Lesejahr A: 2019/2020

Evangelium (Mt 14,13-21)

13Als Jesus das hörte, zog er sich allein von dort mit dem Boot in eine einsame Gegend zurück. Aber die Volksscharen hörten davon und folgten ihm zu Fuß aus den Städten nach.

14Als er ausstieg, sah er die vielen Menschen und hatte Mitleid mit ihnen und heilte ihre Kranken.

15Als es Abend wurde, kamen die Jünger zu ihm und sagten: Der Ort ist abgelegen und es ist schon spät geworden. Schick die Leute weg, damit sie in die Dörfer gehen und sich etwas zu essen kaufen!

16Jesus aber antwortete: Sie brauchen nicht wegzugehen. Gebt ihr ihnen zu essen!

17Sie sagten zu ihm: Wir haben nur fünf Brote und zwei Fische hier.

18Er antwortete: Bringt sie mir her!

19Dann ordnete er an, die Leute sollten sich ins Gras setzen. Und er nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis, brach die Brote und gab sie den Jüngern; die Jünger aber gaben sie den Leuten

20und alle aßen und wurden satt. Und sie sammelten die übrig gebliebenen Brotstücke ein, zwölf Körbe voll.

21Es waren etwa fünftausend Männer, die gegessen hatten, dazu noch Frauen und Kinder.

Überblick

Im Alltäglichen und im Besonderen. Die Zuwendung Jesu zu den Menschen und das Hereinwachsen der Jünger in die Größendimensionen des Himmelreichs.

1. Verortung im Evangelium
Im 13. Kapitel des Matthäusevangeliums (Mt) hatte Jesus in einer großen Gleichnisrede zu der Volksmenge und den Jüngern gesprochen hat und so das Himmelreich versucht näher zu erläutern. Er umschreibt diesen Ort der Gegenwart Gottes mit Bildern in seiner unscheinbaren Gegenwart und seiner unaufhörlich-verändernden Kraft. Es zeigt sich jedoch auch, dass es für das Verständnis des Himmelreiches und damit des Kernstücks der Botschaft Jesu mehr braucht als ein bloßes Zuhören. Wichtig ist ein tiefergehendes Verständnis, das mit der Erkenntnis von Jesus als dem Sohn Gottes einhergeht, der das Himmelreich bereits jetzt in seinem Handeln unter den Menschen sichtbar und erlebbar macht. Mehrfach hatte der Evangelist Matthäus dieses besondere Verständnis betont und das Verstehen vom bloßen Hören der Botschaft abgehoben (z.B. Mt 13,17). Diese Unterscheidung hatte den Gegensatz zwischen den Jüngern, die die Verkündigung Jesu bis in die Tiefe verstehen und den Volksmengen, die zum Teil nur hören, aber nicht verstehen, noch einmal betont.

Im Anschluss an die Gleichnisrede tritt diese Differenz im Verstehen und den Reaktionen auf die Verkündigung Jesu deutlich hervor. Matthäus berichtet von der Ablehnung Jesu in seiner Heimat (Mt 13,54-58) und der Einschätzung des Herodes, in Jesus sei Johannes der Täufer von den Toten wiedergekommen, den Herodes selbst hatte umbringen lassen (Mt,14,1-12). Im Anschluss an diese Einschätzungen der Menschen schildert der Evangelist zwei besondere Zeichen der Vollmacht Jesu: Die Speisung der 5000 (Mt 14,13-21) und den Gang auf dem Wasser (Mt 14,22-36).

 

2. Aufbau
Die Erzählung von der Speisung der 5000 wird eingeleitet durch einen Szenenwechsel gegenüber Mt 13,54, der zugleich die folgende Erzählung einleitet. Die Verse 13-14 zeigen den Rückzug Jesu und das Mitziehen der Volksmassen, das eine Speisung erst notwendig macht. Die Verse 15-17 schildern die Situation vor der Brotvermehrung und geben einen Einblick in das Verhältnis zwischen Jesus und den Jüngern. Die Verse 18-19 erzählen die Speisung, deren Wunder in den Versen 20-21 erst deutlich zu Tage tritt.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 13-14: Die Erzählung setzt ein mit der Reaktion Jesu auf die Einschätzung des Herodes, er sei der wiederauferstandene Täufer Johannes (Mt 14,1-2). Der eingeschobene Rückblick auf die Enthauptung des Johannes (Mt 14,3-12) macht deutlich, dass sich Jesus in Vers 13 zurückzieht, um der direkten Gefahr durch Herodes aus dem Weg zu gehen. Der Rückzug vor dem politischen Anführer der Juden ist allerdings kein Rückzug vom Volk selbst, wie sich im Folgenden zeigen wird. Das Motiv des Mitleids mit den „vielen Menschen“, die offenbar nach etwas anderem suchen als dem, was sie in religiösen und politischen Kreisen geboten bekommen, hatte Matthäus bereits in Mt 9,36 deutlich gemacht. Dort war die religiöse Orientierungslosigkeit der Menschen mit dem Bild von Schafen ohne Hirten umschreiben worden. Nun geht es um eine Not, die nicht mit politischen Parolen und starken Anführern wie einem Herodes zu lindern ist. Es ist die physische und materielle Not der Menschen, auf die Jesus in zwei Stufen reagiert. Die erste Stufe der Zuwendung ist die Heilung der Kranken, die Matthäus in Vers 14 zusammenfassend schildert.

