Lesejahr C: 2018/2019

Evangelium (Lk 12,32-48)

32Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben.

33Verkauft euren Besitz und gebt Almosen! Macht euch Geldbeutel, die nicht alt werden! Verschafft euch einen Schatz, der nicht abnimmt, im Himmel, wo kein Dieb ihn findet und keine Motte ihn frisst!

34Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz.

35Eure Hüften sollen gegürtet sein und eure Lampen brennen!

36Seid wie Menschen, die auf ihren Herrn warten, der von einer Hochzeit zurückkehrt, damit sie ihm sogleich öffnen, wenn er kommt und anklopft!

37Selig die Knechte, die der Herr wach findet, wenn er kommt! Amen, ich sage euch: Er wird sich gürten, sie am Tisch Platz nehmen lassen und sie der Reihe nach bedienen.

38Und kommt er erst in der zweiten oder dritten Nachtwache und findet sie wach - selig sind sie.

39Bedenkt: Wenn der Herr des Hauses wüsste, in welcher Stunde der Dieb kommt, so würde er verhindern, dass man in sein Haus einbricht.

40Haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.

41Da sagte Petrus: Herr, sagst du dieses Gleichnis nur zu uns oder auch zu allen?

42Der Herr antwortete: Wer ist denn der treue und kluge Verwalter, den der Herr über sein Gesinde einsetzen wird, damit er ihnen zur rechten Zeit die Tagesration gibt?

43Selig der Knecht, den der Herr damit beschäftigt findet, wenn er kommt!

44Wahrhaftig, ich sage euch: Er wird ihn über sein ganzes Vermögen einsetzen.

45Wenn aber der Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr verspätet sich zu kommen! und anfängt, die Knechte und Mägde zu schlagen, auch zu essen und zu trinken und sich zu berauschen,

46dann wird der Herr jenes Knechtes an einem Tag kommen, an dem er es nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt; und der Herr wird ihn in Stücke hauen und ihm seinen Platz unter den Ungläubigen zuweisen.

47Der Knecht, der den Willen seines Herrn kennt, sich aber nicht darum kümmert und nicht danach handelt, der wird viele Schläge bekommen.

48Wer aber, ohne den Willen des Herrn zu kennen, etwas tut, was Schläge verdient, der wird wenig Schläge bekommen. Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel zurückgefordert werden, und wem man viel anvertraut hat, von dem wird man umso mehr verlangen.

Überblick

Nicht müde werden! – Denn, „wem man viel anvertraut hat, von dem wird man umso mehr verlangen.“

1. Verortung im Evangelium
Der Text des Evangeliums zieht einen Bogen über zwei eigentlich getrennt zu betrachtenden Abschnitten im Lukasevangelium (Lk). Zum einen wird die Frage nach Besitz noch einmal aufgenommen, zum anderen das Thema der Wachsamkeit angesichts der Wiederkunft des Herrn in den Blick genommen. Im näheren Umfeld von Lk 12,32-48 stehen eine Reihe ähnlich mahnend-belehrender Erzählungen. In ihnen geht es um kommende Bedrängnissituationen (Lk 12,1-12), die Vorläufigkeit des Besitzes (Lk 12,13-21), die rechte Sorge (Lk 12,22-34) und die Mahnung zur Wachsamkeit angesichts der kommenden Zeit der Entscheidung (Lk 12,35-13,1). Die gemeinsame Perspektive dieser Abschnitte besteht in der Frage nach der sinnvollen Gestaltung des eigenen Lebens vor Gott.

 

 

2. Aufbau
Der erste Teil der Evangeliumslesung (Verse 32-34) stellt eigentlich den Abschluss des gesamten Abschnitts über den Besitz dar. Er begann Lk 12,13 mit der Bitte des Mannes, Jesus solle seinen Bruder zur Teilung des Erbes auffordern. Die Unterscheidung zwischen wahrem und falschem Reichtum, die seitdem im Hintergrund steht, wird mit Vers 34 endgültig getroffen.

