Lesejahr C: 2018/2019

2. Lesung (1 Kor 10,1-6.10-12)

101Ihr sollt wissen, Brüder und Schwestern, dass unsere Väter alle unter der Wolke waren, alle durch das Meer zogen

2und alle auf Mose getauft wurden in der Wolke und im Meer.

3Alle aßen auch die gleiche geistgeschenkte Speise

4und alle tranken den gleichen geistgeschenkten Trank; denn sie tranken aus dem geistgeschenkten Felsen, der mit ihnen zog. Und dieser Fels war Christus.

5Gott aber hatte an den meisten von ihnen kein Gefallen; denn er ließ sie in der Wüste umkommen.

6Das aber geschah als warnendes Beispiel für uns: damit wir uns nicht von der Gier nach dem Bösen beherrschen lassen, wie jene sich von der Gier beherrschen ließen.

10Murrt auch nicht, wie einige von ihnen murrten; sie wurden vom Verderber umgebracht!

11Das aber geschah an ihnen, damit es uns als Beispiel dient; uns zur Warnung wurde es aufgeschrieben, uns, die das Ende der Zeiten erreicht hat.

12Wer also zu stehen meint, der gebe Acht, dass er nicht fällt.

Überblick

Früher war nicht alles besser – aber es lässt sich aus der Vergangenheit doch manches lernen.

 

1. Verortung im Brief
In den Kapiteln 8-10 des 1. Korintherbriefs (1 Kor) dreht sich alles um die Gemeinde und ihr Verhältnis zum Heiligen und seinen Zeichen. Konkret bedeutet das: Was ist für einen Christen ein segensreiches Zeichen und wie erweise ich mich diesem Zeichen als würdig? Wie verhalte ich mich zum Heiligen meiner Nachbarn, dem Götzenopfer, dem Kult etc.? Für eine Gemeinde, die noch nicht sehr groß ist und mitten in einer Welt lebt, in der andere religiöse Regeln gelten und andere Götter verehrt werden, durchaus eine wichtige Frage. In der heutigen Lesung zieht Paulus Beispiele aus dem Alten Testament heran, um der Gemeinde einen Weg durch diese Fragen und Unsicherheiten bzw. falschen Sicherheiten zu bahnen.

 

 

2. Aufbau
Der Text lässt sich grob zweiteilen: Verse 1-6 und Verse 10-11. Dabei sind die Verse 6 und 11 als Zwischenfazit zu verstehen und Vers 12 als abschließende Mahnung an die Gemeinde.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 1-2: Mit „unsere Väter“ spricht Paulus der Gemeinde in Korinth zu, dass sie, in Kontinuität zu Gottes erwähltem Volk Israel steht. Diese Feststellung ist bedeutsam, weil die Mehrzahl der Gemeinde aus Heidenchristen bestand, also aus Menschen, die nicht aus dem jüdischen Glauben heraus an den Glauben zu Christus gekommen sind.

Die Wanderung durch die Wüste begleitet durch die Wolke als Zeichen der Gegenwart Gottes und der Durchzug durchs Rote Meer werden von Paulus hier als Heilszeichen an Israel beschrieben. Mose, der das Volk auf seinem Weg durch die Wüste anführt, und als Prophet Vermittler zwischen Gott und seinem Volk war, ist der Kristallisationspunkt dieses Heilsereignisses. So formuliert Paulus, dass die Israeliten „auf Mose getauft“ werden. Wenn er von „Taufe“ spricht, meint er damit tatsächlich die christliche Taufe. Die Formulierung „auf Mose“ spielt auf die christliche Taufformel auf den Namen Jesu Christi an (vgl. 1 Kor 1,14). Mose wird so in Beziehung gesetzt zu Christus.

Paulus dehnt an dieser Stelle die Bilder von der Wolke und dem Durchzug durchs Rote Meer etwas weit aus. Denn anders als in der christlichen Taufe, bei der es um ein Untertauchen ins Wasser geht, berührt das Volk Israel weder die Wolke (sie zieht voran) noch das Meer (es weicht vor ihnen zurück).

