Lesejahr C: 2018/2019

1. Lesung (Dtn 30,10-14)

9[…]. Er [= Gott] wird dir Gutes tun.

10 Denn du hörst auf die Stimme des HERRN, deines Gottes, und bewahrst seine Gebote und Satzungen, die in dieser Urkunde der Weisung einzeln aufgezeichnet sind, und kehrst zum HERRN, deinem Gott, mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele zurück.

 

11 Denn dieses Gebot, auf das ich dich heute verpflichte, geht nicht über deine Kraft und ist nicht fern von dir. 12 Es ist nicht im Himmel, sodass du sagen müsstest:

Wer steigt für uns in den Himmel hinauf, holt es herunter und verkündet es uns, damit wir es halten können?

13 Es ist auch nicht jenseits des Meeres, sodass du sagen müsstest:

Wer fährt für uns über das Meer, holt es herüber und verkündet es uns, damit wir es halten können?

14 Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten.

Überblick

Ist der Wille Gottes selbsterklärend? Das von ihm geoffenbarte Gesetz ist weder im Himmel noch am Ende der Welt versteckt, sondern „du kannst es halten“.

 

1. Verortung im Buch

Bis zum heutigen Tag zitieren jüdische Gläubige am Anfang des Schma Jisrael, das eine Art Glaubensbekenntnis ist, Verse aus dem Buch Deuteronomium: „Höre, Israel [‎שְׁמַע יִשְׂרָאֵל gesprochen: schma’a Jisrael]! Der HERR, unser Gott, der HERR ist einzig. Darum sollst du den HERRN, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.“ Gott mit seinem ganzen Herzen zu lieben, bedeutet im alttestamentlichen Denken, sich mit seinem Verstand bewusst für ihn zu entscheiden und dementsprechend zu handeln. Um die zu ermöglichen bedarf es aber anscheinend einer Art Neuschöpfung. Am Ende des Buches Deuteronomium wird auf die im Schma Jisrael zitierten Aufforderung verweisend den Gläubigen ein beschnittenes Herz verheißen, das die Einhaltung des Gesetzes ermöglichen wird. Die Beschneidung wird nun nicht mehr nur ein äußeres Bundeszeichen sein (siehe Genesis 17), sondern der Bund mit Gott wird so im Gläubigen selbst verankert werden: „Der HERR, dein Gott, wird dein Herz und das Herz deiner Nachkommen beschneiden. Dann wirst du den HERRN, deinen Gott, mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele lieben können, damit du Leben hast.“ (Deuteronomium 30,6). Als Konsequenz wird das Volk endgültig zu Gott umkehren und alle seine Gebote, auf die Mose sie im Buch Deuteronomium verpflichtet, einhalten (siehe Vers 8).

Das beschnittene Herz wird Israel jedoch erst erhalten, nachdem das Volk seinen Bund mit Gott gebrochen hat. Die gesamte Geschichte Israels lässt sich als eine Geschichte des immer erneuten Abfalls von Gott beschreiben – und darauf verweist bereits das Buch Deuteronomium aus der erzählten Perspektive schon bevor Israel in sein verheißenes Land einzieht, aus dem es später von Gott exiliert wird. Zum Beginn von Deuteronomium 30 wird bereits das babylonische Exil und die darauffolgende Um – und Rückkehr thematisiert: „Und wenn alle diese Worte über dich gekommen sind, der Segen und der Fluch, die ich dir vorgelegt habe, dann wirst du sie dir zu Herzen nehmen mitten unter den Völkern, unter die der HERR, dein Gott, dich versprengt hat, und zum HERRN, deinem Gott, zurückkehren und auf seine Stimme hören in allem, wozu ich dich heute verpflichte, du und deine Kinder, mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele, und der HERR, dein Gott, wird dein Schicksal wenden. Er wird sich deiner erbarmen, sich dir zukehren und dich aus allen Völkern zusammenführen, unter die der HERR, dein Gott, dich verstreut hat.“ (Deuteronomium 30,1-3). Im vorhergehenden Kapitel war Israel der Verlust seines Landes als Fluch angekündigt worden, falls das Volk sich von Gott und seinem Willen abkehren sollte. Am Ende des Buches Deuteronomium, in dem Mose nochmals dem Volk Israel die Gesetze Gottes verkündigt, bevor es in das verheißene Land einzieht, wird somit bereits Israels Unvermögen thematisiert den Willen Gottes zu erfüllen. So gesehen könnte man Fragen: Ist das Gesetz überhaupt haltbar? Oder ist es nicht eine Überforderung? Eine Antwort darauf, gibt Deuteronomium 30,11-14.

