Lesejahr A: 2019/2020

Evangelium (Joh 9,1-41)

91Unterwegs sah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war.

2Da fragten ihn seine Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst oder seine Eltern, sodass er blind geboren wurde?

3Jesus antwortete: Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden.

4Wir müssen, solange es Tag ist, die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat; es kommt die Nacht, in der niemand mehr wirken kann.

5Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.

6Als er dies gesagt hatte, spuckte er auf die Erde; dann machte er mit dem Speichel einen Teig, strich ihn dem Blinden auf die Augen

7und sagte zu ihm: Geh und wasch dich in dem Teich Schiloach! Das heißt übersetzt: der Gesandte. Der Mann ging fort und wusch sich. Und als er zurückkam, konnte er sehen.

8Die Nachbarn und jene, die ihn früher als Bettler gesehen hatten, sagten: Ist das nicht der Mann, der dasaß und bettelte?

9Einige sagten: Er ist es. Andere sagten: Nein, er sieht ihm nur ähnlich. Er selbst aber sagte: Ich bin es.

10Da fragten sie ihn: Wie sind deine Augen geöffnet worden?

11Er antwortete: Der Mann, der Jesus heißt, machte einen Teig, bestrich damit meine Augen und sagte zu mir: Geh zum Schiloach und wasch dich! Ich ging hin, wusch mich und konnte sehen.

12Sie fragten ihn: Wo ist er? Er sagte: Ich weiß es nicht.

13Da brachten sie den Mann, der blind gewesen war, zu den Pharisäern.

14Es war aber Sabbat an dem Tag, als Jesus den Teig gemacht und ihm die Augen geöffnet hatte.

15Auch die Pharisäer fragten ihn, wie er sehend geworden sei. Er antwortete ihnen: Er legte mir einen Teig auf die Augen und ich wusch mich und jetzt sehe ich.

16Einige der Pharisäer sagten: Dieser Mensch ist nicht von Gott, weil er den Sabbat nicht hält. Andere aber sagten: Wie kann ein sündiger Mensch solche Zeichen tun? So entstand eine Spaltung unter ihnen.

17Da fragten sie den Blinden noch einmal: Was sagst du selbst über ihn? Er hat doch deine Augen geöffnet. Der Mann sagte: Er ist ein Prophet.

18Die Juden aber wollten nicht glauben, dass er blind gewesen und sehend geworden war. Daher riefen sie die Eltern des von der Blindheit Geheilten

19und fragten sie: Ist das euer Sohn, von dem ihr sagt, dass er blind geboren wurde? Wie kommt es, dass er jetzt sieht?

20Seine Eltern antworteten: Wir wissen, dass er unser Sohn ist und dass er blind geboren wurde.

21Wie es kommt, dass er jetzt sieht, das wissen wir nicht. Und wer seine Augen geöffnet hat, das wissen wir auch nicht. Fragt doch ihn selbst, er ist alt genug und kann selbst für sich sprechen!

22Das sagten seine Eltern, weil sie sich vor den Juden fürchteten; denn die Juden hatten schon beschlossen, jeden, der ihn als den Christus bekenne, aus der Synagoge auszustoßen.

23Deswegen sagten seine Eltern: Er ist alt genug, fragt ihn selbst!

24Da riefen die Pharisäer den Mann, der blind gewesen war, zum zweiten Mal und sagten zu ihm: Gib Gott die Ehre! Wir wissen, dass dieser Mensch ein Sünder ist.

25Er antwortete: Ob er ein Sünder ist, weiß ich nicht. Nur das eine weiß ich, dass ich blind war und jetzt sehe.

26Sie fragten ihn: Was hat er mit dir gemacht? Wie hat er deine Augen geöffnet?

27Er antwortete ihnen: Ich habe es euch bereits gesagt, aber ihr habt nicht gehört. Warum wollt ihr es noch einmal hören? Wollt etwa auch ihr seine Jünger werden?

28Da beschimpften sie ihn: Du bist ein Jünger dieses Menschen; wir aber sind Jünger des Mose.

29Wir wissen, dass zu Mose Gott gesprochen hat; aber von dem da wissen wir nicht, woher er kommt.

30Der Mensch antwortete ihnen: Darin liegt ja das Erstaunliche, dass ihr nicht wisst, woher er kommt; dabei hat er doch meine Augen geöffnet.

31Wir wissen, dass Gott Sünder nicht erhört; wer aber Gott fürchtet und seinen Willen tut, den erhört er.

32Noch nie hat man gehört, dass jemand die Augen eines Blindgeborenen geöffnet hat.