 

Verse 3-4: Zwei weitere Ereignisse aus der Exoduserzählung werden von Paulus nun herangezogen: Das Manna, das vom Himmel fällt, und der Fels, aus dem Wasser entspringt. Beide sind Zeichen der göttlichen Zuwendung, sie sind wie Paulus formuliert „geistgeschenkt“ und bewahren das Volk vor Hunger und Durst. Die Betonung, dass alle davon profitieren, will wie in den Versen 1-2 deutlich machen, dass das gesamte Volk Israel Gottes Gaben geschenkt bekam.
Speise und Trank, die das Überleben sichern, erinnern die Gemeinde in Korinth selbstverständlich an das Herrenmahl, das sie Sonntag für Sonntag gemeinsam feiern. Wenn Paulus dann am Ende auch noch Christus mit dem lebensspendenden Felsen identifiziert, wird auch dem letzten Zuhörer klar geworden sein, dass Paulus von der Eucharistie als Gabe Jesu spricht, in der ewiges Leben geschenkt wird.

 

Vers 5: Es folgt ein Abschluss der zusammengestellten Erzählungen aus der Exodusgeschichte: Trotz der Anteilnahme an den geistgeschenkten Gaben Gottes hat die Mehrzahl der Israeliten das gelobte Land nicht erreicht.

 

Vers 6: Das Schicksal der Israeliten, die am Ende zu Großteilen nicht das gelobte Land erreichten, obwohl sie vorher von Gott beschenkt wurden und Anteil an seinen Gaben hatten, soll als Mahnung dienen. Paulus spricht hier von „Gier“ und meint damit, wie die folgenden Beispiele zeigen, die Sehnsucht nach immer mehr.

 

Verse 10-11: Als ein Beispiel für die Gier ist das „Murren“ des Volkes angeführt. Dabei geht es um das Aufbegehren gegen Mose und Aaron, die das Volk auf Gottes Wort hin in die Wüste führten. Das Murren gegen Mose und Aaron als Propheten ist zugleich ein Murren gegen Gott selbst, der durch die beiden das Volk leitet.

Vers 11 ist eine Hilfestellung zum Verstehen der Beispiele. Paulus deutet das Geschehen der Wüstengeneration als Beispiel und Warnung für die christliche Gemeinde in Korinth. Die Christen dort, die auf das Ende der Zeit und die Wiederkunft des Herrn hoffen, sollen sich die Ereignisse des Exodus gut ins Gedächtnis rufen.
Dahinter steckt das Verständnis, dass nun kurz vor dem Ende der Zeit, die Ankündigungen und Beispiele der Schrift ihren tieferen Sinn enthüllen.

 

Vers 12: Die abschließende Mahnung des Paulus fällt so direkt wie knapp aus: Die Gemeinde soll sich in ihrem Glauben und ihrer Beständigkeit nicht zu sicher fühlen!

Auslegung

Die heutige Lesung lebt von der Gegenüberstellung der „alten Zeit“ der Wüstenwanderung des Volkes Israel und der Jetzt-Zeit der Gemeinde in Korinth in der Mitte des 1. Jahrhunderts. Dabei stellt Paulus aber nicht einfach alt und neu gegenüber uns beschreibt das eine als vergangen und das andere als aktuell. Er sagt nicht, früher war alles besser oder zum Glück sind wir über das Alte hinaus.

