Lesejahr C: 2018/2019

Evangelium (Lk 1,26-38)

Die Verheißung der Geburt Jesu: 1,26-38

26Im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt in Galiläa namens Nazaret

27zu einer Jungfrau gesandt. Sie war mit einem Mann namens Josef verlobt, der aus dem Haus David stammte. Der Name der Jungfrau war Maria.

28Der Engel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir.

29Sie erschrak über die Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe.

30Da sagte der Engel zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden.

31Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den Namen Jesus geben.

32Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben.

33Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen und seine Herrschaft wird kein Ende haben.

34Maria sagte zu dem Engel: Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?

35Der Engel antwortete ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden.

36Auch Elisabet, deine Verwandte, hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen; obwohl sie als unfruchtbar galt, ist sie jetzt schon im sechsten Monat.

37Denn für Gott ist nichts unmöglich.

38Da sagte Maria: Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast. Danach verließ sie der Engel.

Überblick

Wie die Jungfrau zum Kind kommt, das erklärt der Evangelist Lukas für uns moderne Menschen mit rationalen Maßstäben genauso wenig zufriedenstellend wie es die überraschte Maria vielleicht empfunden hat. Wozu uns der heutige Text aber einlädt, ist die Offenheit, das Undenkbare zu denken und dem Wirken Gottes und seinem Zutrauen in den Menschen mit Vertrauen zu begegnen.

 

1. Verortung im Evangelium
Die Ankündigung der Geburt Jesu folgt unmittelbar auf die Erzählung von der Begegnung zwischen dem Engel Gabriel und dem Priester Zacharias im Tempel in Jerusalem und der darin verkündeten Geburt Johannes‘ des Täufers. So prägen zwei Verkündigungsepisoden den Anfang des Lukasevangeliums. Sie sind nicht nur literarisch ganz ähnlich gestaltet, sondern weisen voraus auf eine Verschränkung der Lebenswege und Bestimmungen der beiden Personen, deren Geburt angekündigt wird.

 

2. Aufbau
Die Verse 26-27 liefern den Szenenaufbau für das nachfolgende Geschehen, indem sie die handelnden Personen (Gabriel, Maria, Gott) vorstellen und eine räumliche Einordnung (Nazaret in Galiläa) vornehmen. Durch das zeitliche in Beziehung setzen (im sechsten Monat der Schwangerschaft Elisabets) zur vorangegangenen Episode werden diese in einen direkten Zusammenhang gesetzt. In den Versen 28-29 wird der Gruß des Engels und Marias Verwunderung wiedergegeben, bevor in den Versen 30-33 die eigentliche Geburtsankündigung ergeht.
Die Verse 34-37 sind als Dialog zwischen Gabriel und Maria aufgebaut und liefern einen Verständnisrahmen für das zuvor Erzählte. Der Einwand der Maria in Vers 34 führt zu einer Entfaltung der Botschaft des Engels und der Ankündigung eines Zeichens.
Vers 38 beendet in seinem ersten Teil auf „untypische“ Weise die Szene, da Maria als Empfängerin der Botschaft das Schlusswort überlassen wird. In seinem zweiten Teil rahmt die Notiz vom Weggang des Engels die Episode im Haus der Maria erzählerisch.

 

3. Erklärung einzelner Verse
Vers 26: Die für biblische Leser so vertraute „Stadt“ Nazaret muss zur Zeit, in der die Erzählung spielt, ein vollkommen unbedeutendes und kleines Dorf im südlichen Galiläa, 6km von Sepphoris entfernt gewesen sein. Bis zum 3. Jahrhundert n. Chr. gibt es außerhalb des Neuen Testaments keine Erwähnung des Ortes in Literatur oder Inschriften. Die archäologischen Befunde zeigen eine spärliche Besiedelung der Gebiete um die heutige Stadt an und gehen bis ins 2. Jahrtausend v.Chr. zurück. Wenn nach der Geburtsankündigung an Zacharias im Tempel von Jerusalem nun also die Szenerie von der Weltstadt in ein vollkommen unbedeutendes „Kaff“ in Galiläa wechselt, so verbirgt sich dahinter schon eine erste Bedeutung. Gott geht in seinem Erwählungshandeln ganz eigene und nicht vorhersehbare Wege. So unbedeutend die junge Maria bis zu jenem Tag war, so unbedeutend ist auch ihr Heimatdorf Nazaret.

