Lesejahr C: 2018/2019

2. Lesung (Röm 10,8-13)

8Sondern was sagt sie? Nahe ist dir das Wort in deinem Mund und in deinem Herzen. Das heißt: das Wort des Glaubens, das wir verkünden;

9denn wenn du mit deinem Mund bekennst: Herr ist Jesus - und in deinem Herzen glaubst: Gott hat ihn von den Toten auferweckt, so wirst du gerettet werden.

10Denn mit dem Herzen glaubt man und das führt zur Gerechtigkeit, mit dem Mund bekennt man und das führt zur Rettung.

11Denn die Schrift sagt: Jeder, der an ihn glaubt, wird nicht zugrunde gehen.

12Denn darin gibt es keinen Unterschied zwischen Juden und Griechen. Denn alle haben denselben Herrn; aus seinem Reichtum beschenkt er alle, die ihn anrufen.

13Denn jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden.

Überblick

Die Kapitel 9 - 11 des Römerbriefes, zu denen die Lesung gehört,  stellen eine Besonderheit dar. Paulus, der ja selber jüdischer Herkunft war und den Glauben an Christus in seinen bisherigen Glauben integriert hat, geht in diesen 3 Kapiteln der Frage nach, warum so viele seiner jüdischen Geschwister seinem Weg zum Glauben an Christus nicht gefolgt sind. Auf diese Frage sucht er eine Antwort, ohne das Judentum herabzuwürdigen oder ihm seine Erwählung durch Gott abzusprechen. Vielmehr geht er davon aus, dass Gott auch für die nicht an Christus Glaubenden des jüdischen Volkes einen Weg zur Rettung, d. h. der ewigen Lebensgemeinschaft mit sich über den Tod hinaus  finden wird.

Glaube wird hier nicht als Privilegsicherung, sondern als Hoffnung auch für andere verstanden!

 

Die Lesung in ihrem näheren Kontext

Der Lesungsabschnitt ist Teil eines größeren Zusammenhangs (Röm 10,1-13), in dem Paulus über die "Rettung" nachdenkt.

Leider ist die Gedankenfolge des Paulus aufgrund der Auslassung der vorangehenden Verse nicht wirklich erkennbar. Es beginnt mit der Gebetsbitte des Apostels, "dass sie [die Juden] gerettet werden" (Röm 10,1). Dem steht aus der Überzeugung des paulinischen Christusglaubens zunächst einmal entgegen, dass die Rettung durch Kreuz und Auferstehung Jesu kommen und nicht über den Weg der Gesetzeseinhaltung, so sehr Paulus die Bemühung um die jüdische Gesetzestreue auch anerkennt (Verse 1-4), Das Gesetz kann im Letzten keinen gerecht machen, also schuldlos vor Gott dastehen lassen, weil alle Menschen zu schwach sind, sündlos vor Gott zu leben. Der Glaube, dass Jesus ein für allemal schuldlos für alle Schuldigen gestorben ist und als solcher von Gott auferweckt wurde, besagt hingegen: Gott hat in Jesus dem Menschen abgenommen, was er selbst nicht zu leisten vermag.

Diesen Gedanken versucht Paulus ab Vers 5 mit Schriftzitaten zu untermauern. Dabei läuft die Argumentation auf eine Gegenüberstellung von einer Gererechtigkeit, die im Tun gründet, und einer Gerechtigkeit, die im Glauben gründet, hinaus. Für die nächste Gedankenbrücke ist noch wichtig zu wissen, dass in der jüdischen Tradition das Gesetz mit der Weisheit gleichgesetzt wurde. Von ihr heißt es einmal: "Wer stieg zum Himmel hinauf, holte die Weisheit und brachte sie aus den Wolken herab?" (Baruch 3,29). Diese Frage stellt sich im Blick auf Christus als die menschgewordene Weisheit Gottes (vgl. 1 Korinther 1,30) nicht. In ihm ist der himmlische Gott auf die Erde herabgekommen, und als der, der das Reich des Todes durchschritten und von den Toten erstanden ist, ist er seitdem im Wort der Verkündigung nahe. Dieses Wort hat Zugang zum Herzen und von dort zum Mund: Wovon das Herz voll ist, davon quillt der Mund über!