Paulus nimmt vielmehr die Beispiele aus der Wüstenzeit als Vorausdeutungen dessen, was die Gemeinde aktuell lebt und erlebt. Die Gemeinde in Korinth ist eine christliche Gemeinde, weil für sie Taufe und Eucharistie zentrale Bestandteile ihres Gemeindelebens sind. In der Taufe auf den Namen Jesu wird man Teil der Gemeinde und bekommt neues Leben geschenkt. Die Eucharistie ist der Mittelpunkt des gemeindlichen Lebens. Hier versammeln sich alle um einen Tisch, teilen die Gaben und feiern die Gegenwart Gottes unter ihnen. Taufe und Eucharistie – Paulus bringt diese beiden Sakramente nur ein einziges Mal zusammen – sind Geschenke Gottes an die christliche Gemeinde; hier konkret an die Gemeinde in Korinth. Sie sind Zeichen seiner Gegenwart und seines Beistandes. ABER: und dazu ruft Paulus die Zeit der Wüstenwanderung ins Gedächtnis, sie sind kein Heilsautomatismus! Die Gegenwart Gottes in Taufe und Eucharistie müssen im Leben, im Handeln und Denken der Gemeinde konkret werden. D.h. zum Beispiel: Es hilft nicht, sich sonntags um den Tisch des Herrn zu versammeln, aber den Rest der Woche nicht genau diese Gemeinschaft, Liebe und Barmherzigkeit den Mitmenschen gegenüber sichtbar werden zu lassen. Oder als anderes Beispiel: Man kann sich nicht durch die Taufe fest und unverbrüchlich mit Gott verbunden fühlen und dann in seinem Leben nirgendwo erkennbar werden lassen, dass man zu Gott gehört.

Als Beispiel für eine falsche Sicherheit angesichts geschenkter Heilszeichen Gottes lässt Paulus einzelne Ereignisse der Wüstenzeit Revue passieren: die Zeichen der Gegenwart (Wolke), der Rettung (Rotes Meer), der Fürsorge (Manna und Wasser). Alle, die durch die Wüste zogen, hatten Anteil daran. Paulus setzt in den Versen 1-4 „alle“ fünfmal ganz betont ein. Ihm gegenüber stehen die wenigen von ihnen, die dann ins gelobte Land einziehen konnten (Vers 5). Trotz der erfahrenen Nähe Gottes haben sich viele aus der Wüstengeneration als unwürdig gegenüber diesem Zuspruch Gottes gezeigt. Sie haben sich abgekehrt, sind fremden Göttern nachgelaufen (goldenes Kalb), sie haben gegen Gott und seine Propheten gemurrt etc. Kurz: Sie haben die Heilszeichen zwar dankend angenommen, aber es hat in ihrem Leben nur wenig verändert.

Paulus warnt seine Gemeinde vor einer falschen Sicherheit. Die Gemeindemitglieder sollen nicht denken, dass durch die Anteilnahme an den Heilszeichen Gottes für sie der rote Teppich zum ewigen Heil ausgerollt ist. Es braucht – um im Bild zu bleiben – auch die notwendige Performance zum roten Teppich. Das konkrete und alltägliche Leben als Christ zeigt, auf welche Weise man den geschenkten Zeichen Gottes in seinem Leben entspricht.

Im Übrigen ist die Mahnung des Paulus nicht zu murren nicht ohne persönliche Stichelei gegen die Gemeinde in Korinth. Wenn in Vers 10 davon die Rede ist nicht zu murren wie die Wüstengeneration, erinnert Paulus an das Aufbegehren des Volkes gegenüber seinen Anführern Mose und Aaron. Die Gemeindemitglieder, die sich zwischendurch sehr heftig mit Paulus und Apollos als ihren beiden Verkündigern auseinandersetzen, werden eine subtile Ermahnung sicher wahrgenommen haben.

Kunst etc.

Im Bild von Nicolas Poussin aus dem 17. Jahrhundert bleibt das Manna fast unsichtbar. Nur die Sammelbewegungen und die Gefäße geben Zeugnis davon, was hier geschieht. Ein wundersames Zeichen göttlicher Fürsorge in Zeiten der Not.

 

Nicolas Poussin [Public domain], Die Juden sammeln das Manna in der Wüste (1637-1639) via wikicommons.
Nicolas Poussin [Public domain], Die Juden sammeln das Manna in der Wüste (1637-1639) via wikicommons.