Lesejahr A: 2019/2020

Evangelium (Mt 2,13-15.19-23)

13Als die Sterndeuter wieder gegangen waren, siehe, da erschien dem Josef im Traum ein Engel des Herrn und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten; dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten.

14Da stand Josef auf und floh in der Nacht mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten.

15Dort blieb er bis zum Tod des Herodes. Denn es sollte sich erfüllen, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.

19Als Herodes gestorben war, siehe, da erschien dem Josef in Ägypten ein Engel des Herrn im Traum

20und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und zieh in das Land Israel; denn die Leute, die dem Kind nach dem Leben getrachtet haben, sind tot.

21Da stand er auf und zog mit dem Kind und dessen Mutter in das Land Israel.

22Als er aber hörte, dass in Judäa Archelaus anstelle seines Vaters Herodes regierte, fürchtete er sich, dorthin zu gehen. Und weil er im Traum einen Befehl erhalten hatte, zog er in das Gebiet von Galiläa

23und ließ sich in einer Stadt namens Nazaret nieder. Denn es sollte sich erfüllen, was durch die Propheten gesagt worden ist: Er wird Nazoräer genannt werden.

Überblick

Was wir von Josef lernen können. Die Erzählung von der Flucht nach Ägypten und der Rückkehr erzählt von der Zerbrechlichkeit und Stabilität einer Gemeinschaft.

1. Verortung im Evangelium
Das Matthäusevangelium (Mt) schildert nach dem Stammbaum Jesu (Mt 1,1-17) und der Erzählung über die Umstände der Geburt Jesu (Mt 1,18-25) die Huldigung der Sterndeuter gegenüber dem neugeborenen Kind (Mt 2,1-12). Diese Erzählung wird zum Ausgangspunkt drei weiterer kleinerer Episoden, die im 2. Kapitel des Evangeliums dargestellt werden: Flucht nach Ägypten (Mt 2,13-15), Kindermord in Bethlehem (Mt 2,16-18), Rückkehr aus Ägypten (Mt 2,19-23). Die Geschichten von der Flucht nach und Rückkehr aus Ägypten sind nicht nur inhaltlich eng miteinander verbunden. Sie nehmen mit dem Motiv der göttlichen Führung auch ein wichtiges Element aus der Geburtserzählung wieder auf und weisen zugleich mit dem Motiv der Gefährdung des Gottes Sohnes hinein in die Dramaturgie der weiteren Jesusgeschichte.

 

 

2. Aufbau
Es begegnen uns zwei getrennte, aber eng verknüpfte Episoden der Jesusgeschichte. Die Verse 13-15 sind mit der Huldigung der Sterndeuter (Mt 2,1-12) über Vers 13 verbunden, ebenso die Verse 19-23. Hier ist es die Person des Herodes (Vers 19), die auf die Sterndeuter-Erzählung verweist. Beide Abschnitt werden mit einem Erfüllungszitat abgeschlossen, die noch einmal betonen, dass die Geschichte des Gottessohnes, die Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel fortsetzt.

 

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 13: Die Sterndeuter haben Maria, Josef und das Kind verlassen und sind aufgrund eines Traumes (Vers 12) auf einem anderen Weg nach Hause zurückgekehrt, damit Herodes nichts von der Entdeckung des Kindes mitbekommt. Nun erscheint auch Josef ein Engel im Traum (vgl. Mt 1,20) und gibt Anweisungen, was zu tun ist. Anders als in Mt 1,20 wird Gott durch seinen Engel hier nicht aktiv, weil Josef überlegt, wie er als Gerechter auf eine Situation reagieren kann. Hier greift Gott ein, weil er mehr weiß als Josef. Er kennt die Pläne des Herodes und warnt Josef und seine Familie, damit der Gottessohn in Sicherheit ist. Mit der Weisung nach Ägypten zu fliehen und dort zu verweilen „bis ich dir etwas anderes auftrage“ zeigt Gott Josef seine Begleitung und Unterstützung an.
Der Grund für die Flucht wird Josef dramatisch vor Augen geführt: Herodes will das Kind töten. Im griechischen Text steht dies noch expliziter, weil das verwendete Wort eigentlich viel stärker formuliert: „vernichten“. Herodes will das Kind vernichten – so formuliert der Evangelist und weist mit der Verwendung des Verbs bereits voraus auf die weiteren Ereignisse im Leben Jesu. Denn genau dieses Verb „vernichten“ verwendet er auch dort, wo die Pharisäer beschließen Jesus umzubringen (Mt 12,14) und in der Passionserzählung als die Menge überredet wird, die Freilassung des Barnabas und den Tod Jesu zu fordern (Mt 27,20). Matthäus spannt von der ersten Gefährdung des Gottessohnes einen bewussten Bogen bis hin zu seinem Ende durch Verrat und Kreuzigung.

