Lesejahr A: 2019/2020

2. Lesung (Röm 13,11-14a)

11Und das tut im Wissen um die gegenwärtige Zeit: Die Stunde ist gekommen, aufzustehen vom Schlaf. Denn jetzt ist das Heil uns näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden.

12Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe. Darum lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts!

13Lasst uns ehrenhaft leben wie am Tag, ohne maßloses Essen und Trinken, ohne Unzucht und Ausschweifung, ohne Streit und Eifersucht!

14Vielmehr zieht den Herrn Jesus Christus an!

Überblick

Längere Wartezeiten können dazu führen, dass das Feuer des Anfangs erlischt und das Engagement einschläft. Dass dies auch in der Christengemeinde von Rom passieren könnte, an die er vom fernen Korinth aus schreibt, das scheint die Sorge des Paulus zu sein. Es erinnert an das berühmte Adventslied "Wachet auf, ruft uns die Stimme", wenn Paulus mahnend schreibt: "Die Stunde ist gekommen, aufzustehen vom Schlaf" (Vers 11). Die Erwartung, dass noch etwas kommt, auf desen Ankunft man auch vorbereitet ist - das verbindet Lesung und Adventslied.

 

Einordnung der Lesung in den Römerbrief

Mit dem Römerbrief stellt sich der Apostel Paulus einer Gemeinde vor, die er nicht gegründet hat und höchstens über einzelne Personen kennt, weil sie bereits seinen Lebens- und Verkündigungsweg gekreuzt haben. Er beabsichtigt, nach einer Unterbrechung in Jerusalem in Rom einen "Zwischenstopp" einzulegen und schließlich weiter nach Spanien zu reisen. So will er Christus bis in den äußersten Westen der damals bekannten Welt verkünden.

Vorab zu seinem geplanten Besuch in Rom schickt Paulus, der noch in Korinth weilt,  einen Brief an die dortige Christengemeinde, um sich bzw. den Glauben, für den er steht und der ihm Herzenssache ist, vorzustellen. Daraus entsteht allerdings keineswegs nur ein "theoretischer" Brief. Sondern nach den großen theologischen Teilen (Kapitel 1-11) folgen in den Kapiteln 12 - 15 lebenspraktische Weisungen. Hier ordnet sich auch die Lesung aus Kapitel 13 ein.

Unmittelbar knüpft die Lesung an Ausführungen zur Liebe als Erfüllung des Gesetzes an, also des Willens Gottes, wie er sich in den 5 Büchern Mose niedergeschlagen hat. Der letzte Satz dieser Passage lautet: "Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Also ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes" (Röm 13,9).

 

Vers 11: "... im Wissen um die gegenwärtige Zeit"

Vers 11, der Beginn der Lesung, versteht sich als grundsätzliche Motivation zu solcher Liebe. Sie besteht im "Wissen um die gegenwärtige Zeit". Ihr Kennzeichen lautet: "... jetzt ist das Heil uns näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden." Die Zeit, von der hier die Rede ist, unterscheidet sich bei Paulus von "dieser Weltzeit" (im Griechischen steht unser Wort "Äon"), der man sich nicht anpassen soll (so Römer 12,2). "Diese Weltzeit" gründet in der Vergangenheit und ist bestimmt von der Frage des Weitermachens und Überlebens. Die "gegenwärtige Zeit" der Lesung aus Römer 13 ist von der Zukunft bestimmt. Sie ist bestimmt von einem Ziel, das ihr entgegenkommt. Gemeint ist letztlich die Begegnung mit dem aus dem Tod auferweckten Christus, der als Vollender des Lebens einer und eines jeden Einzelnen und schließlich des ganzen Kosmos erwartungsvoll seiner Schöpfung entgegenkommt. Wann dieser Zeitpunkt für den einzelnen Menschen kommt und wann gar der Weg der Gegenwart und die auf uns wartende Zukunft Gottes endgültig ineins fallen, weiß niemand. Paulus hat diesen "Zeitpunkt" vermutlich noch im Rahmen seiner Lebenszeit erwartet. Darin hat er sich getäuscht. Aber er hat darauf verzichtet, Berechnungen anzustellen und wie ein Kaninchen auf die Schlange auf diesen Zeitpunkt zu starren. So beschränkt er sich auf die Aussage.: "... jetzt ist das Heil uns näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden." Und diese Aussage stimmt in jedem Fall. Denn das Leben ist seit der Taufe - "der Zeit, da wir gläubig wurden" - weitergegangen. Der Weg auf Christus zu ist kürzer geworden, das damit verbundene Heil, das Leben in Fülle, näher gekommen.

