Lesejahr A: 2019/2020

Evangelium (Lk 1,39-56)

39In diesen Tagen machte sich Maria auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa.

40Sie ging in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabet.

41Und es geschah, als Elisabet den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabet vom Heiligen Geist erfüllt

42und rief mit lauter Stimme: Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes.

43Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?

44Denn siehe, in dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib.

45Und selig, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ.

46Da sagte Maria:

Meine Seele preist die Größe des Herrn /

47und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.

48Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. / Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.

49Denn der Mächtige hat Großes an mir getan / und sein Name ist heilig.

50Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht / über alle, die ihn fürchten.

51Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: / Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind;

52er stürzt die Mächtigen vom Thron / und erhöht die Niedrigen.

53Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben / und lässt die Reichen leer ausgehen.

54Er nimmt sich seines Knechtes Israel an / und denkt an sein Erbarmen,

55das er unsern Vätern verheißen hat, / Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.

56Und Maria blieb etwa drei Monate bei ihr; dann kehrte sie nach Hause zurück.

Überblick

Gott stellt die Welt auf den Kopf. Das Loblied Marias bezeugt den Glauben an einen Gott, mit dem alles möglich ist, sogar die Umkehrung bisheriger Grenzen.

1. Verortung im Evangelium
Wir stehen mit dieser Erzählung noch ganz am Anfang des Lukasevangeliums (Lk). Zweimal ist bisher durch den Engel Gabriel die Geburt eines Kindes angekündigt worden. Nun werden die beiden Erzählstränge zusammengeführt. Die Erzählung vom Besuch Marias bei Elisabet ist das Bindeglied zwischen der Verheißung der Verkündigungsszenen und der Erfüllung der Verheißung in den kommenden Geburtsgeschichten. Die Begegnung zwischen Elisabet und Maria besteht aus zwei Teilen. Im ersten (1,39-45) steht der Gruß Marias und die Reaktion der Elisabet im Vordergrund, im zweiten die Antwort Marias, die im Magnifikat Ausdruck findet (1,46-56).

 

 

2. Aufbau
Der Text wird eingeleitet durch eine Reisenotiz (Vers 39), die abgerundet wird durch die Ankunft und den Gruß der Ankommenden (Vers 40). Im Mittelpunk der Erzählung (Verse 41-45) steht die Reaktion der Elisabet, die körperlich beginnt (Vers 41) und im Lobpreis auf Maria mündet (Verse 42-45). Der Lobgesang Marias, der mit Vers 46 beginnt, stellt einen ehemals eigenständigen Hymnus inmitten einer Erzählung dar (Verse 46-55). Die Notiz über Aufenthalt und Rückkehr Marias nach Nazareth (Vers 56) schließt einen Bogen zum Anfang.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 39: Auch wenn Besuche bei der Verwandtschaft nichts Außergewöhnliches sind, so ist die Reise einer jungen Frau ganz alleine von Nazareth hinauf in das Bergland von Judäa schon beachtlich. Wo genau das Haus des Zacharias stand, ist nicht bekannt. Da er seinen Dienst im Tempel in Jerusalem versieht, wird man es nicht allzu weit von dort vermuten dürfen. In etwa 3-4 Tagesetappen und um die 130 km dürfte Marias Reise umfasst haben.

 

Vers 40: Das Ziel der Reise, das Haus des Zacharias, wird nach dem Hausherrn, dem Priester Zacharias benannt. Dies folgt der jüdischen Tradition. Eine Rolle spielt der Hausherr in dieser Szene jedoch nicht. Der Fokus der Erzählung liegt auf den beiden Frauen, ihren Kindern und dem, was Gott an ihnen geschehen lässt.

 

Verse 41.44: Das Wort „hüpfen, springen“, das Lukas in der Szene direkt zweimal verwendet, ist Zeichen des Jubels. So sollen sich in der Feldrede in Lk 6,23 diejenigen freuen und springen, denen der Lohn im Himmel verheißen ist. Auch im Buch Maleachi (Mal 3,20) wird die Reaktion der Gerechten auf das kommende, befreiende Richten Gottes in einem ähnlichen Bild verdeutlicht: „Ihr werdet hinausgehen und Freudensprünge machen wie Kälber, die aus dem Stall kommen.“
Über die Regungen der Kinder im Mutterleib spricht auch das Buch Genesis im Hinblick auf Esau und Jakob; in Genesis 25,21-23 wird deren zukünftiges Verhältnis angedeutet.

Verse 42-43: Elisabet spricht Maria gleich zweifach als „Gesegnete“ an (Vers 42). Sie stellt damit heraus, dass Maria eine herausgehobene Position einnimmt und warum. Beides wird indirekt in der rhetorischen Frage (Vers 43) wieder aufgenommen, wenn Elisabet den Besuch der Maria als „Verstoß gegen gesellschaftliche Normen“ qualifiziert. Maria als „Mutter meines Herrn“ anzusprechen, bedeutet, dass Elisabet bereits die Umkehrung der Verhältnisse erkennt, die durch die Geburtsankündigung des Gottessohnes eingeleitet werden.

