Lesejahr C: 2018/2019

1. Lesung (2 Sam 7,4-5a.12-14a.16)

1 [Als nun der König in seinem Haus wohnte und der HERR ihm Ruhe vor allen seinen Feinden ringsum verschafft hatte, 2 sagte er zu dem Propheten Natan:

Ich wohne in einem Haus aus Zedernholz, die Lade Gottes aber wohnt in einem Zelt.

3 Natan antwortete dem König:

Geh nur und tu alles, was du im Herzen hast; denn der HERR ist mit dir.]

 

4 Aber in jener Nacht erging das Wort des HERRN an Natan:

5 Geh zu meinem Knecht David und sag zu ihm:

So spricht der HERR:

[Du willst mir ein Haus bauen, damit ich darin wohne? 6 Seit dem Tag, als ich die Israeliten aus Ägypten heraufgeführt habe, habe ich bis heute nie in einem Haus gewohnt, sondern bin in einer Zeltwohnung umhergezogen. 7 Habe ich in der Zeit, als ich bei den Israeliten von Ort zu Ort zog, jemals zu einem der Stämme Israels, die ich als Hirten über mein Volk Israel eingesetzt hatte, ein Wort gesagt und sie gefragt: Warum habt ihr mir kein Haus aus Zedernholz gebaut?

8 Sag also jetzt meinem Knecht David:

So spricht der HERR der Heerscharen:

Ich habe dich von der Weide und von der Herde weggeholt, damit du Fürst über mein Volk Israel wirst, 9 und ich bin überall mit dir gewesen, wohin du auch gegangen bist. Ich habe alle deine Feinde vor deinen Augen vernichtet und ich werde dir einen großen Namen machen, der dem Namen der Großen auf der Erde gleich ist. 10 Ich werde meinem Volk Israel einen Platz zuweisen und es einpflanzen, damit es an seinem Ort wohnen kann und sich nicht mehr ängstigen muss und schlechte Menschen es nicht mehr unterdrücken wie früher 11 und auch von dem Tag an, an dem ich Richter in meinem Volk Israel eingesetzt habe. Ich verschaffe dir Ruhe vor allen deinen Feinden.

Nun verkündet dir der HERR, dass der HERR dir ein Haus bauen wird.]

12 Wenn deine Tage erfüllt sind und du dich zu deinen Vätern legst, werde ich deinen leiblichen Sohn als deinen Nachfolger einsetzen und seinem Königtum Bestand verleihen. 13 Er wird für meinen Namen ein Haus bauen und ich werde seinem Königsthron ewigen Bestand verleihen. 14 Ich werde für ihn Vater sein und er wird für mich Sohn sein. [Wenn er sich verfehlt, werde ich ihn nach Menschenart mit Ruten und mit Schlägen züchtigen.15 Nie wird sich meine Huld von ihm entfernen, wie ich sie von Saul entfernt habe, den ich vor dir entfernt habe.] 16 Dein Haus und dein Königtum werden vor dir auf ewig bestehen bleiben; dein Thron wird auf ewig Bestand haben.

17 [Natan sprach zu David genauso, wie es gesagt und offenbart worden war.]

Überblick

Der große König David war doch nur ein Beamter Gottes – und doch verpflichtete sich Gott gegenüber seiner Dynastie.

 

1. Verortung im Buch

Der Tempel und das israelitische Königtum der davidischen Dynastie sind zwei der grundlegenden Fundamente des israelitischen Glaubens, die sich wie ein roter Faden durch das Alte Testament bis hinein ins Neue Testament ziehen. An der Grenze zum verheißenen Land wird Israel in der langen Abschiedsrede Moses die Festlegung des Ortes verheißen, „die der HERR, euer Gott erwählen wird, indem er dort seinen Namen wohnen lässt“ (Deuteronomium 12,10). Anders als im Alten Orient üblich wird jedoch nicht der Dynastiegründer David den Tempel erbauen, ihm wird der Bau nur verheißen und von seinem Nachfolger vollzogen (siehe 1 Kön 8,14-21). Stattdessen wird David die Gründung einer ewigen Dynastie in seinem Namen verheißen, die am Ende der Bücher der Könige ebenso wie der Tempel untergeht. An die Wiederaufrichtung der davidischen Dynastie nach dem Exil hängen große Teile der prophetischen Hoffnung und an sie erinnert die Geburt Jesu als Sohn Davids.

