Lesejahr A: 2019/2020

Evangelium (Mt 10,26-33)

26Darum fürchtet euch nicht vor ihnen! Denn nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird.

27Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet im Licht, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet auf den Dächern!

28Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch eher vor dem, der Seele und Leib in der Hölle verderben kann!

29Verkauft man nicht zwei Spatzen für einen Pfennig? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen eures Vaters.

30Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt.

31Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen.

32Jeder, der sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen.

33Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen.

Überblick

Von unnötiger Furcht und notwendigem Respekt. Jesus ermutigt seine Jünger angesichts möglicher Gefahren bei der Verkündigung des Evangeliums.

1. Verortung im Evangelium
Das Matthäusevangelium (Mt), das durch fünf große Redeeinheiten Jesu geprägt ist, fokussiert sich von Mt 4,12-18,35 auf das Wirken Jesu in Galiläa. Innerhalb dieses Teils wählt Jesus die zwölf Apostel aus und sendet sie zu den „verlorenen Schafen Israels“ (Mt 10,5-15). Ausgangspunkt für die Aussendung der Jünger, die sein eigenes Wirken unterstützen soll, ist die Wahrnehmung, dass die Menschen auf der Suche und von der derzeitigen Situation ermattet sind. Die religiösen Anführer seiner Zeit taugen nicht als Hirten der Herde Israels und die Menschen sehnen sich nach dem Messias, der ihnen Richtung und Orientierung gibt. Wenn die Jünger in diese Situation hinein die Botschaft vom Himmelreich verkünden, werden sie, wie Jesus selbst, Widerspruch und Anfeindung erleben, darauf weist Jesus in Mt 10,16-25 hin. Der Abschnitt Mt 10,26-33 setzt dieser Gefährdungslage eine Ermutigung und Einordnung der Bedrohung entgegen.

 

2. Aufbau
Die Verse 26-27 markieren den Übergang von den zuvor dargestellten Gefahren der Verkündigung zur Ermutigung der Jünger. Thematischer Schwerpunkt ist hier das furchtlose Bekenntnis angesichts der Gegner der Botschaft. Im Fokus der Verse 28-31 steht hingegen der gebotene Respekt vor Gottes Allmacht. Die unnötige Furcht vor den Menschen und der notwendige Respekt vor Gott werden in den Versen 32-33 in der Alternative eines Bekennens oder Verleugnens Jesu noch einmal pointiert gegenübergestellt.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 26-27: Durch das Pronomen „ihnen“ sind die Verse eindeutig mit den vorangegangenen Warnungen an die Jünger verbunden. Zuvor hatte Jesus seine Jünger in Mt 10,16-25 auf Bedrängnisse und Verfolgungsszenarien vorbereitet, die ihnen bei der Verkündigung der Botschaft vom Himmelreich drohen. Jesus hatte dabei sowohl von Prozessen, als auch von Aufständen und Familienentzweiungen, von Hass und Verfolgung gesprochen. Er bereitet die Jünger vor auf Situationen, die auftreten können, wenn sie „in Jesu Namen“ (Mt 10,22) unterwegs sind. Dieser realistischen Einschätzung der Lage stellt er nun den Aufruf gegenüber, sich nicht vor all diesen Menschen zu fürchten. Mit „darum“ erinnert der Evangelist an die Gründe, die eine Furcht vor den feindlichen Menschen unnötig macht: So hatte Jesus auch schon vom Beistand des Heiligen Geistes (Mt 10,20), oder der Zuflucht bei wohlwollenden Menschen (Mt 10,23) gesprochen. Einen weiteren Grund benennt er hier: Das Verborgene wird offenbar werden. Gemeint ist damit sowohl das Verhalten derer, die sich gegen die Jünger und die Botschaft wenden, als auch das Verhalten der Jünger. Beides ist mit Blick auf die Allmacht Gottes und sein Gericht am Ende der Zeit formuliert. Die Jünger können sich gewiss sein, dass die Heimtücke und Feindschaft der Menschen Gott nicht verborgen bleibt und damit auch nicht ohne Konsequenzen. Gott wird aber ebenso das Verhalten der Jünger nicht verhüllt bleiben und er wird sehen, ob sie sich aus Furcht vor den Menschen zurückziehen und die Botschaft verschweigen, oder ob sie standhaft sind (Mt 10,22) und im Licht und von den Dächern weg das Himmelreich verkünden.