 

Die Nähe des Wortes (Verse 8-10)

An dieser Stelle setzt die Zweite Lesung zum Ersten Fastensonntag ein. Ausgangspunkt ist ein Zitat aus dem Fünften Buch Mose, Deuteronomium 30,14, in dem es um die Nähe des Wortes Gottes geht. Durch die Stichworte "Herz" und Mund" hat Paulus die entscheidenden Anknüpfungspunkte gefunden für eine seiner Kurzformeln des Glaubens: "... wenn du mit deinem Mund bekennst: Herr ist Jesus - und in deinem Herzen glaubst: Gott hat ihn von den Toten auferweckt, so wirst du gerettet werden". Mit dem Wort "retten" kommt Paulus wieder auf sein Eingangsgebet aus Vers 1 und sein Zentralthema zu sprechen. Das im Herzen verankerte und mit dem Mund ausgesprochene Bekenntnis zu Jesus und zu seiner Auferweckung von den Toten durch Gott genügt zur Rettung.

Damit hat Paulus einen Ausweg aus dem Dilemma gefunden, dass zunächst einmal für das jüdische Volk aufgrund ihrer Ablehnung des Christusglaubens, die in ihrer alleinigen Gesetzeshochachtung begründet liegt, keine Rettungsaussicht bestehen kann, sie aber doch Gottes erwähltes Volk sind.

 

Hoffnungsperspektive für Christen und Juden

Denn die beiden folgendenDie  Zitate aus Jesaja 28,16 (Vers 11 der Lesung) und Joel 3,5 (Vers 13 der Lesung) halten das "nicht zugrunde Gehen" und die "Rettung" als göttliche Heilsperspektive für Juden wie Christen gleichermaßen offen, was Vers 12 ausdrücklich festhält. Denn für beide gilt, dass sie "an ihn glauben" (Vers 11) und dass sie "den Namen des Herrn anrufen" (Vers13). Dabei arbeitet Paulus in Vers 13 mit der Doppeldeutigkeit des Wortes "Herr". Denn vom Alten Testament her ist damit der Gottesname gemeint, in paulinischer Redeweise aber ist "Herr" der Titel für "Jesus Christus".

Auslegung

Mut zur Knappheit

Wie schwer fällt es, den christlichen Glauben kurz und prägnant zusammenzufassen. Kardinal Gerhard Ludwig Müller hat dazu soeben ein Glaubensmanifest von 4 Seiten veröffentlicht (https://www.vaticannews.va/de/vatikan/news/2019-02/kardinal-mueller-glaubensmanifest-wortlaut.html). Wer den Katechismus für die Zusammenfassung hält, hat es mit deutlich mehr Seiten zu tun. Das Credo ist zwar erheblich kürzer, kommt aber immerhin auf zwölf verschiedene Sätze (sogenannte "Glaubensartikel") als Zusammenfassung des christlichen Bekenntisses. Demgegenüber fällt auf, wie kurz und prägnant Paulus den Glauben zusammenfasst, ohne zu vereinfachen und sich auf den Satz zu beschränken: "Gott hat euch alle lieb".

Er hält fest: "... wenn du mit deinem Mund bekenst: Herr ist Jesus Christus - und mit deinem Herzen glaubst: Gott hat ihn von den Toten auferweckt, so wirst du gerettet werden" (Röm 10,9). Das ist mutige und souveräne Mission. Das ist die Suche nach prägnanter, die noch junge christliche Tradition auf den Punkt bringender Sprache. Das ist das Bestreben, ins Zentrum zu zielen, und zugleich die Bereitschaft, vieles, was ganz sicher auch noch zu sagen wäre, für den Augenblick wegzulassen.