 

Verse 14-15: Josef tut, was ihm von Gott geraten wird, Matthäus drückt seinen Gehorsam durch eine wortwörtliche Übernahme der Handlungen zwischen Vers 13 und 14 aus.
Das Zitat aus Hosea 11,1 rundet den Abschnitt ab und ordnet das Geschehen heilsgeschichtlich ein. Der Evangelist möchte mit der Aussage aus dem Buch Hosea zwei Dinge verdeutlichen: Gott ist treu, er ist der Immanuel, der Gott mit uns und deshalb setzt er seine Verheißungen fort. Das Kind, das in Bethlehem geboren wurde, ist Gottes Fortschreibung der Geschichte mit dem Volk Israel, deshalb können die Verheißungen der Propheten nun auf Jesus angewendet werden. Gleichzeitig wird die Verheißung des Propheten hier sehr konkret auf Jesus zugespitzt. Ist im Buch Hosea ganz Israel als „Sohn“ bezeichnet, der aus Ägypten herausgeführt wird, so ist es nun klar Jesus, der als Sohn hinein und heraus aus Ägypten geführt wird.

 

Verse 19-21: Wieder erscheint Josef im Traum ein Engel und gibt ihm einen Auftrag. Ähnlich wie in Vers 13 wird Josef etwas mitgeteilt, was er aufgrund der räumlichen Distanz nicht unbedingt wissen kann: Herodes ist tot, die Gefahr für das Kind damit gebannt. Wieder tut Josef, was ihm geheißen wurde, er zieht mit Maria und dem Kind zurück nach Israel.
In Vers 21 verwendet der Evangelist das sechste Mal im bisherigen Verlauf der Jesuserzählung das Verb „paralambano“ (griechisch: παραλαμβάνω), das „zu sich nehmen“ oder „annehmen“ bedeutet. Das Wort ist weniger technisch, als gemeinschaftsbildend zu verstehen und wird so auch vor allem im neutestamentlichen Kontext verwendet, aber auch außerhalb der Heiligen Schrift. „Zu sich nehmen“ meint, sich eines Menschen annehmen, sich einander zuwenden, woraus dann gemeinschaftliche, familiäre Beziehung entsteht. So wird das Wort nicht nur in der Erzählung von der Geburt Jesu verwendet (Mt 1,20 und 24), wenn Josef Maria zu sich nehmen soll (statt sich zu trennen). Es wird auch in Mt 2,13-15 und 19-23 verwendet, um die familiäre Bindung zwischen Josef, Maria und dem Kind anzuzeigen. Im weiteren Verlauf des Evangeliums wird mit ebendiesem Wort dann auch umschrieben, wie Jesus Jünger zu sich nimmt, um mit ihnen besondere Momente zu teilen (Verklärung, Getsemani). Der Evangelist Matthäus betont also in den Erzählungen von der Geburt Jesu und seiner Flucht nach Ägypten, wie durch Gottes Weisungen und das Handeln des Josef familiäre Gemeinschaft entsteht und sich darstellt. Josef nimmt Maria zu sich und nimmt sich ihrer und des Kindes an, er gibt denen Schutz, die bedroht werden.

 

