Lesejahr A: 2019/2020

Evangelium (Joh 10,1-10)

101Amen, amen, ich sage euch: Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber.

2Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe.

3Ihm öffnet der Türhüter und die Schafe hören auf seine Stimme; er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus.

4Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er ihnen voraus und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme.

5Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme der Fremden nicht kennen.

6Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus; aber sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte.

7Weiter sagte Jesus zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen.

8Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe haben nicht auf sie gehört.

9Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden.

10Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.

Überblick

Die Tür ins Leben. Jesus als der Hirte, der seiner Herde das Gatter öffnet zu einem Leben in Fülle.

 

 

1. Verortung im Evangelium
Der Abschnitt aus dem Johannesevangelium (Joh) bilden den Anfang eines größeren Zusammenhangs über Jesus als den Hirten der Herde in Joh 10,1-21. Das gesamte Umfeld der Erzählung ist geprägt von einer zunehmend gereizten Stimmung der Juden gegenüber Jesus einerseits und Zeichenhandlungen Jesu andererseits. So hatte er in Joh 9,1-41 einen Blinden geheilt und wird in Joh 11,1-46 den verstorbenen Lazarus auferwecken. In dieses wirkmächtige Handeln Jesu hinein agieren die Gegner Jesu. Die Pharisäer stoßen den geheilten Blinden aus der Synagoge aus, weil er sich zu Christus bekennt (Joh 9,22 und 34). In Jerusalem will man Jesus steinigen (Joh 10,31-33), weil sie dort Jesu Rede über die Einheit mit dem Vater (Joh 10,30) nicht ertragen und als Gotteslästerung empfinden („du machst dich selbst zu Gott“, Joh 10,33).
Den Anfeindungen der jüdischen Autoritäten wird mit dem Bild des guten Hirten eine Deutung von Jesus gegenübergestellt, die das konfrontative Handeln seiner Gegner noch unverständlicher erscheinen lassen.

 

 

2. Aufbau
Der Abschnitt lässt sich in zwei größere Zusammenhänge teilen. In den Versen 1-5 wird in einem Gleichnis der Hirt und seine Schafe vorgestellt. In den Versen 7-10 wird das Element der Tür aus diesem Gleichnis hervorgegriffen und gedeutet. Vers 6 leitet von einem zum anderen über und betont zugleich das Nichtverstehen seiner Worte bei seinen Zuhörern.

 

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 1a: Das Wort „amen“ bedeutet so viel wie „es steht fest“ und findet sich z.B. im Buch der Psalmen als bestätigende Antwort auf das besungene Handeln Gottes. In allen Evangelien wird „amen, amen“ als einleitende Formulierung benutzt, um den folgenden Worten die Autorität göttlicher Offenbarung beizumessen. Im Johannesevangelium wird die Formel erstmals in Joh 1,51 verwendet.

 

