Lesejahr A: 2019/2020

2. Lesung (1 Thess 1,5c-10)

5cIhr wisst selbst, wie wir bei euch aufgetreten sind, um euch zu gewinnen.

6Und ihr seid unserem Beispiel gefolgt und dem des Herrn; ihr habt das Wort trotz großer Bedrängnis mit der Freude aufgenommen, die der Heilige Geist gibt.

7So wurdet ihr ein Vorbild für alle Glaubenden in Mazedonien und in Achaia.

8Von euch aus ist das Wort des Herrn aber nicht nur nach Mazedonien und Achaia gedrungen, sondern überall ist euer Glaube an Gott bekannt geworden, sodass wir darüber nichts zu sagen brauchen.

9Denn man erzählt sich überall, welche Aufnahme wir bei euch gefunden haben und wie ihr euch von den Götzen zu Gott bekehrt habt, um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen

10und seinen Sohn vom Himmel her zu erwarten, Jesus, den er von den Toten auferweckt hat und der uns dem kommenden Zorn entreißt.

Überblick

Die heutige Lesung setzt den Eröffnungsteil des Ersten Thesslonicherbriefs vom letzten Sonntag fort und schließt ihn ab. Er ist ganz vom Motiv tiefer Dankbarkeit bestimmt, die Paulus für das vorbildliche Glaubensleben der Gemeinde von Thessaloniki empfindet. Zur Intensivierung dieses Dankes rekapituliert er deren Glaubensgeschichte, angefangen vom Beginn der Mission bis zum Wirksamwerden des Zeugnisses weit über die Gemeindegrenzen hinaus.

 

Einordnung in den Zusammenhang

Der Eröffnungsteil des Briefes (1 Thessalonicher 1,2-10) lässt im griechischen Satzbau, der in der Übersetzung in mehrere kürzere Sätze aufgeteilt ist, insgesamt vier Teile erkennen:

1.   Verse 2-5c: Gebetsdank;

2.   Verse 6-7: Beispielhaftigkeit und Vorbildlichkeit der thessalonikischen Christinnen und Christen;

3.   Vers 8: Wirkung des guten Beispiels weit über die Stadtgrenzen hinaus;

4.   Verse 9-10: Inhalt dessen, was man sich bei den anderen über die Christen und Christinnen von Thessaloniki erzählt: Ablassen vom Götzendienst und Ewartung der Wiederkunft des auferweckten Herrn Jesus Christus.

Aus ihnen enthält der heutige Lesungsabschnitt die Teile 2 - 4. Hinzugenommen ist Vers 5c, der von der Leseordnung als Einleitung zu Vers 6 aufgefasst wird.

 

Vers 5c: Ein Vorausverweis

Bei genauerer Betrachtung bleibt Vers 5c für sich genommen etwas unverständlich, weil ja nicht ausgeführt wird, wie das Missionarstrio Paulus, Timotheus und Silvanus in Thessaloniki aufgetreten sind. Tatsächlich handelt es sich um einen Vorausverweis, der sich den heutigen Brieflesenden erst in Kapitel 2 erschließen wird: Dort beschreibt Paulus in den Versen 1-12 ganz ausführlich die Art und Weise seines missionarischen Vorgehens.

An diesem kleinen Beispiel wird deutlich, dass es ein gewaltiger Unterschied ist, ob die Originalempfänger/innen einen Brief lesen, die aufgrund ihrer persönlichen Kenntnis des Briefschreibers wie auch der Situation, von der er spricht, bereits feine Anspielungen verstehen können, oder ob wir zwei Jahrtausende später diesen Brief lesen und zussätzliche Hintergrundinformationen zum Vestehen solcher Anspielungen brauchen.

Im griechischen Text wird deutlich, dass Vers 5c als Untermauerung des in Vers 5a-b Gesagten zu verstehen ist: Die Art und Weise des Auftretens des Paulus in Thessaloniki belegen, wie kraftvoll, geisterfüllt und überzeugend seine Evangeliumsverkündigung einst erfolgt ist.

