Lesejahr A: 2019/2020

Evangelium (Mt 28,1-10)

281Nach dem Sabbat, beim Anbruch des ersten Tages der Woche, kamen Maria aus Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen.

2Und siehe, es geschah ein gewaltiges Erdbeben; denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat an das Grab, wälzte den Stein weg und setzte sich darauf.

3Sein Aussehen war wie ein Blitz und sein Gewand weiß wie Schnee.

4Aus Furcht vor ihm erbebten die Wächter und waren wie tot.

5Der Engel aber sagte zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten.

6Er ist nicht hier; denn er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht euch den Ort an, wo er lag!

7Dann geht schnell zu seinen Jüngern und sagt ihnen: Er ist von den Toten auferstanden und siehe, er geht euch voraus nach Galiläa, dort werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt.

8Sogleich verließen sie das Grab voll Furcht und großer Freude und sie eilten zu seinen Jüngern, um ihnen die Botschaft zu verkünden.

9Und siehe, Jesus kam ihnen entgegen und sagte: Seid gegrüßt! Sie gingen auf ihn zu, warfen sich vor ihm nieder und umfassten seine Füße.

10Da sagte Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht und sagt meinen Brüdern, sie sollen nach Galiläa gehen und dort werden sie mich sehen.

Überblick

Das Grab ist verschlossen, aber leer. Was dort geschah, ist nicht sichtbar und doch gibt es unfreiwillige Zeugen – die Erzählung von den Frauen am Grab im Matthäusevangelium.

 

 

1. Verortung im Evangelium
Drei Episoden bilden das Ende des Matthäusevangeliums (Mt): Die Auffindung des leeren Grabes und die Erscheinung Jesu vor den Frauen (Mt 28,1-10), der Betrug der Hohepriester (Mt 28,11-15) und die Erscheinung Jesu vor den Jüngern und deren Beauftragung (Mt 28,16-20). Die erste dieser drei Erzählungen liest sich wie ein Auftakt zu dieser Schlusssequenz des Evangeliums. Dazu spielt Matthäus gewisse Themen kurz an und lässt sie innerhalb des Abschnitts offen, so dass sie in den beiden folgenden Episoden zu Ende gebracht werden können.

 

 

2. Aufbau
Vers 1 schildert die Ausgangsszene: Die Frauen besuchen das Grab. Was sie dort erleben berichten die Verse 2-7, wobei zunächst die äußeren Begleitumstände des „Geschehens“ (Vers 2-5) und dann die Unterhaltung mit dem Engel (Verse 6-7) dargestellt werden. Vers 8 zeigt die Reaktion der Frauen auf die Ereignisse. In den Versen 9-10 findet in der Begegnung mit dem Auferstandenen eine Bestätigung der vorherigen Erlebnisse für sie statt.

 

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 1: Im Matthäusevangelium machen sich zwei Frauen auf den Weg zum Grab, die Anzahl der Frauen variiert in der Darstellung der einzelnen Evangelisten. Bei Markus sind es 3, bei Lukas ist es eine nicht definierte Anzahl und bei Johannes einzig Maria Magdalena. Sie wollen das Grab besuchen und sind nicht mit wohlriechenden Salben gekommen (vgl. Markus- und Lukasevangelium). Entsprechend stellen sie sich unterwegs auch nicht die Frage, wie der Stein weg zu wälzen wäre (vgl. Markusevangelium). Die Bewachung und Versiegelung des Grabes würde ein solches Unterfangen unmöglich machen (Mt 27,62-66).

 

