Lesejahr C: 2018/2019

2. Lesung (Kol 1,15-20)

Christus, der Erstgeborene und Erlöser des Alls: 1,15–20

15Er ist Bild des unsichtbaren Gottes, / der Erstgeborene der ganzen Schöpfung.

16Denn in ihm wurde alles erschaffen / im Himmel und auf Erden, / das Sichtbare und das Unsichtbare, / Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten; / alles ist durch ihn und auf ihn hin erschaffen.

17Er ist vor aller Schöpfung / und in ihm hat alles Bestand.

18Er ist das Haupt, / der Leib aber ist die Kirche. / Er ist der Ursprung, / der Erstgeborene der Toten; / so hat er in allem den Vorrang.

19Denn Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen, /

20um durch ihn alles auf ihn hin zu versöhnen. / Alles im Himmel und auf Erden wollte er zu Christus führen, / der Frieden gestiftet hat am Kreuz durch sein Blut.

Überblick

Ab dem 17. Sonntag im Jahreskreis wird viermal als Zweite Lesung ein Absatz aus dem Kolosserbrief gelesen. Daher steht am Anfang wieder eine Einführung in das Schreiben. Wer direkt etwas zur Lesung erfahren will, scrollt einfach bis zur nächsten Überschrift weiter.

 

Kurze Einführung in den Kolosserbrief

Der Kolosserbrief operiert im Verborgenen. Hielt man ihn früher für einen späten  Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde von Kolossä, vermuten heute die meisten Fachleute: Trotz des anders klingenden Wortlauts in Kolosser 1,1  ist weder Paulus selbst der Absender noch Kolossä die tatsächliche Empfängergemeinde. Der Ort lag im Tal des Flusses Lykos (ein Nebenfluss des Mäanders), knapp 20 km südlich der größeren Städte Laodizea und Hierapolis. Ins große Ephesus waren es schon 180 km. Er scheint allerdings im Jahr 61 n. Chr. einem Erdbeben zum Opfer gefallen zu sein. Das wäre - so eine These - die Chance gewesen, ein ca. zwei Jarhzehnte später verfasstes Schreiben als einen wiedergefundenen Brief des Paulus an die Gemeinde von Kolossä ausgeben zu können, dessen eigentlichen Verfasser wir nicht kennen und dessen Empfängergemeinde möglicherweise Ephesus war. Was heute vielleicht als "Betrug" oder "Fälschung" angesehen würde, war damals eine durchaus gängige Praxis. Sie diente dazu, durchaus im Sinne des angegebenen Autors weiterführende Gedanken, die auf neue Fragen und Herausforderungen antworten sollten, zu legitimieren und mit Autorität zu versehen. Von daher sind solche Schreiben immer auch um Kontinuität bemüht. Über die "Heiligkeit" der Schrift entscheidet am Ende auch nicht die konkrete Verfasserschaft, sondern die Tatsache, in das Verzeichnis der Heiligen Schrift aufgenommen worden zu sein. Daran bestand aber in der Kirche nie ein Zweifel.

Das Bemühen um Kontinuität zu Paulus lässt sich auf der reinen Textebene beim Kolosserbrief auch tatächlich deutlich erkennen: Er bezieht sich zurück auf den sicher paulinischen Philemonbrief, dessen Empfänger in Kolossä verortet wird. Der dort genannte Epaphras begegnet auch hier. Auch der Kolosserbrief setzt beim Autor Gefangenschaft voraus. Und schließlich kann man sogar Formulierungen finden, die auf den Philemonbrief zurückzugehen scheinen.  

Neben diesen Rückbezügen ist ebenso unbestreitbar, dass der vermutlich ebenfalls nach-paulinische Epheserbrief sich seinerseits auf den Kolosserbrief zurückbezieht. Beide Briefe machen gegenüber Paulus das Thema "Kirche" stark. Während für Paulus unter diesem Begriff vor allem die Ortsgemeinde (z. B. von Korinth) verstanden wird, scheinen der Kolosser- und Epheserbrief bereits das größere, sich aus vielen Ortsgemeinden zusammensetzende Gesamtgebilde vor Augen zu haben, um dessen Einheit beide ringen.

Der "Punching Ball" des Kolosserbriefs ist dabei eine als "Philosophie" bezeichnete Lehre (vgl. dazu besonders das 2. Kapitel des Briefs). Inhaltlich geht es um die Bekämpfung einer Gruppe, die offensichtlich Kalenderfragen, Reinheits- und Askesegebote, Engelverehrung sowie eine Berücksichtigung der Elemente (Erde Wasser, Feuer, Luft) als wesentlichen Bestandteil des Glaubenslebens propagiert. Uneinigkeit herrscht unter den Fachleuten über die Träger dieser Lehre: Sind es eher heidnische Gegner oder,  mit etwas größerer Wahrscheinlichkeit, Menschen aus dem eigenen christlichen Umfeld, die sich eine sehr spezielle Form des Judenchristentums zurechtgelegt haben, indem sie jüdische Vorschriften, aber auch aus anderen Anschauungen herrührende Vorstellungen (Überbetonung der Engel, Askese, Elemente) vermischten?