 

Verse 6-7: Ein Ruhmesblatt

Vers 6 hingegen bringt einen neuen Gedanken ein. "Mimetiker" (griechisch: mimētaì), also "Nachahmer" des Paulus und seiner Gefährten sind die Thessalonicher darin geworden, dass sie auch "in Bedrängnis" das Wort Gottes angenommen haben, und das auch noch "mit der Freude des heiligen Geistes" (zur "Freude" bei Paulus s. unter "Auslegung"). Christsein in einem mehrheitlich nicht christlichen Lebenszusammenhang bedeutet in damaliger Zeit automatisch "Bedrängnis". Dabei muss man nicht gleich an Todesgefahr denken. Doch Züchtigungsstrafen und Gefängnisaufenthalte sind ebenso einzukalkulieren wie ein Ausschluss aus dem von Rom oder oder den Stadtkulten (z. B.Dionysos-Kult) bestimmten Geschäftsleben. Diese Bedrängnisse kennt Paulus selbst (vgl. 1 Thessalonicher 3,4: "Denn als wir noch bei euch waren, haben wir euch vorausgesagt, dass wir in Bedrängnis geraten werden; und so ist es, wie ihr wisst, auch eingetroffen."). Und zugleich weiß er durch den Bericht des Timotheus (s. Einleitung in den Thessalonicherbrief am 29. Sonntag unter "Überblick"), dass es den thessalonikischen Christen und Christinnen nicht besser geht. Nur so ist verständlich, wenn Paulus in 1 Thessalonicher 3,3 schreibt "... damit keiner wankt in diesen Bedrängnissen. Ihr wisst selbst: Für sie sind wir bestimmt."

Dieses Wissen, dass die Gemeinde von Thessaloniki auch in Bedrängnissen ihren Glauben durchhält, macht Paulus nicht nur dankbar, so dass Vers 6 wie ein großes Lob zu verstehen ist, sondern es tröstet ihn ganz sicher auch, weiterhin eigene Bedrängnisse zu ertragen. Vor allem aber sieht er, wie sich ein solches kraftvolles Glaubenszeugnis herumspricht (Vers 7). Er schreibt ja seinen Brief aus Korinth, der Hauptstadt der Provinz Achaia. Offensichtlich erzählt man sich dort von den Christinnen udn Christen in Thessaloniki und ihr Beispiel hat angesteckt. Dasselbe hat vermutlich Timotheus bei seiner Reise zum Zwischenbesuch in der Gemeinde von Thessaloniki erfahren, die ihn durch die zugehörige Provinz Mazedonien führte. Das Ergebnis dieses missionarisch wirkenden Ansteckungsprozesses kann Paulus im Begriff "ein Vorbild für alle Glaubenden in Mazedonien und in Achaia" zusammenfassen.

 

Vers 8: "euer Glaube an Gott"

Vers 8 erweitert den Wirkungsradius des thessalonikischen Zeugnisses sogar noch einmal. Dabei wird mit dem Stichwort "Glaube an Gott" die Besonderheit der thessalonikischen Gemeinde deutlich: Anders als für Juden, für die der "Glaube an Gott" selbstverständlich war, aber der Glaube an Jesus Christus die große Herausforderung, ist für die ursprünglich heidnischen Mazedonier der "Glaube an Gott" die entscheidende Bekehrung und zugleich Abkehr von der Mehrheit ihrer Mitbürger/innen.

 

Verse 9-10

Genau dieser Gedanke wird in den abschließenden Versen über ein sehr geschicktes rhetorisches Mittel zum Ausdruck gebracht. Eigentlich muss Paulus ja den Thessalonichern nicht schreiben, was sie selbst schon wissen, nämlich zu welchem Glauben sie gekommen sind. Aber Paulus muss ihnen zur Ermutigung und zur Stärkung ihrer Identität schreiben, wie sehr er um diesen Existenzwechsel vom Heidetum zum Christentum bei seiner Gemeinde weiß. Dazu wählt er das Stilmittel der indirekten Darlegung, indem er das zitiert, was "man" sich in Mazedonien, Achaia und darüber hinaus von den thessalonikischen Christinnen und Christen erzählt. Das gibt ihm zugleich noch einmal die Gelegenheit, das, was er sicher einst bei der Erstverkündigung in Thessaloniki als "Evangelium" (Vers 5a) vorgestellt hat, in wenigen Worten kernhaft zusammenzufassen. Paulus erweist sich als ein Meister der Kurzformel, um den Glauben auf den Punkt zu bringen.

