Lesejahr C: 2018/2019

1. Lesung (Am 6,1a.4-7)

1 Weh den Sorglosen auf dem Zion und den Selbstsicheren auf dem Berg von Samaria, […]

4 Ihr liegt auf Betten aus Elfenbein und faulenzt auf euren Polstern. Zum Essen holt ihr euch Lämmer aus der Herde und Mastkälber aus dem Stall. 5 Ihr grölt zum Klang der Harfe, ihr wollt Musikinstrumente erfinden wie David. 6 Ihr trinkt den Wein aus Opferschalen, ihr salbt euch mit feinsten Ölen, aber über den Untergang Josefs sorgt ihr euch nicht.

7 Darum müssen sie jetzt in die Verbannung, allen Verbannten voran. Das Fest der Faulenzer ist vorbei.

Überblick

Die Ersten werden die Ersten sein – dieses Urteil spricht der Prophet Amos über die Eliten des Nordreichs Israel. Er kritisiert ihre unbegründete Selbstsicherheit.

 

1. Verortung im Buch

Religiöse und weltliche Feste und Feierlichkeiten sind abscheulich, wenn ihnen die Moral abwesend ist. Diese Kritik äußert der Prophet Amos sehr deutlich in Amos 5,18-6,7. Radikal hatte Gott sich vom Kult des Nordreiches abgewandt: „Ich hasse eure Feste, ich verabscheue sie und kann eure Feiern nicht riechen. Wenn ihr mir Brandopfer darbringt, ich habe kein Gefallen an euren Gaben und eure fetten Heilsopfer will ich nicht sehen. Weg mit dem Lärm deiner Lieder! Dein Harfenspiel will ich nicht hören, sondern das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ (Amos 5,21-24). Nun wird die Lebensführung der Eliten kritisiert. Diese Kritik bereitet den Leser und die Leserin auf die dritte Vision im Buch Amos vor, in der er die kommende Bestrafung Israels ankündigt (Amos 7,7-8). Der Selbstsicherheit der Eliten wird das über sie hereinbrechende Urteil Gottes gestellt. Aus den Ersten des Volkes werden die Ersten werden, die in die Verbannung geführt werden (Amos 6,7). Ohne Moral hat selbst eine Erwählung durch Gott keine Bedeutung!

 

2. Aufbau

Im biblischen Text wird der Wehe-Ruf gefolgt von einer rhethorischen Frage, die verdeutlicht, dass Israel trotz seiner Erwählung nicht anders ist als Völker, die bereits untergegangen sind (Vers 2). In den Versen 3-6 wird der überhebliche Stolz und die damit einhergehende Selbstsicherheit und der ausufernde Luxus als Sünde der Eliten des Nordreiches Israel angeführt. Dieser Schuldaufweis dient als Begründung für die in Vers 7 angekündigte Verbannung aus dem Land. Ein hebräisches Wort verdeutlicht im Verlauf des Textes dessen Aussageintention: רֵאשִׁית (gesprochen: reschit) in Vers 1 und 6, bzw. ‎בְּרֹ֣אשׁ (gesprochen: berosch) in Vers 7: Diejenigen, die sich zu der ersten/höchsten der Nationen zählen (Vers 1), und sich mit dem ersten/besten Ölen verwöhnen (Vers 6), werden als Erste den Zug in die Verbannung anführen (Vers 7).

Für eine zusammenhänge Auslegung der Verse 1-7 siehe hier auf In Principio, die Kommentierung des Buches Amos durch Gunther Fleischer.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 1a: Der Ausruf, mit dem der Text beginnt, ‎הוֹי (gesprochen: hoi), wird auch verwendet in der Totenklage und drückt Missfallen und Schmerz über etwas aus. Mit ihm werden sowohl die Mächtigen in Zion, das ist die Hauptstadt des Südreiches Juda, als auch die Eliten in Samaria, das ist die Hauptstadt des Nordreiches Israel, angeklagt. Sie sind nicht im positiven Sinne sorglos und selbstsicher, sondern der Prophet verurteilt ihre fehlgeleitete Sorglosigkeit, die auch als eine blinde Selbstüberschätzung beschrieben werden kann. Sie wird genauer in den folgenden Versen, die nicht zur Lesung gehören, beschrieben: Die Vornehmen rechnen sich zu den großen Völkern, aber sollten doch wissen, dass auch bedeutende Völker in der Geschichte untergegangen sind (Vers 2); sie haben die Frucht vor einem Gottesgericht verdrängt und so das kommende gewaltsame Ende herbeigeführt (Vers 3).

