Lesejahr A: 2019/2020

Evangelium (Mt 11,2-11)

2Johannes hörte im Gefängnis von den Taten des Christus. Da schickte er seine Jünger zu ihm

3und ließ ihn fragen: Bist du der, der kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?

4Jesus antwortete ihnen: Geht und berichtet Johannes, was ihr hört und seht:

5Blinde sehen wieder und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium verkündet.

6Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt.

7Als sie gegangen waren, begann Jesus zu der Menge über Johannes zu reden: Was habt ihr denn sehen wollen, als ihr in die Wüste hinausgegangen seid? Ein Schilfrohr, das im Wind schwankt?

8Oder was habt ihr sehen wollen, als ihr hinausgegangen seid? Einen Mann in feiner Kleidung? Siehe, die fein gekleidet sind, findet man in den Palästen der Könige.

9Oder wozu seid ihr hinausgegangen? Um einen Propheten zu sehen? Ja, ich sage euch: sogar mehr als einen Propheten.

10Dieser ist es, von dem geschrieben steht:

Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, / der deinen Weg vor dir bahnen wird.

11Amen, ich sage euch: Unter den von einer Frau Geborenen ist kein Größerer aufgetreten als Johannes der Täufer; doch der Kleinste im Himmelreich ist größer als er.

Überblick

Auf wen oder was wartest du? Das Thema „Warten“ spielt im Evangelium des 3. Adventssonntags eine besondere Rolle. Dabei geht es aber nicht nur das Warten an sich, sondern auch um die Klärung von Erwartungen.

1. Verortung im Evangelium
Das Matthäusevangelium (Mt) ist gegliedert durch fünf große Reden Jesu. Die erste Rede, die sogenannte Bergpredigt (Mt 5,1-7,29) steht am Anfang seines Wirkens und benennt die großen Themen der matthäischen Jesuserzählung (Tun des Willens Gottes, Verkündigung des Himmelreiches, Gerechtigkeit). Im Anschluss an die Bergpredigt ist Jesus zunächst rund um den See Gennesaret unterwegs (Heilungen, Stillung des Seesturms) und zieht dann weiter „durch alle Dörfer und Städte“ (Mt 9,35). In Mt 10,1 sendet er seine Jünger aus und gibt ihnen in der Aussendungsrede (Mt 10,5-42) umfangreiche Weisungen mit. Unmittelbar an diese zweite große Rede Jesu schließt sich der heutige Evangeliumsabschnitt an.

 

 

2. Aufbau
Der Abschnitt des Evangeliums hat zwei Schwerpunkte. Zunächst geht es um die Frage des Täufers „bist du der, der kommen soll“ und Jesu direkte Antwort darauf an die Jünger des Johannes (Mt 11,2-6). Danach rückt das Wirken des Täufers und seine Bedeutung in den Mittelpunkt (Mt 11,7-11), indem Jesus vor der Menge über Johannes spricht. Die Frage Johannes‘ des Täufers in Mt 11,3 bildet somit den logischen Ausgangspunkt für die gesamte Szene.

 

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 2-3: Johannes der Täufer befindet sich seit Mt 4,12 im Gefängnis. Wenn er auch dort von den „Taten des Christus“ hört, wird vorausgesetzt, dass sich die Kunde über das Wirken Jesu schnell verbreitet hat, so wie es der Evangelist Matthäus z.B. in Mt 4,24 schildert. Was sich hinter den „Taten des Christus“ verbirgt, ist im Abschnitt Mt 4,23-9,35 deutlich geworden und wird in Vers 5 von Jesus selbst mithilfe des Jesaja-Zitats zusammengefasst. Die „Taten des Christus“ sind heilbringendes Handeln und die Verkündigung der Botschaft Gottes. Sie entsprechen den Hoffnungen nach dem Christus, dem Messias, aus dem Hause Davids (vgl. Vers 5).
Die Rückfrage des Johannes lässt durchblicken, dass die himmlische Stimme in der Tauferzählung nur von Jesus selbst wahrgenommen wurden (Mt 3,17), andernfalls wüsste Johannes die Antwort auf seine Frage von dort her. Seine Frage dient hier also der Vergewisserung, dass mit Jesus derjenige aufgetreten ist, auf den er in seiner eigenen Verkündigung verwiesen hat (Mt 3,11).

