Lesejahr A: 2019/2020

1. Lesung (Ex 17,3-7)

3 Das Volk dürstete dort nach Wasser und murrte gegen Mose. Sie sagten: 

Wozu hast du uns überhaupt aus Ägypten heraufgeführt, um mich und meine Söhne und mein Vieh vor Durst sterben zu lassen? 

4 Mose schrie zum HERRN: 

Was soll ich mit diesem Volk anfangen? Es fehlt nur wenig und sie steinigen mich. 

5 Der HERR antwortete Mose: 

Geh am Volk vorbei und nimm einige von den Ältesten Israels mit; nimm auch den Stab in die Hand, mit dem du auf den Nil geschlagen hast, und geh! 6 Siehe, dort drüben auf dem Felsen am Horeb werde ich vor dir stehen. Dann schlag an den Felsen! Es wird Wasser herauskommen und das Volk kann trinken. 

Das tat Mose vor den Augen der Ältesten Israels. 

7 Den Ort nannte er Massa und Meriba, Probe und Streit, weil die Israeliten gehadert und den HERRN auf die Probe gestellt hatten, indem sie sagten: 

Ist der HERR in unserer Mitte oder nicht?

Überblick

Aus der Sklaverei befreit, verklingt der Lobpreis Israels recht schnell. Ohne versorgt zu sein, schwindet der Glaube recht schnell – und es bedarf neuer Zeichen.

 

1. Verortung im Buch

Israel hat das Sklavenhaus Ägypten verlassen. Der Gott Israels hat den Pharao samt seinen Streitkräften besiegt und die Israeliten konnten den Lobpreis singen: „Singt dem HERRN ein Lied, denn er ist hoch und erhaben! Ross und Reiter warf er ins Meer.“ (Exodus 15,21). Doch der Weg zum Sinai, dem Gottesberg, wo der Bund zwischen Israel und seinem Gott geschlossen werden wird, ist geprägt vom Murren des Volkes in der Wüste, diesem scheinbar lebenswidrigen Ort (Exodus 15,22-18,27). Man könnte diese Zeit auch als die Pubertät Israels beschreiben (siehe Hosea 11,1) und Gottes liebende Pädagogik. Israel murrt, weil es kein Trinkwasser gibt: „Da murrte das Volk gegen Mose und sagte: Was sollen wir trinken?“ (Exodus 15,24) – und Gott schafft ihnen süßes Trinkwasser und bezeichnet ihre temporäre Notlage als Erprobung (siehe Vers 25). Und im Erzählverlauf direkt darauffolgend murrt das Volk wieder: „Die ganze Gemeinde der Israeliten murrte in der Wüste gegen Mose und Aaron. Die Israeliten sagten zu ihnen: Wären wir doch im Land Ägypten durch die Hand des HERRN gestorben, als wir an den Fleischtöpfen saßen und Brot genug zu essen hatten. Ihr habt uns nur deshalb in diese Wüste geführt, um alle, die hier versammelt sind, an Hunger sterben zu lassen.“ (Exodus 16,2-3) Und wieder versorgt Gott sein Volk – diesmal mit dem Manna und Wachteln. Doch Israel lässt das Murren gegen seinen Gott nicht: „Die ganze Gemeinde der Israeliten zog von der Wüste Sin weiter, einen Tagesmarsch nach dem anderen, wie es der HERR jeweils bestimmte. In Refidim schlugen sie ihr Lager auf, aber das Volk hatte kein Wasser zu trinken. Da geriet es mit Mose in Streit und sagte: Gebt uns Wasser zu trinken!“ (Exodus 17,1-2a). Zuvor hatte Gott sie mit Wasser versorgt und Trinkquellen lagen auf dem Weg (Exodus 15,27), aber wieder mit Mangel konfrontiert, murren sie wieder. Gott hatte ihnen den Weg gewiesen. Warum versorgt er sie nicht ausreichend mit Wasser? Warum wiederholt sich die bereits in Exodus 15,23 erzählte Situation? 

