Lesejahr C: 2018/2019

Evangelium (Lk 24,1-12)

241Am ersten Tag der Woche gingen die Frauen mit den wohlriechenden Salben, die sie zubereitet hatten, in aller Frühe zum Grab.

2Da sahen sie, dass der Stein vom Grab weggewälzt war;

3sie gingen hinein, aber den Leichnam Jesu, des Herrn, fanden sie nicht.

4Und es geschah, während sie darüber ratlos waren, siehe, da traten zwei Männer in leuchtenden Gewändern zu ihnen.

5Die Frauen erschraken und blickten zu Boden. Die Männer aber sagten zu ihnen: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?

6Er ist nicht hier, sondern er ist auferstanden. Erinnert euch an das, was er euch gesagt hat, als er noch in Galiläa war:

7Der Menschensohn muss in die Hände sündiger Menschen ausgeliefert und gekreuzigt werden und am dritten Tag auferstehen.

8Da erinnerten sie sich an seine Worte.

9Und sie kehrten vom Grab zurück und berichteten das alles den Elf und allen Übrigen.

10Es waren Maria von Magdala, Johanna und Maria, die Mutter des Jakobus, und die übrigen Frauen mit ihnen. Sie erzählten es den Aposteln.

11Doch die Apostel hielten diese Reden für Geschwätz und glaubten ihnen nicht.

12Petrus aber stand auf und lief zum Grab. Er beugte sich vor, sah aber nur die Leinenbinden. Dann ging er nach Hause, voll Verwunderung über das, was geschehen war.

Überblick

„Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?" – “Statt euch zu erinnern, was er euch zu Lebzeiten gesagt hat!“ Spricht aus den Worten des Engels himmlisches Unverständnis oder Wunsch, die Frauen zum Nachdenken zu bringen?

1. Verortung im Evangelium
Die Ostererzählungen des Lukasevangeliums (Lk) finden in Kapitel 24 alle an einem einzigen Tag statt. Dabei schließen die Ereignisse am „ersten Tag der Woche“ nahtlos an die Kunde vom Begräbnis Jesu in Lk 23,50-56 an. Die Frauen, die in Lk 23,55 die Grablegung Jesu beobachten, sind nun die die Hauptfiguren der ersten Erscheinungserzählung. So kommen Tod und Auferstehung einander nahe und die Kontinuität des einen zum anderen wird bewusst hergestellt.

 

2. Aufbau
Die Erzählung von den Frauen und Petrus am leeren Grab lässt sich in drei Teilszenen aufteilen: Zunächst geht es um die Frauen am Grab (Verse 1-8), danach um ihren Bericht an die Jünger (Verse 9-11) und schließend wird der Gang des Petrus zum Grab berichtet.

 

3. Erklärung einzelner Verse


Verse 1-8: Der Neueinsatz der Erzählung am ersten Tag der Woche war geschickt vorbereitet worden. In Lk 23,56 schließt die Szene der Grablegung mit einem Hinweis auf die eingehaltene Sabbatruhe. Einen Tag lang ist also „nichts geschehen“, bevor sich die Frauen mit den „wohlriechenden Salben“ (Lk 23,56 und 24,1) zum Grab aufmachen.

Grabanlagen, die waagerecht in einen Felsen hineingerieben wurden, waren meist mit einer Felsscheibe verschlossen, die sich wegrollen ließ. Nur im Lukasevangelium wird explizit gesagt, dass die Frauen den Leichnam „nicht finden“. Das „Nicht-Finden“ des Leichnams kann ein Zeichen für die Entrückung eines Menschen zu Gott sein, den Lesern kann dieses Motiv zum Beispiel aus der Geschichte des Propheten Elia bekannt sein (2. Buch der Könige 2,17, s. Kontext).

