Lesejahr A: 2019/2020

Evangelium (Mt 22,15-21)

15Damals kamen die Pharisäer zusammen und beschlossen, Jesus mit einer Frage eine Falle zu stellen.

16Sie veranlassten ihre Jünger, zusammen mit den Anhängern des Herodes zu ihm zu gehen und zu sagen: Meister, wir wissen, dass du die Wahrheit sagst und wahrhaftig den Weg Gottes lehrst und auf niemanden Rücksicht nimmst, denn du siehst nicht auf die Person.

17Sag uns also: Was meinst du? Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht?

18Jesus aber erkannte ihre böse Absicht und sagte: Ihr Heuchler, warum versucht ihr mich?

19Zeigt mir die Münze, mit der ihr eure Steuern bezahlt! Da hielten sie ihm einen Denar hin.

20Er fragte sie: Wessen Bild und Aufschrift ist das?

21Sie antworteten ihm: Des Kaisers. Darauf sagte er zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!

Überblick

„Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört.“ Warum man nur scheitern kann, wenn man Jesus eine Falle stellt.

1. Verortung im Evangelium
Das Matthäusevangelium (Mt) erreicht mit dem Beginn von Kapitel 21 den letzten großen Schauplatz des Wirkens Jesu: Jerusalem. Nach seinem Einzug in die heilige Stadt (Mt 21,1-11), hatte Jesus in der Tempelreinigung (21,12-17) auf zwei wesentliche Aspekte seiner Sendung verwiesen: Er zeigt einerseits auf, wo das Wesentliche der Beziehung zu Gott in den Hintergrund rückt, um durch seine Verkündigung, eine Neuausrichtung des Lebens aufzuzeigen. Andererseits lässt er durch die ganz konkrete Zuwendung zu den Menschen, die Heilung von Lahmen und Blinden (21,14) den Kern der Botschaft (Liebe, Güte) sichtbar werden.
An die Tempelreinigung schließen sich ab 21,23 weitere Episoden an, die auf dem Tempelgelände spielen. So kommen die Hohepriester und Ältesten zu ihm und wollen wissen, mit welcher Vollmacht er lehrt und handelt. Als Antwort erzählt Jesus drei Gleichnisse: von den beiden Söhnen eines Weinbergbesitzers (Mt 21,28-32), von den bösen Winzern (21,33-44) und vom königlichen Hochzeitsmahl (Mt 22,1-14). In der Deutung der Gleichnisse entlarven die jüdischen Autoritäten sich selbst als diejenigen, die dem Ruf der Umkehr nicht gefolgt sind (Mt 21,32), die keine richtige Frucht bringen (Mt 21,41-43) und die Einladung Gottes ausschlagen (Mt 22,5-6).
In der Folge dieser Auseinandersetzungen kommt es zu dem Versuch der Pharisäer, Jesus eine Falle zu stellen. Der Evangelist Matthäus nimmt damit sowohl Bezug auf den Tötungsbeschluss aus Mt 12,14 als auch auf den Wunsch, Jesus zu ergreifen, den sie aus Furcht vor der Menge bisher nicht in die Tat umsetzen (Mt 21,46).

 

2. Aufbau
Vers 15 ordnet die nachfolgende Szene in die größere Auseinandersetzung zwischen Jesus und den Pharisäern ein. In den Versen 16-17 schildert Matthäus, wie die „Jünger“ der Pharisäer den Plan einer Falle verwirklichen. Die souveräne Reaktion und Entlarvung der falschen Absichten durch Jesus wird in den Versen 18-21 dargestellt. 
In Vers 22, der nicht zum Lesungsabschnitt gehört, treten die pharisäischen Anhänger dann ab, ohne etwas erreicht zu haben.

 

3. Erklärung einzelner Verse
Vers 15-17: Nach dem Tötungsbeschluss (Mt 12,14), der bisher nicht in die Tat umgesetzt wurde und der Idee, Jesus zu ergreifen, die an der Beliebtheit Jesu scheiterte (Mt 21,46), unternehmen die Pharisäer nun einen weiteren Versuch, die Sendung Jesu mehr oder weniger öffentlich in Frage zu stellen. Weil ein direktes Vorgehen durch sie nach den vorangegangenen Konfrontationen zu offensichtlich wäre, schicken sie ihre Anhänger („Jünger“) vor. Mit der Frage nach Jesu Haltung zur kaiserlichen Steuer wollen sie ihm entweder eine unvorsichtige Äußerung dem Kaiser gegenüber oder eine Zustimmung zur vom Volk verhassten Steuer entlocken. Anders als in Mt 21,23 als die Hohepriester und Ältesten die Anfrage nach der Vollmacht Jesu direkt formulieren und damit deutlich machen, was sie eigentlich denken, gehen die pharisäischen Jünger hier anders vor. Sie versuchen Jesus durch eine gezielte Schmeichelei über seine „wahrhaftige“ Auslegung des Weges Gottes in Sicherheit zu wiegen.
Die „Anhänger des Herodes“ sind als Gruppe für die Erzählung ohne weitere Bedeutung. Es handelt sich hierbei wohl um romtreue Juden.

