Lesejahr C: 2018/2019

Evangelium (Lk 18,9-14)

9Einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten, erzählte Jesus dieses Gleichnis:

10Zwei Männer gingen zum Tempel hinauf, um zu beten; der eine war ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.

11Der Pharisäer stellte sich hin und sprach bei sich dieses Gebet: Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort.

12Ich faste zweimal in der Woche und gebe den zehnten Teil meines ganzen Einkommens.

13Der Zöllner aber blieb ganz hinten stehen und wollte nicht einmal seine Augen zum Himmel erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig!

14Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt nach Hause hinab, der andere nicht. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.

Überblick

„Spieglein, Spieglein an der Wand…“ Im Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner geht es um das Vergleichen mit anderen und Formen religiösen Narzissmus.

1. Verortung im Evangelium
In diesem Gleichnis des Lukasevangeliums (Lk) wendet sich Jesus an eine bestimmte Personengruppe. Sie wird jedoch nicht klar definiert, sondern umschrieben. Es geht um diejenigen, die sich auf die eigene Gerechtigkeit etwas einbilden und über andere urteilen. Zuvor hatte sich Jesus noch direkt an seine Jünger gewendet und im Gleichnis vom Richter und der Witwe (Lk 18,1-8) über die Kraft des Gebets gesprochen. Das Motiv „Gebet“ greift vordergründig in das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner hinüber, ob die Jünger oder Teile der Jüngerschaft auch als Adressaten der Worte Jesu in Frage kommen, muss offen bleiben. Eine nähere Verortung (konkrete Situation, lokale Eingrenzung) des Gleichnisses gibt es nicht. Womöglich hat es seinen Platz im Evangelium auf dem Weg Jesu nach Jerusalem hier bekommen, weil es mit dem Gleichnis zuvor über das Thema „Gebet“ und mit der Erzählung danach über die Person des Zöllners verbunden ist. Auf das Gleichnis folgt in Lk 19,1-10 die Erzählung vom Zöllner Zachäus, die nicht nur über den Beruf, sondern auch über die Haltung der Demut mit dem Gleichnis hier verknüpft ist.

 

 

2. Aufbau
Das Gleichnis wird eingeleitet durch eine Leseanweisung (Vers 9) ähnlich wie in LK 18,1. Sie lenkt den Leser oder Hörer direkt in eine Erwartungshaltung. Vers 10 führt in die Szenerie des Gleichnisses ein, das in den Versen 11-13 erzählt wird. Das Gleichnis ist angelegt mit dem Mittel des „dramatischen Dreiecks“. Dabei stehen sich zwei Personen auf gleicher Ebene gegenüber (Pharisäer und Zöllner) und sind auf eine dritte Person hingeordnet, die als Handlungssouverän agiert. Mit Vers 14 schließt die Erzählung mit einer Leseanweisung auf der Ebene des Gleichnisses wie der Ebene der Rahmenhandlung.

 

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 9: Die Einleitung lenkt den Blick der Hörer auf eine bestimmte Gruppe von Menschen: Es geht um diejenigen, die „von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten“. Die hier hinter liegende Sicht auf sich selbst umschreibt das später dargestellte Selbstbild des Pharisäers, aber es ist nicht individuell gemeint. Indem gerade nicht die Pharisäer als Adressaten des Gleichnisses benannt sind und sie auch keine direkten Gesprächspartner Jesu bilden, ist die Aussage der Erzählung auf viele unterschiedliche Menschen und ihre Frömmigkeitshaltungen übertragbar.

 

Vers 10: Die Einführung in die Szene ist nach der leserlenkenden Einleitung ganz neutral gehalten. Die Personen werden so zunächst gleich vorgestellt: Es sind beides Männer, sie haben das gleiche Ziel (Tempel) und wollen dort das gleiche tun (beten). Erst die Beschreibung zu einer sozialen Gruppe führt zur Unterscheidung zwischen den beiden: der eine ist ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. 
Es werden also zwei Personen eingeführt, die bereits durch ihre Bezeichnung zu einer stereotypen Betrachtung einladen: Der eine gehört einer religiösen Gruppe des Judentums an, die besonderen Wert auf eine strenge Einhaltung und Interpretation der Gebote legt. Der andere kollaboriert mit der feindlichen Besatzungsmacht, den Römern, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Dabei versucht er, möglichst viel für sich zu behalten und achtet wenig auf die Menschen und wahrscheinlich auch nicht so streng auf Gottes Gebote.