Der zweite Abschnitt (Verse 35-48) nimmt nicht mehr die Einstellung des Menschen zu materiellen Dingen in den Blick, sondern die Bereitschaft, in der steten Erwartung des Herrn zu leben. Dazu wird zunächst in den Versen 35-40 das Bild von Knechten, die auf die Heimkehr ihres Herrn warten benutzt. In den Versen 42-46 geht es um die Art und Weise, wie ein Knecht mit übertragener Vollmacht während dieser Zeit umgeht. Vers 41 bildet durch eine Zwischenfrage des Petrus eine Unterbrechung und zugleich Deutungshilfe. In den Versen 47-48 werden die Sinnspitzen der beiden Teile zusammengeführt und im zweiten Teil von Vers 48 auf die Situation der zuhörenden Jünger und Leser des Evangeliums hin gedeutet.

 

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 32: Der Aufruf, sich nicht zu fürchten, leitet in biblischer Tradition eine Heilsankündigung ein, so wurde es zuerst Abraham in Genesis 15,1 zuteil. Auch die „kleine Herde“ knüpft an bekannte biblische Symbolik an, wird der Begriff „Herde“ im Alten Testament doch immer wieder genutzt, um das Gottesvolk Israel zu umschreiben (vgl. Jesaja 40,10-11). Im Neuen Testament bezeichnet er dann die christliche Gemeinde (so auch in Apostelgeschichte 20,28). Als Begriff der Zusammengehörigkeit in eine Gemeinschaft ist auch die Formulierung „euer Vater“ zu verstehen. Den Lesern des Lukasevangeliums dürfte hier die Situation, in der Jesus seine Jünger das Vaterunser als „Gruppengebet“ lehrt (Lk 11,1-4) noch gut in Erinnerung sein. Die folgende Verheißung der „Übergabe des Reich Gottes“ ist also eine Hoffnungsperspektive an die Gemeinschaft derer, die an Christus glauben und gemeinsam Gott als den Vater anrufen. Ähnlich wie im Magnifikat am Anfang des Lukasevangeliums (Lk 1,46-55) geht es um die Umkehrung der jetzigen Verhältnisse und damit um das Geschenk des Gottesreiches an die, die bedeutungs- und mittellos sind.

 

Verse 33-34: Inhaltlich knüpfen diese Verse direkt an Lk 12,21, die abschließende Deutung des Gleichnisses vom reichen Mann in Lk 12,16-20 an. Hier erst wird nun aufgelöst, was es bedeutet vor Gott reich zu sein. Den Besitz zu verkaufen und ihn den Armen zuteilwerden zu lassen, formuliert Jesus auch dem reichen Mann in Lk 18,18-25 gegenüber. In beiden Texten geht es im Hintergrund um die Frage danach, was die Nachfolge Jesu charakterisiert oder man könnte anders sagen, was Mitglieder der „Jesus-Gemeinschaft“ ausmacht.
Die folgenden Qualifizierungen von Schätzen geben Auskunft darüber, welchen Reichtum die Jünger Jesu und die christliche Gemeinde, an die der Evangelist Lukas schreibt, suchen sollen. Die Beschreibungen des himmlischen Schatzes zeigen ihn als überlegen gegenüber den irdischen Besitztümern an: er ist nicht vergänglich, geht nicht verloren, kann nicht gestohlen werden.

Der Abschluss (Vers 34) ist eine allgemeingültige Aussage, die auch ohne die vorangegangenen Erläuterungen verständlich ist. Die Worte „wo“ – „da“ in Kombination mit dem Begriff „Herz“ zeigen auf, dass es um eine klare Entscheidung geht. Ein Mensch hat nur ein Herz, und wenn er es an seinen Besitz knüpft, dann muss er gut überlegen, wo sein Besitz ist: im Himmel oder auf der Erde. Die vorangegangenen Beschreibungen des himmlischen Besitzes sollten die Entscheidung allen Hörern und Lesern leicht machen.

 

Vers 35: Vollkommen übergangslos wechselt die Rede Jesu zu einem neuen Thema: Die richtige Vorbereitung auf die Wiederkunft des Herrn. Entsprechend sind die Aufforderungen, die Hüften gegürtet zu haben und die Lampen angezündet Metaphern für eine stete Bereitschaft, wie sie zum Beispiel in Erwartung einer bestimmten Situation erforderlich ist (vgl. 1. Buch der Makkabäer 3,58). In Vorbereitung auf die Bildwelt in den Versen 36-40 geht es um die auch zu abendlicher Stunde nicht nachlassende Bereitschaft zur Arbeit. Das ungegürtete Gewand des Knechtes ist wegen seiner Länge unpraktisch fürs Arbeiteten. Die unangezündeten Lampen zeigen an, dass das Tagwerk beendet ist und die Nachtruhe bevorsteht.

