Lesejahr A: 2019/2020

2. Lesung (Röm 5,12-19)

12[Deshalb:] Wie durch einen einzigen Menschen die Sünde in die Welt kam und durch die Sünde der Tod und auf diese Weise der Tod zu allen Menschen gelangte, weil alle sündigten -

13Sünde war nämlich schon vor dem Gesetz in der Welt, aber Sünde wird nicht angerechnet, wo es kein Gesetz gibt;

14dennoch herrschte der Tod von Adam bis Mose auch über die, welche nicht durch Übertreten eines Gebots gesündigt hatten wie Adam, der ein Urbild des Kommenden ist.

15Doch anders als mit der Übertretung verhält es sich mit der Gnade; sind durch die Übertretung des einen die vielen dem Tod anheimgefallen, so ist erst recht die Gnade Gottes und die Gabe, die durch die Gnadentat des einen Menschen Jesus Christus bewirkt worden ist, den vielen reichlich zuteilgeworden.

16Und anders als mit dem, was durch den einen Sünder verursacht wurde, verhält es sich mit dieser Gabe: Denn das Gericht führt wegen eines Einzigen zur Verurteilung, die Gnade führt aus vielen Übertretungen zur Gerechtsprechung.

17Denn ist durch die Übertretung des einen der Tod zur Herrschaft gekommen, durch diesen einen, so werden erst recht diejenigen, denen die Gnade und die Gabe der Gerechtigkeit reichlich zuteilwurde, im Leben herrschen durch den einen, Jesus Christus.

18Wie es also durch die Übertretung eines Einzigen für alle Menschen zur Verurteilung kam, so kommt es auch durch die gerechte Tat eines Einzigen für alle Menschen zur Gerechtsprechung, die Leben schenkt.

19Denn wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern gemacht worden sind, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht werden.

Überblick

Mensch, erkenne in Adam dich selbst: in deiner Vergänglichkeit, Begrenztheit und auch Fehlerhaftigkeit (theologisch gesprochen: Sündhaftigkeit). Einen anderen Menschentyp als diesen gibt es nach Paulus auf dieser Erde nicht. Aber demselben Menschen ist eine große Hoffnung in Aussicht gestellt: Der Schwäche und Sünde des Menschen steht ein Leben gegenüber, das ganz aus der Zuwendung Gottes (theologisch: Gnade) existiert; sie verleiht Stärke und Aufrichtung. Und der Vergänglichkeit steht unvergängliches Leben gegenüber. Für Gnade und ewiges Leben steht der gekreuzigte und auferweckte Christus. Er gibt etwas, was Adam - als der  "Urtyp" irdisch-menschlicher Existenz - nicht geben konnte bzw. aus sich nicht schaffen kann. Das Bekenntnis zum Kreuz ist dabei absolut unverzichtbar, denn es hält fest, dass dieser Christus in der Existenzweise des Adam begonnen hat: als ein dem Leiden und dem Tod ausgesetzter Mensch. Der Sünde vermochte er sich zu widersetzen, der Tötung nicht bzw. er tat es nicht. Doch gerade aus diesem angenommenen Tod erwächst Heil - durch Gott, für alle. So sind Adam und Christus vergleichbar und unvergleichbar in einem. Diesen anspruchsvollen, vor allem aber  Hoffnung stiftenden Gedanken entfaltet Paulus in der heutigen Lesung.

 

Einordnung in den Zusammenhang

In seiner Gegenüberstellung von "Adam" und "Christus" kann Römer 5,12-19 (eigentlich bis Vers 21)  als eine Zusammenschau der bisherigen Ausführungen des Römerbriefs verstanden werden: Römer 1,18 - 3,20 sprechen - ohne dass der Name ausdrücklich fällt - von der unheilvollen "Adam-Seite" des Menschen, während man über Römer 3,21 - 5,11 "Christus" als Überschrift setzen könnte, der für das Heil steht. Was also in den ersten Briefkapiteln in einem großen Nacheinander entwickelt wurde, fasst Paulus nun in eine Zusammenschau.

