Lesejahr C: 2018/2019

1. Lesung (Apg 1,1-11)

1Im ersten Buch, lieber Theophilus, habe ich über alles berichtet, was Jesus von Anfang an getan und gelehrt hat,

2bis zu dem Tag, an dem er in den Himmel aufgenommen wurde. Vorher hat er den Aposteln, die er sich durch den Heiligen Geist erwählt hatte, Weisung gegeben.

3Ihnen hat er nach seinem Leiden durch viele Beweise gezeigt, dass er lebt; vierzig Tage hindurch ist er ihnen erschienen und hat vom Reich Gottes gesprochen.

4Beim gemeinsamen Mahl gebot er ihnen: Geht nicht weg von Jerusalem, sondern wartet auf die Verheißung des Vaters, die ihr von mir vernommen habt!

5Denn Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber werdet schon in wenigen Tagen mit dem Heiligen Geist getauft werden.

6Als sie nun beisammen waren, fragten sie ihn: Herr, stellst du in dieser Zeit das Reich für Israel wieder her?

7Er sagte zu ihnen: Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat.

8Aber ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch herabkommen wird; und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde.

9Als er das gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben und eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken.

10Während sie unverwandt ihm nach zum Himmel emporschauten, siehe, da standen zwei Männer in weißen Gewändern bei ihnen

11und sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor? Dieser Jesus, der von euch fort in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen.

Überblick

Jetzt! Christi Himmelfahrt – der Startschuss, um mit der Zeugenschaft ernst zu machen.

1. Verortung im Buch
Lukas schreibt mit seinem Evangelium und der Apostelgeschichte (Apg) eine Art „Fortsetzungsroman“. Er möchte nicht nur seine Variante der Lebensgeschichte Jesu, bei der er sich am Markusevangelium, einer Sammlung von Jesus-Worten (die sogenannte Spruchquelle Q) und einer weiteren Quelle orientiert, aufschreiben. Ihm ist es auch wichtig zu zeigen, wie es nach dem Tod, Auferstehung und Himmelfahrt Jesu mit seinen Aposteln und Jüngern weitergeht. Ihnen ist der zweite Band seiner Erzählung gewidmet. In ihm geht es darum, was Nachfolge Jesu wirklich bedeutet. So schildert Lukas mit welchen Taten und Worten die Jünger Jesu das Reich Gottes verkünden und das Wirken und Sprechen Jesu lebendig halten. Ganz bewusst erzählt Lukas daher Begebenheiten aus dem Leben der Apostel (z.B. Heilungen oder den Prozess des Paulus), die auch im Leben Jesu zu finden waren. Wahre Nachfolge zeigt sich für Lukas darin, dass sich auch im Leben der Jünger das Leben Jesu abbildet.
Da vor allem Paulus und seine Mitarbeiter ab Kapitel 13 auf den Missionsreisen Gemeinden in ganz Kleinasien und sogar Europa gründen, ist die Apostelgeschichte auch eine erste Erzählung der Geschichte der jungen Kirche.

 

 

2. Aufbau
Die Verse 1-3 bilden die von Lukas der eigentlichen Erzählung vorausgeschickte Widmung und Einleitung, die zugleich die in der Apostelgeschichte dargestellten Werke der Apostel mit dem Leben und Wirken Jesu verbindet. Diese Verbindung zwischen Jesus und seinen Aposteln wird in den Versen 4-8 in einer letzten gemeinsamen Szene vertieft. Vers 9 beschreibt die Entrückung Jesu in den Himmel, bevor in den Versen 10-11 den Aposteln das Geschehene gedeutet wird.

 

 