 

Verse 32 und 33: In diesen beiden Versen bündeln sich die christologischen Aussagen des Textes, die in fünf Merkmalen benannt sind. Jesus wird groß sein und worin diese „Größe“ besteht, dass wird direkt im Anschluss ausgeführt: Er ist Sohn des Höchsten und damit Sohn Gottes. Dies zeigt sich in der Vorstellung von der Regentschaft Jesu, die mit den Begriffen Thron seines Vaters David und in Ewigkeit herrschen umschrieben wird. Der Rückgriff auf David stellt Jesus zum einen in die Linie des Stammes Davids (vgl. auch Vers 27 und die Herkunft des Josef aus dem Hause Davids), zum anderen wird damit die Verheißung an David aus dem 2. Buch Samuel (2 Sam 7,13) aufgenommen, wonach der Thron Davids für immer fortbestehen soll. Diese Herrschaft gilt aber nicht mehr nur für eine absehbare Zeit, sondern in Ewigkeit und damit für eine Zeitspanne über die sonst nur Gott als Souverän von Raum und Zeit verfügt. Auch dieses Merkmal will zum Ausdruck bringen, dass das angekündigte Kind Gottes Sohn ist und damit auch an Gottes Macht und Herrschaft Anteil hat.

 

Vers 35: Wenn davon die Rede ist, der Heilige Geist werde über Maria kommen und die Kraft des Höchsten werde sie überschatten, dann zieht der Evangelist Lukas hier zwei Begriffe hinzu, die klar auf das souveräne Handeln Gottes hinweisen. Der Geist ist die Wirkmacht Gottes, die Leben verändert und zu neuem Leben befähigt, so wie am Anfang bei der Schöpfung des Menschen (Genesis 2,7) oder später in der Apostelgeschichte bei der Sendung des Geistes (Apostelgeschichte 1,8 und 2,4). So wirkt auch hier die Kraft Gottes an Maria und ihr Leben verändert sich radikal. Die Antwort Gabriels auf den Einwand Marias hat jedoch noch eine zweite Stoßrichtung: Sie vertieft die Aussagen aus den Versen 32-33, dass mit dem Wirken Gottes bei dieser Empfängnis die Bedeutung des Kindes über das Menschenmögliche und –denkbare hinausgeht. Wird von Johannes dem Täufer gesagt, er werde „Prophet des Höchsten“ heißen (Lukasevangelium 1,76), so wird von Jesus hier zweimal bestätigt, er werde Sohn des Höchsten, Sohn Gottes genannt (Lk 1,32 und 35). Weil Gott hier in besonderer Weise am Werk ist, ist das Kind von Anfang an „heilig“ (Lk 1,35) und von ihm kann gesagt werden, was Gabriel zuvor formulierte: „seine Herrschaft wird kein Ende haben“.

Auslegung

Die Erzählung von der Ankündigung der Geburt Jesu wird vom Evangelisten Lukas so anschaulich geschildert, dass auch ohne den Hintergrund zahlreicher künstlerischer Darstellungen sogleich ein Bild der Situation vor dem inneren Auge entsteht. Wie mit einem großen Kameraschwenk zoomt Lukas uns herein in eine Szene, die an einem unbedeutenden Ort, das Bedeutsame Gestalt annehmen lässt. Über die Gestalt des Engels und die zeitliche Einordnung im Bezug zur vorangegangenen Episode wird für den Leser eine Verbindung zwischen den beiden Erzählungen geschaffen, Maria jedoch trifft das folgende Geschehen vollkommen unvermittelt.
Dabei lenkt uns der Text auf zwei wichtige Aussagen hin: Jesus, dessen Geburt Maria verkündet wird, ist Gottes Sohn und Maria, die junge Frau wird durch ihr Vertrauen in Gottes Verheißung nicht nur christliches Vorbild, sondern ist auch Idealbild eines Menschen aus dem Volk Israel, der den Worten des Boten Glauben schenkt. Entsprechend viel Augenmerk legt Lukas auf die Darstellung der Maria und die Botschaft des Engels.

