Lesejahr A: 2019/2020

1. Lesung (Ex 22,20-26)

20Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten,

denn ihr selbst seid im Land Ägypten Fremde gewesen.

21Ihr sollt keine Witwe oder Waise ausnützen.

22Wenn du sie ausnützt und sie zu mir schreit, werde ich auf ihren Klageschrei hören.23Mein Zorn wird entbrennen und ich werde euch mit dem Schwert umbringen, sodass eure Frauen zu Witwen und eure Söhne zu Waisen werden.

24Leihst du einem aus meinem Volk, einem Armen, der neben dir wohnt, Geld, dann sollst du dich gegen ihn nicht wie ein Gläubiger benehmen. Ihr sollt von ihm keinen Zins fordern.

25Nimmst du von einem Mitbürger den Mantel zum Pfand, dann sollst du ihn bis Sonnenuntergang zurückgeben;

26denn es ist seine einzige Decke, der Mantel, mit dem er seinen bloßen Leib bedeckt. Worin soll er sonst schlafen? Wenn er zu mir schreit, höre ich es, denn ich habe Mitleid.

Überblick

Mitten in einem Gesetzestext brechen die Emotionen Gottes hervor. Er greift zum Schwert für die Unterdrückten. Gott zeigt, dass er parteiisch ist.

 

1. Verortung im Buch

Dieses Gesetz steht im sogenannten Bundesbuch (Exodus 20,22-23,33), der ältesten Gesetzessammlung der Bibel. In ihm lässt sich eine gewisse Zweiteilung zwischen Gesetzen, die Güter (Exodus 21,12-22,16) und Werte (Exodus 22,17-23,9) betreffen. Innerhalb der Gesetze des Alten Testament ist der Lesungstext jedoch einzigartig. In direkter Du-Anrede offenbart Gott seine Emotionen, seinen Zorn und sein Erbarmen.  Zugleich ist dieses Gesetz direkt bezogen auf den Anfang des Exodus, wo Gott spricht: „Jetzt ist die laute Klage der Israeliten zu mir gedrungen und ich habe auch gesehen, wie die Ägypter sie unterdrücken.“ (Exodus 3,9) Der Schutz des Fremden in Israel ergibt sich eben aus dieser theologischen Aussage: Gott erhört die Klage des unterdrückten Fremden. Denn Gott ist barmherzig, wie er im Gesetz des Lesungstext betont und dann wieder bei seiner Wesensoffenbarung in Exodus 34,6: „Der HERR ist der HERR, ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und reich an Huld und Treue.“

 

2. Aufbau

Zweimal betont dieser Gesetzestext, dass Gott den Klageschrei, bzw. Hilferuf des Unterdrückten erhört (Verse 22 und 26). Gott steht an der Seite der sogenannten personae miserae, den Fremden in der Gesellschaft (Vers 20), den Witwen und Waisen (Verse 21-23), den Armen (Verse 24-26). 

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 20: Das Gesetz appelliert direkt an das kollektive Gedächtnis des Volkes. Die parallele Formulierung in Exodus 23,9 lässt die Bedeutung stärker hervortreten: „Einen Fremden sollst du nicht ausbeuten (besser: unterdrücken). Ihr wisst doch, wie es einem Fremden zumute ist; denn ihr selbst seid im Land Ägypten Fremde gewesen.“ Hier und in diesem Vers wird das Wort לחץ verwendet, dass die Unterdrückung thematisiert. Eben dieses Wort zeigt das Leid an, weswegen die Israeliten zu Gott um Hilfe rufen im Sklavenhaus und warum Gott handelt. Zweimal steht לחץ in Exodus 3,9, wörtlich heißt es dort: „Nun aber, siehe, die Klage der Kinder Israels ist zu mir gekommen, und ich habe auch die Unterdrückung gesehen, mit der die Ägypter sie unterdrücken.“ Neben das Gebot, dass ein Fremder nicht unterdrückt werden darf, tritt die Mahnung, dass er nicht „ausgenutzt“ werden darf – dies betont eher den materiellen Aspekt.

Verse 21-23: Witwen und Waisen waren ohne männlichen, erwachsenen Beistand in der damaligen Gesellschaft schutzlos. Gott wird zu ihrem Beistand. Und er sagt deutlich, dass er parteiisch an ihrer Seite steht. Das Thema trifft sozusagen einen empfindlichen Nerv Gottes und zugleich verdeutlicht sich, dass Gottes Zorn in Wahrheit sein Erbarmen ist. Er erbarmt sich den unterdrückten Witwen und Waisen, indem sein Zorn entbrennt. Radikal formuliert er eine Drohung. Wer Witwen und Waisen unterdrückt, deren Frauen und deren Kinder wird Gott gewalttätig selbst zu Witwen und Waisen werden lassen.