 

2. Aufbau

Gerahmt von den Worten des Volks (Verse 1-3 und 7) steht doch Mose und seine Beziehung zu Gott im Zentrum der kurzen Erzählung (Verse 4-6). Besonders hervorgehoben werden die Ältesten Israels, die als Zeugen für den von Gott gewollten Führungsanspruchs Mose dienen (siehe Verse 4 und 6). 

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 3: Der Vorwurf des Volkes an Mose wurde bereits zuvor entkräftet. In Exodus 16,3 murrten die Israeliten ebenso: „Wären wir doch im Land Ägypten durch die Hand des HERRN gestorben, als wir an den Fleischtöpfen saßen und Brot genug zu essen hatten. Ihr habt uns nur deshalb in diese Wüste geführt, um alle, die hier versammelt sind, an Hunger sterben zu lassen.“ Daraufhin hatte Gott die Israeliten mit Wachteln und Manna versorgt. Nun, wie zuvor, murrt das Volk nicht direkt gegen Gott, sondern gegen dessen Stellvertreter Mose (und seinen Bruder Aaron). Der vorhergehende Vers erklärt, was dieses Murren bedeutet: „Da geriet es mit Mose in Streit und sagte: Gebt uns Wasser zu trinken!“ Es geht hier nicht um einen einfachen Streit, sondern das hebräische Wort ‎וַיָּרֶב (gesprochen: va-jarev) besitzt auch eine rechtliche Konnotation. Die Israeliten bringen ein Anrecht auf Wasser zur Sprache („Gebt uns Wasser zu trinken!“). Sie folgen Mose - bzw. wie der Erzähler kurz zuvor betont -, dem von Gott vorgegebenen Weg. In seiner Antwort verdeutlicht Mose dementsprechend auch in Vers 2, dass die Infragestellung seiner Person einer Erprobung Gottes gleichkommt: „Was streitet ihr mit mir? Warum stellt ihr den HERRN auf die Probe?“

Vers 4: Moses Reaktion ist dramatisch. Er schreit. Selbst hat er keine Lösung parat, wie er mit dem murrenden Volk verfahren soll. Und zugleich geht es ihm selbst an den Kragen. Die Steinigung ist in der Welt des Alten Testaments ein Rechtsmittel das final den (tödlichen) Ausschluss aus der Gemeinschaft besiegelt.

Vers 5: Gott bringt in seiner Antwort seine Nähe zu Mose und dessen gewollten Führungsanspruch zum Ausdruck. Vor den Augen der Entscheidungsträger im Volk, den Ältesten, soll er an die Wunder in Ägypten anknüpfen und seinen Führungsanspruch so untermauern. Gerahmt ist diese Aufforderung durch die zweimalige „Geh!“. Mose soll nicht passiv, tatenlos verharren, sondern handeln.

Vers 6: Der Ort, an dem das Wasserwunder geschehen wird, ist ein bereits seit dem Anfang des Buches Exodus bekannter Ort. Es ist der Ort, wo Gott ihm im brennenden Dornenbusch erschienen war (Exodus 3,1). Gemäß dem Buch Deuteronomium ist der Berg Sinai zu identifizieren mit dem Berg Horeb (siehe auch Exodus 33,6). An diesem Ort stellt sich Gott in den Dienst Mose. Diese radikale Aussage steht hinter der hier verwendeten Aussage Gottes im Hebräischen, ‎עֹמֵד לְפָנֶיךָ (gesprochen: omed lifneicha, „werde ich vor dir stehen“). Gott steht bereits, um den Führungsanspruch Moses zu bewahrheiten durch seine Taten. Das folgende Zeichen ist ein paradoxes Wunder. Aus dem harten Stein sprudelt flüssiges Wasser. Während in Exodus 7,20 der Schlag mit dem Gottesstab auf den Nil das Wasser ungenießbar werden ließ, ermöglicht die Handlung nun die Durststillung.