Verse 2-4: Von den Frauen wandert der Fokus nun auf den Ort des Grabes. Dort erscheint ein Engel und öffnet das Grab, das bis dahin also verschlossen war. Seine Zugehörigkeit zur Welt Gottes wird durch ein begleitendes Erdbeben deutlich gemacht, das bereits beim Tod Jesu Gottes Wirken veranschaulicht hatte (Mt 27,51). Zudem ist der Engel mit einem strahlend weißen Gewand bekleidet und erscheint wie ein Blitz. Das strahlende Gewand erinnert an die Verklärungserzählung in Mt 17. Dort verändert sich während des Gesprächs mit Elia und Mose das Gewand Jesu in eines „weiß wie das Licht“ (Mt 17,2). Zudem werden mit dem weißen Gewand und dem Blitz zwei Motive aus dem Buch Daniel erinnert, mit denen Personen aus der himmlischen Welt umschrieben werden (Daniel 7,9 und 10,6). Es soll also kein Zweifel bleiben, dass hier Gott am Werk ist .– in kosmischen Zeichen (Erdbeben) und seinem Abgesandten (Engel) – wenn der Stein vom Grab weggewälzt wird. Das Auftreten des Engels und die begleitenden Ereignisse lassen die Wächter erbeben als Zeichen der Furcht vor dem Göttlichen und „wie tot werden“. Sie haben also den Engel und das Öffnen des Grabes erlebt und werden darüber später auch Auskunft geben (Mt 28,11), die folgende Unterhaltung geht jedoch an ihnen vorüber.

 

Verse 5-7: Der Engel wendet sich an die Frauen, die Zeugen des Graböffnung geworden sind. Wie in Erscheinungsgeschichten typisch beruhigt der Engel die Frauen („Fürchtet euch nicht!“) und gibt zu erkennen, dass er weiß, was sie im Sinn haben. Das Grab Jesu, des Gekreuzigten, besuchen. Erst jetzt wird davon gesprochen, dass Jesus nicht da und das Grab damit leer ist. Die Frauen sind eingeladen Jesu Grab anzusehen. Ob sie in das Grab hineingehen bleibt offen, vielleicht schauen sie auch nur hinein. Im Mittelpunkt der Engelsbotschaft steht die Auskunft: Er ist auferstanden. Beim ersten Mal (Vers 6) wird dies mit dem Zusatz „wie er gesagt hat“ versehen, der die Frauen (und Leser) auf die Ankündigungen Jesu zurückverweist (z.B. 16,21). Beim zweiten Mal wird wörtlich Bezug genommen auf die Erzählung von der Bewachung des Grabes (Mt 27,64). Es ist genau diese Botschaft, die von den Jüngern verbreitet werden könnte, die den jüdischen Autoritäten Angst macht: „Er ist von den Toten auferstanden“. Eben diese Botschaft sollen die Frauen den Jüngern ausrichten! Außerdem sollen sie den Jüngern übermitteln, dass sie Jesus in Galiläa wiedersehen werden, wohin er ihnen vorausgeht – auch das hatte Jesus bereits angekündigt (Mt 26,32). Mit einem bekräftigenden Abschluss des Engels ist die Szene vorüber.

 

Vers 8: Die Frauen verlassen das Grab in eben der Weise wie auch die drei Sterndeuter in Mt 2,10 auf den unvermittelten Einbruch der himmlischen Wirklichkeit in die irdische reagieren: mit großer Freude. Verbunden mit der Furcht, von der Matthäus spricht, zeigt sich das Unfassbare der Ereignisse, die Frauen sind hin und hergerissen. Die Frauen machen sich auf den Weg, um die Botschaft weiterzugeben.

 

Verse 9-10: Bevor die Frauen die Jünger informieren können, begegnet ihnen der Auferstandene selbst. Anders als auf dem Weg nach Emmaus oder in der Begegnung mit Maria Magdalena erkennen sie ihn sofort. Ein vorletztes Mal nutzt der Evangelist sein Lieblingsmotiv des Niederfallens als Zeichen der Ehrfurcht (Proskynese), die Sterndeuter waren die ersten, die so auf Jesus, den Sohn Gottes reagierten. Das Umfassen der Füße soll die Realität der Begegnung unterstreichen, ähnlich wie das Essen im Lukasevangelium (Lk 24,39-43). Die Botschaft Jesu an die Frauen ist identisch mit der des Engels: Die Frauen sollen den Jüngern sagen, dass sie nach Galiläa gehen sollen, um ihn wiederzusehen. Matthäus verwendet hier bewusst die Anrede „Brüder“ für die Jünger. Dieser Ausdruck der Verbundenheit zeigt, dass Verrat und Flucht während Jesu Leiden den Jüngern nicht zur Last gelegt oder nachgetragen wird.
Der Verweis nach Galiläa, der in der Erzählung so stark betont wird, nimmt den Faden auf, der das Evangelium durchzog: Jerusalem ist der Ort der Bedrohung, Galiläa der Raum, in dem Jesus verkündigen und Wunder wirken kann.

