Lesejahr C: 2018/2019

2. Lesung (2 Tim 3,14-4,2)

14Du aber bleibe bei dem, was du gelernt und wovon du dich überzeugt hast. Du weißt, von wem du es gelernt hast;

15denn du kennst von Kindheit an die heiligen Schriften, die dich weise machen können zum Heil durch den Glauben an Christus Jesus.

16Jede Schrift ist, als von Gott eingegeben, auch nützlich zur Belehrung, zur Widerlegung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit,

17damit der Mensch Gottes gerüstet ist, ausgerüstet zu jedem guten Werk.

41Ich beschwöre dich bei Gott und bei Christus Jesus, dem kommenden Richter der Lebenden und der Toten, bei seinem Erscheinen und bei seinem Reich:

2Verkünde das Wort, tritt auf, ob gelegen oder ungelegen, überführe, weise zurecht, ermahne, in aller Geduld und Belehrung!

Überblick

Geduld und Belehrung. Zwei altmodisch anmutende Haltungen, die für einen Gemeindeleiter nur gemeinsam Sinn machen.

1. Verortung im Brief
Der 2. Brief an Timotheus (2 Tim) gehört zusammen mit dem 1. Brief an Timotheus und dem Titusbrief zu den sogenannten Pastoralbriefen. In diesen wendet sich der Verfasser, der sich als Paulus ausgibt, um seinen Worten eine größere Autorität zu verleihen, an Gemeindeleiter in Ephesus (Timotheus) und Kreta (Titus). Grundthema der Briefe ist die Frage nach einer verlässlichen Weitergabe des Evangeliums angesichts vielfältiger Herausforderungen.
Die Mahnungen an den Gemeindeleiter Timotheus und die an ihn gerichteten Ermutigungen im Hauptteil des Briefes lassen sich in zwei Schwerpunkte untergliedern. Im ersten Teil des Hauptteils (2 Tim 2,1-26) steht die Person des Timotheus und seine persönliche Treue zum Evangelium auch in Krisenzeiten im Fokus. Im zweiten Hauptteil (2 Tim 3,1-4,8) liegt das Augenmerk auf der Funktion des Timotheus als Gemeindeleiter. Der Abschnitt der Lesung ist diesem Teil entnommen und ruft den Apostel als Vorbild in Erinnerung und ermutigt, die Aufgabe des Gemeindeleiters und Verkündigers treu auszuüben.

 

 

2. Aufbau
Der Abschnitt setzt sich aus drei gedanklichen Folgen zusammen, die über Stichworte oder Motive miteinander verbunden sind. Die Verse 2 Tim 3,14-15 ermahnen Timotheus sich treu an das zu halten, was ihm durch seine Lehrer und durch die Heilige Schrift anvertraut wurde. Die Heilige Schrift als Quelle des Glaubens und ihre Verwendung durch Timotheus steht dann im Zentrum der Verse 2 Tim 3,16-17. Die Verse 2 Tim 4,1-2 kehren mit einer intensiven Mahnung zurück zu Timotheus und betonen erneut die Bedeutung der Glaubensweitergabe durch ihn.

 

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 3,14-15: Das Motiv der Erinnerung an die Glaubenstradition, die dem Timotheus überliefert wurde, kehrt wieder. Seit 2 Tim 1,5 und 1,13-14 läuft es im Brief mit, steht jedoch zumeist als konkrete Erinnerung an Situationen im Leben des Timotheus. Hier ist jedoch – vor dem Hintergrund von Vers 17 – die Erinnerung und damit verbundene Mahnung allgemeiner zu verstehen. Es geht nicht mehr nur um Timotheus, sondern er wird zum Vorbild (vgl. 2 Tim 2,13) für den Gemeindeleiter (und Christen) seiner Zeit. Darauf verweist auch die Formulierung „von wem du gelernt hast“, hinter der sich im griechischen Text ein Plural verbirgt. Damit wird auf „mehrere Lehrer“ Bezug genommen, die die christliche Botschaft weitergegeben haben. Für Timotheus selbst wird im Brief immer nur von Paulus als dem authentischen „Lehrer“ gesprochen, auf den sich der Gemeindeleiter immer wieder besinnen soll. Die Erwähnung „mehrerer Lehrer“ an dieser Stelle im Text weitet die Aussage auch auf andere Gemeindeleiter hin aus, die nicht mehr nur einen Menschen als Übermittler des Glaubens benennen können. Dies ist sowohl zur Zeit des Timotheus am Beginn des 2. Jahrhunderts als auch in späteren Jahren zutreffend. Die Kette der Glaubenszeugen vor einem wird länger und damit auch die Reihe der Personen, denen man in Treue zur Botschaft nachfolgt. Damit sind wie im konkreten Leben des Timotheus sowohl die Weitergabe des Glaubens innerhalb der Familie (vgl. 2 Tim 1,5) als auch die Unterweisungen in der Gemeinde mitgedacht. Der Bezug zur Gemeinde ist in diesem Kontext natürlich besonders wichtig, richtet sich doch die Mahnung an einen Gemeindeleiter. Die Erinnerung an die Orte der eigenen Glaubensvergewisserung dient hier auch der Stärkung der eigenen Rolle als Glaubensverkündiger für andere.