Entsprechend der späteren Thematik des Briefes (1 Thessalonicher 4,13 - 5,10) liegt bei dieser Evangeliumszusammenfassung der Schwerpunkt auf der sogenannten Eschatologie, also dem, was Christen nach ihrem Tod und nach dem Ende dieser Weltzeit erwarten (vgl. 1 Thessalonicher 4,13: "Brüder und Schwestern, wir wollen euch über die Entschlafenen nicht in Unkenntnis lassen, ..."). Deshalb wird das für Paulus so zentrale und sonst durchaus für sich stehende Geheimnis von Tod und Auferweckung Jesu (vgl. grundlegend 1 Korinther 15,3b-4: "Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, 4 und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift") gerahmt von der Erwartung des Sohnes Gottes "vom Himmel her" sowie der sich damit verbindendenden Hoffnung, vor dem Zorngericht Gottes gerettet zu werden, also seine dauerhafte Zuwendung nicht zu verlieren (dazu vgl. weiter unter "Auslegung").

Liturgisch gesehen weist die Lesung damit schon auf das Christkönigsfest am letzten Sonntag des Jahreskreises vor dem Ersten Advent voraus.

 

 

 

 

 

Auslegung

"... mit der Freude, die der Heilige Geist gibt" (Vers 6)

Nicht nur die Solidarität im Ertragen von Schwierigkeiten um des Glaubens willen macht den Paulus dankbar, sondern dass das Durchhalten des Glaubens in Bedrängnis auch noch von einer tiefen Freude getragen ist, wie sie nur der Geist Gottes selbst geben kann. Es ist letztlich dieselbe Kraft Gottes, die Jesus aus dem Tod ins Leben gerufen hat, das auch die Christen erhoffen und erwarten. Auch diese Freude verbindet Paulus und seine Gemeinde. Wie sehr Paulus selbst von ihr erfüllt ist, kommt mehr in anderen Briefen zur Sprache (vgl. z. B. 2 Korinther 7,4: "Trotz all unserer Not bin ich von Trost erfüllt und ströme über von Freude." Im Philipperbrief ist das Wortfeld "Freude/sich freuen" geradezu ein Leitwort.) Was mit ihr gemeint ist, lässt am besten die Zusammenstellung Galater 5,22-23a erkennen, die für sich spricht: "

"22 Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, 23 Sanftmut und Enthaltsamkeit."

Die "Freude" ist offensichtlich eine Grundhaltung der freundlich-versöhnlichen Gelassenheit, die aus der Gewissheit eines tiefen Vertrauens in Gott erwächst, in sein Handeln in Jesus Christus und in seine Zusage, gegenüber allen Angst machenden Mächten einschließlich des Todes das letzte Wort zu behalten

 

"... der uns dem kommenden Zorn entreißt" (Vers 10)

Dass die Rettung aus dem erwarteten Endgericht nicht direkt mit Gott selbst verbunden wird, sondern mit dem "Sohn", scheint zu den ältesten Bekenntnissen des Christentums zu gehören. So zitiert Paulus im Römerbrief ein ihm bereits vorliegendes judenchristliches Bekenntnis und spricht dabei vom "3 Evangelium von seinem Sohn, ...  4 der dem Geist der Heiligkeit nach eingesetzt ist als Sohn Gottes in Macht seit der Auferstehung von den Toten, das Evangelium von Jesus Christus, unserem Herrn" (Römer 1,3-4). Die Erwartung eines Zorngerichts Gottes ist hingegen bereits fest im Alten Testament verankert: Als zwei besonders markante Belege seien genannt:

Jes 13,9: "Siehe, der Tag des HERRN kommt, voll Grausamkeit, Grimm und glühendem Zorn, um die Erde zur Wüste zu machen, und ihre Sünder vertilgt er von ihr."

und

Zefanja 2,2: "... ehe der glühende Zorn des HERRN über euch kommt, ehe über euch der Tag des Zorns des HERRN kommt."

