Lesejahr C: 2018/2019

1. Lesung (Jes 62,1-5)

621Um Zions willen werde ich nicht schweigen, um Jerusalems willen nicht still sein,

bis hervorbricht wie ein helles Licht seine Gerechtigkeit und sein Heil wie eine brennende Fackel.

2Dann sehen die Nationen deine Gerechtigkeit und alle Könige deine Herrlichkeit. Man ruft dich mit einem neuen Namen, den der Mund des HERRN für dich bestimmt. 3Du wirst zu einer prächtigen Krone in der Hand des HERRN, zu einem königlichen Kopfschmuck in der Hand deines Gottes.

4Nicht länger nennt man dich Verlassene und dein Land nicht mehr Verwüstung, sondern du wirst heißen: Ich habe Gefallen an dir und dein Land Vermählte genannt. Denn der HERR hat an dir Gefallen und dein Land vermählt. 5Wie der junge Mann die Jungfrau in Besitz nimmt, so nehmen deine Söhne dich in Besitz. Wie der Bräutigam sich freut über die Braut, so freut sich dein Gott über dich.

Überblick

Propheten sind nicht nur das Sprachrohr Gottes. Sondern sie können auch unermüdliche Kontrahenten sein – selbst gegenüber Gott.

 

1. Verortung im Buch

Nahe dem Ende des Buches Jesaja stehen in den Kapiteln 60-62 Gottes Handeln für Jerusalem und die Vorstellung dieser als einer gewaltfreien, herrlichen, reichen Stadt im Mittelpunkt. Im Unterschied zu Jesaja 60-61 ändert sich der Ton in Jesaja 62 jedoch deutlich. Zuvor stand noch die Verheißung für Jerusalem im Mittelpunkt: „Fremde bauen deine Mauern, ihre Könige sind dir zu Diensten. Denn in meinem Zorn habe ich dich geschlagen, aber in meinem Wohlwollen habe ich Erbarmen mit dir.“ (Jesaja 60,10). Nun aber erhebt der Prophet seine Stimme und richtet sie nicht nur an das Volk, sondern verlangt von Gott, dass die Zusagen, nun auch eingelöst werden. Die Aufforderung an Gott endet in der Gewissheit, dass Gott trotz seiner scheinbaren und beklagten Tatenlosigkeit, seine Verheißungen an Jerusalem erfüllen wird (Jesaja 62,10-12).

 

2. Aufbau

Dass Gott, der Gott Zions ist, wird jeweils am Ende der beiden Abschnitte des Textes betont (Verse 3 und 5). In den Versen 1-3 stehen die Verheißungen für die Stadt im Zentrum. In den Versen 4-5 kommt zudem noch die Perspektive auf das Land hinzu.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 1: Um den Sprecher der folgenden Verse zu identifizieren, hilft ein Blick auf Vers 6: „Auf deine Mauern, Jerusalem, habe ich Wächter gestellt. Den ganzen Tag und die ganze Nacht, niemals sollen sie schweigen. Die ihr den HERRN erinnert, gönnt euch keine Ruhe!“ Die sprechende Person ist der Prophet, der wie die von ihm eingesetzten Wächter, Gott seine Zusagen in Erinnerung ruft bzw. das Bittgebet erklingen lässt und ihn dadurch zum Handeln verpflichtet. Der Prophet wartet nicht still auf Gottes Handeln, sondern tritt „um Zion/Jerusalem willen“ auf, damit Gott der Stadt Gerechtigkeit und Rettung zuteilen werden lasse. Das Bild des hellen Lichts und der brennenden Fackel verdeutlichen, dass der Prophet Gottes erscheinen in der Stadt fordert.

