Lesejahr C: 2018/2019

1. Lesung (Gen 18,20-32)

20 Der HERR sprach:

Das Klagegeschrei über Sodom und Gomorra, ja, das ist angeschwollen und ihre Sünde, ja, die ist schwer. 21 Ich will hinabsteigen und sehen, ob ihr verderbliches Tun wirklich dem Klagegeschrei entspricht, das zu mir gedrungen ist, oder nicht. Ich will es wissen.

22 Die Männer wandten sich ab von dort und gingen auf Sodom zu. Abraham aber stand noch immer vor dem HERRN. 23 Abraham trat näher und sagte:

Willst du auch den Gerechten mit den Ruchlosen wegraffen? 24 Vielleicht gibt es fünfzig Gerechte in der Stadt: Willst du auch sie wegraffen und nicht doch dem Ort vergeben wegen der fünfzig Gerechten in ihrer Mitte? 25 Fern sei es von dir, so etwas zu tun: den Gerechten zusammen mit dem Frevler töten. Dann ginge es ja dem Gerechten wie dem Frevler. Das sei fern von dir. Sollte der Richter der ganzen Erde nicht Recht üben?

26 Da sprach der HERR:

Wenn ich in Sodom fünfzig Gerechte in der Stadt finde, werde ich ihretwegen dem ganzen Ort vergeben.

27 Abraham antwortete und sprach:

Siehe, ich habe es unternommen, mit meinem Herrn zu reden, obwohl ich Staub und Asche bin. 28 Vielleicht fehlen an den fünfzig Gerechten fünf. Wirst du wegen der fünf die ganze Stadt vernichten?

Nein,

sagte er,

ich werde sie nicht vernichten, wenn ich dort fünfundvierzig finde.

29 Er fuhr fort, zu ihm zu reden:

Vielleicht finden sich dort nur vierzig.

Da sprach er:

Ich werde es der vierzig wegen nicht tun.

30 Da sagte er:

Mein Herr zürne nicht, wenn ich weiterrede. Vielleicht finden sich dort nur dreißig.

Er entgegnete:

Ich werde es nicht tun, wenn ich dort dreißig finde.

31 Darauf sagte er:

Siehe, ich habe es unternommen, mit meinem Herrn zu reden. Vielleicht finden sich dort nur zwanzig.

Er antwortete:

Ich werde sie nicht vernichten um der zwanzig willen.

32 Und nochmals sagte er:

Mein Herr zürne nicht, wenn ich nur noch einmal das Wort ergreife. Vielleicht finden sich dort nur zehn.

Er sprach:

Ich werde sie nicht vernichten um der zehn willen.

Überblick

Der, der gutes Tut, soll gutes erfahren. Und dem Bösen, soll sein Tun vergolten werden. Diese moralische Forderung wird von der Realität karikiert. Es gibt scheinbar keinen Unterschied zwischen dem Frommen und dem Frevler – aber, Gott, willst du wirklich den Gerechten mit dem Gottlosen hinraffen?

 

1. Verortung im Buch

Nachdem Gott bei dem gastfreundlichen Abraham eingekehrt war (Genesis 18,1-16 – siehe die Auslegung der Lesung vom 16. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C), gehen Abraham und Gott gemeinsam ein Stück des Weges nach Sodom. Gott hat entschieden, als Richter der Welt diese Stadt samt seiner Bevölkerung zu vernichte – denn wie der Leser und die Leserin schon vorher im Buch Genesis erfahren hat: „Die Männer von Sodom aber waren sehr böse und sündigten vor dem HERRN.“ (Genesis 13,13). Das Gespräch zwischen Abraham und Gott auf dem Weg verhindert nicht die im folgenden Kapitel erzählte Vernichtung der Stadt. Nur Lot, seine Frau und seine beiden Töchter werden aus der Stadt gerettet.

 

2. Aufbau

Zum Verständnis des Gesprächs zwischen Abraham und Gott ist der in den Versen 17-19 erzählte göttliche Gedankengang eine notwendige Voraussetzung. Der Ausgangspunkt ist ein in eine Frage gekleideter Entschluss: „Soll ich Abraham verheimlichen, was ich tun will?“ (Vers 17). Die Einsicht in Gottes Handeln wird doppelt begründet: (1.) Die zuvor bestärkten Verheißungen an Abraham setzen ihn aus der Sicht Gottes in eine besonders würdevolle Stellung. Gott plant seine Heilsgeschichte mit ihm und daher soll er Einblick in sein Handeln gewinnen dürfen. (2.) Abraham ist von Gott auserwählt Israel auf dem Weg der Wahrheit und Gerechtigkeit zu unterrichten. Er ist nicht nur der Vater des Glaubens, sondern auch des Handelns gemäß Recht und Gerechtigkeit. In dem folgenden Gespräch verdeutlicht sich, wie es um Gottes Gerechtigkeit steht. Daher müssen zum Verständnis des Lesungstextes die vorhergehenden Verse 17-19 vorausgesetzt werden. In ihnen gibt Gott dem Leser und der Leserin seine Absicht preis, Sodom vernichten zu wollen und in ihnen ist das Thema „Gott als Richter der Welt“ grundgelegt:

16 Die Männer erhoben sich von dort und schauten auf Sodom hinab. Abraham ging mit ihnen, um sie zu geleiten. 17 Da sagte der HERR: Soll ich Abraham verheimlichen, was ich tun will? 18 Abraham soll doch zu einem großen, mächtigen Volk werden, durch ihn sollen alle Völker der Erde Segen erlangen. 19 Denn ich habe ihn dazu ausersehen, dass er seinen Söhnen und seinem Haus nach ihm gebietet, den Weg des HERRN einzuhalten und Gerechtigkeit und Recht zu üben, damit der HERR seine Zusagen an Abraham erfüllen kann.