 

Vers 45: Die Reaktion Elisabets auf den Besuch Marias schließt mit einer Seligpreisung, die die Reaktion Marias auf die Ankündigung der Geburt bewertet und zugleich eine indirekte Gegenüberstellung der bisherigen Ankündigungsszenen (Gabriel bei Zacharias und Maria) vornimmt.

 

Verse 46b-47: Das Loblied Marias setzt ein mit einem doppelten Gotteslob, das der Tradition persönlich gesprochener Danklieder entspricht (vgl. 1. Buch Samuel 2,1). Dabei sind die Worte der Maria performativ zu lesen, d.h. indem Maria das Lob ausspricht, wird es Wirklichkeit. Sie kündigt kein Lob an oder formuliert im Konjunktiv, sondern im Sprechen ist der Lobpreis bereits geschehen und der Jubel kommt zum Ausdruck. „Seele“ und „Geist“ stehen für die ganze Person, die den Lobpreis äußert. Die Rede von Gott als „Retter“ stellt einen Übergang zu den folgenden Versen und dem dort beschriebenen Handeln Gottes her.

 

Verse 48-50: Die Bezeichnung Gottes als Retter wird begründet durch das Heilshandeln Gottes an Maria. Es ist im Wesentlichen qualifiziert durch die Änderung ihres sozialen Status durch Gott. Dies wird durch die Formulierung „Niedrigkeit seiner Magd“ auf doppelte Weise literarisch eingebunden. Die Selbstbezeichnung als „Magd“ ist ein Rückverweis auf Lk 1,38 (Ankündigung der Geburt). Die Rede von der „Niedrigkeit“ nimmt Bezug auf Hanna im 1. Buch Samuel, die anders als die zweite Frau ihres Mannes Elkana zunächst unfruchtbar war. Damit wurde sie als sozial niedriger und von Gott Gestrafte eingestuft. Gott selbst ist es dann, der dies ändert und ihr Gebet um einen Nachkommen erhört (1. Buch Samuel 1,10-20). Die Veränderung des sozialen Status durch die Mutterschaft ist der Vergleichspunkt zwischen Maria und Hanna, die beide aus der Niedrigkeit erhoben werden.

In dieser Weise ist auch das Tun großer Dinge („hat Großes an mir getan“, Vers 49) zu verstehen. Es ist Ausdruck von Gottes Handeln. Gott selbst wird dann in seinem Wesen durch die Heiligkeit des Namens und sein Erbarmen über alle Generationen als „Mächtiger“ gekennzeichnet.

 

Verse 51-53: Das Heilshandeln Gottes wird nun nicht mehr in Bezug auf Maria konkret, sondern auf bestimmte Personengruppen in den Blick genommen. Die beschriebenen Umkehrungen von Status und Schicksal weisen eine große Nähe zum Loblied der Hanna im 1. Buch Samuel auf (1 Sam 2,1-10). Damit nimmt der Evangelist Lukas das Motiv auf, dass Gottes Handeln die Geschicke umkehrt (reich –arm, mächtig – ohnmächtig). Die Umkehrung der Verhältnisse, sonst oft als eschatologische Hoffnung formuliert, sind am Beispiel der Maria bereits Realität geworden.

 

Verse 54-55: Nach dem Handeln Gottes an einer konkreten Person und gezielten Personengruppen wird nun in der Kontinuität zu alttestamentlichen Aussagen, Gottes Heilsgeschichte mit dem Volk Israel betont. Der Evangelist Lukas macht auf diese Weise deutlich, dass die zuvor benannten Konkretisierungen Ausdruck von Gottes Erwählungshandeln an seinem Volk sind. Die Treue zu Israel formuliert Lukas dabei im Anschluss an Jesaja 41,8-9 und macht durch die Erwähnung der Erzväter („unsere Väter“) deutlich, dass das gegenwärtige Heilshandeln als Erfüllung vorangegangener Verheißungen gedacht werden soll.

 

Vers 56: Die Rückkehr der Maria vor der Niederkunft der Elisabet ermöglicht im Folgenden eine klare Fokussierung auf die Geburt Johannes des Täufers. Der Evangelist Lukas nimmt also nach dieser verknüpfenden Episode seine Gegenüberstellung der beiden Erzählstränge wieder auf: einerseits die Ankündigung und Geburt Johannes des Täufers und andererseits die Ankündigung und Geburt Jesu. Erst in der Begegnung zwischen Johannes und Jesus am Ufer des Jordan (Lk 3,21-22) werden die beiden Erzählfäden wieder direkt miteinander verbunden – auch wenn Johannes dort nicht explizit erwähnt wird.

