jüngern nur noch einmal vor Augen halten, dass sie die richtige Entscheidung getroffen haben: Sie sind mit ihm unterwegs und haben ihr Vertrauen ganz auf Gott gesetzt.

Kunst etc.

Auch wenn das Fresko von Fra Angelico aus dem Markuskloster in Florenz sich szenisch eher an dem Matthäusevangelium orientiert, weil Jesus und die Apostel auf einem Felsen sitzen, zeigt sich hier der kleine Adressatenkreis unseres Abschnitts.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Frescoangelico100216.jpg
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