Die „heiligen Schriften“, auf die sich der Verfasser bezieht, sind die Schriften des Alten Testaments. Sie werden in der Gemeinde im Gottesdienst gelesen. Ihr Blick auf sie ist aus der christlichen Perspektive der frühen Kirche immer darauf ausgerichtet, wie und wo sich in ihnen das Heil, also Jesus Christus ankündigt und zeigt. Die Schrift ist hier als zweite Quelle für das „Lernen“ des Glaubens neben der Unterweisung durch Personen genannt.

 

Verse 3,16-17: Die Schriften des Alten Testaments („jede Schrift“) werden nun in ihrer pastoralen Nützlichkeit für den Gemeindeleiter Timotheus beschrieben. Fundament ihrer Bedeutung ist der Glaube, dass sie von Gott eingegeben (inspiriert) sind. Die Form der Eingebung (Inspiration) ist an dieser Stelle nicht Thema des Verfassers. Dennoch ist es hilfreich zu verstehen, dass im christlichen Verständnis die heiligen Schriften nicht von Gott in einen Menschen „eingeflößt“ also Wort für Wort hinein diktiert wurden. Vielmehr schreiben Menschen im Verstehen des Geistes Gottes die vielfältige Geschichte Gottes mit dem Menschen auf.
Eben diese heiligen Schriften, die von der Geschichte Gottes mit dem Menschen Zeugnis ablegen, sind eine Quelle der Verkündigung an die christliche Gemeinde. Der Begriff „Mensch Gottes“ steht hier für jeden Menschen, der sich zu Gott als dem Vater Jesu Christi bekennt. Für jeden einzelnen, aber auch für die Gemeinschaft der Christen sind die Schriften nützlich. Die nun genannten Anwendungsbeispiele beziehen sich auf die Situation der Gemeinde zu Beginn des 2. Jahrhunderts, sind aber auch darüber hinaus verständlich. Denn die Schriften helfen nicht nur dabei, Menschen im christlichen Glauben zu unterrichten und sie mit der Gerechtigkeit Gottes vertraut zu machen. Sie liefern auch Kriterien, mit denen andere „Glaubensunterweisungen“, wie die der „Irrlehrer“ in der Gemeinde des Timotheus, als falsche Überlieferungen enttarnt werden können.

 

Verse 4,1-2: Unter dem Eindruck von Vers 4,8 („ich werde schon geopfert und die Zeit meines Aufbruchs ist nahe“ als Selbstaussage des Verfassers) lesen sich auch die vorangehenden Verse hier als eine Art Vermächtnis. Unter dem Eindruck der herannahenden Leiden des Apostels Paulus, als der sich der Verfasser des Briefes ausgibt, ist die eindringliche Ermahnung („ich beschwöre dich“) gut zu verstehen. Der Verfasser erinnert Timotheus an die Hoffnung auf die Wiederkunft (Parusie) Jesu Christi. Mit dieser Wiederkunft geht das Gericht über die Lebenden und Toten genauso einher wie das Wirklichkeit Werden seines Reiches. Die Erinnerung an diese christliche Grundhoffnung, wie sie bis heute im Glaubensbekenntnis formuliert ist, soll Timotheus die Kraft geben, dass Wort Gottes zu verkünden.
Die Art und Weise der Weitergabe des Evangeliums schlägt einen Bogen sowohl zum Vers 3,16 als auch zu Vers 3,14. Denn Timotheus erinnert sich angesichts der Mahnungen in 4,2 sicher an das Auftreten seines Lehrers Paulus, der ungeachtet seiner eigenen Situation das Evangelium verkündete. Zugleich steht die Verkündigung des Evangeliums, die zurechtweisend, ermahnend, belehrend sein soll, in Kontinuität zu den „heiligen Schriften“ (Vers 3,16).

Auslegung

„In aller Geduld und Belehrung“ – diese letzten Worte des Lesungsabschnitts aus dem 2. Timotheusbrief sind als zwei Grundhaltungen zu verstehen, die Timotheus jenseits aller konkreten Hinweise in seinem Tun als Gemeindeleiter auszeichnen sollen. Wie geduldiges und belehrendes Verkündigen gelingen kann, dies hat er am eigenen Leib bereits erfahren und wir als Leser des Briefes haben ihm dabei quasi über die Schulter geschaut. Denn so wie der Verfasser Timotheus diese Haltungen kurz vor dem Ende des Hauptteils des Briefes mitgibt, genauso hat der Verfasser selbst im Laufe des Briefes den Timotheus unterwiesen.

