Lesejahr C: 2018/2019

Evangelium (Lk 2,1-14)

21In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen.

2Dies geschah zum ersten Mal; damals war Quirinius Statthalter von Syrien.

3Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen.

4So zog auch Josef von der Stadt Nazaret in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Betlehem heißt; denn er war aus dem Haus und Geschlecht Davids.

5Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete.

6Als sie dort waren, kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft,

7und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.

8In jener Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde.

9Da trat der Engel des Herrn zu ihnen und der Glanz des Herrn umstrahlte sie. Sie fürchteten sich sehr,

10der Engel aber sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll:

11Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr.

12Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.

13Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer, das Gott lobte und sprach:

14Verherrlicht ist Gott in der Höhe /

und auf Erden ist Friede /

bei den Menschen seiner Gnade.

Überblick

Heute ist euch der Retter geboren! So kurz die Erzählung über die Geburt Jesu ist, so klar und einprägsam sind die Worte, mit denen der Engel den Hirten auf dem Feld und jedem, die Botschaft hört, die Geburt Jesu verkündet.

 

1. Verortung im Evangelium
Der Beginn des Lukasevangeliums lebt von dem Blickwechsel zwischen der Geschichte Johannes‘ des Täufers und der Geschichte Jesu. So wurde die Geburt beider Kinder unter besonderen Vorzeichen angekündigt: Elisabeth ist schon alt und Maria ist noch nicht mit einem Mann zusammen gewesen. Beiden Kindern wird ein besonderer Auftrag zugesprochen: Johannes ist Prophet des Höchsten, Jesus Sohn des Höchsten. Die Geschichten der beiden Kinder werden in der Begegnung zwischen Maria und Elisabeth miteinander verwoben (Lukasevangelium 1,39-46). Darauf folgt die Erzählung von der Geburt des Johannes und unmittelbar danach die Geburtsgeschichte Jesu.

 

2. Aufbau
Der Abschnitt des Evangeliums besteht aus 3 Teilen. Die Verse 1-3 schildern den historischen Hintergrund und begründen, warum die Geburt nicht in Nazareth, der Stadt der Verkündigung, sondern in Bethlehem lokalisiert wird. Die Verse 4-7 lenken den Blick erstmals im Lukasevangelium etwas genauer auf Josef (Verse 4-5), bevor in den Versen 6-7 die Geburt selbst berichtet wird. Den größten Raum nimmt in den Versen 8-14 die Verkündigung der Geburt an die Hirten und die Botschaft des Engels von der Geburt des Retters ein.

 

3. Erklärung einzelner Verse
Verse 1-3: Die Steuerschätzung unter Statthalter Quirinius 6/7 n.Chr. in Judäa, Samaria und Idumäa wird notwendig, weil Archelaus, Sohn des Herodes, im Jahre 6 n. Chr. durch Augustus abgesetzt wurde. Seine Herrschaftsgebiete wurden der römischen Provinz Syrien zugeschlagen und entsprechend brauchte die römische Verwaltung neue Daten zur Erhebung des fälligen Steuerbeitrags. Eine flächendeckende Erfassung wie sie die Formulierung „den ganzen Erdkreis“ nahelegt, hat es zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht gegeben. Die umfassende Bezeichnung des „ganzen Erdkreises“ nimmt wohl eher in den Blick, dass eine solche Erhebung nur mit einem Erlass des Kaisers möglich war, der grundsätzlich einen weitreichenden Machtbereich hatte. Der Evangelist Lukas nutzt die vorhandenen Informationen zur Steuerschätzung, um die Reise der Eltern Jesu von Nazareth nach Bethlehem zu erklären. Dass dabei nicht alle Fakten stimmig zusammengesetzt werden können, spielt für ihn keine vorrangige Rolle. So übergeht er beispielsweise, dass die Eintragung in Listen im Amtssitz der zuständigen Steuerbehörde, nicht im Herkunftsort der Familie erfolgte und Josef und Maria als Bewohner Galiläas nicht zur betroffenen Bevölkerungsgruppe gehörten. Für den Evangelisten steht im Vordergrund, die unterschiedlichen Überlieferungen von Nazareth als Ort der Verkündigung und des Aufwachsens Jesu mit der Tradition der Geburt in Bethlehem zu verbinden und dennoch einen historischen Rahmen für das folgende Geschehen zu liefern. Die Steuerschätzung (lat. census) als Ausgangspunkt der Erzählung spielt im weiteren Geschehen keine Rolle mehr.

Vers 4.11: Ganz selbstverständlich erwähnt Lukas Bethlehem als „Stadt Davids“ und setzt diese Kenntnis nicht nur beim Leser, sondern auch bei den Hirten („Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren“ Vers 11) voraus. Im Alten Testament wird jedoch nur Zion bzw. Jerusalem „Stadt Davids“ genannt. Bethlehem ist die Stadt, aus der David stammt (1. Buch Samuel 16,1-13) und es ist die Stadt, in der der erhoffte Messiaskönig nach dem Zeugnis des Propheten Micha geboren werden sollte (Micha 5,1).