Vers 24: Das Verbot Zinsen zu nehmen gilt nur innerhalb der eigenen Volksgemeinschaft. In der idealen Gesellschaft gelten die normalen Regeln nicht – das Gemeinwohl steht im Vordergrund, nicht der Gewinn des Einzelnen. 

Verse 25-26:  Die Thematisierung des Pfands ist ein Beispiel für die in Vers 24 geforderte Solidarität. Das Gewand war ein viel wertvollerer und elementarer Gegenstand als heutige Kleidung. Er dient als Decke und somit als Schutz in der Nacht. Das was für den einen lediglich ein Pfand, bzw. eine Sicherheit ist, ist für den Betroffenen vielleicht überlebenswichtig. Dieses Gesetz fordert nun von dem Gläubiger Vertrauen, um Leben zu ermöglichen.

Auslegung

Ein Flüchtling, der alles verloren hat; eine mittellose Frau, deren Ehemann gestorben ist; ein Kind ohne Eltern und ohne Familie – solche Worte hören sich wie Motive für Spendenaktionen an. Der Fremde, die Witwe und die Waise sind in der Zeit des Alten Testaments die drei Personengruppen, die am stärksten auf die Hilfe der Gesellschaft angewiesen sind. Ihr Leben und ihre Wohlfahrt liegt in den Händen ihrer Mitmenschen. Sie sind machtlos und doch sind sie gefährlich. Am Verhalten der Gesellschaft ihnen gegenüber hängt das Schicksal der Gemeinschaft. Denn Gottes Leidenschaft brennt für die Machtlosen. Er erbarmt sich derer, die bedrückt und unterdrückt werden. Ihre Hilfeschreie erhört er und erbarmt sich ihrer. Das Erbarmen hat eine finstere Kehrseite. Gottes Barmherzigkeit ist zugleich glühender Zorn. Der Schutz der Machtlosen ist nicht nur der Gerechtigkeit geschuldet, sondern innerstes Anliegen Gottes. Denen, die Witwen und Waisen unterdrücken, gilt Gottes zerstörerischer Hass: „Und mein Zorn wird entbrennen und ich werde euch mit dem Schwert umbringen, sodass eure Frauen Witwen und eure Kinder Waisen werden.“

Gottes Zorn gilt denjenigen, die kein Mitgefühl gegenüber dem Leid der anderen zeigen. Dies lehrt Gottes Heilsgeschichte mit seinem Volk. Der Fremde darf nicht schlecht behandelt werden, denn Israel hat selbst in Ägypten erfahren, was es bedeutet, als Fremde bedrängt und unterdrückt zu werden. Der Auszug aus der Sklaverei in Ägypten in die Freiheit beginnt mit einem an Gott gerichteten Hilfeschrei, den Gott erhört. Die Menschen sind nicht dazu berufen, der ägyptische Pharao zu sein. Menschliches Handeln soll durch das Hineinversetzen in die Situation des Anderen geleitet sein. 

Aber die Bibel ist auch realistisch. Hilfe, die selbst vor dem eigenen Verlust nicht zurückschreckt, ist ein anzustrebendes Ideal. Der Gebende soll aber am Ende nicht der Verlierende sein. So kennt bereits die Bibel Hilfskredite. Nicht nur gespendetes Geld, sondern auch verliehenes kann den Armen helfen. Jemand, der einen Hilfskredit anbietet, möchte Sicherheiten haben. Der eigene Reichtum muss abgesichert sein, selbst wenn man hilft. Das ist ein rationaler Wunsch. Aber in jedem Fall ist eine wahre Hilfe nur eine solche, die durch Einfühlungsvermögen geleitet ist und die Situation des Hilfebedürftigen verbessert. Eine letztgültige Versicherung gibt es nur für den Hilfsbedürftigen. Gottes Erbarmen und Gottes Zorn kennt nur die Perspektive desjenigen, der in seiner Bedürftigkeit zu ihm um Hilfe schreit. Gott ist parteiisch. Nur wer aus der Perspektive der Bedrängten, Unterdrückten und Hilflosen die Welt betrachtet und aufgrund von Mitgefühl handelt, steht auf der Seite Gottes.

Kunst etc.

Bildliche Darstellungen von Unterdrückung zeigen häufig Hände, die die unterdrückte Person festhalten oder niederdrücken. In seiner Bleistiftzeichnung hat Luis dSanchez hat dies zugespitzt. Die Bewegungsfreiheit ist beschränkt, ja die Luft zum Atmen abgeschnitten. Gegen solche menschlichen Hände steht die Metapher Gottes in der Bibel. Sein erhobener Arm oder seine erhobene Hand befreien von der Unterdrückung. Er greift radikal selbst zum Schwert, um die unterdrückenden Hände zu zerschlagen.

LuisdSanchez, „Oppression“, veröffentlicht auf Deviant Art – Lizenz: CCO 3.0.
LuisdSanchez, „Oppression“, veröffentlicht auf Deviant Art – Lizenz: CCO 3.0.