Immer wieder hat er ihn auf mal auf subtile, mal auf direkte Art und Weise daran erinnert, was der Kern der Botschaft ist. Ein Beispiel ist das Bekenntnis zur Wiederkunft Christi und dessen Richterfunktion am Ende der Zeiten (Vers 4,1). Indem der Verfasser diesen Kernsatz ins Gedächtnis ruft, „belehrt“ er Timotheus über dessen Bedeutung. Ohne diese Hoffnung auf die Wiederkunft Christi und den Beginn seines Reiches, wäre das Verkündigen des Wortes sinnlos. Denn wie und warum sollte man Menschen, das Reich Gottes nahe bringen, wenn es doch keine Zuversicht gäbe, dass dieses Reich Gottes auch einmal Wirklichkeit wird.
Der Begriff der „Belehrung“ ist hier sehr konkret der Situation der Gemeinden am Anfang des 2. Jahrhunderts geschuldet. Für Timotheus und die Gemeindeleiter seiner Zeit, denn die Pastoralbriefe wollen mehr als die eine konkrete Person in Verantwortung ansprechen, geht es bei Belehrung um die Abwehr von anderen „Lehrern“. Es geht um „Irrlehrer“, die die Botschaft des Evangeliums verkürzen, für ihre eigenen Zwecke umformulieren, sich damit einen Vorteil verschaffen etc. „Belehren“ meint daher weniger den erhobenen Zeigefinger, den wir heute hineinlesen, als das klare Vermitteln einer Botschaft, die das Leben in neue Bahnen lenkt. Belehren meint im Kontext des Briefes wie heute das ungeschönte Verkündigen der Botschaft vom Reich Gottes, die dem einen gelegener, dem anderen ungelegener kommt, aber immer eine Konsequenz nach sich zieht. Den Glauben an Jesus Christus sollte man nicht unüberlegt annehmen. Denn wer Christ wird oder Christ ist, der sieht sich mit Lebenshaltungen (Barmherzigkeit, Güte, Demut) konfrontiert, die nicht immer einfach umzusetzen sind. Die volle Tragweite des Evangeliums zu verkünden und die Menschen immer wieder an sie zu erinnern, das verbirgt sich hinter der Haltung des „Belehrens“.

Und in gleicher Weise, wie Timotheus in Sachen Belehrung daran Maß nehmen kann, wie der Verfasser des Briefes mit ihm verfahren ist, kann er dies auch in Bezug auf die Haltung der Geduld. Denn der „Paulus“, in dessen Namen der Brief verfasst ist, wird nicht müde mit immer neuen Facetten Timotheus seine Aufgabe zu erklären und ihn zu ermutigen.
Für Timotheus selbst bedeutet dies: Geduld üben im Hinblick auf die Zuhörer und deren Lebenswirklichkeiten. Ob es für ihn selbst gerade gelegen kommt oder für seine Zuhörer ungelegen, Timotheus soll immer und immer wieder, beharrlich die Botschaft von Jesus Christus unter die Menschen bringen. Und das kann bedeuten, vielleicht wochenlang zu predigen ohne einen Erfolg zu verspuren. Das kann aber auch bedeuten, auszuhalten, dass sich Menschen abwenden oder gegen ihn stellen. Geduld wird Timotheus als Haltung jedoch nicht nur in Bezug auf die anderen benötigen, sondern auch auf sich selbst. Die Mahnung zur Geduld betrifft auch die eigene innere Haltung, sich selbst mit allen Fehlern und Schwächen auszuhalten und dennoch nicht an der anvertrauten Aufgabe zu zweifeln.

 

Belehrend und geduldig, so stellt sich der Verfasser des 2. Timotheusbriefs den Gemeindeleiter seiner Zeit und Timotheus ganz konkret vor. Und nicht umsonst nennt er diese beiden Haltungen in einem Atemzug. Paulus selbst, in dessen Namen er schreibt, ist das beste Beispiel für die Notwendigkeit, diese beiden Dinge miteinander zu verknüpfen. Scheitern, Erfolg, Lob und Anfeindung – der Apostel Paulus hat all dies erlebt. Nur indem er klar und verständlich in der Botschaft (belehrend) und dabei mit sich und den Menschen um sich herum geduldig blieb, hat er das Evangelium so vielen verkünden können. Timotheus ist selbst ein Beispiel dafür, dass mit diesen beiden Haltungen, Menschen in ein verantwortetes Christsein hineinwachsen können. Nun ist Timotheus derjenige, der andere zu „Menschen Gottes zurüsten“ soll (vgl. 3,17). Und nur wenn er belehrend und geduldig zugleich ist, wird ihm dies gelingen.