Verse 1b-5: Ungewöhnlich scheint es, dass das Bildwort durch ein negatives Beispiel eingeleitet wird. Jesus spricht zunächst vom Dieb und Räuber, der den Schafstall an einer Stelle betritt, die eigentlich nicht dafür vorgesehen ist. Einerseits wird damit das Bild der Tür als eines der zentralen Bilder des Abschnitts betont und das dritte „Ich-bin-Wort“ vorbereitet. Andererseits folgt der Evangelist einem alttestamentlichen Vorbild. Im Buch Ezechiel ist dem Bild von Gott als dem Hirten seines Volkes das gesamte Kapitel 34 gewidmet. Auch dort beginnt der Prophet zunächst mit dem Negativbeispiel: Die aktuellen Hirten, d.h. Anführer Israels, kümmern sich mehr um sich selbst als um die Herde. Sie nutzen die Herde aus, kümmern sich aber nicht um die Schwachen und Kranken, sie weiden die Herde nicht, so dass die Herde zerstreut wird und schutzlos ist. Das Negativbeispiel mündet in der bedrückenden Feststellung: „Doch da ist keiner, der fragt, und da ist keiner, der auf die Suche geht.“ (Ezechiel 34,6) Diesem Bild stellt der Prophet die Zusage Gottes gegenüber: „Siehe, ich selbst bin es, ich will nach meinen Schafen fragen und mich um sie kümmern. Wie ein Hirt sich um seine Herde kümmert, an dem Tag, an dem er inmitten seiner Schafe ist, die sich verirrt haben, so werde ich mich um meine Schafe kümmern“ (Ezechiel 34,11-12a). Die Zusage wird Realität in der Einsetzung Davids als Hirten und Führer des Volkes Israel durch Gott selbst (Ezechiel 34,23).
Der Evangelist Johannes orientiert sich an dieser Erzählung aus dem Buch Ezechiel und setzt Jesus, der eins ist mit dem Vater (Joh 10,30), zum wahren Hirten werden. Angesichts der vorausgegangenen Auseinandersetzung mit den Pharisäern geht es auch im Johannesevangelium um eine Unterscheidung zwischen den falschen Hirten (oder Dieben) und dem richtigen Hirten. Die Anspielung auf Ezechiel zeigt, dass Johannes die Pharisäer als diejenigen abqualifiziert, die die Herde vernachlässigen, sich nicht in rechter Weise um sie kümmern und so die Herde der Zerstreuung preisgeben. Das Bild des Diebes und Räubers, mit dem Johannes einsetzt, nimmt die reale Situation der Gemeinde, für die er schreibt, in den Blick. Sie ist am Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr. geprägt von der Loslösung der christlichen Gemeinde von der Synagoge und den damit einhergehenden zum Teil harten Konflikten.

Die Verse 2-5 folgen ganz der Erfahrungswelt der Menschen: Schafe mehrerer Besitzer sind in einem umzäunten und von einem Türöffner bewachten Gelände über Nacht eingesperrt. Der Hirte kommt, um seine Schafe durch seine Stimme zu rufen und ihnen auf die Weide vorauszugehen. Weil die Schafe auf die Stimme ihres Hirten hören, lassen sie sich nicht von einem Fremden hinausführen, sondern werden vor ihm fliehen.

 

Vers 6: Erste Adressaten des Gleichnisses sind die Pharisäer, die Jesus in Joh 9,39-41 zuletzt explizit angesprochen hatte, auch seine Jünger sind als Zuhörer zu denken, sie werden hier aber nicht eigens erwähnt. Das Unverständnis der Pharisäer knüpft an das in der vorherigen Szene konstatierte Nicht-Verstehen an. Die Pharisäer meinen zu sehen und damit auch urteilen zu dürfen. Im Hinblick auf den Blindgeborenen (Joh 9,1-38) geht es ihnen zunächst um die vermeintliche Sünde, die der Krankheit zugrunde liegt, und dann um die Vollmacht Jesu, die für sie nicht nachvollziehbar ist. Sie, die religiösen Anführer des Volkes, erkennen Gottes Handeln nicht, sie sind blind und führen die Herde in die Irre oder sorgen für deren Zerstreuung.

 