In den Versen 4-8 werden typische Elemente einer Erscheinungserzählung aufgegriffen: Erscheinen der Männer, Erschrecken der Frauen, Botschaft der Erscheinenden.
Die beiden Männer, die plötzlich am Grab auftauchen, werden zunächst durch ihr Äußeres beschrieben. Die leuchtenden Gewänder sind für den geübten Zuhörer ein Hinweis auf die himmlische Herkunft der beiden. Explizit wird aber erst in der Erzählung der Emmausjünger über das Auffinden des leeren Grabes von „Engeln“ gesprochen (Lk 24,23).
Das typische Erschrecken der Frauen angesichts einer himmlischen Erscheinung ist hier verbunden mit einer Demutsgeste: Die Frauen blicken zu Boden.
Eine rhetorische „Warum-Frage“ findet sich an an anderen Stellen zu Beginn der Rede des Erscheinenden. Sie bringt einen Tadel gegenüber dem Angeredeten zum Ausdruck. Hier tadelt der Engel das Verhalten der Frauen: Sie suchen Jesus im Grab. Warum dies ein falsches Verhalten ist, wird sofort erläutert. Jesus ist nicht bei den Toten, er ist bei den Lebenden. Denn so wie er es zu Lebzeiten gesagt hat, wird er auferweckt werden, d.h. leben. Die Ausführungen der Engel rufen dabei die Leidensankündigung in Lk 9,22 ins Gedächtnis. Die Rückerinnerung der Frauen an die Ankündigung Jesu bleibt vollkommen unkommentiert und bildet zugleich den Abschluss der Erscheinungserzählung.

 

Verse 9-11: Die Frauen kehren vom Grab zurück, dabei verzichtet Lukas auf einen Bericht über ihren Gemütszustand. Der Evangelist Matthäus erzählt, dass die Frauen mit Furcht und großer Freude rennen, im Markusevangelium ist von Furcht und Zittern der Frauen die Rede.
Erst hier werden drei der Frauen namentlich genannt, die übrigen bleiben namenlos. Die Leser des Evangeliums werden hier sicher an die Frauen, die Jesus begleiteten und unterstützen denken (Lk 8,1-3), zumal auch dort Maria von Magdala und eine Johanna erwähnt werden.
Die Frauen berichten den elf Aposteln (Judas gehört ja nicht mehr zu ihnen) und „den übrigen“. Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass weitere Jünger Jesu sich bei den Aposteln aufhielten. Ebenso wie die „übrigen Frauen“ werden sie Jesus auf seinem Weg begleitet haben.
Die Reaktion der Apostel und Jünger ist drastisch: Sie halten den Bericht der Frauen für „Geschwätz“. Damit will der Evangelist nicht die grundsätzliche Glaubwürdigkeit der Frauen in Frage stellen. Dies ist vielmehr wie viele andere kleine Bausteine der Erzählung ein Hinweis darauf, dass das leere Grab alleine die Auferstehung Jesu für seine Jünger nicht glaubwürdig machte.

 

Vers 12: Die Reaktion des Petrus unterscheidet sich von derjenigen der anderen. Er geht selbst schauen, um sich ein Bild von dem zu machen, was die Frauen erzählt haben. Er geht jedoch offenbar nicht ins Grab hinein, sondern sieht von draußen die Leinenbinden liegen. Die Erwähnung der Leinenbinden steht in Verbindung mit der Notiz in Lk 23,53, dass Jesus in einem unbenutzten Grab bestattet wurde. Die Binden, die Petrus findet, müssen also zu Jesus gehören. Und sie sprechen gegen eine Verlegung oder einen Raub des Leichnams, denn dazu hätte man die Leiche sicher mit den Leinenbinden mitgenommen. Entsprechend ist die Reaktion des Petrus bei der Rückkehr vom Grab auch in Worte gefasst: Er ist voll Verwunderung.

Auslegung

Schritt für Schritt werden wir zuerst durch die Frauen und am Ende durch Petrus durch den sonderbaren Ostermorgen geleitet. Was die ersten „Zeugen“ der Auferstehung wahrnehmen und was ihnen widerfährt berichtet der Evangelist Lukas auf anschauliche Weise. Doch das, was im Hintergrund, was vor dem Erscheinen der Frauen und des Petrus passierte, ist für ihn unsagbar. So wie es auch die Empfängnis Jesu durch den Heiligen Geist war. Das Wirken Gottes ist in menschlichen Worten und Kategorien kaum auszudrücken. Nur in der Darstellung des Lebens Jesu war dem Evangelisten dies gelungen. Dort, wo in Jesu Taten und Worten, in Wundern, Begegnungen und Worten klar und konkret Gottes Wirklichkeit sichtbar wurde, da konnte er auch Konkretes berichten. Wo Jesus, der menschgewordene Gott wirkt, lässt sich das Handeln in menschlichen Kategorien beschreiben.