Hinter allem steht gerade in den ersten 5 Kapiteln des Römerbriefs der für Paulus leitende Gedanke, dass Gottes Zuwendung nicht nur einer einzelnen Nation (Israel) oder einer einzelnen Volks- und Glaubensgemeinschaft (Judentum) gilt. Mit ihnen hat Gott zwar seinen Heilsweg begonnen - Paulus gehört ja selbst zum jüdischen Volk und kann hier gar nicht anders denken -, aber sein Heilswille reicht darüber hinaus. Deshalb kann das nur für das Judentum verbindliche Gesetz nicht der Heilsweg Gottes sein. Und deshalb ist Christus auch kein neuer Abraham (Stammvater Israels) oder gar ein neuer David (der erste große König Israels). Sondern Paulus knüpft mit seinem Vergleich an Adam an und d. h. an die Schöpfung - ganz besonders an die Menschenschöpfung. Der Heilswille Gottes zielt  auf alle Menschen in ihrer Geschöpflichkeit. Das war in Römer 1,18 - 5,11 bereits von Paulus der Christengemeinde in Rom, die sich ja aus Juden wie vor allem aus Nichtjuden zusammensetzte, dargelegt worden und wird nun noch einmal gebündelt.

Schwierig macht gerade diesen Lesungs-Abschnitt des Römerbriefs, dass sich Paulus sozusagen in seiner  Gedankenführung immer wieder selbst unterbricht und Zwischenbemerkungen und Vorbehalte einbringt, so dass die Sätze zum Teil unvollständig bleiben. Die Einheitsübersetzung folgt auch in diesen Abbrüchen der griechischen Vorlage.

 

Vers 12: Adam - Sünde - Tod

Vers 12 nennt den Ausgangspunkt der Argumentation des Paulus: Es gibt einen engen Zusammenhang von Mensch, Sünde und Tod. Paulus denkt dabei weder über die Erbsünde nach - den Begriff kennt er gar nicht - noch über die Frage, wie man sich naturwissenschaftlich den ersten Menschen vorstellen muss. Adam (er ist mit dem "einzigen Menschen" gemeint) steht für den Menschen schlechthin, wie er in dieser Welt und Geschichte vorkommt und nie anders vorgekommen ist. Schon der Anfang des Menschen verbindet sich mit einer Art "Ur-Verdrängung" Gottes, mit dem emanzipatorischen Bestreben, ohne und gegen Gott zu handeln. Folgt man dem biblischen Zeugnis, ist dies keine Frage innerlicher Gedankenprozesse, sondern eine Grundhaltung, die sich in konkreten Handlungsmustern äußert: Verdächtigung (im Gefolge der Schlange unterstellen Adam und Eva Gott schlechte Motive beim Verbot, von den Früchtene ines bestimmten Baumes zu essen) und Gewalt (Kain ermordet seinen Bruder Abel) sind zwei "Ur-Sünden", die das Alte Testament am Beginn des Buches Genesis (1. Buch Mose) nennt. Diese negative Grundausrichtung des Menschen führt auch dazu, dass der Tod des Menschen eine negative "Qualität" bekommt: Der Mensch stirbt hinein in die Vergeblichkeit, in die Lossagung von dem Gott, der allein ihm Gemeinschaft über den Tod hinaus geben könnte. Das ist sozusagen die "adamitische" Existenz des Menschen: eine scheinbar unlösliche Verquickung von Sündhaftigkeit und Tod im Sinne der dauerhaften Gottferne (zur Herkunft dieser Sichtweise des Paulus s. unter "Auslegung"). Es geht also nicht darum, dass die Sterblichkeit des Menschen an und für sich Folge der Sünde sei. Nicht zufällig meidet Paulus den Begriff "sterben" und spricht immer nur vom Tod.

 

Verse 13-14: Die Abweisung eines möglichen Einwandes

Paulus bricht seinen Eröffnungsgedanken ab. Er fällt sich sozusagen selbst ins Wort und hat dabei den jüdischen Einwand im Hinterkopf: "Sünde" - von ihr war ja in Vers 12 die Rede - ist doch vor allem "Übertreten" des Gesetzes Gottes, das er einst dem Mose und durch ihn dem ganzen Volk Israel am Sinai mitgeteilt hat. Ohne Gesetz kann es folglich keine Sünde geben. Und folglich kann es gerechterweise vorher auch noch keine Strafe geben. 

Paulus entkräftet diesen an sich plausiblen Einwand mit seiner grundsätzlicheren Sicht von einem geradezu universalen Zusammenhang von Sünde und Tod. Dabei kann er sich auf das Alte Testament stützen, insofern dieser Zusammenhang eben nicht erst ab der Zeit des Mose (dargestellt im Buch Exodus/2. Buch Mose) erkennbar wird, wenn z. B. das Volk sich gegen Gott auflehnt und daraufhin tödliche Schlangen zur Strafe geschickt werden oder wenn Gesetzesbruch mit Todesstrafe geahndet wird. Nein, auch schon die Erzählungen im vorangehenden Buch Genesis lassen diesen Zusammenhang von Sünde und Tod erkennen. Damit befindet die Bbiel sich reinerzählerisch in Zeiten lange vor Mose und damit vor der Gesetzesmitteilung am Sinai.