Auslegung

„Er ist auferstanden“ – zweimal wiederholt der Engel die wesentliche Aussage des Ostermorgens. Davon, dass das Grab leer war, ist nirgends explizit die Rede und dennoch ist nicht nur den Frauen klar, dass hier Gott selbst am Werk gewesen ist. Der Evangelist Matthäus schildert vielleicht am Anschaulichsten das Wunder der Auferstehung, dass sich still und ohne wirkliche Zeugen vollzogen hat. Obwohl das Grab bewacht und verschlossen ist, ist Jesus, der drei Tage zuvor gekreuzigt wurde, von den Toten erstanden. Die Frauen sind eingeladen, sich selbst davon zu überzeugen – die Stelle, an der Jesus lag, ist verwaist. Das Erdbeben, die Tatkraft des Engels, sie sind sichtbare Zeichen für das machtvolle Handeln Gottes, das sich im Verborgenen ereignet hat. Die Wachen, die aufgestellt wurden, damit die Jünger anschließend nicht sagen können: „Er ist von den Toten auferstanden“. Sie sind selbst zugegen, als ein Grab geöffnet und ohne den Verstorbenen vorgefunden wird. Und das, was von den Hohepriestern und Ältesten in Mt 27,64 noch als „worst case Szenario“ beschrieben wurde, dass es mit allen Mitteln zu verhindern gilt, es ist eingetreten. Weil sich Gott eben nicht aufhalten lässt von der Angst der Obrigkeiten oder dem Hass, der zur Kreuzigung führt. Gott überwindet Grenzen. Auch die Grenze, die für den Menschen die bedrohlichste, weil unüberschaubare Grenze ist: die zwischen Tod und Leben. Kein Stein, keine Wache kann Gottes Grenzenlosigkeit, wie sie im Osterereignis zum Ausdruck kommt, in Schranken weisen. Gott ist ein Gott der Lebenden und des Lebens. In seinem Sohn Jesus Christus hat er diese Botschaft mitten hinein in die Menschen gebracht. Indem er Mensch wurde und Menschen heilte, ihnen Freiheit schenkte und Perspektiven eröffnete. Dass diese Botschaft: Ich bin ein Gott des Lebens und ich bin ein Gott, der immer bei euch ist (Mt 1,23), dass diese Botschaft trägt, wird deutlich in der Auferstehung Jesu. Sie zeigt, dass Gott den Tod überwindet, damit nichts den Menschen von ihm trennen kann. Gott lädt ein zu ewiger Gemeinschaft mit ihm, eine Gemeinschaft, die über den Tod hinaus geht, die in ein neues Leben führt. Insofern ist es verständlich, wenn die Worte Jesu an die Frauen, der Botschaft des Engels inhaltlich nichts weiter hinzuzufügen haben. Seine Begegnung mit den Frauen und dann später den Jüngern auf dem Berg (Mt 28,16-20) bestätigt und besiegelt die Worte, die er selbst wie eine Verheißung verkündigt hatte und die am Ostermorgen Wirklichkeit wurde: Christus ist erstanden, der Tod besiegt. Halleluja!

Kunst etc.

Hans Multscher bringt auf seinem Gemälde „Die Auferstehung Christi“ (1437), das sich auf der Innenseite eines Flügels des Wurzacher Altars findet, die einige Dinge zusammen, die die Erzählung aus dem Matthäusevangelium kennzeichnen: Das Grab ist verschlossen und bewacht, Jesus aber ist auferstanden. Zugleich aber klärt der Künstler mit zwinkerndem Auge auf, dass der später erhobene Vorwurf, die Jünger hätten den Leichnam entwendet, während die Wachen schliefen jede Glaubwürdigkeit entbehrt. Die Wachen schlafen, aber es sind keine Jünger, da um den Leichnam zu rauben, das Grab zu entleeren braucht es nicht sie, sondern Gottes Kraft.