Lesejahr C: 2018/2019

1. Lesung (Jer 1,4-5.17-19)

4Das Wort des HERRN erging an mich:

5Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt, zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt.

6[Da sagte ich:

Ach, Herr und GOTT, ich kann doch nicht reden, ich bin ja noch so jung.

7Aber der HERR erwiderte mir:

Sag nicht: Ich bin noch so jung. Wohin ich dich auch sende, dahin sollst du gehen, und was ich dir auftrage, das sollst du verkünden. 8Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin mit dir, um dich zu retten - Spruch des HERRN.

9Dann streckte der HERR seine Hand aus, berührte meinen Mund und sagte zu mir:

Hiermit lege ich meine Worte in deinen Mund.10Sieh her! Am heutigen Tag setze ich dich über Völker und Reiche; du sollst ausreißen und niederreißen, vernichten und zerstören, aufbauen und einpflanzen.]

...

17Du aber gürte dich, tritt vor sie hin und verkünde ihnen alles, was ich dir auftrage. Erschrick nicht vor ihnen, sonst setze ich dich vor ihren Augen in Schrecken.

18Siehe, ich selbst mache dich heute zur befestigten Stadt, zur eisernen Säule und zur ehernen Mauer gegen das ganze Land, gegen die Könige, Beamten und Priester von Juda und gegen die Bürger des Landes.

19Mögen sie dich bekämpfen, sie werden dich nicht bezwingen; denn ich bin mit dir, um dich zu retten - Spruch des HERRN.

Überblick

Eine Berufung ist keine freiwillige Wahl. Der Prophet Jeremia ist bereits vor seinem Leben vorherbestimmt, Zerstörung über sein eigenes Volk zu bringen.

 

1. Verortung im Buch

Am Anfang des Buches Jeremia steht die Berufung des Propheten (Jeremia 1,4-19) – und in ihr verdeutlicht sich schon das Besondere an diesem Buch: Im Gericht ist die Gnade Gottes am Werk, die sowohl „aufbaut“ als auch „zerstört“ (Vers 10). Am Ende des Buches wird Jerusalem erobert, die Mauern abgebrochen und die Säulen des Tempels zerstört (Jeremia 52,1-30). Jedoch wird bereits in der Berufung deutlich, das im Propheten, beziehungsweise in seiner Verkündigung sozusagen ein Ersatz bereits gegeben ist, der in einem ersten Schritt gegen das Volk Gottes wirkt, um es zum Heil zu führen. Gott spricht zu Jeremia: „Siehe, ich selbst mache dich heute zur befestigten Stadt, zur eisernen Säule und zur bronzenen Mauer gegen das ganze Land, gegen die Könige, Beamten und Priester von Juda und gegen die Bürger des Landes.“ (Jeremia 1,18).

 

2. Aufbau

Der Berufung Jeremias samt dem Auftrag an ihm (Vers 5), folgt des Propheten Einwand, er sei nicht geeignet (Vers 6). Gott widerspricht ihm und versichert ihm jedoch seinen Beistand (Verse 7-8). Zur Vergewisserung gibt er ihm ein Zeichen verdeutlicht seinen Auftrag (Verse 9-10). Nach zwei Visionsberichten (Verse 11-16) folgt dann die Aufforderung Gottes an den Propheten die Ausführung seines Auftrags zu beginnen (Verse 17-19).

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 4-5: Sogar noch vor der Empfängnis Jeremias ungenannter Mutter, hat Gott ihn bereits zum Propheten auserwählt. Das erste Verb, dass diese Auserwählung ausdrückt („erkennen“, Hebräisch: יָדַע, gesprochen ja‘da) zeigt die innige Nähe Gottes an. Das zweite Verb („heiligen“, Hebräisch:  הִקְדִּישׁ, gesprochen: hiqdisch) verdeutlicht, dass Jeremia ausgesondert wurde, um zu Gottes Eigentum zu werden. Nicht nur der Zeitpunkt seiner Auserwählung ist im Alten Testament einmalig, sondern auch der explizit internationale Auftrag: Nur er wird zum „Propheten für die Nationen“ bestimmt.