 

2. Aufbau

Für den Lesungstext ist der Beginn von Vers 9 gestrichen worden – eigentlich lautet der Vers gemäß der revidierten Einheitsübersetzung folgendermaßen: „und der HERR, dein Gott, wird dir Gutes im Überfluss schenken, bei jeder Arbeit deiner Hände, bei der Frucht deines Leibes, bei der Frucht deines Viehs und bei der Frucht deines Ackers. Denn der HERR wird sich, wie er sich an deinen Vätern gefreut hat, auch an dir wieder freuen. Er wird dir Gutes tun.“ (Vers 9). Dieser Vers ist deutlich als Kontrast gegen den zuvor ausgesprochenen Fluch gegen Israel im Falle eines Bundesbruches formuliert: „So wie der HERR seine Freude daran hatte, euch Gutes zu tun und euch zahlreich zu machen, so wird der HERR seine Freude daran haben, euch auszutilgen und euch zu vernichten. Ihr werdet aus dem Land, in das du nun hineinziehst, um es in Besitz zu nehmen, herausgerissen werden.“ (Deuteronomium 28,63). Dass Gott Israel nun Gutes tun wird und dass Israel die Gesetze Gottes einhalten wird, ist eine Konsequenz der Beschneidung des Herzens durch Gott (siehe Vers 6).

Die Verse 11-14 bieten darauffolgend einen Exkurs, der verdeutlicht, dass das Gesetz jedoch von Anfang an durch Israel erfüllbar ist, bzw. gewesen wäre. Aufgebaut sind diese Verse um zwei theoretische Fragen, die verdeutlichen sollen, dass das Gesetz weder unerreichbar nur in den göttlichen Sphären aufzufinden noch an den Enden der Welt versteckt sei (Verse 12-13). Die Gesetze im Buch Deuteronomium werden von Anfang an, von dem Moment, in dem sie dem Volk verkündet werden, als vom Menschen einhaltbar qualifiziert (Verse 11 und 14), da sie dem Volk fortan vorliegen.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 9-10: Die Umkehr zu Gott ist das Leitthema der Verse 1-10. Das Wort שׁוב (gesprochen: schuv), das „umkehren“ bedeutet, kommt insgesamt 7mal vor. Der Text lässt es offen, ob die Umkehr aufgrund der Beschneidung des Herzens durch Gott geschieht oder die Grundlage für die Beschneidung des Herzens bietet; gemäß Deuteronomium 30,1 erfolgt die Umkehr am Anfang als Reaktion auf die Verfluchung durch Gott und das sich daraus ergebende Exil vom verheißenen Land (siehe Auslegung).

Verse 11-14: Im Buch Deuteronomium rekapituliert Mose kurz vor dem Einzug Israels ins verheißene Land die am Berg Sinai gegebenen Gesetze, auf deren Einhaltung sich Israel verpflichtet. In diese Situation hinein spricht Mose und verdeutlicht, dass die Gesetze keine Geheimlehre, sondern versteh- und damit einhaltbar sind. Die Aussage „es ist in deinem Mund und in deinem Herzen“ verdeutlicht, dass das Gesetz auswendig lernbar und mit dem Verstand durchdringbar ist. In keinerlei Hinsicht ist es daher eine Überforderung, sondern es ist für jeden gleich zugänglich – und im Endeffekt bedarf es auch keiner vermittelnden Instanzen wie Lehrer und Propheten, aber es muss selbst studiert werden.