Daraufhin teilt Gott Abraham mit, dass er Sodom vernichten will, beziehungsweise deren Schuld überprüfen wird (Verse 20-21). Daraufhin sagt Gott Abraham zu, dass er unter bestimmten Bedingungen Sodom nicht vernichten wird (Verse 22-32). Auf die Fragen Abrahams ist die Antwort Gottes immer die gleiche.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 20-21: In den Worten Gottes erklingt noch kein Vernichtungsurteil gegen Sodom an, wie Gott es in seinen Gedanken in Vers 17 schon andeutet. Die Gesprächseröffnung stellt Gott als den Richter der Welt dar vor der Urteilsverkündung und Abraham tritt im Folgenden vor der Verfahrenseröffnung als Fürbitter auf – nicht um willen der Menschen in Sodom, sondern um willen der Gerechtigkeit Gottes (siehe Auslegung).

Verse 23-32: Der durch die Verheißung gewürdigte Abraham, erhebt hier den Einwand gegen den ihn in der Verheißung reich beschenkenden Gott. Dies verleiht der folgenden Frage nach der Gerechtigkeit Gottes ein besonderes Gewicht. Der Verlauf des Gesprächs lässt den Leser und die Leserin fragen: Wie weit lässt ich Gott runterverhandeln? Dieser Spannungsbogen ist jedoch nicht im Text angelegt. Die Nennung einer Zahl von Gerechten, die zur Verschonung der Stadt führen würde, geschieht durch Abraham. Und in seinen weiteren Fragen senkt Abraham diese Zahl immer weiter und bei jeder genannten Zahl stimmt Gott zu. Nicht Gottes Entscheidung ändert sich, sondern der Mut Abrahams. Die Aussage dabei ist nicht, dass die Gerechten in der Stadt eine sühnende Funktion für die Gemeinschaft haben, sondern dass um ihretwillen der Vernichtungsbeschluss gegen die Stadt aufgehoben wird. Merkwürdig scheint, dass Abraham mit der Zahl 10 sein Nachfragen beendet. Ist es gerecht wenn neun Gerechte mit einer sündigen Stadt zusammen dahingerafft werden? Die folgende Erzählung in Gen 19 verdeutlicht, dass, wenn nur wenige einzelne Gerechte in einer Stadt anwesend sind, die Stadt nicht verschont wird, sondern die Gerechten gerettet werden.

Vers 23: Das in diesem Vers verwendete Verb ספה (gesprochen: sapa) bedeutet „hinraffen“ und wird dann ebenso im folgenden Kapitel in den Versen 15: „Als die Morgenröte aufstieg, drängten die Engel Lot zur Eile und sagten: Auf, nimm deine Frau und deine beiden Töchter, die hier sind, damit du nicht wegen der Schuld der Stadt hinweggerafft wirst!“ (siehe auch Vers 17).

Auslegung

Die entscheidende Frage der Erzählung lautet: „Willst du auch den Gerechten mit den Ruchlosen wegraffen?“ (Vers 23) Diese Anfrage Abrahams an die Gerechtigkeit Gottes offenbart eine glaubenskritische Frage. Es ist für den Glauben grundlegend wichtig, dass die von Gott geforderte Gerechtigkeit im menschlichen Handeln (Vers 19), dem Handlungsprinzip Gottes entspricht. Der Zweifel an Gottes Gerechtigkeit kann den Glauben zerbrechen lassen. In Abraham Fragen spiegelt sich der Eifer um die Gerechtigkeit Gottes wider. Seine Fragen sind keine Fürbitten. Er bittet Gott nicht um eine „größere“ Gerechtigkeit; er fleht nicht um sein Erbarmen und er erhebt auch nicht seine Stimme für die Bewohner Sodoms. Es widerstrebt ihm, dass es dem Gerechten, wie dem Ruchlosen ergehen könnte. Ein solches Handeln würde sein Gottesbild auf den Kopf stellen: „Sollte der Richter der ganzen Erde nicht Recht üben?“ (Vers 25).

Es geht um die Frage, ob das Vernichtungsgericht ein gerechtes Gericht ist. Und die monotone Antwort Gottes verdeutlicht seine Gerechtigkeit. Gottes jeweilige Antwort ist kein dann im folgender revidierter Entschluss, sondern ein einfaches: „Auch dann nicht!“ Das Ende des Gesprächs mit der Frage nach zehn Gerechten, könnte nun für den Leser und die Leserin dann doch ein Beweis sein, dass Gott in diesem Falle ungerecht handeln könnte. Aber die erst im folgenden Kapitel gegeben Antwort ist eine andere: Wenn nur noch weniger Gerechte gefunden werde, dann wird die Stadt nicht verschont, aber die Gerechten werden trotzdem gerettet. Zumindest in dieser Erzählung ist somit Gottes Gerechtigkeit gewahrt.

Kunst etc.

In einem Bibelbuch für den Unterricht in US-amerikanischen Sonntagsschulen aus dem Jahr 1919 ist die hoch theologische und auch dramatische Szene sozusagen ganz in Kontrast idyllisch dargestellt. Gott zeigt nicht auf eine sündige Stadt, sondern eine schöne Landschaft. Und in der Dynamik zwischen Abraham und Gott spiegelt sich nicht von der Dramatik des besprochenen theologischen Problems wider.

Darstellung aus dem Buch „Bible primer, Old Testament, for use in the primary department of Sunday schools“ von Adolf Hult aus dem Jahr 1919 – Lizenz: gemeinfrei.
Darstellung aus dem Buch „Bible primer, Old Testament, for use in the primary department of Sunday schools“ von Adolf Hult aus dem Jahr 1919 – Lizenz: gemeinfrei.