Lesejahr C: 2018/2019

1. Lesung (Num 21,4-9)

4 Die Israeliten brachen vom Berg Hor auf und schlugen die Richtung zum Roten Meer ein, um Edom zu umgehen.

Das Volk aber verlor auf dem Weg die Geduld, 5 es lehnte sich gegen Gott und gegen Mose auf und sagte:

Warum habt ihr uns aus Ägypten heraufgeführt? Etwa damit wir in der Wüste sterben? Es gibt weder Brot noch Wasser und es ekelt uns vor dieser elenden Nahrung.

6 Da schickte der HERR Feuerschlangen unter das Volk. Sie bissen das Volk und viel Volk aus Israel starb.

7 Da kam das Volk zu Mose und sagte:

Wir haben gesündigt, denn wir haben uns gegen den HERRN und gegen dich aufgelehnt. Bete zum HERRN, dass er uns von den Schlangen befreit!

Da betete Mose für das Volk. 8 Der HERR sprach zu Mose:

Mach dir eine Feuerschlange und häng sie an einer Stange auf! Jeder, der gebissen wird, wird am Leben bleiben, wenn er sie ansieht.

9 Mose machte also eine Schlange aus Kupfer und hängte sie an einer Stange auf. Wenn nun jemand von einer Schlange gebissen wurde und zu der Kupferschlange aufblickte, blieb er am Leben.

Überblick

Der Blick auf die Schlange rettet – denn Gott hat giftige Schlangen auf sein Volk losgelassen. Das Murren Israels lässt die Grenzen Gottes Barmherzigkeit offenbar werden.

 

1. Verortung im Buch

Auf dem Weg vom Schilfmeer in das verheißene Land ist das Murren Israels ein ständiger Wegbegleiter. Die große Befreiungstat in Ägypten und die ständige Versorgung Israels durch Manna in der Wüste verhindern doch nicht, dass sich das Volk immer wieder von seinem Retter und Versorger abwendet. Im Buch Numeri wird schon vor Numeri 21,4-9 von einem Murren des Volkes und der darauffolgenden Strafe durch Gott berichtet:

1 Als das Volk die Ohren des HERRN mit Klagen über sein böses Los erfüllte, entbrannte sein Zorn; das Feuer des HERRN brach bei ihnen aus und griff am Rand des Lagers um sich. 2 Da schrie das Volk zu Mose und Mose legte Fürbitte beim HERRN für sie ein. Darauf ging das Feuer wieder aus. 3 Daher nannte man den Namen jenes Ortes Tabera, Brand, denn das Feuer des HERRN war gegen sie entbrannt.“ (Numeri 11,1-3)

Nun, in Numeri 21,4-9 ist der Grund für das Murren ein langer Umweg durch die Wüste, den Israel in Kauf nehmen muss. Dieser war bereits zuvor angekündigt gewesen:

Die Amalekiter und die Kanaaniter sitzen in der Ebene. Brecht also morgen auf und schlagt eine andere Richtung ein, in die Wüste, zum Roten Meer hin!“ (Numeri 14,25)

 

2. Aufbau

Der typische Aufbau der Erzählungen, die vom Murren Israels während der Wüstenwanderung erzählen, beinhaltet das Murren selbst (Verse 4-5), die Strafe Gottes (Vers 6), die Fürbitte durch Mose im Namen des Volkes (Vers 7) und das Ablassen Gottes von seinem Zorn (Vers 8-9).

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 4: Wie in Num 14,25 erzählt, muss Israel einen Umweg gehen, um nicht das bedrohliche Land Edom durchqueren zu müssen. In der Einheitsübersetzung wird die Richtungsangabe ‎דֶּרֶךְ יַם־סוּף (gesprochen: derech jam-suf) übersetzt mit „zum roten Meer“. Geographisch betrachtet ist eine solche Übersetzung sinnvoll. Im hebräischen Text steht jedoch „Richtung Schilfmeer“. Israel sollte also einen Teil seines bereits gegangenen Weges zurückgehen. Dieser Rückschritt ist der Anlass für das Murre. Wörtlich übersetzt: „Der Atem des Volkes wurde kurz“. Dies bedeutet: Sie wurden ungeduldig. Das Ende des Verses (‎בַּדָּֽרֶךְ, gesprochen: ba-derech) kann man nun auf zwei verschiedene Arten übersetzen: entweder „Das Volk wurde ungeduldig auf dem Weg“ oder „Das Volk wurde ungeduldig aufgrund des Weges“.