Auslegung

Der Evangelist Lukas legt Wert darauf, dass Maria nach der Verkündigung durch den Erzengel Gabriel nicht lange wartet, um sich auf den Weg zu machen. „Mit Eile“, wie es im griechischen Text heißt, ist sie unterwegs zu Elisabet. Der nur lapidar erwähnte Gruß der Ankommenden setzt nun ein weitreichendes Geschehen in Gang. Zwar bleibt die äußere Szenerie während der Begrüßung und dem folgenden Magnifikat identisch, inhaltlich aber greift unsere Erzählung weit voraus, weil sie wichtige Themen und Motive des Evangeliums einführt.

Es fällt auf, dass im ersten Teil der Erzählung die Reaktion Elisabets deutlich mehr Gewicht hat, als der eigentliche Gruß Marias. Was Maria sagt, ist nicht wichtig, sondern wer spricht. Die „Stimme des Grußes“ (Vers 44) hat auf Elisabet und ihr ungeborenes Kind eine große Wirkung: Johannes „hüpft“ im Bauch der Mutter und macht offenkundig, dass die Verheißung des Engels wahr ist: „Er wird schon von Mutterleib an erfüllt werden mit dem Heiligen Geist.“ Und auch von Elisabet heißt es, sie werde vom „Heiligen Geist erfüllt“. Johannes und seine Mutter hören die Stimme der Maria, der Mutter des Herrn, und sie erkennen: Hier zeigt sich Gott selbst. Hören und Erkennen werden im Lukasevangelium oft miteinander verknüpft und nicht selten wird wie auch hier der Heilige Geist in einem Atemzug genannt. Er ist die Gabe, die es möglich macht, das Erlebte und Gehörte nicht nur aus dem eigenen Verstehen heraus zu begreifen. Vielmehr schafft der Geist Gottes Raum, das Unmögliche wahrzunehmen und zu denken. So zeigt das Kind schon im Mutterleib wortwörtlich Begeisterung. Und Elisabet grüßt, ohne von dem besonderen Auftrag Marias zu wissen, diese als die „Mutter meines Herrn“. Was sich mit einfachem Schauen und bloßem Hören nicht erschließt, das eröffnet der Heilige Geist denen, die für Gottes Wirken wachsam sind.

Elisabets Antwort auf den Gruß Marias ist ein Ausruf des Erkennens und zugleich Lobpreis. Sie führt damit den Gruß des Engels aus Lk 1,28 fort. Maria, die junge Frau aus Nazareth, sie ist nun herausgehoben aus der Schar der vielen Frauen, die ein Kind empfangen. Sie ist die, die Gottes Sohn zur Welt bringen wird. Für Elisabet ist dies eine besondere Ehre. In ihrer rhetorischen Frage: „Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“ verleiht sie dem Ausdruck. Hier deutet sich schon an, was Maria kurz danach im Magnifikat besingen wird. Gott verändert die bekannten Verhältnisse: Elisabet, als Frau eines Priesters und in fortgeschrittenem Alter die eigentlich sozial höher gestellte der beiden, sie empfindet den Besuch der unverheirateten, jungen Frau als Ehre.

Der zweite Teil der Erzählung ist geprägt durch das Lob der Maria, das Magnifikat. In einem persönlichen Danklied nimmt sie nicht nur Bezug auf das, was ihr widerfahren ist bzw. aktuell widerfährt, vielmehr spricht sie aus, was Generationen von Glaubenden als Hoffnung, Zuversicht und erlebte Erfahrung formulieren werden. Bei Gott ist nichts unmöglich! Er kann die Verhältnisse verkehren, alte Denkmuster auf den Kopf stellen und eingefahrene Denkmuster und Machtzustände verändern. Gott wandelt die Welt, er ruft sie hinein in seine Wirklichkeit. Aber er verwandelt die Welt nicht per Machtdekret, sondern durch Menschen, die seinem Ruf folgen und selbst zu Revolutionären im besten Sinne werden. Maria ist im Werk des Evangelisten Lukas das erste Beispiel für einen Menschen, der sich von Gott hineinrufen lässt in eine Verwandlung der Welt: Sie lässt sich selbst verwandeln, wird von einer unbedeutenden jungen Frau zur Mutter des Gottessohnes und wird damit andere verwandeln mit ihrer Zuversicht, ihrer Treue und ihrem Glauben. So und nicht durch gewaltsames Auftreten stellt Gott die Welt auf den Kopf – mit Menschen, die seiner verwandelnden Botschaft trauen.

Kunst etc.

Das kunstvoll ausgeschmückte Magnifikat im Stundenbuch des Herzogs von Berry aus dem 15. Jahrhundert. Die aufwändige Gestaltung zeigt die Bedeutung des Hymnus für das tägliche Gebet der Christen.