Doch hier, wo Gott handelt und Jesus auferweckt, da fehlen die Worte. Gott hat Jesus von den Toten auferweckt, dies lässt sich nicht szenisch vorstellen oder berichten. Und es ist auch nicht einfach so zu glauben. Genau das beschäftigt den Evangelisten bei seiner Darstellung der Osterereignisse. Das leere Grab allein ist für die Frauen und auch für Petrus kein direkter, schlüssiger Hinweis auf Jesu Auferstehung. Die Frauen finden ein leeres Grab, aber sie schließen daraus nicht „Jesus ist auferstanden“. Für ein leeres Grab sind verschiedene Ursachen denkbar (Entrückung, Verlegung des Leichnams, gar Raub des Leichnams). Selbst die Botschaft der Engel, die auf die Worte Jesu und die Ankündigung seines Schicksals verweist, lässt sie nicht von Auferstehung sprechen. Und auch Petrus geht zum Grab und kehrt zurück und Lukas berichtet nicht davon, dass er die Auferstehung Jesu verkündet. Gottes Handeln, die Auferweckung Jesu von den Toten wird im Evangelium erst dann greifbar, wenn einzelne den Auferstandenen sehen. Nur durch die konkrete Begegnung mit Jesus wird verständlich, was sich an ihm ereignet hat: Er ist nicht mehr bei den Toten, er ist bei den Lebenden! Nur die Begegnung mit dem Auferstandenen lässt Gottes Handeln verständlich werden.

Aber – und darauf weisen die Engel am Grab hin – es gibt Anhaltspunkte, das Undenkbare zu denken und zu verstehen. Jesus selbst hat immer wieder von Gottes Wirklichkeit und Gottes Macht gesprochen. Er hat sie in Wundern sichtbar gemacht, indem er Tote erweckte und Kranke heilte. Und sogar sein eigenes Schicksal kündigte er an.

Wenn die Engel am Grab patzig den Frauen vorhalten, sich offensichtlich nicht ausreichend an die Worte Jesu zu erinnern und deshalb den Lebenden bei den Toten zu suchen, dann sind diese Worte nicht nur an die Frauen, sondern auch an uns gerichtet. Trauen wir den Worten Jesu wirklich? Trauen wir seinem Zeugnis über die Wirklichkeit Gottes? Glauben wir an die Macht Gottes, die Leben spendet und den Tod besiegt? Das leere Grab kann nur ein Zeichen sein, so sieht es der Evangelist Lukas. Verständlich werden kann die Botschaft des Ostermorgens nur in der Begegnung mit dem Auferstandenen in seinen Worten und Taten, von denen das Evangelium kündet, und in der Eucharistie, in Brot und Wein, in denen Jesus gegenwärtig ist.
Die patzige Frage der Engel ist eine Erinnerung und eine Aufforderung: Jesus hat kraftvoll von Gottes Macht und Güte gesprochen. Wer seinen Worten und Taten traut, der kann auch der Botschaft des Ostermorgens glauben: Gott hat Jesus von den Toten auferweckt. Der Tod ist besiegt, Jesus lebt!

Kunst etc.

Matthias Grünewald, Auferstehung (1512-1516), Isenheimer Altar, ehemals Hauptaltar des Antoniterklosters in Isenheim/Elsaß, gemeinfrei via wikicommons
Matthias Grünewald, Auferstehung (1512-1516), Isenheimer Altar, ehemals Hauptaltar des Antoniterklosters in Isenheim/Elsaß, gemeinfrei via wikicommons

Sicher eine der schönsten Darstellungen dessen, was der Evangelist Lukas sich nicht in Worte zu kleiden traute, ist die Auferstehungsdarstellung von Matthias Grünewald auf dem Isenheimer Altar. Jesus wird förmlich nach oben ins Licht gesogen – so legt die Dynamik des Bildes durch das Fallen des Gewandes und das Verschwimmen der Gesichtskonturen vor dem hellen Lichtkranz deutlich.