Mit anderen Worten: Das Gesetz begründet nach Paulus - anders als man bei der Gleichsetzung von Sünde zund Gesetzesübertretung meinen könnte - nicht den Zusammenhang von Sünde und Tod, sondern deckt ihn lediglich noch deutlicher auf als er schon vorher war. Denn das Gesetz lässt den Menschen bei jedem Gesetzesbruch offiziell und unabweislich als Sünder erscheinen, der er aber tatsächlich immer schon war. Die immer wieder festgestellte Gesetzesübertretung beweist nur einmal mehr, dass der Mensch sich von Gott und seinem Wollen emanzipieren will. Das ist die eigentlich Sünde, die den Tod als Überlassung an die endgültige Gottferne zur Folge hat.

 

Vers 15: Christus als Gegen-Adam

Vers 15 greift den Vergleichsfaden aus Vers 12 auf, wendet ihn nun aber ins Positive. Verglichen werden "Übertretung" und das neu eingeführte Wort "Gnade". "Übertretung" steht für "Adam" und seine "Übertretung" der Schwelle von Gott weg. Die mit der Gestalt Adams verbundene "Ersttat" erweist sich im Nachhinein als eine in jedem weiteren "Adam", nämlich in jedem weiteren Menschen sich fortwirkende Tat.  Dieses Prinzip von einzelnem Anfang und universaler Verbreitung gilt für Paulus aber auch im Positiven: Der Heilswille Gottes, der prinzipiell allen Menschen gilt, hat seinen Ausgangspunkt auch im Tun eines Einzelnen, besser: an einem Einzelnen genommen: in der Auferweckung des gekreuzigten Christus. Dessen Tod ist nicht das Hineinsterben in die Vergeblichkeit und Gottesferne, sondern die bewusste Annahme des letzten Schrittes eines jeden Menschen im ungebrochenen Ja zu Gott. Deshalb ist dieser Heilstod "Gnadentat". Damit ist der Tod als Gottferne besiegt und gewandelt zur Öffnungspforte für dauernde Gottesnähe - und zwar für alle. Das meint die "Gnadengabe" Gottes: das ewige Leben mit und bei ihm, das allen eröffnet ist.

Man kann zusammenfassend sagen: Das Grundprinzip von "einer" und "alle" ist bei Adam und Christus das Vergleichbare, der Inhalt des Handeln hingegen völlig unterschiedlich: Das Christus-Handeln überwindet das Adam-Handeln. Nicht um die Gegenüberstellung von Ideal und Wirklichkeit geht es, sondern darum, dass "der Ideale" - der Mensch Christus in seiner auch im Tode ungebrochenen Gottesbeziehung - dem "Realen" - also, dem Menschen wie er nun einmal in dieser Geschichte erlebbar ist - einen Hoffnungsraum eröffnet. In Christus überlässt Gott den Menschen nicht den Folgen seines Adam-Seins, sondern befreit ihn davon.

 

Vers 16: Die "Gabe Gottes" [Vers 15] heißt "Gerechtsprechung"

Dieser Vers betont weiter das Unvergleichbare zwischen Adam und Christus: Löste Adams Ungehorsam die strenge Logik des Gerichts aus, bedeutet die in Christus sich kundtuende Gnade Gottes gerade den Abbruch dieser Logik. Die sich auftürmenden Übertretungen  machen das Gericht, also die Verwerfung der Adam-Nachkommenschaft nicht unauswechlich, sondern der heilbringende Kreuzestod Jesu markiert den "Schuldenschnitt" (Das Wort ist nicht einfach nur modern, sondern findet sich in gewisser Weise bereits im Neuen Testament, wenn der Kolosserbrief 2,14 in der Nachfolge des Paulus formuliert: "Er hat den Schuldschein, der gegen uns sprach, durchgestrichen und seine Forderungen, die uns anklagten, aufgehoben. Er hat ihn dadurch getilgt, dass er ihn an das Kreuz geheftet hat."). In paulinischer Sprache heißt das: Gott lässt den Menschen am Ende nicht asl Sünder mit allen Konsequenzen, sondern als einen, dem vergeben wurde und der somit ins Recht gesetzt ist, dastehen ("Gerechtsprechung").