Verse 22-23: Nach der Rückkehr nach Israel bekommt Josef Kunde, dass der Sohn des Herodes in Judäa regiert. Aus Angst, der Sohn könne wie sein Vater Jesus nach dem Leben trachten, zieht Josef mit Maria und dem Kind weiter nach Nazareth in Galiläa. Auch hier lohnt noch einmal ein Blick auf die Wortwahl des Evangelisten. Denn mit „anachoreo“ (griechisch: ἀναχωρέω, wegziehen, sich zurückziehen, entweichen) verwendet Matthäus einen Begriff, den er ebenfalls durch das gesamte Evangelium verwendet. Dabei steht das Wort immer wieder im Kontext von Bedrohungs- oder Konflikterzählungen. Es findet Verwendung in der Erzählung von den Sterndeutern (Mt 2,12 und 13), die auf anderem Wege in ihre Heimat zurückkehren, um nicht noch einmal auf Herodes zu treffen. Außerdem findet es sich dort, wo Jesus seinen Gegnern aus dem Weg geht bzw. ihnen entweicht. So zum Beispiel als direkte Reaktion auf den Beschluss der Pharisäer, ihn zu töten (Mt 12,15). 
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass in Vers 22 Josef nicht auf explizite Weisung Gottes hin handelt. Zuvor war das Handeln des Josef immer wortwörtlich vorgezeichnet worden durch Ankündigungen des Engels. Dabei ging es immer um Sachverhalte, die Josef nicht so einfach aus sich heraus erkennen konnte: Maria ist vom Heiligen Geist schwanger, Herodes will das Kind töten, Herodes ist gestorben. In diesen Momenten bringt die Weisung des Engels eine Handlung in Gang, die Josef verborgen geblieben wäre. In Vers 22 kann Josef aber aus sich selbst heraus erkennen, dass Judäa nicht der sicherste Ort für seine Familie ist und daher zieht er ohne explizite Weisung des Engels nach Nazareth. Entsprechend vage spricht Matthäus auch nur von einer Weisung die Josef im Traum erhalten hat und verzichtet auf eine genaue Handlungsanweisung wie an den vorherigen Stellen. Dem Evangelisten ist es wichtig, Josef nicht nur als „Befehlsempfänger“, sondern als mitdenkenden und aktiven Teil der Geschichte darzustellen.

Das abschließende Zitat „er wird Nazoräer genannt“ unterscheidet sich von den anderen Erfüllungszitaten, die im bisherigen Verlauf des Evangeliums eingeflochten wurden. Denn der Wortlaut lässt sich so in keiner überlieferten alttestamentlichen Schrift finden. Es scheint so, als wäre dies auch dem Evangelisten klar gewesen, denn er nennt hier das einzige Mal „die Propheten“ (Plural!) als Quelle und nicht einen Propheten (vgl. Mt 2,15 oder 17). Wichtiger als der Wortlaut eines Prophetenbuches scheint Matthäus die Überlieferung eines Sachverhaltes gewesen zu sein. Mit dem Begriff „Nazoräer“ soll das Aufwachsen Jesu in Nazareth eingeordnet werden. Das Kind wird also mit dem Ort seines Heranwachsens verbunden („er wird Nazoräer genannt“). Zugleich schwingt in „Nazoräer“ aber auch der hebräische Wortstamm „nesär“ (Spross, Zweig) mit, der in prophetischen Texten immer wieder verwendet wird, wenn es um den ersehnten Messias geht. Wie zum Beispiel in Jesaja 11,1: „Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht“.

Auslegung

Noch einmal steht Josef im Mittelpunkt einer Erzählung des Matthäusevangeliums und wie immer bleibt er stumm. Bereits in der Erzählung von der Geburt Jesu und deren Umständen hatte der Evangelist Matthäus den Fokus ganz auf Josef gelegt, der als Gerechter handelt, weil er seine Verlobte nicht bloßstellen will, und der sich dann ganz auf die Weisungen Gottes verlässt, der ihn auffordert, sich um Kind und Mutter zu kümmern. Josef soll Maria und das Kind „zu sich nehmen“ (Mt 1,20) und die Rolle des Vaters übernehmen, indem er dem Kind einen Namen gibt (Mt 1,21). Was in Mt 1,18-25 begonnen hat, das erfährt nun seine logische Fortführung. Denn die Gemeinschaft, zu der Gott Josef aufgefordert hat, sie ist eine Lebensgemeinschaft, eine Fürsorgegemeinschaft, die sich besonders in Zeiten der Krise bewähren muss. Nun, angesichts der Bedrohung durch Herodes, ist diese Gemeinschaft herausgefordert – und sie bewährt sich. Josef hat Maria und das Kind nicht nur zu sich genommen, sondern er nimmt sie auch mit sich, das bedeutet, er flieht mit ihnen aus seiner Heimat in die Fremde und kehrt mit ihnen zurück.

