Lesejahr A: 2019/2020

Evangelium (Joh 20,19-23)

19Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!

20Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen.

21Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.

22Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!

23Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.

Überblick

Der Heilige Geist und der Frieden. Die beiden „Abschiedsgeschenke“ des Auferstandenen

 

1.  Verortung im Evangelium
Die Verse 19-23 sind Teil des Abschlusses der Ostererzählungen im Johannesevangelium (Joh). Sie schließen sich an die Erzählung von der Auffindung des leeren Grabes (Joh 20,1-10) und der Begegnung zwischen Jesus und Maria Magdalena (Joh 20,11-18) an.
Die Erzählungen, die heute das 21. Kapitel des Evangeliums bilden, wurden erst später angefügt.

 

2.  Erklärung einzelner Verse
Vers 19-21: Zwischen der Auffindung des Grabes (Joh 20,1-10) und der Erscheinung vor allen Jüngern liegen nur einige Stunden. Am Abend des selben Tages haben sich die Jünger ängstlich zurückgezogen. So wie in Joh 19,38 Josef von Arimathäa als jemand dargestellt wurde, der seine Zugehörigkeit zu Jesus nur im Verborgenen lebt, so fürchten sich nun auch die Jünger vor den möglichen Konsequenzen (Ausgrenzung, Verfolgung?) eines Bekenntnisses. Die Erscheinung des Auferstandenen inmitten seiner Jünger trotz der verschlossenen Türen kommentiert der Evangelist nicht weiter.
Der Friedenswunsch ist mehr als ein typischer Gruß, er erinnert die Jünger und die Leser des Evangeliums an die Abschiedsreden Jesu (Joh 14-17) und seine Ermutigung der Jünger: „Dies habe ich zu euch gesagt, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt.“ (Joh 16,33) Beim zweiten Mal ist der Zuspruch des Friedens um den Aspekt der Sendung erweitert (Vers 21). Dabei ist die Sendung der Jünger Abbild der Sendung Jesu durch seinen himmlischen Vater.
Das Zeigen der Wundmale an Händen und Seite bewirkt die Erkenntnis der Jünger: Der gekreuzigte Jesus und der auferstandene Jesus sind identisch! Der, der gestorben ist, ist vom Tode auferstanden. Äußeres Zeichen dieser Erkenntnis ist die Freude der Jünger.

 

Vers 22-23: Das Anhauchen erinnert an die Schöpfung des Menschen und das Einhauchen des Geistes durch Gott (Genesis 2,4). Das Geschenk des Geistes durch den Auferstandenen ist eine „zweite“ Schöpfung, denn durch Tod und Auferstehung wird neues Leben geschenkt. Die Taufpraxis der jungen christlichen Gemeinde und der Zuspruch neuen Lebens aus Wasser und Geist steht hier wahrscheinlich schon im Hintergrund der Darstellung.
Die Gabe des Geistes an die Jünger ist Übergabe einer Vollmacht: Sie können Sünden erlassen und „behalten“ (vgl. Matthäusevangelium 18,18). Dies ist aber keine Fähigkeit aus eigener Kraft, sondern nur aufgrund der Gabe des Geistes, d.h. durch göttliche Bevollmächtigung. Nur Jesus hatte zuvor diese Vollmacht (vgl. Joh 8,1-11), nun gibt er sie an seine Jünger, die seine Sendung fortsetzen.

Auslegung

Der Evangelist Johannes verbindet in seiner Erscheinungserzählung vom Osterabend die Vergewisserung der Auferstehung Jesu mit der Sendung des Heiligen Geistes. Dabei stehen zwei Zusagen im Mittelpunkt, die er den verängstigten Jüngern mitgibt. Dass die Jünger die Türen verschlossen haben und sich vor den Juden fürchten, ist einerseits etwas drastisch dargestellt, andererseits durchaus verständlich. Immer wieder war im Verlaufe des Evangeliums und damit auf dem Weg durch Galiläa und nach Jerusalem der Konflikt mit den jüdischen Obrigkeiten und dem Volk thematisiert worden. Der Prozess und die Verurteilung Jesu dürften den Jüngern noch in den Knochen stecken. Und ebenso die Verunsicherung über die Berichte von Petrus und dem Lieblingsjünger über das leere Grab und der Bericht der Maria Magdalena, die den auferstandenen Herrn gesehen haben will. Das leere Grab, die vermeintliche Begegnung mit dem Auferstandenen – diese Ereignisse sind nur wenige Stunden her. Die Jünger haben sich versammelt, um einander Halt zu geben, vielleicht auch das Gehörte zu sortieren und diskutieren. Die Unsicherheit den Juden gegenüber bringt der Evangelist durch die verschlossenen Türen zum Ausdruck.

Mitten in diesen Versuch, einander in der Gemeinschaft Halt zu geben, betritt Jesus den Raum. Sein erstes Wort ist die Zusage des Friedens. Ganz im Sinne von Joh 14,27 ist der Friede, den Jesus schenkt, eine Gabe, die nur aus Gott entspringen kann. Nur er vermag wirklichen Frieden zu schenken, einen Zustand der Ruhe, des Angekommenseins zu geben. Im Frieden wird das Reich Gottes erfahrbar, er ist ein Kennzeichen des Wesens Gottes. Die Reaktion der Jünger auf die Worte Jesu spricht eine deutliche Sprache. Sie freuen sich: Die Unsicherheit über die Ereignisse des Ostermorgens weicht der Gewissheit. Jesus lebt und er setzt dort ein, wo er „aufgehört“ hat: Er verkündet das Reich Gottes (hier durch die Friedenszusage) und bestärkt seine Zusage des Friedens aus den Abschiedsworten an seine Jünger. Und noch eine weitere Verheißung Jesu wird wieder aufgenommen. Hatte er die Gabe des Geistes angekündigt (Joh 14,24), so wird sie nun Realität und mit einem Auftrag verbunden. Sie sollen Gesendete sein und damit auf ihre Weise fortsetzen, was als Thema das gesamte Evangelium durchzogen hat. Denn das Motiv der Sendung durchzieht wie ein roter Faden die Erzählung des Johannes. Jesus ist vom Vater gesandt und er wird zum Vater zurückkehren, und in seiner Rückkehr die Sendung zur Vollendung bringen. Nun soll die Sendung fortgesetzt werden durch diejenigen, die zuvor mitbekommen haben, wie Jesus seine Sendung und Vollmacht ausübt. Insofern ist auch der Auftrag, Sünden zu vergeben oder nicht etwas, das der Sendung Jesu entspricht. Beispielsweise in der Begegnung mit der Ehebrecherin in Joh 8,1-11 hatte Jesus gezeigt, wie mit Versagen und Fehlern umzugehen ist.

Die Zusage des Friedens und die Gabe des Geistes sind Jesu Wünsche für seine Jünger am Abend des Ostertages. In ihnen wird deutlich, dass von nun an die Verkündigung der Wirklichkeit Gottes durch die Jünger erfolgt und sie auf diese Weise die Sendung selbst fortsetzen bzw. auf ihre Weise aufnehmen. Jesu Weg ist zu Ende, er hat seine Sendung erfüllt und ist wieder ganz eins mit dem Vater. Nun liegt es an den Jüngern, den Menschen Licht und Leben als Zusagen Gottes nahe zu bringen.

Kunst etc.

Christus mit segnendem Gestus auf einem Mosaik aus dem 6. Jahrhundert in der Basilika Sant‘Apollinare Nuovo in Ravenna.