Lesejahr A: 2019/2020

1. Lesung (Jes 5,1-7)

51Ich will singen von meinem Freund, / das Lied meines Liebsten von seinem Weinberg.

Mein Freund hatte einen Weinberg / auf einer fruchtbaren Höhe. 2Er grub ihn um und entfernte die Steine / und bepflanzte ihn mit edlen Reben. Er baute in seiner Mitte einen Turm / und hieb zudem eine Kelter in ihm aus.  Dann hoffte er, / dass der Weinberg Trauben brächte, / doch er brachte nur faule Beeren.

3Und nun, Bewohner Jerusalems und Männer von Juda, / richtet zwischen mir und meinem Weinberg!

4Was hätte es für meinen Weinberg noch zu tun gegeben, / das ich ihm nicht getan hätte? Warum hoffte ich, dass er Trauben brächte? / Und er brachte nur faule Beeren!

5Jetzt aber will ich euch kundtun, / was ich mit meinem Weinberg mache:

seine Hecke entfernen, / sodass er abgeweidet wird; einreißen seine Mauer, / sodass er zertrampelt wird. 6Zu Ödland will ich ihn machen. / Nicht werde er beschnitten, / nicht behackt, sodass Dornen und Disteln hochkommen. / Und den Wolken gebiete ich, keinen Regen auf ihn fallen zu lassen.

7Denn der Weinberg des HERRN der Heerscharen / ist das Haus Israel und die Männer von Juda / sind die Pflanzung seiner Lust. Er hoffte auf Rechtsspruch - / doch siehe da: Rechtsbruch, auf Rechtsverleih - / doch siehe da: Hilfegeschrei.

Überblick

Aus einem Liebeslied wird ein Gericht, an dessen Ende Gottes tiefe Enttäuschung steht.

 

1. Verortung im Buch

„Der HERR geht ins Gericht mit den Ältesten seines Volkes und seinen Anführern: Ihr, ihr habt den Weinberg verwüstet; das dem Armen Geraubte ist in euren Häusern.“ (Jesaja 3,14). Die Metapher vom Weinberg Gottes ist im Alten Testament keine übliche. Doch sie klingt vor dem Lied vom Weinberg (Jesaja 5,1-7) schon im Buch des Propheten Jesaja an und bereitet so den Leser und die Leserin auf dessen Aussage vor. Diese Gleichnis gibt den Grundton für die folgenden Weherufe gegen Israel – die Enttäuschung Gottes über sein Volk ist tief eingeschrieben (Jesaja 5,8-24). Doch diese Reihe der Anschuldigungen führt zu einem ersten Höhepunkt dieses Prophetenbuches: die Ankündigung der Einsetzung eine gerechten Davidssohnes (Jesaja 8,23-9,6).

 

2. Aufbau

Der Prophet ergreift das Wort und singt das Lied vom Weinberg des Freundes (Verse 1-2). Dieser ergreift „nun“ selbst das Wort und fordert die Bewohner Jerusalems und Juda dazu auf zwischen ihm und seinem Weinberg zu richten (Verse 3-4). Doch dann verkündet er „jetzt“ selbst das Urteil (Verse 5-6) – woraufhin in Vers 7 die Allegorie aufgelöst wird: Gott ist der Besitzer des Weinbergs und sein Volk Israel ist der Weinberg. Das Gleichnis endet nicht in der Umsetzung des Urteils, der Verwüstung des Weinbergs, sondern mit Gottes tiefer Enttäuschung. Und es bleibt eine Frage offen: Wird Gottes Erwartung an sein Volk vielleicht doch noch in Erfüllung gehen – oder ist es verloren?

Ein wichtiges Leitwort des Liedes ist „hoffen“: „Dann hoffte er, dass der Weinberg Trauben brächte, doch er brachte nur faule Beeren.“ (Vers 2) – „Warum hoffte ich, dass er Trauben brächte?“ (Vers 4) – „Er hoffte auf Rechtsspruch - doch siehe da: Rechtsbruch, auf Rechtsverleih - doch siehe da: Hilfegeschrei.“ (Vers 7)

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 1: Der Text wird eingeleitet wie ein Liebeslied (Vers 1) – und entwickelt sich im Verlauf zu einer Parabel, einem Rechtsstreit und einer Allegorie. Die Worte „Freund“ und „Weinberg“ lassen vor dem Hintergrund des Hohelieds an ein Liebeslied denken (siehe zum Beispiel Hld 8,12). Doch das Wort „Freund“ kann auch die Beziehung zwischen einem Beschützer und einem Beschützten ausdrücken (vgl. Dtn 33,12).

Vers 2: An vielen Stellen in der Hebräischen Bibel stehen „edle Reben“ oder ein  fruchtbaren Weinstock für Gottes Sorge und sein Bemühen um das Volk Israel – zum Beispiel: „Ich aber hatte dich als Edelrebe gepflanzt, als gutes, edles Gewächs. Wie hast du dich gewandelt zum Wildling, zum entarteten Weinstock!“ (Jeremia 2,21). Auch das Wert „pflanzen“ wird häufig verwendet für Gottes schützendes Handeln, vor allem die Landgabe Israels: „Mit eigener Hand hast du Völker vertrieben, sie aber pflanztest du ein. Du hast Nationen zerschlagen, sie aber sätest du aus.“ (Psalm 44,3). Bemerkenswert sind die hohen Kosten, die der Weinbergbesitzer auf sich nimmt – hier sticht vor allem der Turm zum Schutz des Weinberges hervor, denn üblich waren eigentlich nur Hütten. Und dann erwartet er keinen überragenden Ertrag, sondern nur, dass der Weinberg seiner Bestimmung gerecht wird und genießbare Trauben hervorbringt.

