Lesejahr C: 2018/2019

1. Lesung (Mal 3,19-20b)

 19 Denn seht, der Tag kommt, er brennt wie ein Ofen: 

Da werden alle Überheblichen und alle Frevler zu Spreu und der Tag, der kommt, wird sie verbrennen, 

spricht der HERR der Heerscharen. 

Weder Wurzel noch Zweig wird ihnen dann bleiben. 

20 Für euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen und ihre Flügel bringen Heilung. [...]

Überblick

Ja, die Nächstenliebe ist ein hohes Gut. Versöhnung und die Überwindung von Gewalt sind wünschenswert – aber am Ende steht für den Propheten Maleachi kein allumfassendes Heil, sondern die brachiale, tötliche Scheidung zwischen den Guten und den Bösen – das sei Gerechtigkeit.

 

1. Verortung im Buch

Das Buch des Propheten Maleachi durchzieht eine klare theologische Linie. Am Anfang steht Gottes Liebe zu seinem Volk (Maleachi 1,2-5). Sie kann sich auch dadurch ausdrücken, dass er es „reinigt“ und über es zu Gericht sitzt (Maleachi 2,17-3,5). Wenn der Ruf zur Umkehr jedoch ungehört verklingt (Maleachi 3,6-12), dann folgt das gewaltätige Ende (Maleachi 3,13-21). Zentral ist hierbei die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes, die durch das Wohlergehen der Frevler infrage gestellt wird (siehe auch Maleachi 2,17-3,5). Am Ende des Buches wird dann die Weisung Gottes, bzw. die Aufforderung seine Gesetze einzuhalten zur Antwort in der Gegenwart: „Gedenkt der Weisung meines Knechtes Mose; am Horeb habe ich ihm Gesetze und Rechtsentscheide übergeben, die für ganz Israel gelten.“ (Maleachi 3,22)

 

2. Aufbau

„Es hat keinen Sinn, Gott zu dienen.“ – diese Aussage ist der Ausgangspunkt für das Diskussionswort in Maleachi 3,13-21, aus dem die Verse der Lesung stammen. Gott klagt diejenigen, die so sprechen an (Vers 13) und zitiert ihnen ihre eigenen ungläubigen Aussagen: „Ihr sagt: Es hat keinen Sinn, Gott zu dienen. Was haben wir davon, wenn wir auf seine Anordnungen achten und vor dem HERRN der Heerscharen in Trauergewändern umhergehen? Darum preisen wir die Überheblichen glücklich, denn die Frevler haben Erfolg; sie stellen Gott auf die Probe und kommen doch straflos davon.“ (Verse 14-15). Ihnen werden die wahrhaft Gottesfürchtigen gegenübergestellt (Verse 16-17). Der gesamte Text zielt auf die Vision des Endgerichtes, in dem der Unterschied zwischen Gut und Böse sichtbar werden wird: „Dann werdet ihr wieder den Unterschied sehen zwischen dem Gerechten und dem Frevler, zwischen dem, der Gott dient, und dem, der ihm nicht dient.“ (Vers 18). Dieses Gericht wird als Scheidung der Ungerechten (Vers 19) von den Gerechten beschrieben (20) – dies wird gar als ein gewalttätiger Sieg der Gerechten und Gottesfürchtigen beschrieben: „Und ihr werdet die Ruchlosen zertreten, sodass sie unter euren Fußsohlen zu Asche werden, an dem Tag, den ich herbeiführe, spricht der HERR der Heerscharen.“ (Vers 21)

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 19: Der Tag Gottes ist ein in den prophetischen Büchern immer wiederkehrendes Motiv, das verdeutlicht, dass Gott zu gegebener Zeit machtvoll in die Welt eingreifen wird. In Vers 17 sagt Gott bereits, das dieser Gerichtstag ein Tag ist, „den ich herbeiführe“. Dass es sich dabei um keinen fernen Tag handelt verdeutlicht der Satzbeginn durch „Denn, seht“. Im Hebräischen verweist diese Wortverbindung in eine direkt bevorstehende, unabwendbare Zukunft. Dieser Tag wird mit einem brennenden Backofen verglichen. Brot wurde im Alten Orient an den durch Feuer erhitzen Wänden eines Ofen gebacken – das Feuer ermöglicht somit ein Lebensmittel, aber zugleich verbrennt es auch. Diese doppelte Metaphorik ist grundlegend für die folgenden Worte. Im Alten Testament ist ein solches Brennen, wie hier (בער, gesprochen: ba‘ar), häufig ein metaphorisches Zeichen göttlicher Gegenwart. Diejenigen, die Gott nicht fürchten und Böses tun, werde durch dieses Brennen wie leichtbrennbares Stroh verbrennen. Dass dieses Gericht allumfassend ist verdeutlicht das Bild von den Wurzeln und den Zweigen. Ohne Wurzeln vergeht eine jede Pflanze und die Zweige sozusagen ihr Lebenszeichen – beides, und somit die gesamte Person desjenigen, der Gott nicht fürchtet, wird vergehen. Dies verdeutlicht auch, dass das Gericht ein individuelle ist.

