Lesejahr C: 2018/2019

Evangelium (Lk 17,5-10)

5Die Apostel baten den Herrn: Stärke unseren Glauben!

6Der Herr erwiderte: Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Entwurzle dich und verpflanz dich ins Meer! und er würde euch gehorchen.

7Wenn einer von euch einen Knecht hat, der pflügt oder das Vieh hütet, wird er etwa zu ihm, wenn er vom Feld kommt, sagen: Komm gleich her und begib dich zu Tisch?

8Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Mach mir etwas zu essen, gürte dich und bediene mich, bis ich gegessen und getrunken habe; danach kannst auch du essen und trinken.

9Bedankt er sich etwa bei dem Knecht, weil er getan hat, was ihm befohlen wurde?

10So soll es auch bei euch sein: Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind unnütze Knechte; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan.

Überblick

Vom Maulbeerbaum und unnützen Knechten. Das heutige Evangelium spricht über Selbsteinschätzung und das Erfüllen einer Pflicht.

1. Verortung im Evangelium
Die Worte an die Jünger in Lukasevangelium (Lk) 17,5-10 gehören zu einer kleinen Szene zwischen Jesus und seinen Jüngern, in der es um das Selbstverständnis der Jünger und ihr Handeln geht. Diese schließt sich scheinbar nahtlos an die Rede an die Pharisäer in Lk 16,14-31 samt dem Gleichnis vom reichen Mann und armen Lazarus an. Zu Lk 17,5-10 gibt es keine eigene szenische Einbettung, dadurch hängt sie zwischen der Pharisäerszene zuvor und der nachfolgenden Szene auf dem Weg durch das Grenzland zu Samarien (Lk 17,11-21) etwas in der Luft. Erzähltechnisch ist sie mit der vorangehenden Szene insofern verbunden, als in beiden Szenen eine Gleichniserzählung Verwendung findet.

 

 

2. Aufbau
Die Verse 5-6 enthalten eine Bitte der Jünger und eine darauffolgende Antwort Jesu. Einerseits ist dieser Dialog in sich geschlossen. Andererseits bietet die anschließende Gleichniserzählung (Verse 7-10) eine Hilfestellung für die fragenden Jünger in Vers 5 an.

 

 

3. Erklärung einzelner Verse
Verse 5-6: Die Frage bzw. Bitte der Apostel in Vers 5 lässt sich nur von der Antwort Jesu aus richtig verstehen. Die Antwort ist so formuliert, dass sie den Inhalt der Frage der Apostel als Trugschluss entlarvt. Das Bild vom Maulbeerbaum – der auf keinen Fall verrückbar ist – nimmt nicht auf die „Größe“ des Glaubens der Jünger Bezug, sondern auf den fehlenden Glauben der Jünger. Es ist dabei offensichtlich so, dass der Evangelist Lukas das Bildwort vom Maulbeerbaum geschickt in die Szene einbaut, ohne damit ein endgültiges Urteil über die Kraft des Glaubens zu fällen.
Die Jünger äußern den Wunsch, Jesus möge ihren Glauben stärken. Daraufhin macht er ihnen im Bild vom Maulbeerbaum deutlich, dass es ihnen noch grundlegend an Glauben mangelt. Ihr Glaube ist eben nicht mal so groß wie ein Senfkorn. Wenn es anders wäre, könnten sie selbst mit der Kraft ihres kleinen/geringen Glaubens den Maulbeerbaum verpflanzen. Indem der Evangelist Lukas Jesus den Jüngern gegenüber diesen Vergleich bringt, nimmt er ihn aus dem normalen Gemeindeleben heraus. Denn die Apostel, die einen herausgehobenen Status innerhalb der Jüngergemeinschaft haben, ihnen ist durchaus eine derartige Glaubenskraft zuzutrauen. Für die Leser des Lukasevangeliums ist eine solche eigene Kraft jedoch nicht vorstellbar. Wenn das Wort vom Maulbeerbaum allgemein formuliert wäre, wäre es für die Gemeinde und ihren Glauben irritierend, weil das Geschilderte unmöglich ist.

 

Verse 7-8: Die Einleitung „wenn einer von euch“ hatte der Evangelist Lukas bereits an mehreren Stellen verwendet, z.B. in der Einleitung zum Doppelgleichnis vom verlorenen Schaf und der verlorenen Drachme (Lk 15,4.8). Hier wird eine Situation konstruiert, die zwar zwei Handlungsalternativen vorschlägt, von denen aber nur eine denkbar ist. Den Hörern des Gleichnisses wird die Rolle des Herrn zugewiesen, dessen Knecht von der Arbeit kommt. Die rhetorischen Fragen der beiden Verse sind eng miteinander verbunden, denn vor allem vor dem Hintergrund der alternativen Vorgehensweise in Vers 8 wird die Frage in Vers 7 eindeutig beantwortbar. Niemand wird dem Knecht, der für die Haus- und Feldarbeit zuständig ist, sagen, er möge sich zu Tisch setzen, bevor der Herr selbst nicht gespeist hat.

 

Vers 9: Die weitere rhetorische Frage schließt sich sofort in der Bildwelt an: Das Verrichten einer aufgetragenen Aufgabe braucht keinen expliziten Dank.