3. Erklärung einzelner Verse


Verse 1-3: Der Name Theophilus bedeutet übersetzt: der, der Gott liebt. Er wird als Adressat der Schilderungen des Evangeliums und der Apostelgeschichte genannt, bleibt aber als Person unbestimmt. Im Lukasevangelium (Lk) wird er mit „hochverehrter Theophilus“ angeredet (Lk 1,3). Er dürfte ein angesehener und wahrscheinlich begüterter Mann gewesen sein und könnte sowohl ein Sponsor wie ein Schirmherr des Evangelisten gewesen sein. Ob Theophilus Christ war oder Interessierter oder Ungetaufter bleibt offen.
Mit knappen Worten fasst Lukas den Inhalt des ersten Bandes zusammen. „Taten und Lehre“ Jesu werden im zweiten Band durch „Taten und Lehre“ der Apostel und Jünger ergänzt. Dieser konkrete Hinweis bleibt aber hier aus. Vielmehr blickt Lukas noch einmal zurück auf die Begegnungen zwischen dem Auferstandenen und seinen Jüngern. Weil Jesus sich ihnen nach Ostern über 40 Tage hindurch als der Lebendige gezeigt hat, können die Taten der Jünger Jesu als klare Fortführung seines Lebenswerkes gesehen werden. Die Zahl 40 ist dabei Verweis auf das göttliche Wirken in diesen Tagen. Immer wieder ist im Alten Testament die 40 ein Zeitraum der Heilserfahrung: Mose bleibt 40 Tage auf dem Sinai vor der Übergabe der Gesetzestafeln und Elia wandert 40 Tage durch die Wüste bis zum Gottesberg. Wenn Lukas hier nun betont, dass Jesus sich vor seiner Aufnahme in den Himmel 40 Tage gezeigt hat, soll dies als Zeit des Heils verstanden werden. Hatte Lukas im Evangelium (Lk 24,50-53) die Himmelfahrt ans Ende des Ostertages gesetzt, um das Buch abzuschließen, so betont er hier mit den 40 Tagen die Eröffnung einer neuen Zeit.
In diesem Sinne ist auch der Hinweis auf die Botschaft vom Reich Gottes zu verstehen, die Jesus seinen Aposteln noch einmal mitgibt (Vers 3). Er hatte sie bereits beauftragt, diese Botschaft ihrerseits zu verkünden (Lk 9,1-6), dies wird nun nach seiner Himmelfahrt ihre Hauptaufgabe sein.

 

Verse 4-8: Nach der zusammenfassenden Schilderung der Erscheinungen des Auferstandenen wird eine Begegnungsszene zwischen dem Auferstandenen und den Aposteln ausführlicher geschildert. Das Mahl als Rahmen der Begegnung soll die Realität der Zusammenkunft hervorheben.
Die Worte Jesu haben erinnernden und zurüstenden Charakter. Die Weisung, Jerusalem nicht zu verlassen, leitet über zu der zentralen Rolle, die die Stadt in der gesamten Apostelgeschichte, vor allem aber den ersten Kapiteln innehat. Sie ist nicht nur das Zentrum des Judentums, sondern auch der Ort der letzten Ereignisse im Leben Jesu und der Sendung des Heiligen Geistes an seine Apostel. Hier bleiben sie weitestgehend beieinander und bilden die Kerngemeinschaft der entstehenden Kirche. Jesus erinnert sie an die Verheißung und ihre kommende Taufe mit dem Heiligen Geist. Die Unterscheidung zwischen Wasser- und Geisttaufe war schon zu Beginn des Lukasevangeliums thematisiert worden (Lk 3,16). Der Heilige Geist ist der Garant göttlicher Nähe und eine Art „Gütesiegel“ für das Wirken der Apostel. Wenn sie so handeln, dass der Heilige Geist sichtbar wird, handeln sie im Auftrag Gottes.

Die Rückfrage der Apostel, ob nun der Zeitpunkt gekommen ist, an dem das Reich für Israel wiederhergestellt wird, lässt sich nur mit Blick auf das Alte Testament verstehen. Dort wird wiederholt die Hoffnung zum Ausdruck gebracht, dass am Ende der Zeiten das Volk Israel als auserwähltes Volk seinen besonderen Rang einnimmt und Jerusalem zum Zentrum für alle Völker wird (z.B. Zefanja 3,14-20). Das Ende der Zeit und der Moment, in dem Gottes Herrschaft beginnt, ist außerdem der Beginn einer neuen Zeit, in der Gerechtigkeit und Freude herrscht (Psalm 97).
Seinen Jüngern hatte Jesus zudem verheißen, dass sie im Reich Gottes mit ihm zu Tisch sitzen und richten (Lk 22,30).

Die Antwort Jesu ist positiv und negativ zugleich. Zunächst bringt er sie davon ab, über den Zeitpunkt der endzeitlichen Ereignisse zu spekulieren. Im nächsten Schritt aber gibt er ihnen zwei Verheißungen mit: sie werden den Geist empfangen und als Zeugen seiner Botschaft unterwegs sein. Die Verbreitung der Botschaft wird dabei in immer größer werdenden Kreisen gedacht: von der Stadt Jerusalem aus in die Region Judäa weiter in das angrenzende Samaria und bis an die Grenzen ihrer Welt. Die beiden Verheißungen, Geist und Zeugnis, sind eng miteinander verknüpft, denn der Geist ist die Kraft, die zur Zeugenschaft befähigt.

 

Vers 9: Die Himmelfahrt Jesu, die bewusst im passiv „wurde emporgehoben“ beschreiben wird und damit göttliches Wirken wiederspiegelt, beendet die gemeinsame Zeit von Jesus und seinen Jüngern. Von nun an sind sie als eingesetzte Zeugen für die Verbreitung des Evangeliums zuständig und werden dafür mit dem Geist ausgerüstet. Mit der einleitenden Wendung „als er das gesagt hatte“ werden die vorangegangenen Worte zum letzten Vermächtnis Jesu an seine Jünger.