Die beiläufig erwähnten „Jünger“ des Johannes weisen noch einmal zurück auf dessen erfolgreiches und kraftvolles Wirken, wie es der Evangelist Matthäus in 3,1-12 geschildert hatte.

 

Verse 4-5: Statt den Jüngern des Johannes auf direkte Weise zu antworten (ja/nein), gibt Jesus ihnen eine Botschaft mit: Johannes soll sich selbst eine Meinung darüber bilden, wie er das Geschehene einordnet. Der Evangelist Matthäus lässt Jesus in Vers 5 seine bisherigen Taten in Anspielung auf den Propheten Jesaja zusammenfassen. Damit er zugleich Johannes auf, genau nach dem zu urteilen, was er selbst von Menschen gefordert hat: ein Leben und Handeln aus dem Willen Gottes heraus zeigt sich in den „Früchten“, die man hervorbringt (vgl. Mt 3,8).

Zu jedem in Vers 5 genannten sichtbaren Zeichen lässt sich im bisherigen Wirken Jesu (Mt 4,17-11,1) eine Erzählung finden, so dass Jesus an dieser Stelle auf einzigartige Weise selbst sein Wirken zusammenfasst und durch die Anspielungen auf die Verheißungen aus dem Buch Jesaja einordnet. Neben den unterschiedlichen Heilungsgeschichten, auf die Bezug genommen wird, lässt sich die „Verkündigung an die Armen“ in der Bergpredigt wiederfinden. Interessanterweise ist in den Schriften von Qumran in besonderer Weise die Heilung von Krankheiten ein Zeichen der Heilszeit, die mit dem ersehnten Messias, dem Christus, anbricht. Das hier geschilderte Handeln Jesu dient also als Erweis seiner messianischen Sendung.

 

Vers 6: Die Antwort an die Jünger des Johannes endet mit einer Seligpreisung. Diese formuliert nicht positiv, sondern preist diejenigen selig, die etwas nicht tun. Wenn explizit diejenigen seliggepriesen werden, die am Wirken Jesu und seiner Person keinen Anstoß nehmen, dann wird damit deutlich, dass auf das Handeln Jesu eine Reaktion folgen muss. „Keinen Anstoß nehmen“ ist für Matthäus mehr als der Verkündigung Jesu „neutral“ gegenüber zu stehen. Es bedeutet vielmehr, seine Botschaft so nachzuvollziehen, dass sie im eigenen Handeln Wirkung zeigt und zugleich die Bereitschaft zur Kreuzesnachfolge einschließt (Mt 10,38).

 

Verse 7-10: Immer noch ist die Frage der Johannesjünger der Ausgangspunkt der folgenden Worte Jesu. Nun, da die Jünger zurück zu Johannes gehen und dieser nach dem Gehörten und Gesehenen urteilen soll (Vers 4), wendet sich Jesus an das Volk. Mit Vers 7 beginnt ein längerer, über Vers 11 hinausgehender Redeabschnitt Jesu, in dem es um Johannes und seine Rolle geht. Anhand dreier Fragen, die Jesus in der Vergangenheitsform stellt, weil das Wirken des Täufers durch dessen Inhaftierung beendet ist, geht es um die Erwartungen der Volksmenge an Johannes: „was habt ihr sehen wollen, als ihr hinausgegangen seid“ (Verse 7.8.9). Die von Jesus formulierten Antworten, von denen die ersten beiden nicht zutreffen, die dritte aber sehr wohl, sollen einen Konsens zwischen den Zuhörenden herstellen: Sie sind ja offensichtlich alle in die Wüste hinausgegangen, um dort einen Propheten zu finden!
Diese letzte Erwartung der Volksmenge bestätigt Jesus und macht zugleich deutlich, dass Johannes die Erwartungen sogar übertrifft. Denn Johannes ist „mehr als ein Prophet“, er ist derjenige, von dem das Buch Maleachi spricht: „Seht, ich sende meinen Boten; er soll den Weg für mich bahnen“ (Maleachi 3,1). Dies ruft den Lesern des Evangeliums die Einleitung zum Wirken des Johannes in Erinnerung, als das Zitat aus dem Jesajabuch (Jesaja 40,3) auf Johannes als Rufer in der Wüste angewendet wurde, der dazu aufruft, die Wege zu bahnen (Mt 3,1-3).