Vers 4: Wie ausufernd der Luxus der Eliten ist wird plastisch beschrieben. Sie liegen auf Betten mit kostbaren Elfenbeineinlagen, wie sie zum Beispiel der judäische König Hiskija dem mächtigen, assyrischen Großreichkönig Sanherib geschenkt hat. Nicht nur der Luxus wird angeklagt, sondern auch das Verhalten der im Luxus Schwelgenden. Sie – wörtlich übersetzt – „hängen herum“ auf ihren Polstern, sozusagen schlaff von ihrem Luxus sind. Zudem klagt Amos die luxuriöse Füllerei und Übersättigung an: Sie verspeisen das zarteste Fleisch der Lämmer und die besonders wertvollen zum Mästen festgebundenen, fetten Kälber.

Vers 5: Unter den Exegeten ist es umstritten, ob hier ein „Singen“ bzw. „Jaulen“ zur Laute gemeint ist, oder allgemeiner ein „Improvisieren“. Das Improvisieren würde eher passen zu dem folgenden Vergleich mit David. Für ihre Gelage erfinden sie Musikinstrumente, wie König David. Im Buch der Chronik heißt es über ihn: „Die Priester taten ihren Dienst und die Leviten spielten die Instrumente für die Lieder des HERRN. König David hatte diese Geräte anfertigen lassen, um den HERRN zu preisen […]“ (2 Chronik 7,6; vgl. 29,27).

Vers 6: In ihrem Gelage verschwimmen die Grenzen zwischen Kult und eigener Belustigung, denn sie trinken ihren Wein aus Operschalen. Der hebräische Begriff מִזְרָק (gesprochen: mizrak) wird an anderen Stellen im Alten Testament nur in kultischen Zusammenhängen verbunden. Er leitet sich vom hebräischen Wort für „sprengen“ ab, das unter anderem verwendet wird für den kultischen Akt des Blutsprengens an den Altar. Die Vornehmen des Volkes nutzen diese Opferschalen nun jedoch nicht zum Gottesdienst, sondern zur eigenen Trunkenheit. Auch im Umgang mit den feinsten Ölen wird eine Grenzüberschreitung angedeutet. Das Einsalben mit Ölen galt auch als kosmetischer Akt, aber das hier verwendete Verb משׁח (gesprochen: maschah) wird auch verwendet, um die Heiligung von Objekten anzuzeigen und Personen zum Dienst als König, Priester oder Propheten auszuerwählen. All der Luxus und die beschriebenen Handlungen werden am Ende mit der Realität konterkariert. Sie genießen den Luxus und werden – wörtlich übersetzt – „nicht krank aufgrund des Zusammenbruchs Josefs“. Mit Josef ist das Nordreich Israel bezeichnet, das dem Untergang geweiht ist, ab 738 v. Chr. immer stärker von Assyrien bedrängt wird und 722 v. Chr. endgültig untergeht. Die Lebenswelt der Eliten steht im krassen Kontrast zur Realität.   

Vers 7: Weil sich die Eliten der Realität verweigert haben, werden sie dem Volk in die Verbannung voranziehen. Ihre Ausschweifungen werden zusammenfassend mit dem Begriff מַרְזֵחַ (gesprochen: mazreach) beschrieben. In der Umwelt des Alten Testaments werden damit kultische Festversammlungen und -mähler bezeichnet. Im Alten Testament hingegen kommt es ein weiteres Mal nur in Jeremia 16,5 vor und beschreibt dort eine Trauerfeier. Von außen betrachtet, im Angesicht der Realität beschreibt der Prophet Amos die luxuriösen Ausschweifungen der Eliten als nichts anderes, als eine Trauerfeier im Angesicht des Untergangs. Aber das Feiern hat nur ein Ende. Und um dies auszudrücken, wird ein Begriff aus Vers 4 wieder aufgenommen. Die, die auf den Polstern herumhingen, statt zu handeln, deren Fest ist nun vorbei; wörtlich: „beendet ist das Fest der Herumhängenden“, oder vielleicht besser übersetzt, „das Fest der Fläzenden“.