Vers 7: Die abschließende Notiz überrascht mit dem Verweis auf eine Aussage der Israeliten, die zuvor nicht erzählt worden war. Der Ort wird „Erprobung und Streit“ genannt, weil die Israeliten gesagt haben sollen: „Ist der HERR in unserer Mitte oder nicht?“ Dies verweist zum einen auf die Kritik, dass die Versorgung des Volkes scheinbar nicht gesichert war, obwohl doch Gott durch Mose sein Volk anführe. Zugleich ist diese Frage auch ein Vorverweis. In Exodus 25,8 ordnet Mose am Sinai dann den Bau des mit dem Volk wandernden Wüstenheiligtums an und beantwortet diese Frage somit: „Sie sollen mir ein Heiligtum machen! Dann werde ich in ihrer Mitte wohnen.“

Auslegung

Die geschilderte Situation scheint dramatisch: Mitte in der Wüste mangelt es an überlebenswichtigem Wasser. Zugespitzt verweisen die Israeliten gar auf den bevorstehenden Tod ihrer Kinder und des Viehs. Betrachtet man den Kontext der Erzählung, dann könnte man die zum Ausdruck gebrachte Angst, relativieren. Bereits in Exodus 15,22-27 wird erzählt, dass Gott sein Volk im Angesicht des Durstes mitten in der Wüste mit Wasser versorgt. Wäre danach und der vielen anderen Wunder nicht mehr Gottvertrauen angebracht? Doch Gott kritisiert das Murren des Volkes nicht. Es klagt nicht fehlendes Vertrauen ein, sondern mit liebender Pädagogik greift er ein und stärkt darin auch die Position Moses. Durch ihn versorgt er sein Volk. Darin zeigt sich auch, dass die Rolle Moses göttlicher Bestätigung im Angesicht von Krise bedarf.

Doch Murren ist nicht gleich Murren. Auf dem Weg Israels aus Ägypten hin zum Berg Sinai wendet sich Gott trotz des Murrens Israels seinem Volk immer wieder fürsorglich zu. Am Gottesberg wird er dann erklären, wie er es bereits als Ziel am Anfang des Buches Exodus definiert hatte: „Ich nehme euch mir zum Volk und werde euch Gott sein.“ (Exodus 6,7). Hinter der Erzählung Exodus 15,22-18,27 kann man so auch die hinter einem alten deutschen Sprichwort stehende Weisheit erkennen: „Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich nicht was Bess'res findet.“ Doch nach dem auf dem Berg Sinai geschlossenen Bund zwischen Gott und seinem Volk, wandelt sich das Bild. In Num 14 reagiert Gott auf das Murren Israels mit dem Wunsch sein eigenes Volk zu vernichten. Und eine ganz andere Wendung nimmt das Murren aufgrund Wassermangels in Num 20,1-13. 

Kunst etc.

Der niederländische Künstler Jan Havickszoon Steen hat in seiner aus dem Jahr 1648 (oder 1653) stammenden Darstellung der Erzählung vollständig darauf verzichtet Gott als Wirkgrund des Wasserwunders darzustellen. Allein in dem von Mose verwendeten Stab ist Gott für diejenigen Betrachtet zu erkennen, die sich mit der Bibel auskennen. Dass in dieser Geschichte die besondere Beziehung zwischen Mose und Gott bestätigt wird, spiegelt sich in seiner Darstellung nicht wider. Gott steht nicht auf dem Felsen dienstbereit für Mose, um die Quelle aus dem Felsen sprudeln zu lassen.

Jan Steens Ölgemälde befindet sich im Besitz des Frankfurter Städel Museums. Lizenz: gemeinfrei.
Jan Steens Ölgemälde befindet sich im Besitz des Frankfurter Städel Museums. Lizenz: gemeinfrei.