 

2. Aufbau

Die von Gott dem Propheten Natan für König David gegebene Verheißung ist durch den dreifachen Verweis auf das Sprechen Gottes aufgeteilt: Nicht David wird den Tempel bauen (Verse 5-7), sondern die Beziehung Gottes zu David dient dazu den nötigen Frieden zu errichten (Verse 8-11a), damit Davids Sohn den Tempel bauen kann und in ihm die Dynastie errichtet wird, deren ewigen Bestand Gott garantiert (Verse 12-16).

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 1-3: Herrschender Friede ist eine Grundvoraussetzung für einen Tempelbau im Alten Orient. Er wird als Geschenk Gottes gedeutet. Daher ist es auch hier nicht verwunderlich, dass David die Initiative ergreift und beabsichtig Gott einen Tempel zu bauen und so den herrschenden Frieden zu sichern. Und Natan heißt diese Absicht als Berater Davids, nicht als Prophet Gottes, gut aufgrund der besonderen Beziehung Gottes zu David.

Verse 4-7:  Gott weist die Bauabsicht Davids zurück, da sie momentan nicht seinem Willen entspricht. In der Vergangenheit hat er von keinem der Anführer und somit auch nicht von David den Tempelbau gefordert. Dies wird nicht aufgrund menschlichen Willens geschehen, sondern gemäß Gottes Plan, den er in den Versen 8-16 offenbart.  

Verse 8-11: Gott ist der souveräne Geschichtslenker, der sich des Königs, den er hier nur als „Fürsten“ bezeichnet, bedient. Die besondere Beziehung Gottes zu David dient dem Schutz und dem Wohlergehen seines Volkes. Diese Verhältnisbestimmung ist das grundlegende Vorwort zur folgenden Dynastieverheißung. Nicht David entscheidet über den Tempelbau, sondern Gott bedient sich seiner, um die Voraussetzung für den Tempelbau zu schaffen: Gott garantiert Frieden und besiegt die Feinde.

Verse 12: Für seine Lebenszeit verheißt Gott dem König David, den dauerhaften Sieg über seine Feinde und seinen Tod. Der Tempel und die Dynastie werden sozusagen auf den Tod Davids gegründet. Auch im Tod liegt die vollständige Handlungsmacht bei Gott. Er wird den Nachfolger Davids, seinen Sohn, zum König einsetzen und dessen Königtum absichern.

Vers 13: Dann wird dieser Sohn den Tempel bauen. Somit wird nicht David seinen Thron und somit seine Dynastie durch den Tempelbau absichern, sondern Gott wird den Tempel durch den ersten Dynastienachfolger bauen lassen und somit die weitere dynastische Abfolge garantieren. Allerdings betont der hebräische Text deutlich, dass der Tempelbau keine Voraussetzung für die Beständigkeit des Thrones ist, sondern beides sind parallele Handlungen.

Vers 14-15: Die besondere Beziehung Gottes zum herrschenden König wird sich auch im Nachfolger Davids fortsetzen. Der König ist ein adoptierter Gottessohn. Die Bezeichnung Gottes als Vater des Königs entstammt der Sprache der altorientalischen Vasallenverträge und verdeutlicht die pädagogische Herrschaft Gottes über den herrschenden Menschen: Er kann ihn bestrafen, aber nicht verwerfen - diese Aussage verwirklicht sich als Salomo, der Sohn Davids, der den Tempel baut, sich anderen Göttern zuwendet, ihnen dient und Kultstätten für sie errichtet (1 Könige 11). Auch nach Salomo besteht die davidische Dynastie fort und ist nicht wie das Königtum Sauls zuvor zugunsten Davids verworfen und ersetz worden.