Vers 2: Während der erste Vers das Bekenntnis des Propheten und seine Fürsprache für Zion betont, stellen die folgenden Verse die Verkündigung der Erlösung Zions in den Vordergrund, wenn Gott handeln wird. Das Erscheinen Gottes wird eine weltverändernde Bedeutung haben. Diese wird sich in einem neuen Namen für Jerusalem ausdrücken. Der „neue Name“ muss nicht mit den in Vers 4 genannten Namen identisch sein. Die Neubenennung Jerusalems durch Gott erklärt, dass die Gerechtigkeit und Herrlichkeit sich auf eine neue, bisher unbekannte Weise offenbaren und den Status der Stadt verändern wird. Die Formulierung im Hebräischen verweist darauf, dass der neue Name noch unbekannt ist, sozusagen ein Geheimnis Gottes, der aber bereits feststeht (wörtlich: „und du wirst mit einem neuen Namen genannt werden, welchen der Mund JHWHS bestimmen wird.“).

Vers 3: Zion selbst wird nicht gekrönt, sondern wird eine Krone Gottes sein. Diese ist zwar ein königlicher Schmuck, aber sie krönt ihn nicht, sondern er hält das Zeichen seiner Macht fest in der Hand.

Vers 4-5: Die in Jesaja 7,5 angekündigte und sich durch das Exil ereignende Verwüstung Zions wird umgekehrt werden. Gottes Gefallen an der Stadt wird wieder sichtbar werden. Das mit „Gefallen haben“ übersetzte hebräische Wort חפץ kann an anderen Stellen in der Bibel, die männlichen, liebenden Gefühle gegenüber einer Frau bezeichnen. Dies verdeutlicht sich auch in der Bezeichnung als „Vermählte“. Das dieser Übersetzung zugrundliegende hebräische Wort  בעלhat die Grundbedeutung „besitzen“. Die Frau war in der Welt des Alten Testament rechtlich der Besitz des Ehemannes. Zion wird also wieder zum vertrauen Besitztum Gottes und das ganze Land wird wieder in Besitz genommen. Vers 5 verdeutlicht, dass diese Zusage in einem doppelten Sinn zu verstehen ist: Nicht nur Gott wird wieder in ein enges Verhältnis zu Zion treten, sondern das Volk wird wieder zu den souveränen Einwohnern des Landes werden.

Auslegung

Gottes Zusagen an Jerusalem werden von dem Propheten bestätigt, aber in der Form eines Bittgebetes bzw. einer indirekten Klage an Gott: Warum handelt er nicht entsprechend seiner Verheißungen? Er erhebt seine Stimme zu Gott und fordert ihn auf, den Worten Taten folgen zu lassen. Im Hintergrund steht die Gewissheit, dass Gottes Zusagen sich verwirklichen – aber Gott muss scheinbar dazu aufgefordert werden. Und in dieser Forderung wird zugleich die Macht Gottes und sein besonderes Verhältnis zu Zion deutlich: Gott hat seine Freude an Zion (Jesaja 62,5). Verkündigung besitzt in diesem Text eine doppelte Bedeutung: Sie kann sowohl eine Zusage an die Menschen als auch eine Forderung an Gott sein.

Kunst etc.

In diesem Fresco des italienischen Künstlers Giovanni Battista Tiepolo (1669-1770) aus dem Erzbischöflichen Palast in Udine, Italien sieht man die Darstellung eines typischen Verständnisses, was Propheten sind. Sie seien Sprachrohe Gottes. In Jesaja 62,1-5 zeigt sich deutlich, dass die Propheten zwar Gottes Wort verkünden, aber dieses zugleich auch an Gott selbst als Forderung richten können.

Giovanni Battista Tiepolo (1669-1770), Darstellung des Propheten Jesaja im Erzbischöflichen Palast in Udine, entstanden zwischen 1726 und 1729 – Lizenz: gemeinfrei.
Giovanni Battista Tiepolo (1669-1770), Darstellung des Propheten Jesaja im Erzbischöflichen Palast in Udine, entstanden zwischen 1726 und 1729 – Lizenz: gemeinfrei.