Auslegung

Einfach mal entspannen. Das gute Leben genießen. Mit Wein und Fleisch sich verwöhnen. Das ist alles nicht verwerflich. Die Frage ist, welche Haltung sich dahinter verbirgt. Amos verurteilt nicht den Luxus, sondern die blinde Selbstsicherheit- und damit -selbstüberschätzung. Er verurteilt sie, weil sie anstatt ihr Volk anzuführen, nur „herumhängen“ und ihr Wesen als „Fläzende“ beschrieben werden muss. Die Ersten des Volkes, somit ihre Anführer, führen in ihrer Feierlaune, das Volk in die Verbannung. Ihre Arroganz zeigt sich daran, dass sie selbst aus Opferschalen trinken, die für den Gottesdienst vorgesehen sind, und dass sie sich selbst salben, obwohl man durch andere, im Auftrag Gottes, zu einem höheren Dienst für das Volk gesalbt wird.

Es geht dem Propheten Amos nicht darum, ein Leben im Luxus zu verurteilen – aber jedes Leben geschieht in einem Kontext. Hier ist es das Leben der Vornehmen Israels im Angesicht des Untergangs ihres Volkes. Entscheidend ist hier die Klage in Vers 3: „Ihr, die ihr den Tag des Unheils hinausschieben wollt, führt die Herrschaft der Gewalt herbei.“ Tatenlosigkeit führt ins Unglück. Was das richtige Handeln gewesen wäre, verdeutlicht das Buch Amos an mehreren Stellen, auch in diesem Kapitel: „Ihr aber habt das Recht in Gift verwandelt und die Frucht der Gerechtigkeit in bitteren Wermut.“ (Amos 6,12). Gott will kein Fest der Faulenzer, sondern Recht, das wie Wasser strömt, und Gerechtigkeit, die wie ein nie versiegender Bach ist. Das ist die göttliche Grundlage für Luxus.  

Kunst etc.

Der Verweis auf König David in Vers 5 ist von besonderer Bedeutung. Er gilt im Alten Testament als der ideale König und an seiner Person knüpfen viele Hoffnungen auf einen Erlöser Israels an. In der Kunst wird er oft nicht primär als Herrscher, sondern als Musiker dargestellt. Die Tradition schreibt ihm die Psalmen zu, die er gedichtet haben soll und die Bibel beschreibt ihn mehrfach als Musiker und – oft weniger bekannt – als Instrumentenerfinder. Das Buch der Chronik betont, dass zwar erst sein Sohn dem Ersten Tempel gebaut hat, aber dass König David zu seiner Zeit alles Grundlegende dafür vorbereitet hat. So werden die Musikinstrumente im Tempel in 2 Chronik 29,27 als „Instrumente Davids“ bezeichnet. Der in Amos 6,5 gemachte Verweis darauf, kontrastiert die Gelage der Vornehmen. Sie betätigen sich nicht zugunsten des Kultes, sondern Feiern ihren Luxus.

In einem Buch mit dem Titel „The pictorial Bible and commentator: presenting the great truths of God's word in the most simple, pleasing, affectionate, and instructive manner" aus dem Jahr 1878 findet sich unten zu sehende Illustration der Musikinstrumente des Alten Testaments. Hier finden sich nur Zupfinstrumente. Wahrscheinlich knüpft der Illustrator am Bild Davids mit der Harfe an und dass der Begriff „Psalmen“ eben Saitenlieder bezeichnet. Zur biblischen Zeit gehören ebenso Blasinstrumente nicht nur zur Kriegshandlungen, sondern auch zu den kultischen Musikinstrumenten.

Bild aus „The pictorial Bible and commentator: presenting the great truths of God's word in the most simple, pleasing, affectionate, and instructive manner
Bild aus „The pictorial Bible and commentator: presenting the great truths of God's word in the most simple, pleasing, affectionate, and instructive manner" (Seite 521) aus dem Jahr 1878 – Lizenz: gemeinfrei.