 

Verse 15-17: Die zweite Stufe der Zuwendung wird erzählerisch vorbereitet durch eine Intervention der Jünger. Mit Blick auf den herannahenden Abend und die Einsamkeit des Ortes soll Jesus bei all seiner Fürsorge für die Menschen (Mitleid, Heilung) das Lebensnotwendige nicht vergessen: Das Volk braucht etwas zu essen und das bekommen sie augenscheinlich nicht dort, wo sie jetzt versammelt sind. Mit seiner Antwort reagiert Jesus zwar auf die berechtigte Sorge der Jünger um die Menschen, er bestätigt sogar deren Blick. Zugleich aber hebt er das Gespräch auf eine nächste Ebene und bereitet damit das Wunder vor. Die Aufforderung an die Jünger, selbst für das Wohlergehen der Menschen zu sorgen ist angesichts der bereits erfolgten Aussendung (Mt 10,1) durchaus verständlich. Der Verweis der Jünger, nur fünf Brote und zwei Fische zu haben, zeigt tatsächlich, dass sie die zur Verfügung stehenden Mittel bereits geprüft – und für zu gering befunden haben.

 

Verse 18-19: Jesus teilt diese Einschätzung der Jünger nicht. Seine Bitte, die Fische und Brote zu holen und die Aufforderung an die Menge, sich zu setzen, lässt die Handlung Dynamik aufnehmen und auf den kommenden Höhepunkt hineilen. Die szenische Darstellung der Handlung Jesu findet seine Parallele in der Erzählung vom letzten Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern (Mt 26,26). Dort wie hier wird verwendet Matthäus die Abfolge: Nehmen der Brote, Sprechen des Lobpreises, Brechen des Brotes und Weitergabe an die Jünger. Die Gemeinde des Matthäus soll beim Lesen der beiden Mahlszenen also auf die Verbindung zwischen Geschenk der Speise und Geschenk des Lebens (Selbsthingabe Jesu) aufmerksam werden. Die Jünger reichen das Brot an die Menschen weiter und handeln damit genau so, wie Jesus es ihnen in Vers 16 nahegelegt hatte: Sie geben dem Volk zu essen.

 

Verse 20-21: Das Besondere dieser Speisung wird nun deutlich: Alle essen und alle werden satt – und es bleibt sogar etwas übrig. Die Benennung der „Fakten“ der Situation erst am Ende steigert das Staunen über die Größenordnung des Wunders. 5000 Männer mit Frauen und Kindern werden von zwei Fischen und fünf Broten satt und es bleiben 12 Körbe übrig. Weitere Reaktionen der Volksmenge oder der Jünger werden nicht berichtet, für den Evangelisten sprechen die Zahlen hier offenbar für sich.
Die Darstellung der Größenordnung des Wunders setzt dieses auch von anderen Vermehrungswundern wie dem des Elisa im Alten Testament ab (2. Buch der Könige 4,42-44). Dort speist der Prophet mit 20 Broten 100 Männer (auch dort mit Resten) – im Vergleich zu den Möglichkeiten und dem Resultat hier wird die Überbietung des Wunders deutlich. Zwar haben auch andere, von Gott besonders beauftragte Menschen schon auf wundersame Weise Menschen gespeist, aber nicht in der Größenordnung, in der Jesus hier handelt.