Verse 6-8: Im Angesicht Gottes fühlt sich der Berufene unwürdig. Sein erstes Wort ist gar eine Klage in nur einem Wort über die aus der Berufung entstehende Last („ach!“). In seiner Antwort verwendet Jeremia, dasselbe zuvor von Gott verwendete Verb (יָדַע): Gott hat ihn „erkannt“, aber er „weiß“ doch selbst nicht einmal, wie man öffentlich redet – und sowie sei er viel zu jung und ihm fehle somit die Autorität für eine solche Aufgabe. Diese Aussage steht im Widerspruch zu der sich im Buch entfaltenden Wortgewalt des Propheten. Der Prophet fühlt sich ungeeignet, aber der Beistand Gottes befähigt ihn. Entscheidend ist nicht das Vermögen des Propheten, sondern der Auftrag Gottes, der Jeremias in eine vollständige Verfügungsbereitschaft versetzt: Er wird alles verkünden, was Gott ihm befiehlt. An der göttlichen Autorität zerbrechen nicht nur die menschlichen Einwände, sondern auch das menschliche Unvermögen. Für Jeremia gibt es keine andere Möglichkeit als zu gehorchen.

Verse 9-10: Gott berührt den Mund des Propheten und dies bedeutet eine Übergabe seines Wortes an den Berufenen. Es ist bemerkenswert, dass diese Inspiration als ein sinnlicher Akt beschrieben wird. Mit dieser Inspiration geht Autorität einher, wie in ein Herrscheramt wird er eingesetzt. Die vier Verben des Zerstörens und zwei Verben des Aufbauens werden im restlichen Buch nur für das Handeln Gottes verwendet.

Verse 17-19: Der Prophet soll sich bereit machen, seine Aufgabe anzugehen. Diese Aufforderung hat einen drohenden Charakter: Er darf sich nicht vor den Menschen fürchten, sonst wird Gott ihn bestrafen. Der Prophet soll zu einem Bollwerk gegen das Gottes Volk werden. Die Heilserwartungen, die mit der Gottesstadt Jerusalem und deren Tempel verbunden sind, werden auf den Propheten übertragen. Sein Auftrag ist nun nicht der Dienst am Volk, sondern die Konfrontation mit ihm. Der Prophet zieht mit Gott an seiner Seite in den Kampf gegen das eigene Volk – und er kann siegesgewiss sein.

Auslegung

Einer Berufung durch Gott kann der Prophet sich nicht widersetzen. Radikal steht am Anfang des Buches Jeremia die Feststellung, dass sein Schicksal schon vor seiner Geburt festgeschrieben wurde. Er kann sich diesem als Mensch versuchen zu widersetzen, er kann klagen und sich für unwürdig erklären. Aber eine Berufung ist ein Befehl mit göttlicher Autorität, dem man sich schlussendlich nicht widersetzen kann. Gott macht aus dem unerfahrenen Menschen ohne Autorität, ein Bollwerk seiner Verkündigung – aber er lässt den Menschen doch auch menschlich sein. Er weiß um die menschliche Schwäche und warnt daher, dass Menschenfurcht in der Verkündigung ein Mangel an Gottesfurcht ist. Der Berufene muss seinen Auftrag in der Beziehung zu seinem Gott finden und umsetzen, nur so kann er in der Autorität Gottes handeln.

Kunst etc.

Der russisch-ukrainische Maler Ilja Jefimowitsch Repin  (1844–1930) hat in seinem letzten Lebensjahr in einem Ölgemälde den Propheten Jeremia in zerrissener Kleidung erschöpft und klagend vor den Ruinen Jerusalems dargestellt. So verdeutlicht er, dass die Berufung des Propheten nicht zu dessen Freude und Genugtuung diente, sondern eine schwere Last bedeutete, die zu seinen Lebzeiten in Ruinen endete. Von dem Heil, das Jeremia auch verkündete, ist in dem Gemälde nichts zu sehen – nur wenn man weiß, dass im Buch Jeremia, Gott Heil durch das Unheil wirkt, kann man Hoffnung sehen. Ilja Jefimowitsch Repin  hat den Fokus eher auf den tragischen Berufenen gelegt.

 

Ilja Jefimowitsch Repin, Aufschrei des Propheten Jeremia über den Ruinen Jerusalems, Staatliche Tretjakow-Galerie in Moskau – Lizenz: gemeinfrei.
Ilja Jefimowitsch Repin, Aufschrei des Propheten Jeremia über den Ruinen Jerusalems, Staatliche Tretjakow-Galerie in Moskau – Lizenz: gemeinfrei.