Lesejahr C: 2018/2019

Evangelium (Lk 10,38-42)

38Als sie weiterzogen, kam er in ein Dorf. Eine Frau namens Marta nahm ihn gastlich auf.

39Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu.

40Marta aber war ganz davon in Anspruch genommen zu dienen. Sie kam zu ihm und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die Arbeit mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen!

41Der Herr antwortete: Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen.

42Aber nur eines ist notwendig. Maria hat den guten Teil gewählt, der wird ihr nicht genommen werden.

Überblick

Was würdest du tun? Im Evangelium stellt uns Jesus heute eine ganz besondere "Sonntagsfrage", die auch an allen anderen Tagen gilt.

1. Verortung im Evangelium
Nachdem die vorausgegangenen Episoden zwar formal „unterwegs nach Jerusalem“ spielen, eigentlich aber Situationen voraussetzen, die zumindest einen kurzen Aufenthalt voraussetzen, wird zu Beginn des Abschnitts Lukasevangelium (Lk) 10,38-42 festgestellt, dass Jesus und seine Jünger „weiterzogen“ (Vers 38). Damit wird die grundsätzliche Situation des Weges und der Begegnungen entlang des Weges im Rückgriff auf Lk 9,51 wiederaufgenommen. Zugleich entsteht durch die Ambivalenz in der Situationsbeschreibung (Weiterziehen und Aufgenommen werden) eine Spannung, die einen Bogen schlägt zu den unterschiedlichen Reaktionen der Schwestern Maria und Marta.
Die Aufnahme in ein konkretes Haus verweist zurück auf die verschiedenen Szenarien, die Jesus in der Aussendungsrede an die 72 Jünger in Lk 10,1-16 aufgezählt hat. Das Haus der Maria und Marta ist ein Ort, auf dem der Friede und ruht und dem der Friede zugesprochen wird (Lk 10,5-7).

 

 

2. Aufbau
Der erzählerische Schwerpunkt des Abschnitts liegt in der Verkündigung Jesu, die durch sie zum Ausdruck gebracht wird. Daher hat auch Jesus selbst das „letzte Wort“ und die Reaktion der beiden Frauen, vor allem die der Marta bleibt unerzählt.
Die Verse 38-39a bilden eine Einleitung in die Szene, die Verse 39b-40 entfalten die Szene, in dem sie das Handeln der einzelnen Personen darstellt. Den Höhepunkt bildet die Aussage Jesu in den Versen 41-42, auf den die übrigen Verse zulaufen.

 

 

3. Erklärung einzelner Verse
Verse 38-39a: Jesus ist weiterhin mit seinen Jüngern unterwegs Richtung Jerusalem. Nach der vorangegangenen Diskussion mit dem Gesetzeslehrer (Gleichnis vom barmherzigen Samariter) über das ewige Leben, steht nun das Schicksal der Verkünder des Reiches Gottes wieder im Vordergrund. Das Umherziehen und gastlich Aufgenommen werden durch Marta ist eine Beispielerzählung für das, was Jesus den 72 Jüngern mit auf den Weg gegeben hat (Lk 10,5-7). Für den Charakter einer Beispielerzählung spricht auch, dass das Dorf ohne Namen bleibt.
Auch das Johannesevangelium kennt die Schwestern Maria und Marta (und ihren Bruder Lazarus) und berichtet ausführlich über sie (Johannesevangelium 11,1-6.17-46 und 12,1-3). Auch wenn die Grundszenen in den beiden Evangelien sehr unterschiedlich sind, gibt es die Gemeinsamkeit, dass die Schwestern sich durch ihre Handlungen deutlich voneinander unterscheiden. Es handelt sich also um ein ungleiches Schwesternpaar aus dem Umfeld Jesu, über das man sich in der frühen Kirche berichtete. Auf diese Weise kamen sowohl das Lukas- wie das Johannesevangelium zu ganz unterschiedlichen Episoden, die aber auf einer gemeinsamen Tradition „Maria-Marta“ basiert.