 

Vers 10: Es folgt die Erläuterung des Gleichnisses und die Anwendung auf die reale Situation (Frage der Jünger). Dabei schlüpfen diese nun aber in die Rolle des Knechts und nicht wie anfangs in die des Herren. Die Übertragung auf die Jünger hat eine doppelte Aussage: Sie sollen sich erstens als „unnütze Knechte“ betrachten, d.h. ihre Selbsteinschätzung relativieren. Und zweitens sollen sie das Ausführen der aufgetragenen Aufgaben als etwas betrachten, das keinen expliziten Dank nach sich zieht. Ihr Handeln als Jünger ist – wie das Handeln des Knechtes – reine Erfüllung einer Pflicht.

Auslegung

Dass das Wort Gottes nicht immer einfach daherkommt, wird in diesem Evangeliumstext wieder einmal greifbar. Sowohl die implizite Einschätzung Jesu seinen Aposteln gegenüber, ihnen würde es an Glauben mangeln, als auch die Rede vom „unnützen Knecht“ am Ende des Gleichnisses gehen nicht leicht in die Ohren hinein. Zudem ist es so, dass in diesem Abschnitt des Evangeliums die wesentlichen Fragen und Themen nur im Subtext stehen.

Obwohl die gesamte Szene mit den Jüngern (Lk 17,1-10) eher unscheinbar an die Rede Jesu an die Pharisäer anschließt, scheint sich hinter hier eine große Brisanz zu verbergen. Es geht um nichts weniger als um das Verhalten der Jünger Jesu. Der großen Menge der Jünger wurde in den Versen Lk 17,1-4 eine Mahnung zum Umgang mit Fehlern und Streitigkeiten mit auf den Weg gegeben wird. Die Bitte der Apostel, also derjenigen, die von Jesus in besonderer Weise erwählt wurden, öffnet Jesus die Tür, um ihnen eine Mahnung zum Thema Selbsteinschätzung und -wahrnehmung zuteilwerden zu lassen.
Hinter der Bitte oder dem Wunsch, vom Herrn eine Stärkung im Glauben zu erfahren, steht die innere Überzeugung der Apostel zunächst einmal Glauben zu besitzen. Diese Überzeugung stellt Jesus mit einem harten Bildwort auf die Probe. Und im anschließenden Gleichnis legt Jesus noch einmal nach. Die Apostel sollen sich zunächst erzählerisch geschickt in den Herrn hineinversetzen, um sich dann – weil sie der Sicht des Herrn innerlich ja zugestimmt haben – in der Rolle des Knechtes wiederzufinden. Und dies führt zu einem weiteren deutlichen Appell: Sie sollen ihre Aufgabe in dem Bewusstsein „unnütze Knechte“ zu sein verrichten. Der harte und deutliche Ton Jesu seinen Aposteln gegenüber gründet wohl in einer Wahrnehmung, die wir nur hinter den Texten erahnen können. Er will ihnen weder generellen Hochmut oder Unglauben vorwerfen, aber es scheinen sich Dinge eingeschlichen zu haben, denen es zu wehren gilt. Wenn die Apostel um eine Stärkung im Glauben bitten und Jesus ihnen mangelnden Glauben vorwirft, dann möchte er sie darauf verweisen, erst einmal für sich selbst am eigenen Glauben zu arbeiten. Sie scheinen hier mehr auf einen Impuls von außen zu hoffen, als an sich selbst zu arbeiten. Es ist weniger der Glaube an Gott, an dem es hier zu mangeln scheint, als der Glaube an die Vollmacht und Kraft, die ihnen durch Jesus selbst anvertraut wurde und die sie nach ihrer Aussendung bereits genutzt haben (Lk 9,10). Und in letzter Konsequenz sagt dies dann auch etwas über ihren Glauben und ihr Vertrauen in Jesus Christus aus. Insofern kritisiert Jesus ihren mangelnden Glauben an die ihnen übertragene Vollmacht und die falsche Selbsteinschätzung, sie würden etwas sicher besitzen, was dann nur noch von außen verstärkt werden brauche.
Der zweite Appell Jesu gilt der offenbaren Sehnsucht der Apostel für ihren Dienst eine besondere Anerkennung zu erhalten. Auch hier ist die Ansage eindeutig: Was ihr macht, ist nicht irgendeine bewundernswerte Leistung. Vielmehr ist euer Dienst der Verkündigung des Reiches Gottes die pflichtgemäße Antwort auf die Verkündigung des Reiches Gottes an euch. Wer selbst die Botschaft Jesu gehört hat und dann auch noch in einer Weise wie die Apostel für eine besondere Aufgabe berufen ist, der darf für das, was zu seiner Kernaufgabe gehört, nicht eine fortwährende Bestätigung erwarten. Ähnlich wie der Knecht zu dem Zweck eingestellt wurde, dem Herrn in bestimmten Dingen zu dienen, so sind auch die Apostel in besonderer Weise erwählt, um das Evangelium zu verkünden.

Kunst etc.

Maulbeerbäume, wie dieser hier in der Nähe von Weilheim, können bis zu 15 Meter hoch werden.