Die Bitte um das rettende Kommen des Sohnes hat ihren Ausdruck im Bittruf der frühen palästinischen Christengemeinden gefunden, den Paulus in 1 Korinther 16,22 zitiert: "Marána thá - Unser Herr, komm!" Dieser Gebetsruf bildet auch den Schluss des Buches der Offenbarung: "Er, der dies bezeugt, spricht: Ja, ich komme bald. - Amen. Komm, Herr Jesus!" (Offenbarung 22,20).

In Kenntnis dieser Zusammenhänge schreibt Paulus an seine thessalonikische Gemeinde. Selbst wenn diesen als ursprünglichen Heiden dies nicht alles bewusst gewesen sein mag, konnten sie mit der Rede von der Rettung vor dem Zorngericht Gottes viel verbinden, da das Motiv vom "Götterzorn" bereits der altgriechischen Welt mit ihren mythischen Göttervorstellungen vertraut war.

Doch anders als in der Mythologie geht es nciht um die Ängstigung vor dem Gericht, sondern um die Zusage, dass es im Blick auf Christus überhaupt keinen Grund gibt, das Gericht zu fürchten. So wird Paulus in Römer 5,9 in aller Eindeutigkeit schreiben:

"Nachdem wir jetzt durch sein Blut [d. h. Christi Tod am Kreuz] gerecht gemacht sind, werden wir durch ihn erst recht vor dem Zorn gerettet werden."

Hier geht es nicht um Sollens- oder Bedingungsaussagen, sondern um Zusagen. Aus ihnen und nur aus kann die "Freude" erwachsen, von der oben die Rede war. Angst gebiert keine Gelassenheit, die zu Glaube und Freude - nach Paulus - unabdingbar dazugehört.

Kunst etc.

Parusie Christi, Südportal Abteikirche Beaulieu-sur-Dordogne, Photo: Gachepi, 31.7.2005, CC AS-A 3.0
Parusie Christi, Südportal Abteikirche Beaulieu-sur-Dordogne, Photo: Gachepi, 31.7.2005, CC AS-A 3.0

Die Darstellung der Wiederkunft Christi auf dem Tympanon des Portals der Abteikirche Beaulieu-sur-Dordogne ist ungewöhnlich, weil sie auf die in der Kunst üblichen Gerichtsattribute (z. B. Engel, Flammenschwert u. ä.) verzichtet und Christus allein in die Mitte stellt. Dessen ausgebreitete Arme erinnern natürlich an seinen Kreuzestod, zeigen aber vor allem, dass er am Ende weniger als der strenge Gerichtsherr erwartet wird oder als ein Zornbesänftiger, sondern vielmehr im Gestus des Jesus von Nazareth, der sagt:

"Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken." (Matthäus 11,28).

Auch der sogenannte Trumeau-Pfeiler, also der das Portal stützende Mittelpfeiler, weicht von der Norm ab. Erwartbar wären eher Bestien als Zeichentiere für die Gefahren, die auf dem Weg zum Paradies lauern. Hier aber rankt sich ein Mensch empor, der zu wachsen scheint und noch keinen Platz für seinen Kopf findet, den er abknicken muss. Zusammen mit den Seitenbegrenzungen ergibt sich ein Bild des Menschen in "Bedrängnis" (vgl. Vers 6 der Lesung), die aber nicht das letzte Wort haben wird und ihm nichts nehmen zu können scheint von der "Kraft", die der Glaube zu verleihen vermag (vgl. 1 Thessalonicher 1,5b, Lesung am vorigen Sonntag). Das je Größere ist die "Erwartung seines Sohnes vom Himmel her" (vgl. Vers 10 der heutigen Lesung).