Lesejahr A: 2019/2020

Evangelium (Lk 1,57-66.80)

57Für Elisabet aber erfüllte sich die Zeit, dass sie gebären sollte, und sie brachte einen Sohn zur Welt.

58Ihre Nachbarn und Verwandten hörten, welch großes Erbarmen der Herr ihr erwiesen hatte, und freuten sich mit ihr.

59Und es geschah: Am achten Tag kamen sie zur Beschneidung des Kindes und sie wollten ihm den Namen seines Vaters Zacharias geben.

60Seine Mutter aber widersprach und sagte: Nein, sondern er soll Johannes heißen.

61Sie antworteten ihr: Es gibt doch niemanden in deiner Verwandtschaft, der so heißt.

62Da fragten sie seinen Vater durch Zeichen, welchen Namen das Kind haben solle.

63Er verlangte ein Schreibtäfelchen und schrieb darauf: Johannes ist sein Name. Und alle staunten.

64Im gleichen Augenblick konnte er Mund und Zunge wieder gebrauchen und er redete und pries Gott.

65Und alle ihre Nachbarn gerieten in Furcht und man sprach von all diesen Dingen im ganzen Bergland von Judäa.

66Alle, die davon hörten, nahmen es sich zu Herzen und sagten: Was wird wohl aus diesem Kind werden? Denn die Hand des Herrn war mit ihm.

80Das Kind wuchs heran und wurde stark im Geist. Und es lebte in der Wüste bis zu dem Tag, an dem es seinen Auftrag für Israel erhielt.

Überblick

Wenn einer zum Zeichen wird. Die Geburt Johannes des Täufers als Ereignis, das Kreise zieht.

1. Verortung im Evangelium
Das Lukasevangelium (Lk) setzt nach einem Vorwort des Evangelisten (Lk 1,1-4) ein mit den Erzählungen der von der Verkündigung zweier ungewöhnlicher Schwangerschaften. In Lk 1,5-25 wird dem schon hochbetagten Priester Zacharias angekündigt, dass seine Frau Elisabeth einen Sohn empfangen hat. In dem folgenden Abschnitt erscheint der Engel Gabriel, der auch Zacharias die frohe Kunde gebracht hatte, nun Maria einer jungen, unverheirateten Frau (Lk 1,26-38). Auch sie wird ein Kind empfangen. Was die beiden Geschichten verbindet, ist die Art und Weise, wie die Schwangerschaften zustande kommen: Beide Male hat Gott seine Finger im Spiel. Er macht Maria durch den Heiligen Geist zur Mutter seines Sohnes und schenkt der Elisabeth wider alle natürlichen Erwartungen ein Kind. Beiden Kindern wird Großes verheißen, sie haben einen festen Platz in der Geschichte Gottes mit dem Menschen. Johannes soll „groß sein vor dem Herrn“ (Lk 1,15), „viele Kinder Israels … zum Herrn, ihrem Gott, hinwenden“ (Lk 1,16) und „das Volk für den Herrn bereit machen“ (Lk 1,17). So wird Johannes zum Wegbereiter für Jesus, den Retter, den Christus, den Herrn (Lk 2,11).
Verbunden werden die Darstellungen der beiden Kinder und ihrer ungewöhnlichen Empfängnis und Aufgabe durch die Begegnung zwischen Elisabeth und ihrer Verwandten Maria (Lk 1,39-56). Auf diese Szene folgt die Erzählung von der Geburt des Johannes, aus der der vorliegende Evangeliumsabschnitt stammt.

 

2. Aufbau
Die Verse 57-58 berichten von der Geburt des Johannes, die Verse 59-66 spielen 8 Tage nach der Geburt und berichten von der Namensgebung und Aufhebung der Stummheit des Zacharias. Vers 80 rundet die gesamte Erzählung von der Ankündigung und Geburt des Johannes ab. Die verschiedenen Erzählfäden aus der Eingangserzählung (Lk 1,5-25) werden zu einem Abschluss gebracht und Johannes betritt erst wieder in Lk 3,1 als „Täufer“ die Szenerie.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 57-58: Die Geburt des Johannes durch Elisabeth wird nur knapp geschildert. Wichtiger ist die Notiz über die Anteilnahme der Verwandten. Sie schließt an Lk 1,13-14 an und erfüllt die Ankündigung Gabriels an Zacharias. Die Kinderlosigkeit, die in Lk 1,7 auf die Unfruchtbarkeit der Elisabeth zurückgeführt wurde, war für die beiden, die „gerecht vor Gott lebten“ (Lk 1,6) ein Makel. Zacharias hatte immer wieder zu Gott um ein Kind gebetet (Lk 1,13). Dieser Kinderwunsch des Paares war den Verwandten offenbar bewusst und die späte und unverhoffte Schwangerschaft und Geburt ist für sie ein Zeichen für das erbarmende Handeln Gottes. Ihre Freude gilt also sowohl den glücklichen Eltern als auch dem gütigen Wirken Gottes. Die Geburt des Johannes ist ein Ereignis, das über die Eltern hinaus, Menschen betrifft und für sie zeichenhaft ist.