Vers 20: Diejenigen, die aber Gott, seine Machtaten und wofür er steht, fürchten, die werden an diesem Gerichtstag nicht „verbrennen“. An ihnen entfalten sich die positiven Aspekte der Licht- und Wärmemetaphorik. In den Psalmen begegnet häufig das Motiv der Hilfe Gottes am Morgen – er ist wie eine aufgehende Sonne, die sozusagen Licht in die menschlichen Angelegenheiten bringt. Die Sonne kann auch als tödliche, versengende Macht wirken – hier ist jedoch der lebensförderliche Aspekt im Vordergrund. Die Flügel stehen für den Aspekt des Schutzes. Die Sonne verbrennt in diesem Falle nicht, sondern sie heilt (siehe zur Bedeutung dieser Aussagen den Abschnitt „Auslegung“).

Auslegung

Gott ist nicht die Sonne der Gerechtigkeit. Mit ihrer Erwähnung wird in einem wunderschönen Bild die Bedeutung des Tages des Herrn, des Gerichtstags für die Gottesfürchtigen entfaltet. An diesem Tag wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen, sowie auch die normale Sonne jeden Tag aufgeht – das im Hebräischen verwendete Verb zeigt keinen Unterschied zwischen dem realen morgendlichen Geschehen und der metaphorischen Aussage. Aber diese Sonne geht nicht über allen Menschen auf, sondern nur „für euch“, diejenigen, die Gott fürchten. 

Eine der im Alten Orient weitbekannten Gottheiten war der Sonnengott Schamasch, an ihn erinnert auch das hebräische Wort für die Sonne (שמש, gesprochen: schämäsch). Er ist es zum Beispiel derjenige, der den König der Sumer und Akkader damit beauftragte für Recht und Gerechtigkeit auf der Erde zu sorgen. Das Bild der Sonne der Gerechtigkeit, betont nun, dass es keiner menschlichen Durchsetzung mehr bedarf, sondern wie Licht Gott die Gerechtigkeit in der Welt erscheinen lassen wird. Bemerkenswert ist hier, dass in Maleachi 3,20 das Wort שמש als ein feminines Nomen verwendet wird, obwohl es zuvor als ein Maskulinum gebraucht ist. Die Durchsetzung der göttlichen Gerechtigkeit ist somit weiblich. 

Diese Sonne breitet ihre Flügel aus. Das Symbol der Flügelsonne war im Alten Orient weit verbreitet. Es kann als ein Symbol für den Himmel oder für den Sonnengott verstanden werden. Darin drückt sich das Bild von Schutz und Geborgenheit aus, wie es auch oft auf den Gott Israels in der Bibel angewendet wird. So kann der Beter in Psalm 17,8 bitten: „Behüte mich wie den Augapfel, den Stern des Auges, birg mich im Schatten deiner Flügel“. Und Mose beschreibt das Handeln Gottes in einer vielleicht der schönsten Gottesbilder folgendermaßen: „der HERR nahm sich sein Volk als Anteil, Jakob wurde sein Erbteil. Er fand ihn in der Steppe, in der Wüste, wo wildes Getier heult. Er hüllte ihn ein, gab auf ihn Acht und hütete ihn wie seinen Augenstern, wie ein Adler sein Nest ausführt und über seinen Jungen schwebt, seine Schwingen ausbreitet, eines von ihnen aufnimmt und es auf seinem Gefieder trägt.“ (Deuteronomium 32,11). Dieses Bild verweist auf die Liebe Gottes, wie sie am Anfang des Buches Maleachi angesprochen wird. Es ist die Hinwendung Gottes zu denjenigen, die ihn fürchten. Er schützt sie nicht nur, sondern er heilt sie – er stellt im Kosmos Gerechtigkeit her. Die bedeutet keine blinde Barmherzigkeit, sondern die Gewissheit, wie es in 1 Samuel 23,26 formuliert ist: „Der HERR wird jedem seine Gerechtigkeit und Treue vergelten.“ – im Positiven wie im Negativen.

Kunst etc.

Ab ca. dem 8. Jahrhundert v. Chr. erscheint die geflügelte Sonnenscheibe auf hebräischen Siegeln, die mit dem Königshaus des Königreichs Juda verbunden sind. Viele davon stammen aus der Regierungszeit des Königs Hiskija. Auf ihnen sieht man zwei nach unten gerichtete Flügel und sechs Strahlen, die von der zentralen Sonnenscheibe ausgehen. Geflügelte Sonnenscheiben gehören fest zur Ikonografie des Alten Orients, wie hier zum Beispiel in einer Darstellung des Sonnengottes Schamasch auf dem Hintergrund einer geflügelten Sonne. Das Wandrelief stammt wohl aus den Jahren 865-860 v. Chr. und wurde in den Ruinen des Palastes Nimrud gefunden, in der Nähe des heutigen Mossuls (Irak).

Wandrelief des Sonnengott Schamasch aus dem Palast in Nimrud, ca. 865-860 v. Chr. Augestellt im British Museum in London – Lizenz: gemeinfrei.
Wandrelief des Sonnengott Schamasch aus dem Palast in Nimrud, ca. 865-860 v. Chr. Augestellt im British Museum in London – Lizenz: gemeinfrei.