Auslegung

Ist die Heilige Schrift selbsterklärend? Die Geschichte bereits Israels lehrt ein deutliches „Nein“ als Antwort. Auch wenn der Wille Gottes den Menschen offenbar war, haben sie sich doch immer wieder davon abgewendet. Der Wille Gottes ist gemäß dem Judentum und dem Christentum keine verborgene Weisheit, sondern er liegt heutzutage offen und frei zugänglich zwischen zwei Buchdeckeln in fast jedem jüdischen und christlichen Haus. Weder bedarf es einer übermenschlichen Anstrengung noch einer göttlichen Erfahrung, um das Wort Gottes zu studieren und zu verinnerlichen. Doch ganz so einfach ist es nicht – das zeigt nicht zuletzt jeder Bibelkreis und die gesamte Auslegungsgeschichte der Bibel. Und auch gemäß Deuteronomium 30,11-14 ist der Wille Gottes, in den Gesetzen niedergeschrieben, nicht selbsterklärend. Gottes Gesetz ist zwar „nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen“ (Vers 14), aber es bedarf eines „beschnittenen“ Herzens, erst „dann wirst du den HERRN, deinen Gott, mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele lieben können“ (Deuteronomium 30,6).

Der Gläubige lebt in einer Spannung: Das ihm vorliegende Gesetz Gottes offenbart den Willen Gottes, an den der Mensch sich halten soll – und dies ist eine machbare Aufgabe, an der der Mensch jedoch scheitert. In dieser Situation bedarf es der Umkehr des Menschen und die zeitgleiche Zuneigung Gottes. Dies wird deutlich, wenn man das Wort „umkehren“ in Deuteronomium 30 nachverfolgt. Es ist die gemäß dem Gesetz mögliche Umkehr zu Gott, die die Beziehung zu Gott ermöglicht, selbst wenn man am Willen Gottes gescheitert ist. Die Umkehr des Menschen ist als freier Willensakt zugleich von Gott gewollt und durch ihn ermöglicht. Dafür bedarf es das Hören auf die „Stimme Gottes“, die im immer verfügbaren Gesetz Gottes als seinem Willen dem Menschen zugänglich ist.

Kunst etc.

Bei der Offenbarung der Gesetzes Gottes am Sinai wird eine beinahe unüberbrückbare Distanz zwischen Gott und seinem Volk thematisiert. Nachdem Gott dem Mose die Zehn Gebote geoffenbart hatte, erschien er dem am Berg Sinai wartenden Volk:

Das ganze Volk erlebte, wie es donnerte und blitzte, wie Hörner erklangen und der Berg rauchte. Da bekam das Volk Angst, es zitterte und hielt sich in der Ferne. Sie sagten zu Mose: Rede du mit uns, dann wollen wir hören! Gott soll nicht mit uns reden, sonst sterben wir. Da sagte Mose zum Volk: Fürchtet euch nicht! Gott ist gekommen, um euch auf die Probe zu stellen. Die Furcht vor ihm soll über euch kommen, damit ihr nicht sündigt. Das Volk hielt sich in der Ferne und Mose näherte sich der dunklen Wolke, dort, wo Gott war.“ (Exodus 20,18-21)

Das Volk hat Angst vor der Stimme Gottes und Mose vermittelt Ihnen das geoffenbarte Gesetz. Diese scheinbare Distanz, wie sie der französische Maler Jean-Léon Gérôme (1824-1904) in seinem Bild „Moses on Mount Sinai“ darstellt wird in den Worten in Deuteronomium 30,11-14 relativiert. Durch das dem Volk übergebene Gesetz ist der Wille Gottes zugänglich und erfüllbar – und durch das Gesetz wird er ermöglichen, dass man ihn mit ganzen Herzen lieben kann.

„Moses on Mount Sinai“, Jean-Léon Gérôme, entstanden ca. 1895-1900. Lizenz : gemeinfrei.
„Moses on Mount Sinai“, Jean-Léon Gérôme, entstanden ca. 1895-1900. Lizenz : gemeinfrei.