Dabei haben es die beiden Sätze wirklich in sich. Denn Christus zum "Herrn" zu haben, bedeutet bei Paulus Vieles: Tatsächlich denkt er in den Kategorien von "Herr" und "Knecht", und damit ist klar: Christus muss das Sagen haben. Er ist lebensbestimmend in seiner Grundhaltung, den anderen höher zu achten als sich selbst (vgl. Philipper 2,3.5-8). Der in ihm sich aussprechende Versöhnungswille Gottes muss auch den umtreiben, der Christus zum Herrn hat (vgl. die Auslegung zu 2 Korinther 5,20 - 6,2 am Aschermittwoch, Lesejahr C). Unermüdlicher und selbstloser Einsatz bestimmen das Leben des "Knechtes Jesu Christi", wie Paulus sich selbst, aber auch seine Mitarbeitenden bezeichnet (vgl. Römer 1,1 und 1 Kor 2,5; 4,1). Das Bekenntnis zu Christus als "Herrn" ist das Bekenntnis zur Taufe, die Paulus andernorts in das Bild "Christus [wie ein Gewand] anzuziehen"   bringen kann (Galater 3,27) bzw. im noch radikaleren Wort zusammenfasst: "Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir" (Galater 2,20).  Es ist die Absage an die vielen anderen denkbaren "Herren" wie Gier, Trieb, Macht, Gefallsucht usw. usw. Aus 1 Korinther 13,4-6, dem berühmten Hohenlied der Liebe, lässt sich leicht ein Katalog dessen ableiten, was alles nicht mit Christus als Herrn vereinbar ist.

Mit der Auferweckung Christi von den Toten nennt Paulus das Grundbekenntnis schlechthin, ohne das wahrscheinlich kein einziger Satz des Neuen Testaments entstanden wäre und das zugleich bis heute die größte Herausforderung schlechthin ist. Aber wie formuliert Paulus an anderer Stelle?: "Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer, leer auch euer Glaube" (1 Korinther 15,14).

 

Paulus ringt um seine jüdischen Geschwister

Auch das wirkliche Ringen des Paulus um seine jüdischen Glaubensgeschwister, die seine Christusnachfolge nicht mitvollziehen können, zeugt von der großen Souveränität seines Glaubens. Die eigene Überzeugung verführt ihn weder zum Hass der Anderen noch zur Vorwegnahme einer himmlischen Verurteilung. Paulus weiß von keiner Kündigung des Bundes Gottes mit seinem ersterwählten Volk. Und deshalb vermag er auch für diejenigen zu hoffen, die einen anderen Glaubensweg gehen als er selbst. "Rettung" ist für ihn kein zu sicherndes Privileg, sondern eine möglichst Viele erfassende Zukunft von Gott her.

Kunst etc.

Ecclesia and Synagoga of Notre-Dame de Paris, CC-BY-SA 2.5
Ecclesia and Synagoga of Notre-Dame de Paris, CC-BY-SA 2.5

Ecclesia (Kirche) und Synagoge - eine "klassische" Darstellung des Mittelalters, das die Überlegenheit des Christentums über das Judentum zum Ausdruck brachte. Die verschämt wegschauende, mit gebrochener Lanze machtlose und für Christus blinde Synagoge als Personifizierung des Judentums spricht eine deutliche Sprache. Mit der Sicht des Paulus, wie sie in Römer 9-11 und damit auch in der heutigen Lesung entwickelt wird und die in der Kirche erst im Zweiten Vatikanischen Konzil wiederentdeckt wurde, hat das wenig zu tun. Gott hat nach Paulus seine Gründe für den Weg des Judentums ohne Christusglauben; und vor allem ist Paulus geiwss, dass er auch dem gläubigen jüdischen Volk Rettung bereithält.

Ganz in der Spur dieser Theologie und damit in Absetzung von der bildgewordenen Abwertung des jüdischen glaubens steht die Fürbitte für die Juden  im jüdischen Karfreitagsgottesdienst:

Sie gilt seit dem ersten Fastensonntag 1976 in allen deutschsprachigen Diözesen:

„Lasst uns auch beten für die Juden, zu denen Gott, unser Herr, zuerst gesprochen hat: Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluss sie führen will.
[Beuget die Knie. – Stille – Erhebet Euch.]
Allmächtiger, ewiger Gott, du hast Abraham und seinen Kindern deine Verheißung gegeben. Erhöre das Gebet deiner Kirche für das Volk, das du als erstes zu deinem Eigentum erwählt hast: Gib, dass es zur Fülle der Erlösung gelangt. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen.“