Verse 3-4: Der Besitzer ergreift das Wort, „mein Weinberg“. Und er fordert die Zuhörer zum Richten zwischen sich und seinem Weinberg auf. Seine Fragen verdeutlichen, dass er seine „Bringschuld“ erfüllt hat.

Verse 5-6: Aus dem Ankläger wird nun der Richter. Das angekündigte Abweiden und Zertrampeln zeigen, dass der Besitzer nicht weiter gewillt ist, seinen Weinberg zu beschützen. Damit wird die zuvor erwiesene Fürsorge (Verse 1-2) zurückgenommen. Im Endeffekt läust alles auf eine Vernichtung des Weinbergs zu. Das Motiv der „Dornen und Disteln“ ist eine in den Prophetenbüchern häufig anzutreffende Chiffre für die Verwüstung von Kulturland. Nun wird auch deutlich, wer der Besitz ist: Das Zurückhalten des Regens ist nur Gott möglich.

Vers 7: Diejenigen, die in Vers 3 dazu aufgerufen wurden zu richten, erkennen nun, dass sie selbst die Angeklagten sind. Die Allegorie wird aufgelöst. Das urteilende Ende ist ein hebräisches Wortspiel: Gott erwartet משפט (gesprochen: mischpat – übersetzt: Rechtsspruch), doch Israel beging משפוח (gesprochen: mischpoach – übersetzt: Rechtsbruch). Gott verlangt Gerechtigkeit in der Gesellschaft (צדקה, gesprochen: zedaka), doch stattdessen musste er den Hilfreschrei der ungerecht Leidenden und Unterdrückten hören (צעקה, gesprochen: zaaka).

Auslegung

Ein Weinberg ist ein idyllischer Ort. Wenn im Herbst die Tage kälter und die Blätter golden werden, schenken seine Reben nochmals Süße und der Wein verspricht glückselige Stunden. Bei allen schönen Assoziationen bleibt aber jeder Weinberg ein auf Ertrag ausgerichtetes Unternehmen. Die Arbeit soll sich in der Ernte auszahlen. Wenn ein Weinberg trotzt bester Bedingungen und harter Arbeit keine sich lohnende Ernte hervorbringt, dann ist die Zeit gekommen, die Kosten-Nutzen-Rechnung aufzustellen. Es kann sinnvoller sein, einen Weinberg verwahrlosen zu lassen, als noch mehr Energie und Kraft in seine verlustreiche Pflege zu investieren.

Im Weinberglied Jesajas spiegelt sich dieses kapitalistische Grundprinzip wieder. Kein Mensch würde freiwillig arbeiten, wenn er nicht davon überzeugt wäre, dass dies sinnvoll ist oder einen entsprechenden Ertrag einbringt. Warum sollte man dies von Gott erwarten? Man kann nicht einfach voraussetzen, dass die hochgepriesene Liebe Gottes kostenlos daherkommt. Gottes Wille ist ein zielgerichtetes Ideal; Gott verliert den Ertrag nicht aus den Augen. Gottes Wille ist die Forderung nach einer Welt, in der nicht Rechtsbruch, sondern Gerechtigkeit herrscht. Anstatt den Hilfeschrei der Entrechteten hören zu müssen, will Gott Taten der Barmherzigkeit sehen. Wenn Gottes Schöpfung jedoch in diesem Sinne ertragslos dahinvegetiert, wendet sich Gott von ihr ab.

Ich würde nicht immer wieder aufs Neue ein Feld durchpflügen und bepflanzen, wenn es am Ende nichts zu ernten gäbe – und wenn mich trotzdem jemand dazu auffordern würde, hielte ich ihn für dumm. Gleichzeitig weiß ich, dass ich mein monatliches Einkommen nur erhalte, wenn ich das tue, wofür ich in meinem Beruf bezahlt werde. Jesaja verdeutlicht, dass der Mensch durch Gott versorgt wird, bevor er irgendetwas getan hat – das nennt man Gnade. Aber Gottes Gnade ist nicht einfach ein unverhoffter, ererbter Wohlstandssegen, sondern ein Arbeitsauftrag, der am Ende abgerechnet wird.

Kunst etc.

Ein Weinberg bringt süße Früchte hervor, die nicht nur munden, sondern zu Wein verarbeitet werden, der für ausgelassene Freude und Feste steht. Zudem ist der Weinberg real und als Metapher ein Ort der intimen Liebe in der Zeit des Alten Testaments. 

„Weinberg in Gush Etzion“, fotografiert von Yair Aronshtam – Lizenz: CC BY-SA 2.0.
„Weinberg in Gush Etzion“, fotografiert von Yair Aronshtam – Lizenz: CC BY-SA 2.0.