 

Verse 59-66: Die Einleitung „und es geschah“ verleiht dem Folgenden eine größere Bedeutung und erinnert an den Stil der Septuaginta, der griechischen Übersetzung des Alten Testaments. Die Beschneidung des Kindes als Offenbarungsmoment ist eine weitere Parallele zwischen der Darstellung der beiden Kinder Johannes und Jesus (vgl. Lk 2,22-40). Der Evangelist Lukas hatte bei der Ankündigung der Geburt einen erzählerischen Spannungsbogen begonnen, den er nun vollendet: Die Verstummung des Zacharias wird aufgehoben und das Kind erhält den Namen, den Gott für ihn vorgesehen hat.
Wie bereits Vers 58 zeigte, war die Geburt des Johannes ein Ereignis, an dem viele Anteil nahmen. So sind offenbar Verwandte (und Nachbarn) mit zur Beschneidung und Namensgebung gekommen. Eigentlich ist die Vergabe des Namens Sache der Eltern und selten wird das Kind nach dem Vater, sondern eher nach dem Großvater benannt. Indem der Evangelist Lukas hier jedoch den Namen des Vaters und weitere Beteiligte ins Geschehen involviert, wird die Spannung hin auf den Vater als den Kristallisationspunkt dieser Entscheidungen hingelenkt. Nun ist es an ihm der Verheißung des Gabriel gerecht zu werden. Da Zacharias verstummt ist, braucht es die Intervention der Elisabeth, damit die Namensgebung in der richtigen Weise vollzogen werden kann. Zacharias hatte seit Lk 1,23 in der Handlung keine Rolle mehr gespielt, nun bestätigt er den von Elisabeth bereits genannten Namen und versetzt so die beiwohnende Verwandtschaft in Staunen.
Die Formulierung „sein Name ist“ deutet an, dass Elisabeth und Johannes hier etwas umsetzen, was bereits im Voraus beschlossen wurde. Nun ist alles eingetreten, was der Engel Gabriel Zacharias verkündigt hatte. Entsprechend setzt auch als unmittelbare Folge die „Heilung“ des Zacharias von der Stummheit ein, die ihm in Folge seiner Skepsis auferlegt war. Der Lobpreis, der sich in Lk 1,67-79 im „Benediktus“, dem Gesang des Zacharias über das erbarmende Handeln Gottes, in ausführlicher Weise entlädt, wird hier bereits durch angedeutet.
Die Verse 65-66 lenken den Blick über das „familiäre Geschehen“ hinaus und berichten von der Reaktion der Nachbarn und „aller, die es hörten“. Geschickt zieht Lukas hier drei größer werdende Kreise um das eigentliche Ereignis herum: Johannes, mit dem Gott großes vorhat, wird geboren – seine Eltern erkennen darin die Zuwendung Gottes – die Nachbarn staunen und geraten in Furcht als Reaktion auf göttliches Handeln und erzählen weiter, was sie erlebt haben – alle, die von den Ereignissen hören, „nehmen es sich zu Herzen“ und sind wachsam, was aus dem Kind wird. Der Evangelist Lukas bezieht auf diese Weise nicht nur immer mehr Menschen in das Geschehen hinein, er zeigt auch die verschiedenen (positiven) Reaktionen auf das Handeln Gottes auf: Freude, Lobpreis, Furcht, Weitergabe des Erlebten, Verwunderung, Wachsamkeit.
Dass die „Ohrenzeugen“ der Ereignisse, sich diese „zu Herzen nehmen“ erinnert an Lk 2,19, wo Maria die Geschehnisse rund um die Geburt Jesu „in ihrem Herzen bewahrt“. Lukas konkretisiert diese innere Anteilnahme mit einer Frage nach der Zukunft des Kindes und der Feststellung, dass Gottes Kraft in diesem Kind zum Ausdruck kommt („Hand des Herrn war mit ihm“).

