Lesejahr A: 2019/2020

2. Lesung (1 Kor 1,1-3)

11Paulus, durch Gottes Willen berufener Apostel Christi Jesu, und der Bruder Sosthenes

2an die Kirche Gottes, die in Korinth ist - die Geheiligten in Christus Jesus, die berufenen Heiligen -, mit allen, die den Namen unseres Herrn Jesus Christus überall anrufen, bei ihnen und bei uns.

3Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

Überblick

Zwischen den Zeilen lesen. Was wenige Worte eines Briefes über den Absender und die Adressaten verraten.

1. Verortung im Brief
Mit dem Abschnitt befinden wir uns in dem „Vorschreiben“ (von der lateinischen Bezeichnung „Präskript“) oder man könnte sagen dem „Anschreiben“ des 1. Korintherbriefes (1 Kor). Der Apostel Paulus folgt bei der Abfassung seiner Schreiben zumeist klar dem Aufbau antiker Briefe. Dort folgt auf das „Präskript“, mit Absender, Adressat und Gruß, das „Proömium“, das noch einmal eine Vorrede darstellt und zum Hauptteil überleitet. Der Hauptteil, „Briefkorpus“, enthält Mitteilungen und Anliegen des Schreibens. Es folgt der „Briefschluss“ mit persönlichen Grüßen und Wünschen. Die Verse 1-3 bilden das Präskript des 1. Korintherbriefes.

 

 

2. Aufbau
Dem klassischen Aufbau folgend nennt Vers 1 den Absender und Vers 2 die Adressaten des Briefes. Vers 3 enthält den christlichen Gruß. Es bleibt aber nicht bei einer Kurzformel (Paulus den Korinthern zum Gruß), sondern der Apostel nutzt bereits den formal vorgegebenen Anfang als Möglichkeit, die Gemeinde theologisch zu stärken und die Situation der Gemeinde in den Blick zu nehmen.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 1: Die sehr betonte Selbstbeschreibung des Paulus als „durch Gottes Willen berufener Apostel Christi Jesu“ macht deutlich, dass Paulus seine Stellung und Autorität im Dialog mit den Korinthern in die Waagschale werfen will. Diese betonte Form findet sich immer dort, wo der Briefinhalt einige Diskussionspotential enthält, so auch im 2. Korintherbrief und im Galaterbrief, oder da, wo Paulus der Gemeinde fremd ist (Römerbrief). In den übrigen Briefen 1. Thessalonicherbrief, Philipperbrief und Philemonbrief kann Paulus auf eine solche Autoritätsgeste verzichten.

Als Mitabsender wird Sosthenes genannt, der als „Bruder“ bezeichnet wird und daher der Gemeinde gegenüber nicht als Autorität, sondern als Bekannter schreibt. Wahrscheinlich ist der Genannte identisch mit dem Synagogenvorsteher Sosthenes aus Apostelgeschichte 18,17.

 

Vers 2: Paulus packt in seine Adressatenangabe eine ganze Reihe von Formulierungen hinein, die das gemeindliche Selbstverständnis der Korinther und das Verständnis der gesamten christlichen Gemeinde betreffen. So könnte man fast von einer kleinen ekklesiologischen, d.h. das Gemeindeverständnis betreffenden Abhandlung sprechen.
Mit „Kirche Gottes, die in Korinth ist“ zeigt Paulus, dass Kirche (ekklesia, griechisch: ἐκκλησία, Volksversammlung, christlich: Gemeinschaft der von Gott Gerufenen) für ihn vor Ort real und greifbar wird. Die Gemeinde von Korinth ist Kirche, weil sie an ihrem Ort, Gottes Wirklichkeit lebendig werden lässt. Eine Verhältnisbestimmung im Sinne von Ortsgemeinde und Gesamtkirche kennt Paulus nicht.
Die Formulierung „Geheiligte in Christus Jesus“ ergänzt die Umschreibung als Kirche Gottes. Denn zu dieser gehört man, indem man an Jesus Christus glaubt. Das Bekenntnis zu ihm als dem Gekreuzigten eröffnet den Weg in die Heilsgemeinde Gottes.
„Berufen als Heilige“ umschreibt die Wirklichkeit der Gemeindemitglieder als von Gott Gerufene und zu einem Leben in Heiligkeit Berufenen. Berufen sind sie wie Paulus selbst auch, wenn auch nicht als Apostel, sondern als Heilige. Denn dies sind sie durch die Taufe (vgl. 1 Kor 6,11).
Die abschließende komplizierte Zuschreibung „mit allen, die den Namen unseres Herrn Jesus Christus überall anrufen, bei ihnen und bei uns“ weitet die Perspektive von der  Gemeinde in Korinth hin zu anderen Gemeinden. Allen Gemeinden ist das Anrufen des Namens „unseres Herrn Jesus Christus“ gemeinsam. Gemeint ist die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Christen einerseits und das öffentliche Christus-Bekenntnis andererseits. Dies verbindet über alle Unterschiede hinweg, die Kirchen Gottes.