Auslegung

Obwohl im Zentrum des Evangeliumstextes Mt 14,13-21 zweifelsohne die wunderbare Brotvermehrung steht, ist diese doch erst richtig zu verstehen, wenn man ihre „Begleitumstände“ auch in den Blick nimmt. Nachdem Jesus lange in Gleichnissen zum Volk und den Jüngern über die Realität des Himmelreichs gesprochen hatte, ist es dem Evangelisten Matthäus nun offenbar wichtig, diese auch wieder handgreiflich sichtbar werden zu lassen. So schließt er an die Gleichnisrede in Kapitel 13 über die Episode mit Herodes und Johannes dem Täufer nun zwei Wundertaten Jesu an, zu denen die Brotvermehrung den Auftakt bildet. Diese beiden außergewöhnlichen Wundertaten (Brotvermehrung und Gang auf dem Wasser) sind gerahmt durch zwei zusammenfassende Notizen von der Heilung der Kranken (Mt 14,14 und Mt 14,35-36). Sie schildern im Gegensatz zu den großen Wundern, das Alltagsgeschäft Jesu. Seine Aufgabe als in die Welt gesandter Gottessohn ist es, sich den Menschen zuzuwenden und ihnen das Licht zu sein, dass sie offenbar so dringend benötigen (vgl: Mt 4,16). Im täglichen Wirken Jesu drückt sich dies aus, durch die Eröffnung der Perspektive auf das Himmelreich in Wort und Tat: Jesus spricht über die Wirklichkeit des Vaters (z.B. Seligpreisungen, Gleichnisse) und er lässt Gottes Gegenwart spürbar werden, indem er Kranke heilt und Not lindert. Wie sehr die Menschen dieser Zuwendung bedürfen, zeigt sich zu Beginn der Perikope (des Abschnitts): An einen Rückzug ist eigentlich nicht zu denken, die Menschen eilen in ihrer Sehnsucht Jesus hinterher und er kann nicht anders, als ihnen seine heilvolle Fürsorge zuteilwerden zu lassen. Die Orientierungslosigkeit in religiösen Fragen und deren materiell-physische Not ist so groß, dass Jesus seine Jünger bevollmächtigt hat, in seinem Sinne und mit seinem Wort vom Himmelreich auf die Menschen und ihre Nöte zu reagieren. Und die Jünger haben diesen Auftrag angenommen und sich aussenden lassen. So haben sie nun Anteil an der tagtäglichen Verkündigung des Himmelreiches in Wort und Tat. Doch das „Alltagsgeschehen“, die Sehnsucht der Mühseligen und Beladenen, die sich Jesus nähern, ist nur ein Teil der Sendung Jesu. Mit der Erzählung von der Brotvermehrung zeigt der Evangelist Matthäus im direkten Gegenüber zum Alltagsgeschehen die besonderen Momente des Wirkens Jesu mit der Vollmacht des Gottes Sohnes. Die Speisung der 5000 und die Fülle der Reste wirft ein besonderes Licht auf das Außergewöhnliche der Gegenwart Jesu unter den Menschen. Mehr als alle Propheten vor ihm ist er in der Lage, die Wirklichkeit der Menschen zu wandeln, Lebensfülle zu schenken und so die ganze Größe des Erbarmens Gottes sichtbar machen. Für den Evangelisten Matthäus hat dieser doppelte Ausdruck der Sendung Jesu eine wichtige Bedeutung. Deshalb zeigt er in Kapitel 14 die enge Verknüpfung vom alltäglichem Wunderwirken Jesu und dessen außergewöhnlichen Zeichen der Nähe Gottes.

Dabei lenkt der Evangelist den Blick aber nicht nur auf das Handeln Jesu, sondern sehr geschickt auch auf das der Jünger. Sie, die Kraft ihrer Beauftragung selbst in der Lage sind, Kranke zu heilen und das Himmelreich zu verkünden, sind noch ganz im Alltäglichen der Verkündigung verhaftet. Die Möglichkeit des Außergewöhnlichen drängt sich ihnen angesichts des Hungers der Menschen noch nicht auf, in diese Aufgabe müssen sie erst noch hineinwachsen. So zeugt ihre Aufforderung, Jesus möge die Menschen wegschicken zwar von einer Fürsorge. Gleichzeitig wird darin aber auch eine Kurzsichtigkeit oder ein zu geringes Verständnis der wirklichen Vollmacht Jesu deutlich – die Erzählung vom Gang auf dem Wasser wird diese Beobachtung vertiefen. Ihre Einschätzung der Not der Volksmenge gilt nur, wenn man mit den Augen als bloßen Sinnesorganen, nicht aber als Erkenntnisorganen drauf schaut. Die wirklichen Möglichkeiten zum Lindern von Not und Wandeln der Wirklichkeit, wie sie Jesus als Sohn Gottes geschenkt sind, sind für sie immer noch verborgen oder nur im Ansatz erkennbar. So eröffnet sich auch ihnen in der wundersamen Vermehrung des Brotes noch einmal die ganze Fülle der Vollmacht Jesu. Diese erschöpft sich nicht in dem, was sie Tag für Tag miteinander tun, wenn sie Kranke heilen. Sie reicht weit darüber hinaus und ist in der Lage Lebensfülle zu schenken und aus Not Überfluss zu machen. Doch auch in diese Dimension der Sendung Jesu dürfen die Jünger Jesu hineinschnuppern. Jesus reicht ihnen das Brot und erneuert damit seinen Auftrag (Vers 16), den Menschen zu essen zu geben. Auch an diesem außergewöhnlichen Handeln Jesu dürfen sie Anteil haben – ob es hilft, ihr Vertrauen in die ganze Fülle der Vollmacht Jesu zu verstetigen, wird der weitere Verlauf zeigen.

Kunst etc.

Henri van Waterschoot, Wundersame Brotvermehrung (um 1748).