 

Vers 80: Lukas rundet die Darstellung von der Verkündigung und Geburt des Täufers mit einer Notiz über das Heranwachsen und Starkwerden ab. Er orientiert sich dabei an den Bemerkungen über das Aufwachsen des Simson und des Samuel im Alten Testament (Buch der Richter 13,24-25, 1. Buch Samuel 2,21.26). Der Hinweis auf einen Auftrag, der an Johannes ergeht und sich auf ganz Israel bezieht, war schon mehrfach angeklungen (Lk 1,16-17; Lk 1,76-79) und wird in Lk 3,1 eingelöst.

Auslegung

Die Geburt des Johannes wird von Anfang an als Zeichen der barmherzigen Zuwendung Gottes dargestellt: Das alte und kinderlose Paar bekommt einen Sohn geschenkt. Doch der Sohn ist nicht nur für die Familie da, sondern für das ganze Gottesvolk. Deshalb wird dem Johannes in besonderer Weise der Geist Gottes zuteil und sein Schicksal weist über das eigene Wirken hinaus. All diese Teile der Johannesgeschichte sind implizite und explizite Parallelen zur Jesuserzählung. Der Evangelist Lukas bereitet durch die Darstellung der Verkündigung und Geburt des Johannes seine Leser auf den eigentlichen Hauptdarsteller seiner Erzählung vor und lässt die Leser langsam eintauchen in die Wirkweise Gottes. Was in der Erzählung rund um den Täufer noch langsam entfaltet wird, bricht sich in der Verkündigung an Maria dann in einem Moment Bahn.
Auf geschickte Weise ist dabei die Namensgebung, die im Zentrum des vorliegenden Abschnitts steht, ein Zeichen. Denn die Entscheidung, wie das Kind heißen soll, wird nicht von den Eltern getroffen, sie ist durch Gott vorgezeichnet. Elisabeth und Johannes führen aus, was Gott ihnen aufträgt und indem sie ihm den Namen geben, den Gott ausgesucht hat, bestätigen sie, dass dessen Aufgabe den Kreis der Familie überschreiten wird. Johannes ist für sie ein Geschenk und er ist ein Zeichen für ganz Israel. Er ist ein Zeichen für die vielen, die sich über ihn freuen, für die, die sich durch ihn taufen und zur Umkehr aufrufen lassen. Er ist ein Zeichen, um die vielen vorzubereiten auf die Ankunft des Retters Israels.

Johannes der Täufer verweist in der Darstellung des Evangelisten Lukas auf doppelte Weise auf Jesus als den ersehnten Messias. Zum einen in der Art und Weise seines Wirkens, seiner Botschaft und seines Hinweises auf den „Größeren“, der in Jesus, dem Sohn Gottes kommt. Zum anderen erzählerisch, indem er die Leser des Evangeliums vorbereitet auf ein Handeln Gottes, das so ungewöhnlich und unvorstellbar ist. Gott handelt barmherzig und mitleidig an Zacharias und Elisabeth, die stellvertretend für das Volk Israel stehen. Mit dem Geschenk des Sohnes wird ihnen vor Augen geführt, dass Gott wirklich am Schicksal eines jeden Menschen Anteil nimmt. Aber auch, dass Gott Menschen in die Umsetzung seines Heilsplans integriert, sie zu Mitschöpfern einer neuen Wirklichkeit macht. Die Geschichte von der Geburt des Johannes ruft diese eigentlich uralte und in der Heiligen Schrift festgehaltene Zusage erneut in Erinnerung und bereitet so vor auf das, was Gott in der Sendung seines Sohnes unverhüllt und unwiderruflich zeigt: Er ist ein Gott, der die Menschen liebt und sich ihnen zeigt, so dass sie den Weg zu ihm finden.

Kunst etc.

Das Gemälde von James Tissot (zwischen 1886 und 1894) zeigt „Zacharias und Elisabeth“ wie sie scheinbar mit ihren alltäglichen Dingen beschäftigt sind. In diesen Alltag bricht Gottes erbarmendes Handeln ein – ihnen wird das langersehnte Kind geschenkt.