Die Wolke als „Fahrzeug“ von unten nach oben ist dabei wie etwa in der Erzählung von der Verklärung Jesu (Lk 9,34-35) Zeichen der himmlischen Welt und Gottes Wirken.

 

Verse 10-11: Das Nachschauen der Apostel ist Verwunderung und womöglich Verunsicherung zugleich. Die beiden Engel, die wie in der Ostererzählung (Lk 24,4) als Männer mit weißen Gewändern beschrieben werden, sollen helfen das Geschehene zu verstehen. Die weißen Gewänder sind Zeichen ihrer Herkunft von Gott.
Die Botschaft an die Apostel hat einen ähnlichen Doppelklang wie die Nachricht der Engel am leeren Grab in Lk 24,5-7. Zum einen klingt ein Vorwurf mit in der Frage, warum sie in den Himmel schauen. Zum anderen bringen die Männer eine Verheißung zum Ausdruck in der Vorschau auf die Wiederkunft Jesu – auch wenn diese nicht zeitlich bestimmt ist.

Auslegung

Die Frage der Apostel, wann denn der ersehnte Zeitpunkt kommt, an dem Gottes Reich auf Erden anbricht, an dem sie die Richterfunktion ausüben und Jerusalem zum Zentrum des Lebens wird, ist verständlich. So viele Hoffnungen sind auf diesen Zeitpunkt gerichtet. Und die Jünger wollen wissen, wo sie dran sind und wie lange sie noch warten müssen. Die Antwort Jesu ist demgegenüber eine herbe Enttäuschung: Sie sind nicht befugt, Zeiten und Fristen zu kennen. Wer aber aus der Antwort Jesu herauslesen möchte, dass er sie bewusst „klein“ oder „dumm“ halten will, schaut zu kurzsichtig auf die Antwort Jesu. „Klein“ hält Jesus seine Apostel sicher nicht – gerade hat er ihnen noch einmal zugesichert, dass sie mit dem heiligen Geist gestärkt werden, um Zeugen seiner Botschaft zu sein. Die Zusicherung, im Reich des Vaters neben ihm zu sitzen und über die zwölf Stämme Israels zu richten (Lk 22,28-30) gilt ebenfalls noch. Wozu dann aber diese klare und strikte Antwort Jesu?

Im Evangelium geht es an diesem Sonntag um den Blick auf das Wesentliche! Gleich zweimal betont Lukas als Autor dieses Motiv in dem kurzen Abschnitt. Denn sowohl die Antwort Jesu als auch die Frage der Engel zielen in diese Richtung. Wer denkt, dass gleich etwas passieren wird, der wartet gespannt. Wer auf etwas wartet, schaut auf die Uhr, wird nervös, fragt sich ‚Wann ist es so weit?‘. Der möchte „seinen Einsatz“ nicht verpassen und auf jeden Fall zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Jesus aber will, dass die Apostel nicht auf einen besonderen Startschuss warten, nervös ihre Zeit vertrödeln oder gar träge werden. Vielmehr sollen sie mit dem Empfang des Heiligen Geistes JETZT und HIER beginnen, seine Botschaft zu verkünden. Sie sollen unmittelbar und konkret und nicht mit dem Blick auf das, was kommen wird, ihre Rolle als Zeugen der Botschaft wahrnehmen. Und diese Aufgabe als Zeugen ist ihnen nicht erst dann übergeben, wenn der Heilige Geist auf sie herabgekommen ist, sondern sie ist ihnen schon zugesagt. Bereits in ihrer Aussendung (Lk 9,1-6) haben sie den Auftrag zur Weitergabe der Botschaft vom Reich Gottes anvertraut bekommen. Dieser Auftrag gilt auch weiterhin! Der verheißene Geist soll ihre Kräfte stärken und er ist Zeichen der Gegenwart Gottes bei all ihren Unternehmungen.

Dem Vergangenen hinterher zu sehen, wie die Apostel, die in den Himmel schauen, oder das Zukünftige herbeizusehnen, darf nicht den Blick für das Wesentliche, für den Auftrag der Zeugenschaft verstellen. „Ihr werdet meine Zeugen sein“ ist keine Ankündigung für in ein paar Tagen oder Wochen oder Jahren. Es ist eine Zusage mit sofortiger Wirkung. Denn nun, da Jesus zum Vater in den Himmel aufgenommen wurde, liegt es an seinen Jüngern, greifbar und lebendig unter den Menschen von Gott zu erzählen.

Kunst etc.

Ein Textfragment aus der Apostelgeschichte auf einem Papyrus aus dem 4. Jahrhundert.

Berliner Papyrusdatenbank, P. 8683 [Public domain] via wikicommons
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