 

Verse 36-40: Jesus gibt seinen Jüngern ein Beispiel aus dem häuslichen Kontext: Der Hausherr ist zu abendlicher Stunde auf einer Hochzeitsfeier, nun ist die Frage, wie sich seine Knechte verhalten. Die Seligpreisungen in Vers 37 und Vers 38 zeigen an, welches Verhalten dem Herrn gegenüber richtig ist. Die Knechte sollen wach bleiben und dienstbereit sein (Tür öffnen, Tisch bereiten, beim Essen bedienen). Das Bildwort vom Dieb, dessen Ankunft nicht vorhersehbar ist, unterstreicht den Gedanken der Wachsamkeit. Denn die Stunde der Ankunft des Hausherrn ist für die Knechte ebenso wenig vorhersehbar, wie das Eintreffen eines Diebes (vgl. 1. Thessalonicherbrief 5,2).
In Vers 40 kommentiert Jesus sein Beispiel und bringt es auch die Ebene der Jünger, die ihm zuhören zurück. Er ermahnt sie zur Wachsamkeit, weil sie sonst von der Stunde seiner Wiederkunft überrascht werden.

 

Vers 41: Die Zwischenfrage des Petrus ruft die seit Lk 12,1 mehr oder weniger unveränderte Erzählsituation in Erinnerung. Denn Jesus spricht „vor allem zu seinen Jüngern“, es sind aber „Tausende von Menschen“ zusammengeströmt. Die Unterscheidung zwischen „uns“ und „allen“ bezieht sich also auf den Kreis der Jünger im Unterschied zu den vielen anderen Menschen, die in ihrer Beziehung zu Jesus nicht weiter charakterisiert werden. Eine Antwort erhält Petrus erst in den Versen 47-48.

 

Verse 42-46: Noch einmal wechselt Jesus zur Erläuterung seiner Mahnung in den häuslichen Kontext ohne jedoch das Bild aus den Versen 36-40 klar weiter zu führen. Vielmehr geht es ihm nun um einen Hausherrn, der sein Haus für eine bestimmte Zeit verlässt und einen seiner Knechte als Verwalter einsetzt. Dieser soll die anderen Knechte beaufsichtigen und ihnen das Essen zuteilen (Vers 42). Die Seligpreisung (Vers 43) blickt in die Zukunft (es geht um die hypothetische Rückkehr des Hausherrn) und zeigt an, welches Verhalten wünschenswert wäre: Das treue Handeln des Knechtes im Sinne seines Herrn – auch wenn die Zeit der Rückkehr nicht bekannt ist. Entsprechend wird der so handelnde Knecht befördert und als Verwalter des Vermögens eingesetzt (Vers 44).
In den Versen 45-46 wird ein alternativer Ausgang des Szenarios beschrieben: Der eingesetzte Knecht denkt, er habe noch viel Zeit vor sich bis zur Rückkehr des Herrn (er ist also nicht stets bereit) und verhält sich entsprechend. Er misshandelt die anderen Bediensteten und nutzt das Anvertraute für die eigenen Zwecke (trinken, essen, betrinken, Vers 45). Die Konsequenz dieses Verhaltens wird in Vers 46 drastisch beschrieben. Das Bild vom „in Stücke hauen“ des Hausherrn greift dabei bereits wieder aus der Bildwelt (Hausherr – Knecht) heraus und nimmt einen Begriff auf, der sonst für Gottes Gerichtshandeln am Ende der Zeit verwendet wird. Auch die Rede von den „Ungläubigen“ geht schon über die Bildwelt hinaus in die Welt der Jünger hinein. Die „Ungläubigen“ sind für sie diejenigen, die nicht an Jesus Christus glauben und entsprechend nicht Gott den Vater nennen und sein Reich geschenkt bekommen (Vers 32).

 

Verse 47-48a: Aus den vorangegangenen Beispielen wird eine Zusammenfassung formuliert, die sich klar auf den Knecht fokussiert, der den Willen seines Herrn kennt und ihn ignoriert. Der andere Knecht und sein Schicksal werden nur als erzählerisches Gleichgewicht eingefügt.