 

Vers 17: Das entscheidende Wort: "Leben"

Während Vers 16 vom Gegensatzpaar "Sünde"/"Übertretung" - "Gerechtsprechung" geprägt ist, spricht Vers 17 - wiederum in Betonung des eher Unvergleichbaren zwischen Adam und Christus - vom Gegensatzpaar "Tod" und "Leben". Damit sind die entscheidenden vier Begriffe ausdrücklich benannt, die so etwas wie das Skelett des gesamten Gedankengangs darstellen: "Sünde" und "Tod" einerseit, "Gnade" und "Leben" andererseits. Dabei kann "Sünde" durch "Übertretung" und "Ungehorsam" konkretisiert werden, "Tod" durch "Gericht" und "Verurteilung", "Gnade" durch "Gerechtsprechung". Nur für das "Leben" gibt es keinen Zusatzbegriff.

 

Verse 18-19: Ein Zusatzgedanke - die Eigenverantwortlichkeit

Es mag überraschen, dass in den letzten beiden Versen noch einmal das Tun des Einzelnen (Adam bzw. Christus) so stark betont wird. Einmal mehr dürfte Paulus ein Gegenargument gegen seine Ausführungen im Blick haben. Wenn nämlich der Zusammenhang von Sünde und Tod ein so universaler ist, wie Paulus behauptet, liegt der Gedanke nahe, dass dieser Zusammenhang eine Art Gesetzmäßigkeit ist, für die der Einzelne nichts kann und die daher nicht in seiner Verantwortung liegt. Dem widerspricht Paulus, insofern er dem beschriebenen Grundzusammenhang zugleich auch die Eigenverantwortlichkeit des Menschen zuordnet. Adam handelt nicht aus Zwang. Seine Übetretung ist bewusste und verantwortete Tat, so wie bei jedem Menschen zur Sünde die Einwilligung in die Sünde, die selbst verantwortete Tat gehört.

Dieses Prinzip gilt auch bei Christus. Er ist nicht einfach die Marionette des Vaters, sondern handelt bei seinem Sterben in eigener Verantwortung. Das drückt Paulus im Begriff des "Gehorsams" aus. Christus steht für das ausdrückliche Ja des Menschen Jesus Christus (Vers 15). Erst dieses Ja rückt ihn ganz auf die Seite Gottes als "Herrscher im Leben" (vgl. Vers 17).

In der Konsequenz heißt das aber auch für "Gerechtsprechung" der adamitischen Menschheit, dass sie nicht ein Automatismus ist, sondern das selbst verantwortete Ja zu diesem Jesus Christus und seinem Vater votraussetzt, das keinem abgenommen werden kann.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auslegung

Adam - Sünde - Tod (Vers 12)

Das ist eine steile These, die sich hinter Vers 12 verbirgt. Sie wird erkennbar wenn man den abgebrochenen Vergleichssatz in einen Aussagesatz umformuliert:

"Durch einen einzigen Menschen [kam] die Sünde in die Welt ... und durch die Sünde der Tod und auf diese Weise [gelangte] der Tod zu allen Menschen ..., weil alle sündigten."

Doch sie kommt nicht aus dem Nichts. Vielmehr erweist sich Paulus als Kenner der jüdischen Tradition, mit der er zugleich eigenständig und kreativ umgeht. Näherhin bezieht er sich auf den Fall Adams, von dem die sogenannte syrische Baruchapokalypse festhält:

"Denn als er [d. h. Adam] übertreten hatte, ist der vorzeitige Tod gekommen, und Trauer ward genannt und Trübsal vorbereitet, die Krankheit war geschaffen und Mühsal ward vollendet ... " (syrBar 56,6).

Noch deutlicher heißt es in derselben Schrift zwei Kapitel vorher:

"Zwar sündigte  als erster Adam und hat damit vorzeitigen Tod gebracht für alle, doch hat von denen, die aus ihm geboren sind, ein jeder auch sich selbst zukünftige Strafe bereitet" (syrBar 54,15).

Der Text aus dem 1./2. Jh. n. Chr., der in seiner syrischen Fassung auf eine ältere griechische Fassung zurückgehen dürfte, gehört in die sogenannte Apokalyptik, d. h. eine religiöse Bewegung, die sich seit der Unterdrückung der Juden durch die griechischen Besatzer in der Nachfolge Alexander des Großen (gest. 323 v. Chr.) besonders im 2. und 1. Jh. v. Chr. und als Gegenreaktion darauf entwickelt hat, sich aber auch inder Römerzeit (seit ca. 40 v. Chr.) fortsetzte. Biblisch hat sie sich im Buch Daniel und in der Offenbarung des Johannes niedergeschlagen. Eines von vielen Kennzeichen der Apokalyptik ist eine besondere Betrachtung der Geschichte unter übergeordneten Zusammenhängen. Der oben zitierte Text deutet nun den Sündenfall Adfams und Evas, von dem Genesis 3 spricht, als Begründung des "vorzeitigen Todes", nicht also des Todes an sich. Denn tatsächlich setzt Genesis 3 die Sterblichkeit des Menschen immer schon voraus:

"... nur von den Früchten des Baumes, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott gesagt: Davon dürft ihr nicht essen und daran dürft ihr nicht rühren, sonst werdet ihr sterben" (Genesis 3,3).