Da sowohl der Ort als auch die Tatsache, dass eine der Personen ein Pharisäer ist, das Geschehen in direkten Bezug zu Gott stellen, dürften die meisten Leser bereits an dieser Stelle, eine Aussage über Gottes Blick auf die beiden Personen erwarten.

 

Verse 11-13: Da durch die Leseanweisung schon vorgegeben ist, dass der Pharisäer im Gleichnis nicht gut wegkommt, wird er zuerst in den Fokus gerückt. Sein Gebet besteht zu einem großen Teil aus einem Vergleich mit „den anderen“, die dann auch in Gruppen genannt werden: „Räuber, Betrüger, Ehebrecher, Zöllner“. Die Charakterisierung der anderen macht bereits deutlich, dass er sich von ihnen distanziert. Jedoch besteht der Unterschied für ihn nicht nur in einem sozial-gesellschaftlichen Sinne, sondern vor allen Dingen im Hinblick auf die religiöse Stellung. Gegenüber Gott hat er diesen „anderen“ voraus, dass er weit mehr tut als das Gesetz vorsieht. Als Beispiele nennt er das Verzehnten und das Fasten. Das Fasten ist im Buch Levitikus (Lev 16,29-30) für den Versöhnungstag vorgesehen, also auf einen Tag in der Woche begrenzt. Der Pharisäer verdoppelt hier seine „religiöse Leistung“ gegenüber der Vorgabe. Die Abgabe des Zehnten Teils bezieht sich laut der Weisung im Buch Levitikus 27,30 auf alles, was man selbst erwirtschaftet. Wenn der Pharisäer sich rühmt, sein gesamtes „Einkommen“ zu verzehnten, dann meint er damit grundsätzlich von allem den zehnten Teil abzugeben. Die zusätzliche Abgabe auf Einkäufe z.B. sollte sicherstellen, auf keinen Fall mit Nahrung in Berührung zu kommen, auf die zuvor keine Abgaben entrichtet wurden.

Das Gebet des Zöllners besticht gegenüber dem des Pharisäers durch seine Kürze und die darin zum Ausdruck kommende Haltung. Wenn er hinten und damit in Distanz zum Allerheiligsten stehen bleibt, drückt er nicht nur seine Ehrfurcht aus, sondern auch seine Scheu, aufgrund seines Bewusstseins der eigenen Unzulänglichkeit näher heranzutreten. Dies drückt sich auch im Schlagen an die Brust und der Tatsache aus, dass er es nicht wagt, die Augen zum Himmel zu erheben. Ein Blick auf das Buch Esra (Esra 9,6) zeigt, dass der nicht zum Himmel gewandte Blick ein Zeichen der Demut und des eigenen Gefühls der Schuldhaftigkeit ist. Ob diese Selbsteinschätzung durch seine Lebensweise oder seinen Beruf motiviert ist oder die Einsicht verdeutlicht, dass er wie jeder Mensch mit Schwächen und Fehlern vor Gott steht, bleibt offen und ist auch unerheblich.

 

Vers 14: Der erste Teil des Verses ist die Übertragung oder Erklärung Jesu für die Zuhörer. Ihnen, die sich ihrer eigenen Gerechtigkeit sicher sind und daher auf andere herabschauen, gilt sein Fazit: Nicht der selbstgerechte Pharisäer ist derjenige, den Gott als gerecht betrachtet.
Der zweite Teil des Verses wiederholt ein Sprichwort, das der Evangelist Lukas bereits im Gleichnis von den besten Plätzen beim Festmahl (Lk 14,11) angebracht hatte. Es formuliert mit allgemeiner Gültigkeit, was sich im Einzelfall des Gleichnisses gezeigt hat.

 

 

Auslegung

Eine Situation wie sie wohl jeder kennt. Wir sehen uns und eine andere Person und stellen einen Vergleich an. Was bin ich und wer ist der oder die andere? Was kann ich, was leiste ich, welche Bedeutung habe ich etc.? Und sicher gibt es Menschen, die dann sagen: der oder die andere ist besser und Selbstzweifel anmelden. Und es gibt die, die feststellen, naja, hier bin ich schon ziemlich gut, da habe ich noch Verbesserungspotential… Und es gibt die, die immer davon überzeugt sind, alle anderen zu übertreffen und entsprechend selbstgefällig agieren und urteilen. 
Der Pharisäer im heutigen Gleichnis scheint genau so eine Person zu sein. Er ist mit sich selbst sehr zufrieden und das vor allem – denn so lernen wir ihn kennen – auch in dem Moment, wo er eigentlich ganz ohne Scheu alle Unzulänglichkeiten zugeben kann und sich auch mit ihnen angenommen weiß: im Gebet und vor Gott. Und zur Selbstgerechtigkeit kommt noch das Gefühl der Überlegenheit gegenüber anderen, die im Außenblick nicht so fromm sind wie er hinzu. Der Selbstvergleich des Pharisäers gegenüber dem Zöllner und die darin zum Ausdruck kommende Selbstgerechtigkeit weckt Erinnerungen an den älteren Sohn im Gleichnis vom barmherzigen Vater (Lk 15,11-32). Dieser sieht sich als derjenige, dem alle Zuneigung des Vaters gelten sollte, weil er doch immer bei ihm war und seinen Willen erfüllte. Auf die Wertschätzung des heimgekehrten, verlorenen Bruders reagiert er mit Unverständnis.