Verse 7-10: Mit „amen“ als Ausweis der Authentizität seiner Worte eingeleitet, deutet Jesus die Bildrede. Dabei steht in diesem Abschnitt die Deutung von Jesus als der Tür im Vordergrund. „Ich bin die Tür“ ist das dritte von insgesamt sieben „Ich-bin-Worten“ Jesu im Johannesevangelium. „Ich bin“ schließt an an die Offenbarung des Gottesnamens vor Mose: „Ich bin, der ich bin“ (Exodus 3,14). Jesus, der vom Vater gesandt ist und eins ist mit dem Vater, eröffnet in diesen Worten das Wesen Gottes in unterschiedlichen Bildern (Brot des Lebens; Licht der Welt; Tür; guter Hirte; Auferstehung und Leben; Weg, Wahrheit und Leben und Weinstock).
Jesus ist in dem Sinne die Tür als er der rechtmäßige Zugang zu den Schafen ist (anders als der Dieb, der sie nicht benutzt), weil er die Tür ist, ist er auch der Hirte (Joh 10,11). Jesus ist aber nicht nur die Tür, indem er die richtige Ansprechperson der Schafe ist, sondern, in dem die Schafe durch ihn hinaus ins Freie, auf die Weide und damit in ein Leben in Fülle geführt werden. Die Rede von Jesus als der Tür zum Leben entspricht der Rede vom Eintreten in das Reich Gottes wie sie in den synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas) verwendet wird. Dort kommt man nur durch eine „enge Tür“ ins Reich Gottes (Matthäusevangelium 7,13) oder z.B. in dem man sich ihm mit Vertrauen annähert wie ein Kind (Markusevangelium 10,15).

Auslegung

Ein Leben in Fülle, das ist die Verheißung, mit der das Evangelium heute endet. Um die Tragweite dieser Verheißung zu verstehen, braucht es den Blick auf den Text aus dem Buch Ezechiel, der für den Evangelisten Johannes im Hintergrund seines Gleichnisses steht. Im Buch Ezechiel (Kapitel 34) ist davon die Rede, dass die Schafe unter Gottes Führung keinen Hunger mehr leiden, sie keine Anfeindung fürchten müssen, dass die Verlorenen gesucht und die Verletzten verbunden werden und die Schafe in Sicherheit wohnen. Es ist die Verheißung auf ein Leben, das von Gottes Schutz gekennzeichnet ist, ein Leben, das in Gottes Nähe, in seinem Reich stattfindet. Dieses Leben in der Nähe Gottes verheißt Jesus im Bildwort von den Schafen und der Tür. Er kann dieses Leben in Aussicht stellen, weil er als der Sohn Gottes genau weiß, wovon er spricht. Das unterscheidet ihn von denen, die vor ihm kamen (Vers 8) und womöglich ihre eigene Interpretation des Lebens in Fülle zum Ausdruck brachten. Und die Zugangsbeschränkungen aufstellten, denen nur sie selbst vermeintlich gerecht wurden. Diese Kritik am Verhalten der religiösen Führer und insbesondere der Pharisäer schwingt in der Auslegung des Bildwortes mit. Es gibt diejenigen, die wie Diebe auf die Herde zugehen und sie damit am Ende zerstreuen oder in die Irre führen. Und es gibt den einen Hirten, der durch die Tür zu den Schafen tritt und sie hinausführt und damit für die Schafe zur Tür wird in ein Leben, zu dem sie gerufen sind. Indem Jesus von sich selbst sagt „ich bin die Tür“ wird deutlich, dass nur im Glauben und Vertrauen auf ihn ein Leben in Fülle möglich ist und das dazu auch ein Erkennen Jesu als der einzigen Tür dorthin notwendig ist. Denn – so zeigt das Bild von den Schafen – die Schafe erkennen ihren Hirten an der Stimme, sie können ihn von anderen unterscheiden. Und sie folgen seiner Stimme, weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass er sie auf nahrhafte Weiden und sichere Wege führt.
Jesus ist die Tür zu den Schafen und die Tür, durch die die Schafe hinausgehen und gerettet werden. Damit ist er der Dreh- und Angelpunkt für ein Leben in Fülle, denn er ist das Bindeglied zwischen Gottes verheißener Wirklichkeit und der Realität der irdischen Welt. Er ist vom Vater in die Welt gesandt als Licht und Leben der Menschen (Joh 1,4) und um ihnen den Weg zum Vater und in die Fülle des himmlischen Lebens zu eröffnen (Joh 14,6).

Kunst etc.

Dieses Schaf strahlt zweifellos etwas von der Fülle des Lebens aus, die es auf der Weide außerhalb seines Stalles erfahren durfte.