Lesejahr C: 2018/2019

2. Lesung (Phil 1,4-6.8-11)

4immer, wenn ich für euch alle bete, tue ich es mit Freude

5und danke Gott dafür, dass ihr euch gemeinsam für das Evangelium eingesetzt habt vom ersten Tag an bis jetzt.

6Ich vertraue darauf, dass er, der bei euch das gute Werk begonnen hat, es auch vollenden wird bis zum Tag Christi Jesu.

8Gott ist mein Zeuge, wie ich mich nach euch allen sehne mit der herzlichen Liebe, die Christus Jesus zu euch hat.

9Und ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher an Einsicht und Verständnis wird,

10damit ihr beurteilen könnt, worauf es ankommt. Dann werdet ihr rein und ohne Tadel sein für den Tag Christi,

11reich an der Frucht der Gerechtigkeit, die Jesus Christus gibt, zur Ehre und zum Lob Gottes.

Überblick

Wie sehr die Verbundenheit im Glauben auch über momentan schmerzhafte Situationen hinweghelfen kann und wie hilfreich das Wissen um Menschen ist, die sich auf den gleichen Glaubens- und Lebensweg eingelassen haben, davon lesen wir im Text aus dem Philipperbrief.

1. Verortung im Brief
Der Abschnitt findet sich direkt nach den klassischen Grußworten und stammt aus der "Vorrede" zum Hauptteil des Briefes. Im klassischen Brief der Antike, an dessen Aufbau sich Paulus orientiert, dient dieser Teil der Beziehungspflege zwischen Absender und Empfänger. Es geht darum, eine gemeinsame Ebene zu finden, auf der im weiteren Verlauf des Briefes inhaltliche Argumente vorgetragen und Diskussionen geführt werden können.

 

2. Aufbau
Die Verse 4-6 bringen den Dank des Paulus gegenüber der Gemeinde zum Ausdruck. Die gemeinsamen Bemühungen um das Evangelium stehen dabei im Vordergrund. In den Versen 8-11 formuliert Paulus darauf aufbauend Bitten für die Gemeinde.

 

3. Erklärung einzelner Verse
Vers 4: Der Vers und damit auch unser Textabschnitt beginnt etwas unvermittelt. Grund dafür ist das Fehlen des vorangegangenen Verses, der einen Dank beinhaltet. Paulus dankt Gott für alle Situationen, in denen er sich an die Gemeinde in Philippi erinnert. Warum der Gedanke an diese Gemeinde Paulus so bewegt, erfahren wir erst in den folgenden Versen.

Verse 5-6: Wenn Paulus von der erfahrenen Gemeinschaft im Evangelium spricht, nimmt er zum einen ganz pragmatisch Bezug auf die finanzielle Unterstützung, die ihm die Gemeinde zuteilwerden lässt. Nur für die Mitchristen in Philippi lässt Paulus ein solches Handeln zu! Im Verhältnis zu anderen Gemeinden betont er stets seine finanzielle Unabhängigkeit. Paulus will keinen Falls den Eindruck erwecken, dass die Verkündigung des Evangeliums und damit der rettenden Botschaft Gottes gegen Bezahlung erfolgt. Im Hinblick auf die Gemeinde in Philippi, vertraut er jedoch darauf, dass dieses Missverständnis nicht entsteht. Paulus begreift zum anderen aber auch das fürbittende Gebet als Teil des gemeinsamen Dienstes. Darüber hinaus ist er dankbar dafür, dass die Gemeinde am verkündigten Glauben festgehalten hat, auch in der Abwesenheit des Paulus und dass sie ihrerseits das Evangelium weiterverbreitet hat. Dies ermutigt Paulus, der den Brief wohl aus dem Gefängnis in Ephesus herausschreibt. Angesichts der trostlosen Situation mit ungewissem Ausgang, in der er selbst sich befindet, spendet das Gedenken oder das Wissen um eine Gemeinde wie Philippi dem Apostel Trost und sicher auch Halt. Er vertraut darauf, dass die gute Entwicklung der Gemeinde sich fortsetzen wird - nicht nur wegen des Eifers der Gemeinde selbst, sondern, weil Gott als treuer Begleiter die Gemeinde in ihrem Wirken unterstützt.