33Wenn dieser nicht von Gott wäre, dann hätte er gewiss nichts ausrichten können.

34Sie entgegneten ihm: Du bist ganz und gar in Sünden geboren und du willst uns belehren? Und sie stießen ihn hinaus.

35Jesus hörte, dass sie ihn hinausgestoßen hatten, und als er ihn traf, sagte er zu ihm: Glaubst du an den Menschensohn?

36Da antwortete jener und sagte: Wer ist das, Herr, damit ich an ihn glaube?

37Jesus sagte zu ihm: Du hast ihn bereits gesehen; er, der mit dir redet, ist es.

38Er aber sagte: Ich glaube, Herr! Und er warf sich vor ihm nieder.

39Da sprach Jesus: Um zu richten, bin ich in diese Welt gekommen: damit die nicht Sehenden sehen und die Sehenden blind werden.

40Einige Pharisäer, die bei ihm waren, hörten dies. Und sie fragten ihn: Sind etwa auch wir blind?

41Jesus sagte zu ihnen: Wenn ihr blind wärt, hättet ihr keine Sünde. Jetzt aber sagt ihr: Wir sehen. Darum bleibt eure Sünde.

Überblick

„Ich sehe was, was du nicht siehst!“ Es sind nicht die Augen, die darüber entscheiden, ob Gottes Wirklichkeit für einen sichtbar ist.

1. Verortung im Evangelium
Das Johannesevangelium (Joh) beginnt mit einem Loblied auf Jesus Christus als das ewige Wort des Vaters (Joh 1,1-18). Er ist in die Welt gesandt, um die Herrlichkeit Gottes sichtbar zu machen und den Menschen den Weg zum Vater zu eröffnen. Diese Sendung Jesu ist als Grundthema in allen Erzählungen zu finden.
Die Erzählung von der Heilung des Blindgeborenen findet sich im großen Erzählabschnitt Joh 5,1-10,42, in dem Jesus im Volk Zeichen wirkt. Das Johannesevangelium verwendet bewusst nicht den Begriff des Wunders, es spricht vielmehr von Zeichen. Sie verweisen auf Gottes Wirklichkeit, die hinter dem sich Ereignenden steht und damit in der Welt durch Jesus Christus sichtbar wird.

 

 

2. Aufbau
Mit Vers 1 wird eine kurze Einführung in die Ausgangssituation gegeben. Daran schließt sich mit den Versen 2-5 ein Dialog mit den Jüngern an, bevor in den Versen 6-7 die Heilung des Blindgeborenen knapp geschildert wird. Aus der Heilung heraus entwickeln sich vier Dialogszenen (Verse 8-12, 13-17, 18-23, 24-34), in denen jeweils versucht wird, das Geschehene einzuordnen. In der abschließenden Szene (Verse 35-41) treffen zunächst erneut Jesus und der Geheilte aufeinander, sie wird durch den Abschlussdialog mit den Pharisäern erweitert.

 

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 1: Die Wendung „unterwegs“ kennzeichnet die Begegnung zwischen Jesus und dem Blindgeborenen als zufällig und damit das „Zeichen“ als aus der Situation heraus entstanden. Die Charakterisierung des Mannes („seit seiner Geburt blind“) ist wichtig als Hintergrund für die entstehenden Gespräche und spitzt die Frage nach Sehen und Blindsein zu.

 

Verse 2-5: Die Jünger, die nur am Anfang der Erzählung explizit genannt werden, stellen angesichts der Blindheit des Mannes die Frage nach dem „warum“. Aufgrund der Vorstellung, dass Krankheit eine Folge von Sünde ist, wollen sie wissen, wessen Sünde in der Krankheit zum Ausdruck kommt (vgl. Exodus 20,5). Jesus weist die Frage der Jünger als nicht relevant zurück. Es geht angesichts des Blinden nicht um die Frage nach Schuld, sondern nach dem Sichtbarwerden der Herrlichkeit Gottes. Ein erstes Mal werden hier also die Themen Sehen und Blindsein miteinander verzahnt. Jesus nimmt dabei die Jünger und ihr späteres Wirken mit in den Blick, wenn er sagt „wir müssen […] die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat“. In Joh 20,21-23 wird er die Jünger dazu beauftragen, an seiner Sendung Anteil zu nehmen. 
Nach dem Prolog, der Jesus als das Licht, das zu den Menschen gesandt ist und die Finsternis durchleuchtet, lobt (Joh 1,4-5), und dem Ich-bin-Wort „ich bin das Licht der Welt“ (Joh 8,12) wird ein weiteres Mal Licht als Kennzeichen der Sendung Jesu und seiner Person genannt. Dies wird hier in Verbindung gebracht mit einem Sprichwort oder der zumindest einleuchtenden Regel, dass nur am Tag gearbeitet wird, nicht aber in der Nacht. Für das Wirken Jesu und seine Sendung gibt es – wie für den Tag – einen abgegrenzten Zeitraum. Wenn Jesus nicht mehr in der Welt ist, ist dieser Zeitraum der Sendung vorbei, dann ist er nicht mehr als das Licht sichtbar. Entsprechend gilt es in dem Zeitraum seiner Sendung, sein Licht als das Licht Gottes zu erkennen.

