Lesejahr C: 2018/2019

1. Lesung (Apg 5,27b-32.40b-41)

27bDer Hohepriester verhörte sie

28und sagte: Wir haben euch streng verboten, in diesem Namen zu lehren; und siehe, ihr habt Jerusalem mit eurer Lehre erfüllt; ihr wollt das Blut dieses Menschen über uns bringen.

29Petrus und die Apostel antworteten: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.

30Der Gott unserer Väter hat Jesus auferweckt, den ihr ans Holz gehängt und ermordet habt.

31Ihn hat Gott als Anführer und Retter an seine rechte Seite erhoben, um Israel die Umkehr und Vergebung der Sünden zu schenken.

32Zeugen dieser Ereignisse sind wir und der Heilige Geist, den Gott allen verliehen hat, die ihm gehorchen.

40bdann verboten sie ihnen, im Namen Jesu zu predigen, und ließen sie frei.

41Sie aber gingen weg vom Hohen Rat und freuten sich, dass sie gewürdigt worden waren, für seinen Namen Schmach zu erleiden.

42Und sie ließen nicht ab, Tag für Tag im Tempel und in den Häusern zu lehren, und verkündeten das Evangelium von Jesus, dem Christus.

Überblick

„Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ - Mit diesen Worten rechtfertigen sich nicht nur die Apostel vor dem Hohen Rat, sie stellen sich damit auch in eine Linie mit Philosophen, die die Größe göttlicher Gebote gegenüber menschlichen anerkennen.

 

1. Verortung im Buch
Der vorliegende Abschnitt befindet sich im ersten Teil der Apostelgeschichte, in der das Geschehen auf Jerusalem fokussiert wird (Kapitel 1-7). Das Verkündigen und Wirken der Apostel bleibt in Jerusalem nicht unbeobachtet. Bereits nach der Heilung eines Gelähmten an der „Schönen Pforte“ des Tempels waren Petrus und Johannes vor den Hohen Rat zitiert worden und ihnen war verboten worden, „je wieder in diesem Namen zu irgendeinem Menschen zu sprechen“ (Apostelgeschichte (Apg) 4,17). Bereits dort werfen die Apostel die Frage auf: „Ob es vor Gott recht ist, mehr auf euch zu hören als auf Gott, das entscheidet selbst“ (Apg 4,19).

Nachdem die Apostel weiter für das Evangelium aktiv sind und sogar aus den umliegenden Städten Menschen herbeikommen und sie aufsuchen (Apg 5,16), sind alle Apostel verhaftet worden (Apg 5,17-21a). Bevor es zu einem Verhör kommen kann, werden die Apostel jedoch auf wundersame Weise befreit (Apg 5,21b-25). Von nun an wagt es der Hohe Rat nicht, sie mit Gewalt zu holen, die Apostel kommen quasi freiwillig mit und werden nun den jüdischen Obrigkeiten vorgeführt. Hier setzt der Lesungstext ein.

 

2. Aufbau
Der Lesungstext besteht aus zwei Teilstücken eines insgesamt größeren Abschnitts der Erzählung der Apostelgeschichte. Daher lassen sich die Verhörsituation (Verse 27b-32) und die Notiz über die Freilassung der Apostel und deren Reaktion (Verse 40b-41) unterscheiden.

 

3. Erklärung einzelner Verse


Verse 27b-28: Der Hohepriester führt in Anwesenheit der anderen Mitglieder des Hohen Rates die Befragung bzw. Verhandlung mit den Aposteln durch. Dieser erinnert an das zuvor ausgesprochene Verkündigungsverbot (Apg 4,17) und bestätigt damit indirekt den Erfolg der Tätigkeit der Apostel. Zudem unterstellt er den Aposteln Rache üben zu wollen für den Tod Jesu, was an den Vorwurf des Petrus in Apg 4,10 erinnert, dass der Hohe Rat für die Kreuzigung Jesu verantwortlich ist („den ihr gekreuzigt habt“).