Mit und durch die Gestalt des Josef, der nach der erfolgreichen Rückkehr nach Nazareth aus der Erzählung des Evangeliums verschwindet, erfahren die Leser des Evangeliums gleich zu Beginn dessen zentrale Botschaften: Gott stiftet und lebt Gemeinschaft, doch die Gemeinschaft mit ihm und untereinander ist immer wieder gefährdet.
Wenn Gott durch seinen Engel den Josef auffordert, Maria und das Kind zu sich zu nehmen und mit ihnen eine Lebensgemeinschaft zu bilden, dann bittet er Josef das zu tun, was er selbst mit ihm leben will. Denn Josef kann sich nicht nur als Gerechter und damit als Glaubender (vgl. Mt 1,18-25), sondern auch durch die göttlichen Weisungen durch den Engel sicher sein, dass Gott ihn nicht alleine lässt. Alle Schritte des Josef – vor allem die, die er macht ohne sie aus sich selbst heraus zu verstehen – werden durch Gott begleitet. Gott, dessen Sohn man den Namen „Immanuel“ (Gott mit uns) geben wird (Mt 1,23), er ist selbst ein Gott, der da ist und mit dem Menschen die Wege des Lebens geht. Der Evangelist Matthäus zeigt das in unserem Evangeliumsabschnitt bewusst nicht nur in der Person des Josef auf. Denn dann könnte es zu leicht als eine einmalige Geschichte Gottes mit einem Menschen gelesen und verstanden werden. Matthäus setzt die Erzählung des Josef (und seiner Familie) in den Kontext der Heilsgeschichte, der Geschichte Gottes mit allen Menschen. Entsprechend dient die Einbindung der alttestamentlichen Zitate hier wie im gesamten Evangelium der Verdeutlichung dieser Geschichte. Denn nicht nur Josef erfährt Gott als einen Gott, der mitgeht, der sich sorgt, der seine Kinder schützt. Das Zitat aus dem Hoseabuch in Mt 2,15, das nun auf Jesus zugespitzt wird, ist den Lesern des Evangeliums als Zitat bekannt, das auf ganz Israel hindeutet. Gott wendet sich seinem ganzen Volk zu, er sorgt sich um sie alle. Und als „Gott mit uns“ verheißt sein Sohn als Auferstandener „alle Tage“ bei seinen Jüngern zu sein (Mt 28,20). Dieses Mitsein Gottes, diese Lebensgemeinschaft Gottes mit den Menschen, sie ist Vorbild für das, was Josef mit Maria und dem Jesuskind leben soll. Gott stiftet Gemeinschaft, weil er selbst Gemeinschaft lebt. Wenn Matthäus das Wort „zu sich nehmen“ später auch auf Jesus und seine Jünger anwendet, zieht er diesen Gedanken sehr klar durch das Evangelium hindurch als zentrales Motiv.
Ebenso klar wie diese Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch und den Menschen untereinander ist aber auch, dass eine solche Gemeinschaft in Gefahr gerät. In Mt 2,13-15.19-23 ist es Herodes, der diese Gemeinschaft bedroht. Er bedroht in Jesus das Kind, das für die Gemeinschaft Gottes mit dem Menschen steht. Und er bedroht zugleich die gesamte Familie, die als Lebensgemeinschaft unterwegs ist. Der Wunsch des Herodes, Jesus zu vernichten, ist nichts anderes als die Verneinung der Gemeinschaft, die Gott den Menschen in seinem Sohn anbietet. Diese Gemeinschaft, zu der Gott einlädt, sie zeigt sich unter anderem in der Einladung Jesu an Sünder und Zöllner (Mt 9,9-13), aber auch im Vergeben der Sünden und in den vielfachen Erfahrungen von Heil, wie sie in den Wundergeschichten zum Ausdruck kommen. Nicht von ungefähr berichtet Matthäus im Kontext einer Heilungsgeschichte vom Beschluss der Pharisäer, Jesus zu töten (vgl. Mt 12,9-14). Auch dieses Motiv, die Bedrohung der Gemeinschaft mit Gott und untereinander, zieht sich wie ein roter Faden durch das Evangelium. Josef, der stumme Mann Mariens, ist am Anfang der Jesusgeschichte ein Augenöffner. Er lenkt unseren Blick auf die Gemeinschaft, zu der Gott einlädt, die aber nur mit uns gelingen kann.

Kunst etc.

Louis Feldmann (1856-1938), Flucht nach Ägypten [Public domain]
Louis Feldmann (1856-1938), Flucht nach Ägypten [Public domain]

Das Bild einer Gemeinschaft, die Schutz sucht und auf Gottes Hilfe hofft. So stellt der Maler Louis Feldmann die Heilige Familie hier dar: Ein verängstigtes Kind, eine blasse Mutter und ein Vater, dessen besorgter Blick gleichsam auf dem Weg vor ihnen wie auf Mutter und Kind zu ruhen scheint.