Vers 8: Paulus spricht hier sehr emotional. Er bringt seine Sehnsucht zum Ausdruck, die Gemeinde möglichst bald leibhaftig wieder zu sehen. Dieser Wunsch nach Gemeinschaft mit der Gemeinde gründet nicht nur in persönlicher Verbundenheit, sondern viel stärker in der Gemeinschaft mit Christus, die Apostel und Gemeinde auch über die aktuelle Distanz verbindend.

Verse 9-11: Zum Abschluss äußert Paulus den Wunsch, die Liebe der Gemeinde möge stetig weiter zunehmen. Mit dieser Fürbitte bringt er seine Unterstützung für die Mitchristen zum Ausdruck. Die wichtigste Kraft, die Paulus ihnen zuteilwerden lassen kann, ist das Gebet. In ihm bittet er für die Gemeinde um Einsicht in das Geheimnis des Glaubens und um das richtige Urteilsvermögen, sich so zu verhalten, dass die Gemeinde am Ende der Zeit, wenn Christus wiederkommt, bereit ist für die ewige Gemeinschaft mit ihm. Das Erfülltsein mit der Frucht der Gerechtigkeit, die sich aus dem eigenen Glauben und handeln ergibt, dient jedoch nicht dem eigenen Ruhm, sondern stets der Ehre und dem Lob Gottes.

Auslegung

Die Struktur des Abschnitts mit dem Dank zu Beginn und der abschließenden Bitte folgt dem klassischen Aufbau eines antiken Briefeingangs. Vielleicht wirkt dies angesichts der persönlichen Worte des Apostels für unsere Ohren formalistisch oder sehr durchgestylt. Für Paulus sind die Spielregeln eines klassischen Briefes jedoch ganz einfach der Rahmen, den er mit seinen eigenen inhaltlichen Bausteinen füllt und dabei auch persönliche Akzente setzt. Am Beginn des Philipperbriefes ist es ihm wichtig, die innige Beziehung zwischen ihm und den Christen in Philippi besonders zum Ausdruck zu bringen. Im Gefängnis sitzend ist für ihn die Gewissheit, mit der Gemeinde im Gebet verbunden zu sein, eine große Stütze. So dankt er für das erfahrene Gebet der Gemeinde und versichert dieser zugleich sein beständiges Gebet. Im Gebet "fiebert" er mit dem weiteren Schicksal der Menschen mit und ist bestärkt, weil er um den treuen Glauben in Philippi weiß. Doch nicht nur das Gebet verbindet Apostel und Gemeinde, auch die Liebe ist ein Band, das der Apostel zu Beginn des Briefes als Thema einführt und an zentraler Stelle fortführen wird. Die Liebe zueinander, die Liebe, die die Gemeinschaft der Christen auch über Trennungen und Situationen der Bedrängnis hinweg vereint, sie ist nicht einfach eine Freundschaftsbekundung, die mehr oder weniger stabil ist. Die Liebe von der Paulus hier spricht, ist ein Band, das durch die Liebe Christi zu allen Menschen auch die Gemeinde, den Apostel und alle, die sich auf sie einlassen, verbindet. In dieser Verbindung weiß sich Paulus aufgehoben und kann auch die Gemeinde immer wieder an sie erinnern.

Kunst etc.

Die Illustration aus einer Handschrift der Paulusbriefe aus dem 9. Jahrhundert gilt als eine der ältesten Darstellungen des Apostels in der europäischen Kunst. Sie stammt vermutlich aus dem Schreibzimmer der Bibliothek in St. Gallen. Die Inschrift lautet: "Heiliger Paulus. Er sitzt hier und schreibt."