 

Verse 29-32: Für die Apostel führt Petrus das Wort und bringt zunächst seine eigene (rhetorische) Frage aus Apg 4,19 in Erinnerung, die er hier jedoch als Fakt voraussetzt „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“. Auf die Unterstellung einer Racheabsicht geht er gar nicht ein. Stattdessen bringt er in sehr komprimierter Form das Bekenntnis zu Jesus Christus vor. Dabei beginnt er mit der Formulierung „der Gott unserer Väter“ bei einer Gemeinsamkeit zwischen Anklägern und Angeklagten: Der Hohe Rat wie die Apostel teilen das Bekenntnis zum Gott der Väter, dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Als nächsten Argumentationsschritt führt Petrus das Handeln Gottes an Jesus an. Ihn hat er von den Toten auferweckt. Daran an schließt er die Erinnerung, für die Verantwortlichkeit für den Tod Jesu. Es ist der Hohe Rat selbst, der Jesus ans Kreuz gehängt und ermordet hat. Genau diesen Gekreuzigten hat der Gott der Väter zu sich erhöht und in ihm Israel das Angebot der Versöhnung und Umkehr geschenkt. Auch in diesem letzten Punkt sind Angeklagte und Ankläger wieder in ihrem gemeinsamen Bekenntnis zu Gott verbunden, denn an sie alle ist das Angebot zu Umkehr und Versöhnung ergangen.

Den Abschluss der Rede des Petrus markiert das Bekenntnis der Zeugenschaft. Die Apostel haben die Ereignisse mit eigenen Augen gesehen und verkündigen sie seitdem. Der Heilige Geist ist ebenfalls Zeuge der Wahrheit des Berichteten, weil er ihnen verliehen wurde und damit die Authentizität der Botschaft bekräftigt.

 

Verse 40b-41: Nach dem Aufruhr der daraufhin im Rat entsteht und den Beratungen dort (Verse 33-39), werden die Apostel nun ausgepeitscht (Vers 40a) und erneut mit dem Verbot der Predigt „im Namen Jesu“ belegt und frei gelassen. Das Rühmen der erlittenen Leiden entspricht dem Märtyrergedanken und erweist für sie zudem die Echtheit ihres Zeugnisses und Auftrags.

Auslegung

„Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ – mit diesen Worten die eigene Verteidigung zu beginnen ist sicher nicht der klügste Schachzug, wenn man vor dem Hohen Rat steht. Aber es ist für Petrus und die Apostel der einzig denkbare Weg mit ihrer Sendung umzugehen. So wie Petrus es bereits in seinem ersten Auftritt vor dem Hohen Rat gesagt hatte: „Wir können unmöglich schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben“ (Apg 4,20). Die Apostel sehen sich aufgrund des Auftrags des Auferstandenen (Apg 1,8) und der Sendung des Heiligen Geistes in der Pflicht, Zeugnis abzulegen über das Leben, vor allem aber über das Sterben und Auferstehen Jesu.

Wenn Lukas als Autor der Apostelgeschichte Petrus und den Anderen ein solch programmatisches Statement in den Mund legt, dann verfolgt er eine doppelte Absicht: Zum einen möchte er ihre Unerschrockenheit unter Beweis stellen, so wie es das Lob der Apostel auf ihre Leiden ausdrückt. Der Heilige Geist gibt ihnen die notwendige Stärke, ihr Zeugnis auch unter den Vorzeichen von Bedrängnissen aufrechtzuerhalten und dies auch dort zu tun, wo sie sich gegenüber menschlichen Maßstäben und Gerichtsbarkeiten zu verantworten haben. Zum anderen rückt Lukas die Apostel mit dem Verweis auf die größere Bedeutung eines Gottesgebots gegenüber einem Menschengebot in die Nähe antiker Philosophen. So wird von Sokrates überliefert, dass er vor dem Athener Gericht dem Gebot Gottes mehr gehorchen wird als dem des Gerichts (Platon, Apologie). Und ganz ähnlich äußert sich Seneca (4 v. bis 65 n. Chr.) „Dem Gott zu gehorchen ist Freiheit“. Indem die Apostel ähnlich urteilen wie philosophische Autoritäten ihrer Zeit und der Vergangenheit, wird ihr Diktum vom Vorrang des göttlichen Gebots aus der Provinzialität herausgehoben. Es ist nun nicht mehr nur die Meinung einer kleinen, von manchen immer noch mit Argwohn betrachteten Gruppe, sondern es ist eine anerkannte philosophische Meinung, im Streit der Gebote, dem göttlichen den Vorzug zu geben.

So ist auch diese Episode dazu gedacht, die Überzeugungskraft der Botschaft von Jesus als dem auferstandenen Sohn Gottes einerseits und die Kraft der Zeugen andererseits zu verkünden.

Kunst etc.

Jerusalem InaUzv auf Pixabay https://pixabay.com/de/photos/jerusalem-israel-stadt-108848/
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