 

Verse 6-7: Der Blindgeborene, der die Zeit über anwesend war, rückt nun wieder in den Fokus und „verdrängt“ damit die Jünger aus demselben; sie werden zu stummen Zeugen der weiteren Ereignisse. Die Heilung wird nur knapp ausgeführt: Jesus macht einen Teig aus Speichel und Erde, bestreicht die Augen und schickt den Blinden fort, um sich im Teich Schiloach zu waschen. Der Mann tut, was Jesus ihm sagt, und kehrt geheilt zurück. Dieses knapp berichtete Geschehen ist der Ausgangspunkt für die folgenden Dialoge.

 

Verse 8-12: Zunächst trifft der Geheilte auf sein engstes Umfeld, auf diejenigen, die aus direkter Anschauung von seinem Schicksal Kenntnis haben. Die Nachbarschaft teilt sich angesichts der Heilung in zwei Lager: Die einen meinen, der ihnen bekannte Bettler sei geheilt, die anderen meinen, es liege eine Verwechslung vor. Als er selbst Stellung beziehen soll, kann der Geheilte nur knapp zusammenfassen, was an ihm geschehen ist. Auf die Frage, wo Jesus zu finden sei, kann er schon keine Antwort mehr geben – die Begegnung scheint eine flüchtige gewesen zu sein.

 

Verse 13-17: Nun zieht das Ereignis der Heilung größere Kreise, denn die als Autorität betrachten Pharisäer werden hinzugezogen. Ihnen traut man ein Urteil über das Geschehene zu, sind sie doch schließlich darauf „spezialisiert“ Gottes Willen und Wirken zu erkennen. Die entscheidende Frage hier ist nicht die nach dem „wie“, sondern nach dem „wann“ der Heilung. Der Sabbat als Ruhetag steht über allem menschlichem Tun – so ist es der Wille Gottes (Exodus 20,8-11). Auch hier spalten sich die Meinungen: Ein Teil der Pharisäer fällt das Urteil: Jesus kann nichts mit Gott zu tun haben, sonst würde er den Sabbat halten. Ein anderer Teil stellt sich die Frage, wie jemand der sündigt (also den Sabbat nicht heiligt), zu einer solchen Tat fähig ist. Wiederum soll der Geheilte Stellung beziehen. Nun wird die Einschätzung des Mannes klarer: Jesus ist ein Prophet, also einer, der im Auftrag Gottes handelt.

 

Verse 18-23: Wenn die Tat (Heilung) also festzustehen scheint, bleibt die Frage nach der Bewertung offen. Um die wirkliche Bedeutung und Größe des Zeichens zu verstehen bzw. die Heilung als eine gewöhnliche Therapie einzuordnen, befragen die Pharisäer (evtl. auch mit anderen) die Eltern. Sie sollen klarstellen, ob der Geheilte wirklich seit Geburt blind war und ob es sich um ihren Sohn handelt. Die Eltern können nicht anders als dies bestätigen, sie sind Zeugen für die Zugehörigkeit und die Blindheit ihres Sohnes. Sie können jedoch nicht Auskunft geben über das, was die Pharisäer weitergehend interessiert. Entsprechend verweisen die Eltern sie zurück an ihren Sohn, der im Erwachsenenalter selbst Verantwortung für sein Tun und seine Auskunft übernehmen kann.
In diesem dritten Dialog wird nun die Situation der Gemeinde, an die das Evangelium gerichtet ist, im Hintergrund erkennbar: In der jüdischen Synagogengemeinde ist kein Platz für diejenigen, die in Jesus, den Messias erkennen und sich zu ihm bekennen. Das bedeutet, die Gemeinde des Johannes hat bereits erfahren müssen, dass die anfängliche Gebetsgemeinschaft zwischen Juden und Judenchristen in der Synagoge hinfällig geworden ist. Spätestens mit dem hervortretenden missionarischen Impuls der jungen christlichen Gemeinde und dem Fall des Tempels (70 n. Chr.) werden die Differenzen zwischen den beiden Glaubensrichtungen deutlich. Für die Juden ist nach dem Verlust des Tempels die Synagoge nun der Kristallisationspunkt ihres gemeinsamen Glaubens. Diesen Ort mit denjenigen zu teilen, die die Hoffnung auf den Messias als bereits erfüllt ansehen, wird zunehmend schwierig.
Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum die Eltern die Pharisäer an ihren Sohn verweisen. Sich in dieser Frage zu positionieren kann für sie bedeuten, aus der Synagogengemeinde und damit aus ihrem Sozialraum ausgeschlossen zu werden.