 

Verse 18-21: Die Gottessohnschaft Jesu zeigt sich in der Fähigkeit, ihre bösen Absichten zu durchschauen. Das Erkennen des menschlichen Herzens und das Durchschauen der Gedanken ist in der biblischen Tradition mit Gott und seiner Allmacht verbunden (z.B. 1. Buch der Könige 8,39; Psalm 139,23). Der Evangelist Matthäus wendet dieses göttliche Attribut hier bewusst auf Jesus selbst an und weist ihn noch einmal in seiner Zugehörigkeit zu Gott aus. Zugleich wird damit die als Teil der Falle gemeinte boshafte Schmeichelei der pharisäischen Jünger zu ihrer eigenen Falle. Denn es ist wirklich so, dass Jesus nicht auf die Person und das rein äußerliche, die schönen Worte und das vermeintliche Lob schaut – er schaut bis in des Herzens Grund!
Die Falle der Gegner ist dazu ausgelegt, Jesus in jede Richtung in Schwierigkeiten zu verstricken und damit in Versuchung zu führen, entweder den Vorrang Gottes zu verleugnen oder die Solidarität mit dem durch Steuern vernachlässigten Volk aufzukündigen. Beides käme einem Verrat an der eigenen Sendung gleich. Deshalb qualifiziert der Evangelist Matthäus die Frage der Pharisäer in der Antwort Jesu durch zwei Begriffe: Heuchelei und Bosheit. Beide wurden bereits häufiger im Evangelium für die menschliche Verlogenheit und den religiösen Schein der Gegner verwendet (z.B. Mt 16,4; 15,7).

Beides entlarvt Jesus mit seiner Gegenfrage und der abschließenden Wendung. Die Aufforderung, die Münze zu zeigen, mit der auch die Pharisäer ihre Steuern bezahlen, bringt zutage, dass diese erstens die Münze mit dem Kaiserbild sogar in den Tempel tragen und zweitens selbst auch die Steuern zahlen und sich dem römischen System nicht wiedersetzen. Die Antwort Jesu trennt die Ebenen, die die Pharisäer bewusst vermischen wollten, um Jesus eine Falle zu stellen. Zum einen geht es um die „Erledigung“ bürgerlicher Pflichten – auch wenn diese verhasst sind und als ungerecht gewertet werden. Jesus greift dieses Handeln nicht an. Sein Blick gilt nicht irdischen Machtverhältnissen und einem politischen Umsturz dieser Verhältnisse – auch wenn dies die messianischen Hoffnungen im Volk enttäuschen wird. Zum anderen geht es um die Klarheit der Ausrichtung auf Gott hin, auf das Himmelreich, das die eigentliche Wohnung und das Ziel der Glaubenden ist. So wie es dem Kaiser gegenüber eine Verbindlichkeit gibt, so gibt es sie auch gegenüber Gott. Dass diese Ebene für Jesus die wesentliche ist, steht außer Frage und wurde durch seine göttlichen Fähigkeiten der Herzenserkennung am Anfang unterstrichen.

Auslegung

Den Pharisäern ist eine gewisse Beharrlichkeit, aber auch eine deutliche Naivität zuzusprechen. Trotz der vorangegangenen Unterredungen mit Jesus, in der sie deutlich ihre Grenzen aufgezeigt bekommen haben, hoffen sie darauf, Jesus doch irgendwie „loszuwerden“. Ihre eigene Ängstlichkeit lässt sie (noch) nicht handgreiflich werden, stattdessen versuchen sie ein weiteres Mal mit Worten bzw. mit einer Fangfrage. Dass sie hierzu nicht selbst auftreten, sondern ihre „Jünger“ vorschicken, wirft kein gutes Licht auf sie. Die Schilderung „sie veranlassten…zu sagen“ lässt die „Jünger“ zu bloßen Handlanger werden. Die Fangfrage scheint ihnen todsicher – kann sich Jesus mit einer Antwort doch nur vergaloppieren und entweder religiösen oder politischen Verrat begehen. Hier genau beginnt die Naivität der Pharisäer und ihr mangelndes Verständnis der Verkündigung Jesu wird offenbar. Was sie versuchen zu einer ausweglosen Melange zu vermischen: staatliche und religiöse Loyalität, kann sich nicht gegenüberstehen! Am Ende, das hatte Jesus erst in den vorangegangenen Gleichnissen unmissverständlich deutlich gemacht, entscheidet sich das Schicksal des Menschen durch sein Verhältnis zu Gott. Er ist es, dem alle Aufmerksamkeit, alle Kraft, alle Loyalität gehört. Wenn er zum Hochzeitsmahl bei sich einlädt, muss alles andere liegenbleiben. Wenn er durch Propheten zur Umkehr ruft, braucht es die Bereitschaft, das Leben neu zu ordnen. Wenn er nach den Früchten fragt, sind sichtbare Zeichen des eigenen Glaubens gefragt. Mit seiner Erinnerung, Gott zu geben, was ihm gehört, führt Jesus den Pharisäern ihr Scheitern in diesen Bereichen erneut vor Augen. Sie kümmern sich nicht zuerst um Gottes Willen und das Erfüllen seiner Gebote – sondern halten sich, wie in der Fangfrage mit vermeintlichen Nebensächlichkeiten auf.

Die Aufforderung, Steuern zu zahlen und damit dem Kaiser zurückzugeben, was ihm (versinnbildlicht durch das Einprägen seines Abbildes) gehört, meint dabei keine blinde Loyalität dem Staat gegenüber. Jesus nimmt hier nicht grundsätzlich zu dieser Frage Stellung, sondern verdeutlicht, dass zunächst einmal beide „Welten“, die irdische mit ihren Staats- und Gesellschaftsformen und die himmlische mit dem Reich Gottes als Ziel nicht ein „Entweder – Oder“ sind. Worauf es ankommt ist vielmehr, dass Gott immer das gegeben wird, was ihm zusteht: Die ungeteilte Aufmerksamkeit, die Bereitschaft, sich selbst zu hinterfragen und von Gottes Weisungen neu ausrichten zu lassen und die Klarheit, dass wirklicher Glaube sich nicht in Worten erschöpft, sondern immer zu Taten (Früchten) führen muss.

Kunst etc.

Münze mit dem Bild des Kaisers Augustus aus den Jahren 11./12. nach Christus.

 

Abbildung: Landesmuseum Württemberg