Die Szene zwischen Jesus und Maria und Marta stellt die Personen als „dramatisches Dreieck“ gegenüber. Jesus als Hauptfigur begegnet zwei Personen, die sich in ihrem Handeln unterscheiden. Da Maria nur über ihre Schwester Marta eingeführt wird und auch selbst keine Redeanteile hat, ist sie eindeutig eine Nebenfigur der Erzählung – aber nicht bedeutungslos.

 

Verse 39b-40: Die Schwestern werden über ihre Handlungen ausführlicher dargestellt: Maria sitzt zu Füßen des Herrn und hört ihm zu. Marta dient ihm. Das Dienen der Marta ist jedoch nicht neutral vom Evangelisten Lukas beschrieben, sondern als etwas, was sie ganz in Beschlag nimmt („ganz in Anspruch genommen“). Dadurch ist das Dienen zur „Sorge um etwas“ geworden und wird als umfassendes und die Person vereinnahmendes Handeln gedeutet. Marta wird als Gastgeberin (sie nimmt ja Jesus in Vers 38 auf) beschrieben, die ganz in den notwendigen Hausarbeiten aufgeht.

Martas Frage, die sie mit deutlichem Vorwurf formuliert, zielt nicht darauf, das Zuhören ihrer Schwester grundsätzlich zu verurteilen. Angesichts ihrer eigenen „Arbeit“ empfindet sie das Hören der Maria jedoch als ein „Alleinlassen“. Marta geht es nicht um das Verhalten ihrer Schwester gegenüber Jesus, sondern gegenüber sich selbst. Entsprechend verlangt sie von Jesus auch nicht, er solle Maria das Zuhören verbieten, sondern sie auffordern Marta zu helfen. Der Evangelist Lukas macht diesen Fokus Martas durch die Wiederholung des Pronomens „mir“ deutlich: „Arbeit mit allein überlässt“ und „sie soll mir helfen“.

 

Verse 41-42: Jesus entspricht nicht der Aufforderung Martas, sondern spricht sie selbst an und lädt zum Perspektivwechsel ein. Er kritisiert jedoch nicht, dass sich Marta sorgt und müht, vielmehr geht es um den Umfang ihres Tuns. Das „viele“ Sorgen und Mühen steht dem „einen“, dem „guten Teil“ der Maria gegenüber und bildet die eigentliche Sinnspitze der Aussage Jesu. Seine Kritik bezieht sich auf das „Viele“, was vermeintlich dringlich ist, aber dem „Einen“, das notwendig ist, entgegensteht. Dem entspricht auch, dass das „Viele“ zu vergehen scheint, während das „Eine“ bleibt (nicht weggenommen wird). Der Evangelist Lukas lässt Jesus hier nach einer auch in philosophischen Kreisen seiner Zeit anerkannten Regel urteilen: Die Qualität hat einen höheren Wert als die Quantität. Dies wird auch durch das Wort „notwendig“ unterstrichen. Denn es geht in der Erzählung, um die Frage nach dem, was notwendig ist oder bedeutsam. Marias Verhalten wird gelobt, weil sie erkannt hat, dass das Bedeutsame dieser speziellen Situation das Zuhören ist und nicht die Geschäftigkeit.

Auslegung

Manche kennen womöglich die Situation: Es gibt ein großes Fest zu feiern, vielleicht in der Familie, Gäste reisen von weit her an, manche waren ewig nicht da… Im Vordergrund steht beim Fest dann aber nicht immer das Wiedersehen und die Zeit, wirklich miteinander zu sprechen und sich zuzuhören, sondern die Sorge, ob es allen gut geht, ob alles perfekt funktioniert, genug zu essen und zu trinken bereit steht etc.
Keine Sorge, die Erzählung aus dem Lukasevangelium und die Reaktion Jesu ist keine Einladung, ein schlechter Gastgeber oder eine schlechte Gastgeberin zu werden. Und auch nicht als Gast, die angebotenen Dinge nicht wertschätzen zu dürfen. Sowohl das Gastgeber sein als auch das Gast sein waren in der Aussendungsrede an die 72 Jünger ja sehr positiv dargestellt worden und dieser Linie bleibt Jesus auch hier treu.