 

Vers 48b: Die eigentliche Pointe der Beispiele und auch der Zusammenfassung zuvor ist die allgemein formulierte Aussage im zweiten Teil von Vers 48, die als Antwort auf die Frage des Petrus in Vers 41 zu sehen ist. Die Rede von denjenigen, denen viel gegeben und anvertraut wurde, nimmt Bezug auf die Unterscheidung zwischen „uns“ und „allen“ aus Vers 41. Die Jünger, denen die Mahnungen und Worte Jesu hier gelten, sind die, denen anvertraut und gegeben wurde.

Auslegung

Die vielen bildhaften Beispiele und das aus zwei eigentlich selbstständigen Abschnitten zusammengesetzte Evangelium können die klaren Appelle an die Jünger Jesu leicht übertönen. Doch die Mahnung Jesu an seine Jünger ist mehr als deutlich: Lebt das, was euch geschenkt wurde! Dabei greift der gedankliche Bogen zurück bis Lk 11,1-13. Dort hatte Jesus seinen Jüngern das Vaterunser als gemeinsames Gebet anvertraut, ein Gebet, das sie in der Gottesanrede und im Vertrauen auf die tägliche Zuwendung Gottes (Brot- und Vergebungsbitte) miteinander verbindet. Die Jünger hatten um ein Gebet gebeten, das sie als Gruppe auszeichnet, so wie sie es bei den Johannesjüngern kennengelernt hatten (Lk 11,1). Was Jesus ihnen mit dem Vaterunser formuliert und in den Beispielen vom bittenden Freund und Sohn (Lk 11,5-12) zugesichert hat, war die klare Botschaft: Ihr, die ihr an mich glaubt und Gott deshalb wie ich Vater nennt, euch ist zugesichert, dass keine eurer Bitten ungehört bleibt und ihr mit jeder Bitte vor Gott treten dürft (Lk 11,13). Diese Zusage wird im heutigen Evangeliumstext erweitert: „Euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben.“ Das sind die Verheißungen und Gaben, die den Jünger anvertraut wurden. Und diese Zusagen unterscheiden sie von denen, die nicht zu ihrer Gruppe, also nicht zu den Jüngern Jesu gehören.

Die Sinnspitze des Evangeliumstextes besteht darin, dass sich die Jünger als diejenigen begreifen sollen, denen viel anvertraut und gegeben wurde und von denen entsprechend auch viel verlangt wird. Was von ihnen verlangt wird, ist zweierlei: Ihr Schatz soll nicht im Irdischen verortet sein, sondern das Herz der Jünger soll sich ganz dem Himmel, dem anvertrauten Reich Gottes zuwenden. Und die Jünger sollen in der steten Bereitschaft und Wachsamkeit leben, dass Gottes Reich auch auf Erden ganz sichtbar wird. Denn genau dies geschieht, wenn der Herr wiederkommt. Vor allem der zweite Teil der Erwartungen macht deutlich, dass die Erzählung des Evangeliums weit über die Zeit Jesu selbst hinausgreift und bereits die christliche Gemeinde zur Zeit des Evangelisten Lukas also am Ende des 1. Jahrhunderts im Blick hat. Lukas formuliert deshalb so eindringlich die Mahnung Jesu am Ende des Abschnitts (Vers 48b), weil sich wahrscheinlich schon zu seiner Zeit erste Ermüdungserscheinungen unter den Jüngern Jesu, also den Christen der frühen Kirche, eingeschlichen haben. Die Hoffnung der Gemeinde, dass der Herr Jesus Christus wiederkehrt und sich damit der Tag nähert, an dem Gott sein Reich ganz greifbar werden lässt, sie ist am Ende des 1. Jahrhunderts nicht mehr so lebendig und drängend. Und wo dieser Zeitpunkt, auf den sie am Anfang noch hin fieberten, auf sich warten lässt, geraten auch die Vorbereitungsmaßnahmen ins Stocken… Die Aufforderung Jesu gegürtet zu bleiben und die Lampen brennen zu lassen, ist der Erinnerungsruf sich der eigenen Identität als christliche Gemeinde treu zu bleiben. Und dies bedeutet immer und stets in der Gewissheit zu leben, dass Gottes Reich nahe ist! Und dann kommt es darauf an, was aus dem Geschenk der Hoffnung auf dieses Reich Gottes geworden ist. Ist es lebendig und kommt es im täglichen Leben zum Ausdruck? Wird das Wort Gottes weiter verkündet, werden Kranke und Schwache geheilt und aufgerichtet, wird Gerechtigkeit gelebt und Frieden geschaffen?