 

Vers 3: Der Gruß zum Abschluss des Präskripts ist knapp gehalten. Gnade und Friede entsprechen der christlichen Gemeindesprache. Sie sind einerseits Zeichen des Heils, das Gott schenkt, andererseits sollen sie im Leben der Gemeinde bereits Realität werden.

Auslegung

Ein bekannter Autor, eine motivierte Gemeinde und ein freundlicher Gruß. Was ausschaut wie „business as usual“ ist in Wirklichkeit ein weitreichender Einblick in den Beziehungsstatus zwischen einem Apostel und seiner Gemeinde.
Paulus hat die Gemeinde in Korinth auf seiner 2. Missionsreise selbst gegründet, vermutlich 50/51 n. Chr. Seitdem steht er mit der Gemeinde in einem regen Austausch. Die Gemeinde selbst wendet sich in einem Brief an Paulus (1 Kor 7,1), aber auch einzelne Gemeindemitglieder wenden sich bei Fragen oder Sorgen direkt an ihn (1 Kor 1,11). Von Seiten des Paulus sind nur der heutige 1. und 2. Korintherbrief erhalten, in 1 Kor 5,9 berichtet Paulus selbst von einem weiteren (nicht erhaltenen) Schreiben. Der 1. Korintherbrief ist um das Jahr 54 in Ephesus entstanden, wo sich Paulus im weiteren Verlauf der Reise für einige Zeit aufhielt. Einen weiteren Besuch kündigt Paulus an (1 Kor 16,5-7), bis dahin jedoch muss der schriftliche Kontakt eine persönliche Zuwendung ersetzen. Dass diese „Zuwendung“ sowohl aus der Sicht des Paulus als auch der Gemeinde notwendig ist, zeigen die Kontaktversuche der Gemeinde, aber auch die vielen Themenfelder, denen sich Paulus im Brief widmet. Denn der 1. Korintherbrief zeichnet mit seiner Vielfalt an Fragen und Herausforderungen ein lebensnahes Bild einer sich entwickelnden christlichen Gemeinde der ersten Stunde.
So wird Paulus im Verlaufe des Briefes sowohl zu alltäglich-pragmatischen Fragen als auch zu theologischen Grundsatzfragen Stellung nehmen. Dabei hat er es bei der Gemeinde von Korinth mit einer selbstbewussten Gruppe von Christen zu tun, die sich mittlerweile auch an anderen „Verkündern“ orientieren oder beeinflussen lassen. Das führt, wie Paulus gleich zu Beginn des Schreibens feststellen muss, zu Spaltungen und Streitigkeiten innerhalb der Gemeinde (1 Kor 1,10-13). Zugleich ist die Gemeinde als Teil einer „antik-modernen“ Stadtgesellschaft zahlreichen Einflüssen ausgesetzt und tritt in Dialog damit. Dies wird zum Beispiel deutlich, wenn Paulus sich in der Frage nach der Auferstehung der Toten (1 Kor 15) mit der Denkweise einiger Gemeindemitglieder auseinandersetzen muss, die eine leibliche Auferstehung leugnen. Aber auch die Frage nach dem Zusammenwirken der unterschiedlichen Gaben und der Einordnung der „Zungenrede“ in dieses Zusammenspiel, ist zum Teil Folge dieser Einflüsse (1 Kor 12,4-11).

Bereits diese wenigen Schlaglichter zeigen an, welche Botschaften sich zwischen den Zeilen des Präskriptes verbergen. Mit dem Hervorheben seiner apostolischen Autorität möchte Paulus sich der Gemeinde als DIE maßgebliche ordnende und prägende Gründergestalt in Erinnerung rufen, die von höchster Stelle („durch Gottes Willen“) dazu beauftragt ist, das Evangelium weiterzugeben. Selbst verständlich ist daher SEIN Evangelium mit der Betonung des sühnenden Kreuzestodes Jesu (1 Kor 15,3-4) zu bewahren und in seinen Eckpunkten aufzuweichen. Zugleich versucht Paulus die Gemeinde daran zu erinnern, dass auch an anderen Orten Christen versammeln und das Evangelium in die Mitte ihres Lebens stellen. Auch diese Gemeinden sind Gemeinschaften von „Geheiligten in Christus Jesus“ und die Gemeinde von Korinth ist Teil dieser größeren Gemeinschaft. Dies vor Augen verbietet sich jede Form von Hochmut oder Selbstüberschätzung, aber auch der Gedanke, Korinth sei der einzige Ort, an dem sich Fragen der Gemeindeentwicklung auftun.

Der Anfang des Briefes hat es also in sich. Er spricht zwischen den Zeilen und lässt vermuten, dass Paulus so manches weitere Mal noch Stellung beziehen wird. Gleichzeitig ist auch sein Engagement für die Gemeinde bereits erahnbar, auch dies wird im weiteren Briefverlauf immer wieder klar hervortreten. Weiterlesen lohnt sich also!

 

Kunst etc.

Ein Überblick über die Reisetätigkeit des Paulus.