Jesus spricht sich auch nicht grundsätzlich dagegen aus, Mühe und Sorgfalt auf Personen oder Situationen zu verwenden. Schließlich nimmt er die Gastfreundschaft der Marta durchaus im Wissen darüber in Anspruch, dass Marta sich sicher darum kümmern wird, dass es ihm gut geht. Was er jedoch kritisiert, ist die Tatsache, dass Marta nicht in richtiger Weise auf die Situation reagiert. Denn von den Situationen, in denen Marta zuvor schon Gastgeberin war, unterscheidet sich diese aktuelle grundlegend. Es ist Jesus, der Herr selbst, der hier zu Gast ist – damit ist die Situation alles andere als alltäglich im Leben der Marta. Marta aber ist in ihren bekannten Routinen und Sorgen gefangen, sie ist ganz in Anspruch genommen die Rolle der Gastgeberin (wie immer) auszufüllen. Wer ihr Gast ist und was er durch seine Gegenwart verändern kann, das entgeht ihr in ihrer Geschäftigkeit. Entsprechend spricht Jesus der Maria nicht den guten Teil zu, weil sie tatenlos rumsitzt und ihre Schwester machen lässt oder weil sie zuhört. Maria hat den guten Teil gewählt, weil sie angesichts der Gegenwart Jesu richtig reagiert. Sie erkennt das Gebot der Stunde: Die Anwesenheit Jesu zu nutzen und sich von seinem Wort beschenken zu lassen. Maria unterbricht ihren Alltag, ihr gewohntes Tun – denn sicher wird sie nicht alle Tage „nur rumsitzen“ – sie reagiert auf die Gegenwart Jesu.

Interessanter Weise geht es in der Erzählung nicht um das Handeln Jesu, obwohl er die Hauptperson ist. Wir wissen nicht, worüber er mit Maria (und Marta) spricht, wie lange er bleibt etc. Im Mittelpunkt der Erzählung stehen zwei Menschen und ihre Reaktionen auf die Gegenwart Jesu: Die eine bleibt in ihren Gewohnheiten, ist mit dem „Vielen“ beschäftigt, was sie für wichtig erachtet. Die andere unterbricht ihr Tun und lässt sich von dem Geschenk der Gegenwart Gottes herausreißen aus dem Alltag. Sie bemerkt, was angesichts dieser besonderen Situation notwendig ist.

Mit diesem Blick für das Gebot der Stunde schließt sich die Erzählung von Marta und Maria trotz der ganz anderen Ausgangssituation bemerkenswert gut an das Gleichnis vom barmherzigen Samariter an. Denn auch dort galt es zu erkennen, was die Situation von einem fordert. Gerade in der Zusammenschau der beiden Erzählungen wird dann deutlich, dass es in der Erzählung von Maria und Marta nicht darum geht, das Hören über das Handeln zu stellen, das Fromme über den tatkräftigen Dienst. Beides ist wichtig und gehört zum Leben des Menschen dazu. Jesus lädt uns in seinen Worten an Marta aber dazu ein, genau hinzuschauen, wann das Tun und wann das Hören richtig ist. Er ruft dazu auf, das Notwendige der Situation zu erkennen und darauf zu reagieren und nicht einfach mit dem Weiterzumachen, was einen sonst beschäftigt und gefangen hält. Ganz konkret stellt Jesus damit auch uns die Frage, ob wir in der Lage sind, seine Gegenwart in vermeintlich alltäglichen Situationen unseres Lebens zu erkennen. Und er ruft uns auf, nachzudenken, wie wir denn dann reagieren. Eine gute Sonntagsfrage!

Kunst etc.

Auf der Darstellung des Besuchs Jesu bei Maria und Marta von Johannes Vermeer (1632-1675) sind vor allem die Blicke bemerkenswert. Denn in ihnen spiegelt sich die Handlung der Geschichte wieder: Maria schaut auf zu Jesus, Jesus schaut zu Marta – Marta aber schaut auf das, was sie tut, womöglich hat sie auch die Augen geschlossen und schaut damit auf sich selbst.

Johannes Vermeer, Christus im Haus bei Maria und Marta (1654-1656) [Public domain] via wikicommons
Johannes Vermeer, Christus im Haus bei Maria und Marta (1654-1656) [Public domain] via wikicommons