Die Erzählung des Evangeliums macht zwei Dinge deutlich, die auseinander folgern. 
Die erste Erkenntnis klingt banal, doch wenn sie es wirklich wäre, hätte Jesus das Gleichnis nicht erzählen müssen: Nicht das Äußere entscheidet, sondern das Innere! In der Dramaturgie der Erzählung haben augenscheinlich zwei Menschen ein Vorhaben und zunächst scheint es klar, wessen Tun gut ausgehen wird. Denn von außen ist der Pharisäer mit seiner an den Gesetzen orientierten Lebensweise vor Gott „im Recht“. Er handelt nach seinem Willen und tut, was durch Gebote von ihm verlangt wird. Ja er handelt sogar gehorsamer als es die Weisungen vorgeben. Wenn die äußeren Bezeugungen des Glaubens jedoch wegfallen und es um ein wirkliches Verständnis der Botschaft Gottes geht, dann zieht er den Kürzeren. Denn den anderen zu verachten, um sich im Vergleich mit ihm besser zu fühlen, gehört nicht zu einer Lebensweise, in die Gott einlädt.
Die zweite Erkenntnis ist eine sehr tiefgreifende Folge: Unterschätze Gott nicht! Im Tun des Pharisäers und in der Haltung des Zöllners offenbart sich Wesentliches zu dem jeweiligen Gottesbild. Der Pharisäer scheint nicht verstanden zu haben, dass Gott auf mehr schaut als auf das Äußere. Gott schaut ins Herz und was er dort beim Pharisäer findet, scheint er anders zu beurteilen als dieser sich selbst einschätzt. Wie kann ausgerechnet der Pharisäer, der versucht ganz nach den Worten Gottes zu leben, vergessen haben, was der Prophet Samuel bei der Suche nach dem König für Israel von Gott lernt: „Gott sieht nämlich nicht auf das, worauf der Mensch sieht. Der Mensch sieht, was vor den Augen ist, der HERR aber sieht das Herz“ (1. Buch Samuel 16,7.) Die Erinnerung an dieses Wort hätte den Pharisäer vielleicht davor bewahrt, ein zu schnelles Urteil zu fällen über die „anderen“ und sich dann auch noch vor Gott rühmen zu müssen. Er scheint auf das Sehen Gottes, das menschliches Sehen übersteigt, eben nicht zu vertrauen. Ja womöglich ist es in seinem Gottesbild auch nicht vorgesehen. Denn für ihn scheint Gott mehr der Kontrolleur von Weisungen zu sein als derjenige, der den Menschen zu einem Leben in Fülle verhelfen will. Der Pharisäer in seiner Selbstgerechtigkeit spricht nur einen Dank aus, dass er nicht so ist wie „die anderen“ – er fühlt sich im Recht und braucht allerhöchstens göttliche Bestätigung. Ob er angesichts dieser Selbstzufriedenheit auf Erlösung und Gnade hofft?
Anders der Zöllner: Er weiß, dass er Gott nichts vorspielen kann. Er versteht, dass dieser die Herzen sieht. Also ist er realistisch in der Selbsteinschätzung und ehrlich im Bekenntnis. In seinem Gebet geht es um die eigene Beziehung zu Gott und nicht um einen Vergleich. Und es geht darum, trotz aller Schuldhaftigkeit auf das Erbarmen Gottes zu hoffen.

Nicht selbstverliebtes Sprechen mit Gott und der verachtende Blick für die anderen, sondern das Eingeständnis der Bedürftigkeit lässt im Gleichnis nur den einen gerecht nach Hause gehen.

Kunst etc.

Caravaggio, Narziss (1594-1596) [Public domain]
Caravaggio, Narziss (1594-1596) [Public domain]