Dafür braucht es aber ein Bewusstsein. "Macht euch bewusst, wohin ihr unterwegs seid, und lasst von dort her euer Leben bestimmen. Und lasst euer Denken nicht bestimmen von den Maßstäben 'dieser Welt'." Dies meint Paulus, wenn er schreibt:  "Die Stunde ist gekommen, aufzustehen vom Schlaf". Konformismus mit dieser Welt ist Weltenschlaf oder auch Weltentraum, aus dem es aufzuwachen gilt.

 

Das konkrete Tun, das aus dem Wissen um die gegenwärtige Zeit erwachsen soll, wird  in der weiteren Lesung in 3 Schritten entfaltet:

 

Vers 12: Kleiderwechsel

Nach dem Bild aus der Welt des Schlafens und Aufstehens, der Müdigkeit und der Aktivität, der Nacht und des Tages geht es in die Bildwelt der Kleidung, die zur Zeit des Paulus allgemeiner verbreitet war. Näherhin ist die Rüstung im Blick, die wiederum als Bild für ein bestimmtes Tun verstanden wird. Denn die "Waffen des Lichts" werden den "Werken der Finsternis", also bestimmten Taten gegenübergestellt. Was mit ihnen gemeint ist, sagt Vers 13. Vers 12 hingegen zielt allein auf das Anlegen der "Waffen des Lichts".

Die Auflösung dieser rätselhaft klingenden Forderung hat Paulus bereits in seinem allerersten Brief niedergeschireben, nämlich im Ersten Brief an die Gemeinde von Thessaloniki: " Wir aber, die dem Tag gehören, wollen nüchtern sein und uns rüsten mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf Rettung" (1 Thessalonicher 5,8). Es geht also um die drei Grundforderungen des Paulus, die er bei verschiedenen Gelegenheiten herausstellt, am markantesten in 1 Korinther 13,13: "Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe".

 

Vers 13: Keine Maßlosigkeit

Vers 13 widmet sich den in Vers 12 genannten "Werken der Finsternis", die abgelegt werden sollen. Hinter "Finsternis" und "Licht" verbirgt sich die Gegenüberstellung von göttlicher und widergöttlicher Welt, von Leben und Tod. In solch grundsätzlichen Sphären dachte man zur Zeit des Paulus die Welt, und das Johannesevangelium ist geprägt von ihrer Symbolik. Das Weihnachtsevangelium aus Johannes 1 wird verkünden, dass "das Wort ... das Licht war", in die Welt kam und nicht aufgenommen wurde. Aber: "Die Finsternis" vermochte nicht, dieses "Licht" zu überwältigen (vgl. Johannes 1,4-5).

Man darf aber bei "Werken der Finsternis" auch ganz schlicht an Taten denken, die man lieber im Verborgenen, unbeobachtet von Anderen tut. Es sind die "Werke", von denen man nciht unbedingt möchte, dass sie ans Licht der Öffentlichkeit geraten. Zu Recht übersetzt Michael Theobald ungeschminkt: "Wie am Tag laßt uns anständig den Weg gehen, nicht in Freß- und Saufgelagen, Bordellbesuchen und Orgien, Streit und Neid" (ders., Römerbrief Kapitel 12 - 16 [Stuttgarter Kleiner Kommentar. Neues Testament  6/2], Stuttgart 1993, S. 113).

 

Vers 14a: Christus als neues Kleid

Vers 14a greift noch einmal das Bild vom Kleiderwechsel auf. Jetzt wird allerdings deutlich, dass Kleidung in der Alten Welt nicht nur einfach eine äußere Hülle ist. Es hat etwas mit der eigenen Identität zu tun. In ihm drücken sich Wesen und Haltung aus. Und diese sollen eben von Christus geprägt sein. Damit ist Paulus wieder bei dem der Lesung direkt vorangehenden Vers 10 angekommen. Denn Christus steht für die "Liebe" als Grundhaltung, von der er sagt: "Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Also ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes" (Römer 13,9).