War in der vorangegangenen Szene mit dem Priester Zacharias ein alter und damit im biblischen Verständnis auch weiser Mann, in angesehenem Rang und Beruf, der als gerecht und untadelig vor Gott beschrieben wird, Adressat der Engelsbotschaft, so begegnet uns mit Maria eine entgegengesetzte Figur. Sie ist ein junges Mädchen, verlobt, aber noch nicht verheiratet und damit in Beziehungen unerfahren und ohne gesellschaftlichen Rang und Namen. Sie lebt entsprechend dem jüdischen Recht noch bei den Eltern in einem kleinen Dorf und dürfte nicht mehr als die nähere Umgebung dieses Dorfes gekannt haben. Und doch hat Gott sich genau sie ausgesucht, er hat Gefallen an ihr gefunden, er schenkt ihr seine Gnade wie der Gruß des Engels „Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir“ direkt zu Beginn der Szene deutlich macht. Wenn Maria über diese Anrede des Engels, der sich ihr nicht einmal vorstellt (anders als in Lukasevangelium 1,19), erstaunt ist, dann ist dies nur zu verständlich. Anders als Zacharias, der sich erschrickt als der Engel plötzlich neben ihm steht, ruft bei Maria nicht das Erscheinen, sondern der Gruß Erstaunen hervor. Um alle Zweifel über die Anrede aus dem Weg zu räumen, legt der Engel inhaltlich direkt nach: Maria hat bei Gott bereits Gnade gefunden, sie muss dafür nichts mehr tun, sie wurde ihr einfach geschenkt. Und diese Gnade zeigt sich in dem, was an Maria geschieht. Sie wird einen Sohn empfangen, den Sohn des Höchsten. Angesichts dieser plötzlichen Ankündigung und dem Inhalt der Botschaft, ist der Einwand der Maria, noch nicht sexuell aktiv gewesen zu sein, eher pragmatischer Natur. Denn die Antwort des Engels ist theologisch und nicht pragmatisch, sie reagiert auf das Warum und nicht auf das Wie der Empfängnis und doch steht am Ende die Zusage der Maria „mir geschehe, wie du es gesagt hast“. In ihrer einfachen, klaren und bedenkenfreien Zustimmung zu diesem Geschehen ist Maria das Idealbild des Menschen, der Gottes Zusage traut und sich bereit erklärt, Gottes Wege mitzugehen – auch wenn sich die Konsequenz dieser Entscheidung im Moment noch nicht absehen lässt.

Lukas lässt offen, was auch für ihn in der konkreten Vorstellung ein Geheimnis bleibt: Wie genau eine Jungfrau ohne Zutun eines Mannes ein Kind empfängt, dafür fehlen ihm die Vergleichskategorien, Bilder und Worte. Wie dies zu denken ist, das bleibt der Vorstellungskraft seiner Leser überlassen, es spielt für ihn keine so große Rolle. Das DAS und nicht das WIE der Empfängnis ist der Fokus seiner Darstellung. Dieses Kind ist Gottes Sohn, weil Gottes Macht, die Unmögliches möglich macht, am Werk ist. Gottes Sohn, Herrscher in Ewigkeit ist das Kind, dessen Geburt im Niemandsland von Galiläa angekündigt wird. Der Evangelist setzt diese theologische Aussage ganz bewusst in die Verkündigungsszene ein, damit genau mit diesem Blick und Vorwissen die weiteren Erzählungen von Geburt, Wirken, Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu gelesen und verstanden werden können.

Kunst etc.

Die Ankündigung der Geburt Jesu durch den Erzengel Gabriel an Maria gehört sicher zu den beliebtesten Motiven christlicher Kunst.

Auf dem Dreikönigsaltar im Kölner Dom schuf Stefan Lochner Mitte des 15. Jahrhunderts eine imposante Darstellung dieser Szene. Mit riesigen, den Rahmen des Altars sprengenden Flügeln tritt ein eher zarter Engel in den Raum der Maria ein, die ins Lesen oder Gebet vertieft ist und vom Eintreten oder dem Gruß des Engels überrascht die Hand hebt und den Blick zu Boden und damit in Richtung des Betrachters wendet. Als Hinweis auf das göttliche Wirken, das sich hinter dieser einfachen Szene verbirgt, ist die Taube als Symbol des Heiligen Geistes sichtbar.