Vers 5: Die Tatsache, dass Maria wirklich schwanger ist und damit Realität geworden ist, was der Engel zuvor angekündigt hatte (Lukasevangelium (Lk) 1,31), wird erst hier klar formuliert. Wie auch in der Erzählung der Verkündigung bleibt hier jedoch die Frage nach dem Zeitpunkt und der genauen Vorstellung von der „Jungfrau, die ein Kind empfängt“ offen. Fest steht nur: in der Zeit der Steuerschätzung und „in jenen Tagen“ (Vers 1), in denen der Knabe Johannes bereits heranwächst (letzte Zeitangabe in Lk 1,80), ist Maria schwanger und bringt ihr Kind zur Welt.

Verse 8-14: Die Verse sind eine typische Erscheinungsgeschichte (wie auch die Erzählung von der Verkündigung in Lk 1,26-38). Das Erschrecken der Hirten und der Aufruf, sich nicht zu fürchten gehören ebenso dazu wie die Botschaft des Erscheinenden und die Aussicht auf ein Zeichen, das das Erfahrene sichtbar und greifbar macht. Die Erscheinung spielt in einer neuen Szenerie, nun befinden wir uns vor der Stadt bei Hirten, die ihrer ureigenen Beschäftigung nachgehen: Sie halten Wache bei ihren Schafen und schützen diese so vor den Bedrohungen der Nacht. Inmitten dieser ganz und gar alltäglichen Situation erscheint ein Engel und später ein ganzes himmlisches Heer und künden von der Ankunft des Retters, des Herrn, auf den ganz Israel wartet. So erfahren die Hirten stellvertretend für das ganze Volk Israel, dass sich die Verheißung erfüllt und Gott kommt, um sein Volk zu erlösen.

Auslegung

Die Einleitung ebenso wie der Abschluss des Abschnitts wollen deutlich machen, in welchen Kontext der Leser das erzählte Ereignis stellen soll: Was in Bethlehem passiert, ist ein Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung! Daher wird der aktuelle Herrscher als historische Marke präsentiert und die Hoffnung auf Frieden, die alle Menschen - zu allen Zeiten - erfasst, mit der Geburt des Kindes verknüpft.

Besonderen Wert legt der Evangelist auch auf die äußeren Zeichen der Geburt. Denn die Not, keine Herberge zu finden, führt zu dem ungewöhnlichen Auffindungsort des Neugeborenen, der den Hirten als Erkennungszeichen präsentiert wird (Vers 12). Das Kind wird in einem Futtertrog liegen und in Windeln gewickelt sein. Das „Detail“ der Windeln ist bei einem Kleinkind eigentlich ein Selbstverständliches könnte man meinen. Doch bei einem Kind, das durch den Heiligen Geist empfangen wurde, könnte man schnell meinen, solch profane und weltliche Sachen wären nicht von Nöten. Wenn Lukas demgegenüber ganz bewusst die Windeln erwähnt, sind sie als klares Zeichen der Menschlichkeit benannt: Dieses neugeborene Kind ist in seiner Bedürftigkeit nicht anders als andere Neugeborene: Es braucht die lebensnotwendigen Dinge wie Nahrung, Windeln/Kleidung und die Fürsorge der Eltern. Es ist hilflos ohne Menschen, die sich seiner annehmen. Es lernt zu lieben, hoffen, lachen, sprechen etc., weil Menschen um es herum diese Dinge tun und leben.

So menschlich die Hilflosigkeit des Kindes gezeigt wird, so sehr verweist die Engelsschar und die Form der Verkündigung auf Gottes kraftvolles Tun in und hinter der Geburt Jesu. Die Engelsscharen, die den wohl recht verdutzten Hirten die Kunde von der Geburt des Kindes überbringen, zeigen in ganzer Fülle, was eigentlich unvorstellbar ist. Gottes ganzer Glanz, seine Herrlichkeit (Vers 9) und das himmlische Heer (Vers 13) werden mitten auf einem Feld sichtbar und hörbar. So nah kommt der Himmel der Erde selten, vergleichbar wären vielleicht die Erzählung vom brennenden Dornbusch oder die Verklärung Jesu.

Die Botschaft der Engel nimmt in der Erzählung den größten Raum ein, denn sie bringt ins Wort, was bisher nur erhofft wurde: Gott kommt den Menschen nahe, er wird einer von ihnen. Denn dieses Kind, das in Windeln gewickelt in einer Krippe liegt, ist Gott, der rettet und der Menschheit den Frieden bringt. Das Jubeln der Engel, das sich in unserer Liturgie im Gloria (lat. für Ehre), wiederspiegelt, es verdeutlicht den Hirten und allen, die dieses Wort hören, HEUTE ist die Zeit der Freude gekommen. HEUTE berühren sich Himmel und Erde, HEUTE kann sich die Welt verwandeln.

Kunst etc.

In diesem Bild von Bernardino Luini (1525) werden die unterschiedlichen Szenen des Weihnachtsevangeliums zusammengeführt. Zur Geburtsszene im Vordergrund kommt im Hintergrund die Verkündigung der Geburt Jesu an die Hirten draußen auf dem Feld.

Die Geburt Christi, 1525, [Public domain]
Die Geburt Christi, 1525, [Public domain]