 

Verse 24-34: Die Pharisäer beschließen, den Geheilten erneut zu befragen. Sie sind sich offenbar nun einig in der Einschätzung, dass Jesus ein Sünder sein muss, weil er am Sabbat geheilt hat. Nun ist die Frage, wie sich der Geheilte zu ihm verhält: Hält er ihm die Treue oder zeigt er Gott die Ehre. Der Geheilte ist mittlerweile sprach- und auskunftsfähig geworden und lässt sich nicht auf das „entweder-oder“ ein. Zum einen macht er deutlich, dass es nicht in seinen Kompetenzbereich gehört, über die Frage der Sündhaftigkeit zu entscheiden. Er kann nur über sein eigenes Schicksal Auskunft geben. Zum anderen entlarvt er die Absichten der Pharisäer, indem er sie fragt, ob sie auch(!) Jesu Jünger werden wollen; damit gibt er sich selbst als ein Anhänger Jesu zu erkennen. Die Pharisäer, die im Wirken Jesu nichts vom Willen Gottes entdecken können, verweisen auf ihren Bezugspunkt. Es sind die Gesetze des Moses, aus denen heraus sie die Welt einordnen und beurteilen. Für sie steht fest, dass nur in ihnen Gottes Willen und Wesen erkennbar ist und sie über die Kompetenz des Erkennens und Deutens verfügen. Entsprechend klar und barsch reagieren sie auf den Versuch des Blindgeborenen, das Geschehene mit eigenen Worten zu deuten und das Wirken Gottes darin verständlich zu machen. Dabei versprachlicht er Schritt für Schritt sein eigenes Gottesverständnis. Gott erhört nicht die Sünder, sondern diejenigen, die nach seinem Willen handeln. Wenn noch nie jemand einen Blindgeborenen heilen konnte – was nur mit dem Willen Gottes möglich sein kann – muss dieser Jesus zu Gott gehören. Eine einfache und klare Einordnung des Geschehenen, die die Vorstellungswelt der Pharisäer sprengt.

 

Verse 35-41: Nachdem der Mann aus der Gemeinde ausgestoßen wurde, trifft er erneut auf Jesus. Auf die ihm von Jesus gestellte Frage („glaubst du an den Menschensohn“), antwortet der Geheilte und drückt damit seinen Wunsch zu glauben aus. Er kann ihn jedoch noch nicht in „Kategorien“ oder Namen fassen, sondern bisher nur von dem berichten, was sich an ihm ereignet hat (Verse 30-33). Diesen letzten Schritt geht Jesus mit ihm gemeinsam, ganz ähnlich wie in der Erzählung von der Frau am Jakobsbrunnen (Joh 4,25-26). Entscheidend ist hier die Auskunft „du hast ihn bereits gesehen“, denn sie verweist auf das, was Jesus in Vers 39 ausführen wird: Blinde werden sehen und Gottes Wirken erkennen. Der Mann versteht die Worte Jesu, wie seine Reaktion der Verehrung zeigt. Anders als die hinzukommenden Pharisäer. Deren Blindsein besteht darin, zu meinen etwas zu sehen und zu erkennen und darüber für keine neue Erkenntnis oder Offenbarung mehr zugänglich zu sein. Darin besteht ihr Fehlverhalten dem Blinden und Jesus gegenüber. Sie halten an ihren Überzeugungen fest und können sich kein Handeln Gottes außerhalb der von ihnen gewohnten Bahnen vorstellen.

Auslegung

Zwei Elemente des langen Evangeliumsabschnitts sind bemerkenswert und sie lenken den Blick auf die beiden Hauptfiguren der Erzählung: Den Blindgeborenen und Jesus.