Vers 16:  Die Verse 12-15 zeigen David den Geschichtsverlauf nach seinem Tod voraus. Er wird sterben, sein Sohn wird ihm auf dem Thron nachfolgen (1 Könige 1-2), Dieser wird den Tempel erbauen (1 Könige 6-8). Und obwohl er sich gegen Gott versündigen wird, wird die errichtete Dynastie nicht, wie zuvor im Falle Sauls geschehen, untergehen (1 Könige 11). Mit dem letzten Satz der Natanverheißung garantiert Gott dem König David, dass zu seinen Lebzeiten seine Dynastie und das mit ihr verbundene Königtum fest errichtet sein werden und Gott beides auf Dauer fortführen wird. Gott bindet sich für alle Zeit an die Dynastie Davids.

Auslegung

Radikal wird die Macht König Davids relativiert. Prägnant kann man das Verhältnis Gottes zu David zusammenfassen in zwei Sätzen, die den gesamten Text zusammenfassen: „Du [,David,] willst mir [=Gott] ein Haus bauen“ (Vers 5) … „Nun verkündet dir der HERR, dass der HERR dir ein Haus bauen wird.“ (Vers 11). Die dem Text zugrundeliegende Theologie verdeutlicht, dass keine menschliche Autorität die Geschichte lenkt, sondern Gott selbst den König als seinen Beamten benutzt, um seinen Willen durchzusetzen. Im Zentrum steht dabei weniger der Tempel oder die Dynastie Davids, sondern das Volk Gottes, dass in Frieden und Sicherheit wohnen soll. Radikal bindet sich aber Gott auch an die Menschen, indem er die Verwirklichung seines Willens in der Geschichte an eine auserwählte Dynastie bindet, der er zusagt, sie nie zu verwerfen. So wird in wenigen Zeilen deutlich, wie Auserwählung zu einer hohen Würde doch nichts anderes ist als ein Dienstamt. Wenn im Alten Testament nach dem Untergang des Tempels und des davidischen Königreiches die Propheten auf den kommenden Erlöser aus dem Hauses Davids hofften, dann glaubten sie nicht an die Rettung durch eine menschliche Macht, sondern sie hofften auf das Handeln Gottes in der Geschichte durch einen Menschen.

Kunst etc.

Im Stundenbuch des Herzogs von Berry, Les Très Riches Heures du Duc de Berry, das zwischen 1410 und 1416 von den Brüdern von Limburg gestaltet wurde, enthält bei Psalm 132 eine Darstellung der Natanverheißung. In dem Psalm wird 2 Sam 7 zitiert, aber zugleich auch entscheidend verändert: „Der HERR hat David Treue geschworen, nicht wird er von ihr lassen: Einen Spross deines Leibes will ich setzen auf deinen Thron. Wenn deine Söhne meinen Bund bewahren, mein Zeugnis, das ich sie lehre, dann sollen auch ihre Söhne auf deinem Thron sitzen für immer.“ (Psalm 132,11-12) Während die Zusage an David in 2 Sam 7,16 noch völlig ohne eine Bedingung formuliert war, ist hier nun das Verhalten der Nachfahren Davids entscheidend für die Verwirklichung der Verheißung. In der den Text begleitenden Illustration ist dieses nicht dargestellt, sondern hier liegt der Fokus auf David auf seinem Thron – aber unter freiem Himmel. Zwar erzählt 2 Sam 7, dass David einen Palast besaß, aber in der Darstellung des blauen Himmels über David, soll sich wohl das Fehlen des Tempels verdeutlichen – eben ein König ohne Tempel. Es ist fast so, als wollte der Illustrator Davids Aussage umkehren: „Ich wohne in einem Haus aus Zedernholz, die Lade Gottes aber wohnt in einem Zelt.“ Sodass er David auch noch seinen Palast nimmt.

Les Très Riches Heures du duc de Berry, Folio 65v aus dem Musée Condé, Chantilly – Lizenz: gemeinfrei.
Les Très Riches Heures du duc de Berry, Folio 65v aus dem Musée Condé, Chantilly – Lizenz: gemeinfrei.