Der Gefährdung des christlichen Glaubens, wie Paulus ihn verkündet hat, durch die Annahme zusätzlicher,  das Leben bestimmender, kosmischer Mächte führt zu einem allein Christus in die Mitte stellenden Bekenntnis. Hier ordnet sich genau die Lesung Kolosser 1,15-20 ein.

 

Überblick über den Lesungstext

Üblicherweise sprach man bei diesem Abschnitt aus dem Kolosserbreif von einem Christus-"Hymnus". Mittlerweile spricht man literarisch vorsichtiger von einem "Lehrgedicht", das erkennbar drei Strophen hat: Zwei Rahmenstrophen mit sehr ähnlichen Formulierungen sind durch eine Mittelstrophe getrennt bzw. verbunden. Die folgende Übersicht zeigt die Entsprechungen: 

Gunther Fleischer
Gunther Fleischer

Die Aussagen des "Lehrgedichts" lauten:

 

Vers 15: "Bild des unsichtbaren Gottes"

Christus war immer schon bei Gott, also nicht nur vor seiner irdischen Existenz, sondern vor aller Schöpfung. Gott kann ohne ihn nicht gedacht werden. Auf diesen "präexistenten" Christus (s. dazu unter der Rubrik "Auslegung") zielt der Begriff "Bild des unsichtbaren Gottes"

 

Vers 16: "in ihm wurde alles erschaffen"

Als solcher war er bei der Schöpfung dabei. Es gibt es nichts Geschaffenes, dessen Existenz ohne ihn zu denken ist. Das entscheidende Wort lautet daher "Alles". Denn dass genau will ja der Kolosserbrief zeigen: Es gibt keinerlei Grund, irgendeine andere Macht in Betracht zu ziehen (Gestirne, Elemente etc.) außer Jesus Christus.

 

Verse 18b-20a: "Erstgeborener der Toten"

Als "Erstgeborener aus den Toten" (so die wörtliche Übersetzung) ist Christus der, der eben als Erster von den Toten auferstanden ist, um zugleich allen anderen voranzugehen. Das Ziel ist die Aufhebung allen Getrenntseins von Gott (Versöhnung), zu der Gott selbst durch Christus führen will. Also auch zu dem, was als "ewige Leben" bezeichnet wird, bedarf es nicht der Berücksichtigung anderer Mächte oder asketischer Übungen. In Christus ist die Fülle des Lebens enthalten, an der letztlich alle auf Gott Vertrauenden Anteil haben sollen.

 

Verse 17-18a: "in ihm hat alles Bestand"

Die mittlere Strophe spricht von der "Teilstrecke" zwischen Schöpfung und Auferweckung: Es geht um den Zusammenhalt des kosmischen "Leibs", also der gesamten geschaffenen Welt. Auch dieser Zusammenhalt wird von Christus bewirkt, und nicht durch irgendwelche andere zu verehrenden Mächte.

Es spricht Einiges dafür, dass dieses Lehrgedicht den Christen, an die der Kolosserbrief geschrieben wurde, bereits bekannt war. Der Verfasser mahnt also zu einem eindeutigen Glauben durch Erinnerung an vertraute Sätze, die er allerdings um zwei eigene Aussagen ergänzt:

 

Vers 18a: "der Leib aber ist die Kirche" (1. Ergänzung)

Er betont Christus auch als den Herrn der Kirche.

 

Vers 20b: "der Frieden gestiftet hat am Kreuz durch sein Blut"

Und als Autor, der sich ganz in den Spuren des Apostels Paulus versteht, kann er das für diesen so zentrale Thema des Kreuzestodes Jesu, durch den die Versöhung im Letzten geschehen ist, nicht weglassen, auch wenn das Lehrgedicht ursprünglich davon nicht gesprochen haben mag sondern sich auf Schöpfungs und auferstehungsaussagen beschränkte.

 

Auslegung

"Er ist Bild des unsichtbaren Gottes" (Vers 15)

Wie schwierig die Formulierung vom "Bild (griechisch: eἴkōn - Bild/Ikone) des unsichtbaren Gottes" ist, zeigt sich, wenn man es wörtlich versteht. Dann wüsste man über Jesus Christus, wie Gott aussieht, wobei man in der Regel mit Christus den irdischen Jesus verbinden würde. Soll also gesagt werden: Gott sieht aus, wie der in Palästina lebende Jesus aussah? Kaum!

 

Im Sprachgebrauch des Kolosserbriefes vermischen sich verschiedene Vorstellungen. Die Rede vom "Bild" erinnert zum einen an die "Ebenbildlichkeit" des Menschen hinsichtlich seines Schöpfers (vgl. Genesis 1,21). Hier aber geht es nicht um "Abbildung", sondern eher um Stellvertretung und Vergegenwärtigung: In einem jeden Menschen scheint Gott selber auf. Auch der Anteil an der Wesensart Gottes, nämlich zwar nicht der Schöpfer zu sein, aber selbst kreativ  sein zu dürfen und Herrschaft ausüben zu können, hat etwas damit zu tun, dass der Mensch Ebenbild Gottes ist.