Vers 5: Während das Volk nach dem Wunder am Schilfmeer noch Gott und Mose vertrauten, ihnen glaubten (siehe Exodus 14,31), lehnen sie sich nun gegen sie auf. In ihrer Anklage entlarven sie sich selbst: Sie mahnen an, dass sie verhungern werden, aber lehnen zugleich die tägliche Versorgung durch Manna, die ihnen Gott gewährt, ab (siehe Exodus 15,22-16,36). Kurz nach dem Schilfmeerwunder hatte Israel bereits, wie auch hier, gemurrt: „Die Israeliten sagten zu ihnen [Mose und Aaron]: Wären wir doch im Land Ägypten durch die Hand des HERRN gestorben, als wir an den Fleischtöpfen saßen und Brot genug zu essen hatten. Ihr habt uns nur deshalb in diese Wüste geführt, um alle, die hier versammelt sind, an Hunger sterben zu lassen.“ (Exodus 16,3) Und daraufhin gab Gott ihnen während ihrer gesamten Wanderung bis ins verheißene Land ihr tägliches Brot: „Das Haus Israel nannte das Brot Manna. Es war weiß wie Koriandersamen und schmeckte wie Honigkuchen.“ (Exodus 16,31).

Vers 6: Der für die Schlangen verwendete Begriff ‎הַנְּחָשִׁים הַשְּׂרָפִים (gesprochen: ha-nechaschim ha-srafim) bezeichnet die Schlangen entweder als den Tod bringend giftig: Der Biss „brennt“. Oder so wird eine Schlangenart beschrieben aufgrund ihres Aussehens. Das verwendete Adjektiv leitet sich von demselben Wort ab, mit dem auf die Serafim im Tempel/Thronsaal Gottes benannt werden (siehe Jesaja 6,1-9).

Vers 7: Der Strafe folgt das Sündenbekenntnis Israels. Sie bitten Mose in seiner Funktion als Prophet Fürbitte bei Gott einzulegen.

Vers 8-9: Gott rettet nun nur einen Teil seines Volkes: diejenigen, die die kupferne Schlange in der Gewissheit der Heilung durch Gott anschauen. Es gibt keine bedingungslose Rettung. In 2 Könige 18,4 wird die Kupferschlange als Kultobjekt im Tempel erwähnt, dass vom König Hiskija zum Zweck der Tempelreinigung zerstört wurde. Dies hängt nicht mit der hier berichteten Herkunft dieses Symbols zusammen, sondern ihrer Umdeutung zu einem heidnischen Fruchtbarkeitssymbol, wie es in der Umwelt Israels anzutreffen ist. Im Hebräischen ist das mit „Kupferschlange“ übersetzt ein Wortspiel durch den Gleichklang der Wörter für „Kupfer“ und „Schlange“: ‎נְחַשׁ הַנְּחֹ֖שֶׁת (gesprochen: nechasch ha-nechoschet).

Auslegung

Die Kupferschlange ist kein magisches Symbol und es soll auch kein Kultobjekt sein. Sondern es ist die Erinnerung mitten im Geschehen, dass Gott straft, aber trotzdem die Umkehr ermöglicht und dann verzeihen kann. Die Schlangen beißen weiterhin. Es ist in der Sinai-Wüste auch nicht untypisch, dass Schlangen überall als Gefahr lauern. Gott beseitigt also die von ihm gesendete Strafmaßnahme nicht. Sondern er gibt ein sichtbares Zeichen, dass im wahrsten Sinne des Wortes Heilung ermöglicht. Der vertrauende Blick auf das von Gott gegebene Symbol, lässt den Schlangenbiss ungiftig werden. So zeigt sich auch, dass der Zorn Gottes nicht einfach so schnell wieder vergeht, wie er aufgekommen ist. Das einmalige Sündenbekenntnis reicht nicht aus, sondern der vertrauende, die eigene Schuld einsehende Blick wird zum Lebensretter.

Im Buch der Weisheit wird diese Erzählung folgendermaßen ausgelegt:

5 Auch damals, als die schreckliche Wut wilder Tiere über sie hereinbrach und sie durch die Bisse tückischer Schlangen umkamen, dauerte dein Zorn nicht bis ans Ende. 6 Zur Warnung wurden sie nur kurz in Schrecken versetzt und bekamen ein Rettungszeichen, damit sie sich an die Vorschrift deines Gesetzes erinnerten. 7 Wer sich dorthin wandte, wurde nicht durch das gerettet, was er anschaute, sondern durch dich, den Retter aller.“ (Weisheit 16,5-7)

Kunst etc.

Bei Ausgrabungen in Timna, das am Roten Meer gelegen ist, wurde eine 13cm lange aus Kupfer angefertigte Schlange gefunden. Sie stammt vermutlich aus der Zeit zwischen 1200 bis 900 v. Chr. und visualisiert vielleicht, was man sich unter der Kupferschlange aus Vers 9 verstellen muss. In Jordanien, an der Stelle, wo Moses an der Grenze zum Heiligen Land einen Blick auf den Ort werfen durfte, den er in seinem Leben nicht erreichen sollte (siehe Deuteronomium 34,1-8), steht eine Skulptur, die die Kupferschlange als Kreuz darstellt (siehe dazu den Abschnitt „Kontext“).

„Serpentine Cross“ auf dem Mount Nebo in Jordanien. Fotografiert von Dennis Jarvis. Lizenz: CC BY-SA 2.0.
„Serpentine Cross“ auf dem Mount Nebo in Jordanien. Fotografiert von Dennis Jarvis. Lizenz: CC BY-SA 2.0.