 

Verse 28-31: Den Gedanken von der unnötigen Angst vor den Menschen setzt Jesus fort, indem nun der Fokus auf Gott als den eigentlich Mächtigen in allen Situationen gelenkt wird. Dazu werden zwei Argumente verwendet. Zum einen wird die Macht Gottes betont, die anders als die Macht der Menschen über den Tod hinaus existiert. Die Menschen können zwar den Leib töten, die Seele jedoch nicht, weil diese bei Gott auch über den leiblichen Tod hinaus geborgen ist. Einzig Gott kann Leib und Seele „verderben“, wenn er richtet und beim Menschen keine Gerechtigkeit findet. Zum anderen wird die Sorge Gottes um jeden betont, der an ihn glaubt und sich für seine Botschaft stark macht. Die Spatzen, die von so geringem Gegenwert sind, dass sie zu zweit für einen Pfennig verkauft werden, sind dennoch als Gottes Geschöpfe unter seinem Schutz. Gott wacht auch über sie und lässt sie nicht zu Boden fallen, was so viel bedeutet wie schutzlos zu werden. Wie viel mehr wert sind die Jünger, deren Haare sogar gezählt sind, und wie viel größer ist der Schutz, der Gott ihnen entgegenbringt. Gott ist also Herr über Leben und Tod, er ist derjenige, der schützt und wirklich mächtig ist. Ihm gilt es also Respekt als eine positive Form von Furcht entgegenzubringen, während eine Furcht vor den nur mächtig wirkenden Menschen, die die Jünger in Bedrängnis führen, unnötig ist.

 

Verse 32-33: Angesichts der aufgezeigten „Machtbereiche“ der Menschen und Gottes sollte es einfach sein, sich für einen zu entscheiden. Die logische Konsequenz für die Jünger kann auch in der Bedrängnis nur sein, an der Botschaft vom Himmelreich festzuhalten und sich zu Jesus als Sohn des allmächtigen Gottes zu bekennen. Insofern sind die hier aufgestellten Alternativen zu verstehen als weiteres Argument für das Verkünden der Botschaft. Denn wer sich vor den Menschen und auch in Bedrängnis zu Jesus bekennt, der kann sich Jesu Fürsprache beim Vater gewiss sein. Wer die heilbringende Botschaft Jesu angesichts von Herausforderungen verleugnet, der darf nicht auf Jesu Beistand beim Vater kalkulieren.

Auslegung

In Mt 10,17 hatte Jesus gemahnt, sich vor den Menschen in Acht zu nehmen, nun fordert er seine Jünger auf, sich nicht vor ihnen zu fürchten. Was zunächst wie ein Gegensatz scheint, ist aus dem unterschiedlichen Fokus der Abschnitte zu erklären. In Mt 10,5-8 hatte Jesus seine Jünger ausgesandt, um das Himmelreich zu verkünden und es durch ihr Wirken sichtbar zu machen. Die Jünger haben damit Anteil an dem, wozu Jesus selbst vom Vater in die Welt gesandt wurde. Indem sie zu Teilhabern seiner Sendung werden, werden sie aber auch zu Teilhabern der Bedrängnisse und Gewissheiten, die mit dieser Sendung verbunden sind. Diese Wahrheit den Jüngern vorzuenthalten, ist für Jesus nicht denkbar. So zeigte er ihnen auf, mit welchen Anfeindungen und Herausforderungen sie zu rechnen haben und die Beispiele und Bilder, die Jesus benutzt, sind durchaus deutlich („wie Schafe unter die Wölfe“ Mt 10,16). Aber zur Wahrheit hinter der Aussendung als Botschafter des Himmelreichs und Teilhaber der Sendung Jesu gehört auch die Gewissheit, dass Gott sich um die Menschen sorgt, die sich zu seiner Botschaft bekennen. So dürfen die Jünger sich auch als Teilhaber der Gewissheit verstehen, dass Gott der wahrhaft Mächtige, der Herr über Leben und Tod ist und dass Gott derjenige ist, der auch das Verborgene sieht und beurteilt. Wenn die Jünger sich auch als Teil dieser Wirklichkeit verstehen, dann wissen sie auch, dass am Ende ihr Verhalten und ihre Grundüberzeugung entscheidend sein wird bei der Beurteilung ihres Handelns. Lassen sie sich von den Menschen mit ihrem begrenzten Machthorizont einschüchtern? Lassen sie sich von den Gegnern der Botschaft mundtot machen? Oder bleiben sie auch in der Bedrängnis standhaft und verkünden das Himmelreich? Rufen sie ihre Überzeugung von den Dächern, dass Gottes Macht weiter reicht als der physische Tod? Bekennen sie, dass Gott auch das Verborgene sieht und am Ende seine Gerechtigkeit walten lässt?

Der Aufruf Jesu, sich nicht vor den Menschen zu fürchten, ist die Ermutigung an seine Jünger, sich daran zu erinnern, wer wirklich für Gerechtigkeit sorgt und machtvoll handelt. Gott, dessen Wirklichkeit die Jünger verkünden, ist der, demgegenüber sie Ehrfurcht oder Respekt haben sollen. Denn er ist wahrhaft mächtig, so mächtig, dass trotz der Ankündigung in Vers 30 Petrus, der Jesus dreimal verleugnet, noch zum Felsen der Kirche werden kann. Denn Gott ist nicht nur mächtig, im Aufdecken des Verborgenen, er ist auch mächtig in seiner Barmherzigkeit.