In Jesus leuchtet also Gott selber auf. Doch - wie schon im Überblick gesagt - der Kolosserbrief hat weniger den irdischen Jesus als den "himmlischen" Christus im Blick: den, der vor aller Schöpfung immer schon bei Gott war und mit seiner Auferweckung zu ihm zurückgekehrt ist. 

Besonders was den Schöpfungsgedanken betrifft, knüpft nun die Rede vom "präexistenten", aslo schon vor seiner leiblichen Existenz auf Erden existenten Christus, an das weisheitliche Denken des Alten Testaments an. Offensichtlich suchte man nach einer Antwort auf die Frage, wie der unsichtbare Gott und die sichtbare Wirklichkeit zusammen kommen können. Im Rahmen dieser Überlegungen wird die göttliche Weisheit, die man als Ordnungsprinzip in der Schöpfung erkannt hat, personifiziert. Sie wird wie eine aus Gott hervorgehende und doch fast selbstständig agierende Größe betrachtet, die bei der Schöpfung dabei war. Betrachtet Sprüche 8,22-35 (der Text findet sich unter "Kontext" wiedergegeben) sie ebenso als "spielendes Kind" Gottes bei der Schöpfung (Vers 30) wie als "Anfang seines Wegs" (Vers 22), so geht der bereits von griechischer Philosophie (Platonismus) beeinflusste Text Weisheit 7 ,21-30 (ebenfalls abgedruckt unter "Kontext") so weit, zu sagen, die Weisheit sei das "Bild seiner Güte". Damit ist der entscheidende Begriff "Bild" gefallen, der vor allem von dem zwischen Judentum und griechischer Philosophie vermittelnden Philo von Alexandrien aufgegriffen wird. Er setzt an die Stelle der "Weisheit" den platonischen "Logos", eine Art göttliche "Ur-Idee", die hinter allem steht. Dieser "Logos" wird bei Philo zum "Bild Gottes" - zum Vermittler zwischen Schöpfer und Geschöpf. 

Aus dieser Gedankenwelt entwickelt sich in großer Eigenständigkeit die Rede von Christus als "Bild des unsichtbaren Gottes", das im Kolosserbrief seinen frühesten Beleg hat und weitergeführt wird im Johannesevangelium, das denselben Gedanken über den Logos-Begriff formuliert:

"1 Im Anfang war das Wort (lógos),und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. 2 Dieses war im Anfang bei Gott. 3 Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist" (Johannes 1,1-3).

Christus ist der Vermittler zwischen dem unsichtbaren Gott und der sichtbaren Schöpfung, jedoch nicht im Sinne einer Idee. Vielmerh teilt sich Gott in ihm mit: als Schöpfer, Erhalter und Vollender.

 

"Erstgeborener" (Verse 15.18b)

Wenn in beiden Zusammenhängen vom "Erstgeborenen" gesprochen wird, so geht es nicht um eine reine numerische Aufzählung (Erster von vielen folgenden Gleichartigen), sondern um eine Vorrangstellung. Niemand kann von sich sagen, bei der Schöpfung mitgewrikt zu haben oder die Vollendung der Schöpfung zu bewirken, aber alle auf Gott Vertrauenden sind eben Teil dieser Schöpfung und dürfen auf die endgültige Gemeinschaft mit Christus hoffen.

Kunst etc.

Philo von Alexandrien (gest. nach 40n. Chr.): André Thevet (1502-1509): Les vrais pourtraits ...; gemeinfrei
Philo von Alexandrien (gest. nach 40n. Chr.): André Thevet (1502-1509): Les vrais pourtraits ...; gemeinfrei

Welt-Verbindung.

Dafür stehen sowohl der jüdische Philosoph Philo von Alexandrien als auch der Kolosserbrief. Die dahinter stehende Aufgabe hat sich bis heute nicht erledigt. Theologie - die verantwortete Rede von Gott - geschieht zwar durch die Zeiten hindurch, aber nie losgelöst von ihnen. Sonst wäre sie eine Rede über die Köpfe der Menschen hinweg.

Philo versuchte, griechische Philosophie und jüdische Glaubenstradition miteinander zu verbinden. Er geht dem Problem nach: Wie können die tradierten biblischen Aussagen mit den Mitteln des griechischen Denkens ausgedrückt werden?

Das Lehrgedicht des Kolosserbriefs versucht mit seiner Rede von Christus als "Bild des unsichtbaren Gottes" Ähnliches. Anders als bei Philo sind allerdings hier viel deutlicher auch die Abgrenzungen wahrzunehmen. Auch wenn Begriffe wie "Bild" und "Fülle" (griechisch plerōma) übernommen werden können, heißt das nicht, das man dahinter stehende Anschauungen mit übernimmt. Sie werden allein auf Christus bezogen und bekommen damit einen Deutungshorizont, der keine Vermischung im Sinne einer Esoterik zulässt. Das bedeutet: Der Kolosserbrief erlaubt es, mit anderen Sichtweisen seiner Zeit durchaus ins Gespräch zu kommen, aber auch benennen zu können, worin die Unterschiede bestehen.