Bereits in der Erzählung von der Frau am Jakobsbrunnen (3. Fastensonntag, Joh 4,5-42) wurde uns vom Evangelisten Johannes eine Person vorgestellt, die aufgrund ihrer Begegnung mit Jesus zum Glauben kam und nicht anderes konnte als davon zu erzählen. Entscheidend war für die Frau im Gespräch mit Jesus, von ihm erkannt und in ihrer Lebenswirklichkeit gesehen zu werden. Weil Jesus in ihr Herz schaut und Dinge sieht, die sonst keiner wahrnimmt, hält sie ihn zunächst für einen Propheten und erkennt in ihm dann den erhofften Messias. Diese Entdeckung teilt sie mit anderen und so kommen viele zu Jesus und zum Glauben. Die Erzählung vom Blindgeborenen weißt nicht wenige Parallelen auf. So wird beispielsweise auch hier wird das Verstehen oder Nicht-Verstehen in Dialogen entfaltet. Vor allem aber wird der Blindgeborene wie die Frau am Brunnen zum Zeugen des heilsbringenden Wirkens Jesu. Wie die Frau zieht auch der Geheilte zunächst den Schluss, dass es sich bei Jesus um einen Propheten, das heißt einen von Gott gesandten Menschen handeln muss. Doch ist dies wie bei der Frau nur ein Erkenntnis-Zwischenschritt. Am Ende darf der Blindgeborene sehen, dass ihm in Jesus nicht nur ein Gesandter Gottes (Prophet), sondern Gott selbst gegenübersteht. Der Evangelist Johannes lässt den Mann vor Jesus niederfallen und ihn mit „Herr“ ansprechen. Der Blindgeborene versteht den „Menschensohn“, den er in Jesus sieht, als Vergegenwärtigung Gottes und reagiert im Niederfallen in typischer Weise auf die Begegnung mit Gott. Auch wenn dieses explizite Bekenntnis erst am Ende der Szene erfolgt, so bezeugt der Mann zuvor in immer neuen Gesprächen mit neue Fragen konfrontiert, das einzigartige heilbringende Wirken Jesu. Dabei wächst er Stück für Stück in die Rolle des bekennenden Zeugen hinein: Am Anfang den Nachbarn gegenüber sind seine Antworten noch einfach, bestätigend, berichtend. Im ersten Gespräch mit den Pharisäern nennt er Jesus einen Propheten, bei der zweiten Unterredung hält er ihnen dann den Spiegel vor und klagt ihre Unwissenheit über Jesus an ohne Rücksicht auf die Konsequenzen (Ausschluss aus der Gemeinde).

Neben dem Hineinwachsen des Blindgeborenen in die Rolle des Erkennenden und Bezeugenden, sind die abschließenden Worte Jesu ein zweites wichtiges Element der Erzählung. Wird doch in ihnen das Thema des Sehens und Blindseins durch das Motiv des Gerichts auf eine allgemeinere Ebene verlagert. Dies zeigt sich auch erzählerisch dadurch, dass Jesus einerseits in Vers 39 allgemein und nicht in Bezug auf den Mann von seiner Sendung spricht. Andererseits kommen in der Abschlussszene alle wichtigen Akteure zusammen: Der Geheilte, der seinen Glauben bekennt, Jesus, der über seine Richterfunktion spricht, und die Pharisäer, die die Worte Jesu über Blindheit auf sich beziehen.
Wenn Jesus davon spricht in die Welt gekommen zu sein, um zu richten, bestätigt er damit seine göttliche Vollmacht. Denn nur Gott obliegt es über die Welt Gericht zu halten. Er deutet damit aber auch ein Verständnis des Gerichts an, das den Blick auf das menschliche Verhalten und Verstehen lenkt. Für das Urteil des Gerichts ist entscheidend, wer zu den Sehenden gehört und wer nicht. Der Blindgeborene hat nicht nur das Augenlicht erlangt, er hat auch erkannt und sehen gelernt, welche göttliche Wirklichkeit dahintersteckt, indem er Jesus als Menschensohn und Herrn bekennt. Die von Geburt an sehenden Pharisäer, die meinen, den Willen Gottes erkennen und deuten zu können, sie bleiben blind gegenüber der sich in Jesus Christus offenbarenden Wirklichkeit Gottes. Wer sehend ist und wer nicht, wer sich zu Jesus bekennt und wer nicht, das entscheidet sich im Menschen selbst: Sehend ist der, der sich der Offenbarung Gottes in Christus nicht verschließt. Blind ist der, der das Geschenk der Gegenwart Gottes in Christus nicht sehen will – weil es den eigenen Gewissheiten nicht entspricht, weil es anders ist als erwartet, weil es sich einer Vereinnahmung in Regeln und Deutungsmuster widersetzt.

Kunst etc.

Auf einem Modell der Davidsstadt lässt sich die Lage des Teichs Schiloach (Vordergrund) ablesen.