Für das Verstehen der Lesung aus dem Römerbrief ist vor allem wichtig, dass schon in der frühjüdischen Apokalyptik ein universaler Zusammenhang zwischen Adams Übertretung des göttlichen Verbots, vom Baum zu essen, mit der Folge des vorzeitigen Todes und dem vorzeitigen Tod der Menschen bzw. zahlreicher Lebensbeeinträchtigungen  gesehen wird. Eine sich vom biblischen Text her anbietende Brücke bestand dabei sicherlich darin, dass "Adam" zwar auch ein Name, aber zugleich auch das hebräische Wort für "Mensch" ist. In "Adam" geschieht, was vom "Menschen" generell gilt.

Es scheint, dass Paulus diese Sicht vertraut war. Allerdings nimmt er zwei markante Veränderungen der Tradition vor. Ihm geht es nicht um den "vorzeitigen Tod", sondern um den Tod als die Nacht absoluter Gottverlorenheit. Ihn treibt nicht die Biologie, sondern die existentielle Frage nach der Gottesbeziehung. Zum anderen teilt Paulus auch nicht den Optimismus der Apokalyptik, als könnte der Mensch frei zwischen Strafe und künftiger Herrlichkeit wählen. Er fasst den Unheilszusammenhang von Sünde und Tod als letztlich unentrinnbar. Man könnte sagen: Die nicht enden wollende Gewaltgeschichte bis heute und wohl auch noch in weite Zukunft spricht eher für die Sicht des Paulus. Mit der Wahlfreiheit gegen die Sünde scheint es nicht allzu weit her zu sein.

Daher liegt der Ausweg für Paulus nicht auf Seiten des Menschen, sondern allein auf Seiten Gottes, der trotz allen Unvermögens des Menschen an seinem grundsätzlichen Ja zur Schöpfung, d. h. auch zur Existenz Adams festhält und in Christus zur "Gnadentat" schreitet: Der Mensch ("Adam") darf trotz aller Übertretung leben. Im Kreuzestod lässt Christus den Zusammenhang von Sünde und Tod an sich auswirken. Er wirkt tatsächlich, denn der Unschuldige stirbt. Und doch läuft er ins Leere: denn der Tod ist nicht mehr Tod, sondern Pforte zum Leben.

Diesem gottgewollten Leben zu trauen, das ist es wozu Paulus ermutigen will. Er verkündet kein "Sein zum Tode", wie  der Philosoph Martin Heidegger die menschliche Existenz umschrieben hat. Weder die Tatsache der Endlichkeit des irdischen Menschen noch seine Verlorenheit, wenn er sich nur auf sein Adams-Dasein stützt, ist für Paulus der Horizont des Lebens, sondern die Weitung in die dauernde Gemeinschaft mit Gott. Sie darf als Hoffnung schon jetzt in das Leben hineinstrahlen.

Kunst etc.

Michelangelo: Die Erschaffung Adams (Sixtinische Kapelle), Photo: Jörg Bittner Unna ; CCA 3.0
Michelangelo: Die Erschaffung Adams (Sixtinische Kapelle), Photo: Jörg Bittner Unna ; CCA 3.0

Das berühmte Deckenfresko Michelangelos aus der Sixtinischen Kapelle zeigt mehr als die Erschaffung Adams. Hier wird nicht einfach ein nur Mensch geformt oder in einen Garten hineingestellt. Vielmehr zeigt Michelangelo eine dramatische Beziehung zwischen Gott und Mensch. Drückt die Kurve, die Adams Körper beschreibt, das Sich-Zurückziehen Adams von Gott aus, im Sinne eines: "Lass mich los!"? Oder ist eine Sehnsucht des Adam nach seinem Schöpfer ins Bild gesetzt, die ihre Erfüllung aber nicht im Tun Adams, sondern im Sich-Entgegenstrecken Gottes findet? Gott kann und wird dafür sorgen, dass die Lücke zwischen den beiden ausgestreckten Fingern sich zu einer auf Dauer angelegten Berührung schließt.

Von beidem spricht Paulus in der heutigen Lesung: vom Menschen, der sich nur allzu gerne von Gott emanzipiert, und von Gott, der alles getan hat, dass am Ende die mal größere, mal kleinere Lücke zwischen Mensch und Gott sich endgültig schließt - zum Heil des Adam, der ein jeder Mensch ist.