 

 

 

Auslegung

"Passt euch nicht dieser Weltzeit an!" (Römer 12,2) - "Und das tut im Wissen um die gegenwärtige Zeit ...!" (Römer 13,11)

Eine der Möglichkeiten, die Zeit zu verschlafen und nicht aufzuwachen, heißt für Paulus offensichtlich: sich zu sehr der Zeit anzupassen. Sicherlich, es gilt auch: "Wer nicht mit der Zeit geht, muss mit der Zeit gehen." Doch Paulus hat nicht technische Neuerungen oder den Wandel der Mode im Blick, die in jedem Fall zu meiden seien.  Ihm geht es um die Frage, von woher die Maßstäbe für die Grundentscheidungen des Lebens und Handelns genommen werden. Und da macht es sehr wohl einen Unterschied, ob jemand eine Position erworben hat, aus der allein sie oder er mit großem Selbstbewusstsein und allein mit Blick auf eigenen Machterhalt  handelt, oder ob jemand Gottes Willen in seine Überlegungen einbezieht. Für ihn ist "Kommunikation auf Augenhöhe", die ja eigentlich schon nicht schlecht ist, noch zu wenig. Paulus argumentiert einmal im Philipperbrief: Weil Gott in Jesus weniger wurde als er ist, nämlich Mensch, deshalb sollen wir auch einander weniger werden als wir sind: "in Demut schätze einer den andern höher ein als sich selbst" (Philipper 2,3; zur Gesamtargumentation vgl. Philipper 2,1-11). Wenn das Leben auf einen Jesus zugeht, der für solch eine Wertschätzung  steht, dann sollte es von ihm her geprägt sein. Das wäre ein Handeln im Wissen um die "gegenwärtige Zeit", die bereits "Gott-voll" ist, aus dieser "Fülle" gestaltet werden will und auf "Erfüllung" zuläuft..

Vielleicht kann ein Zitat des Philosophen Walter Benjamin (1892 - 1940) ein bisschen helfen zu verstehen, was hingegen mit "dieser Weltzeit" (Römer 12,2) gemeint sein könnte. Sie ist ja für Paulus weniger geprägt von der Zukunft, aus der heraus der auferstandene Christus entgegenkommt, sondern vom Gedanken des Fortschritts, der seine Quellen immer nur aus dem bereits Bestehenden nehmen kann. Angesichts dieses Fortschritts schreibt nun Walter Benjamin:

"Der Begriff des Fortschritts ist in der Idee der Katastrophe zu fundieren. Daß es so weiter‘ geht, ist die Katastrophe. Sie ist nicht das jeweils Bevorstehende, sondern das jeweils Gegebene." (Walter Benjamin: Charles Baudelaire. Ein Lyriker im Zeitalter des Hochkapitalismus [1937], in:  Gesammelte Schriften. 1. Band. Herausgegeben von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser. Frankfurt am Main: 1991, S. 683)

 

"... ohne maßloses Essen und Trinken" (Vers 13)

Man könnte ja, was Paulus als Negativliste eines über die Stränge schlagenden Verhaltens anführt, für eine Übertreibung halten. Doch der jüdische Philisoph Philo von Alexandrien (gest. nach 40 n. Chr.) gibt in seiner Schrift "De vita contemplativa" (Vom betrachtenden Leben) einen Einblick in das Treiben seiner Zeit. Nachdem er ausführlich eine Fress- und Sauforgie beschrieben hat, fährt er fort, dass die Feiernden " sich mit ungemischtem Wein haben vollaufen lassen, als hätten sie keinen Wein getrunken, sondern etwas, das sie in Erregung versetzt und wahnsinnig macht, oder ein noch schlimmeres, geheimes Gift, das sie um den Verstand bringt. Sie fallen einannder an, beißen und fresen sich dNase, Ohren, Finger und noch andere Teile des Leibes ab" (Nr. 40, zitiert nach Michael Theobald, Römerbrief Kapitel 12 - 16 [Stuttgarter Kleiner Kommentar. Neues Testament  6/2], Stuttgart 1993, S. 114).

Was Paulus an die Gemeinde in Rom schreibt, enthält ganz offensichtlich berechtigte Zeitkritik. Ob sie sich in unseren Zeiten überholt hat, sei zumindest offen gelassen.

 

Kunst etc.

Rembrandt, Nachtwache (1642), Wikimedia Commons
Rembrandt, Nachtwache (1642), Wikimedia Commons

"Darum lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts!" (Vers 12)

Rembrandts berühmtes Gemälde "Die Nachtwache" von 1642 veranschaulicht auf beeindruckende Weise das Verhältnis von Licht und Finsternis und lässt zugleich erkennen, wie sehr Gewandung Identität schafft. Das Gemälde hat zwar einerseits als Gesellschaftsportrait nichts mit der Lesung aus dem Römerbrief zu tun, operiert aber andererseits knapp 1600 Jahre nach Paulus mit derselben Symbolwelt.