 

Vers 11: Der den Evangeliumsabschnitt abschließende Satz Jesu hebt zwei Dinge hervor: Zum einen gibt es keinen größeren Propheten als Johannes den Täufer. Die Formulierung „aufgetreten“, die das Wirken eines Propheten umschreibt, ist wichtiger als die Formulierung „von einer Frau geboren“. Denn auch Jesus ist von einer Frau geboren worden, ist aber nicht als Prophet „aufgetreten“, weswegen er selbst hier nicht in die Reihe „unter den von einer Frau Geborenen ist kein Größerer aufgetreten“ hineingehört.
Zum anderen geht es um die Kategorien des Himmelreichs und damit den zentralen Punkt der Verkündigung Jesu. Der Kleinste nämlich, der ins Himmelreich gelangt, wird größer sein als der Größte unter den Propheten.

Auslegung

Ein einfaches „Ja“ hätte den Jüngern des Johannes vermutlich gereicht, als sie mit der Frage des Johannes zu Jesus geschickt wurden: „Bist du der, der kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ Johannes und seine Jünger warten also. Sie warten auf den, den Johannes selbst als „den Größeren“ angekündigt hat. Den, der nicht nur mit Wasser tauft, wie er selbst, sondern mit Geist und Feuer (Mt 3,11). Der Täufer weiß, worauf er wartet, und woran er erkennt, dass das Erwartete eintritt. Er wartet auf eine Person, die auf eine andere Art und Weise als er selbst, die Nähe des Himmelreiches deutlich werden lässt. Und der dazu auch noch mit einer anderen Vollmacht ausgestattet ist. Während Johannes die Umkehr predigt und ankündigt, dass es einen Tag geben wird, an dem man an seinen Taten gemessen wird, ist Jesus derjenige, der diesen Tag und die Unterscheidung herbeiführen wird (vgl. die Auslegung zum Evangelium vom 2. Adventssonntag). https://www.in-principio.de/sonntags-lesungen/lesung/Evangelium-Mt-31-12/

Nun hat Jesus aber noch nicht mit Feuer getauft, der Tag der Unterscheidung steht auch noch aus. So ist die Frage des Täufers berechtigt und verständlich. Er hat von den Taten Jesu gehört, er hat eine Ahnung, aber er möchte bestätigt wissen, dass in diesem Jesus von Nazareth seine Erwartungen Wirklichkeit werden. Er möchte herausfinden, ob Jesus derjenige ist, auf dem die Hoffnungen Israels ruhen. Denn die Propheten haben angekündigt, dass es einen geben wird, einen Messias (Christus), auf dem Gottes Vollmacht ruht und der die Heilszeit Gottes real werden lässt. Weil Jesus genau diese Erwartung des Johannes versteht, antwortet er nicht mit einem einfachen „Ja“. Er weiß, dass Johannes einer ist, der von den Früchten aus denkt (Mt 3,8). Deshalb bittet er die Jünger, einfach von dem zu berichten, was sichtbar und erlebbar geworden ist. Für Jesus steht fest, dass Johannes die Heilung von Blinden, Lahmen und Aussätzigen als Zeichen der anbrechenden Heilszeit verstehen wird. Johannes wird seine Erwartungen mit dem Eingetroffenen überprüfen und daraus die richtigen Schlüsse ziehen, so ist sich Jesus sicher. Nach dem Bericht seiner Jünger wird der Täufer wissen: Ich muss nicht länger warten, der Christus Gottes ist mitten unter uns und das Himmelreich wirklich nahe.

Diese Erwartungen des Johannes bilden im zweiten Teil des Textes den Ausgangspunkt für die Rede Jesu an das Volk. Es geht darum, die eigenen Erwartungen genau zu klären. Ganz offensichtlich ist das Volk nicht einfach nur so hinausgegangen in die Wüste zu Johannes. Die Menschen haben sich auf den Weg gemacht, weil sie einen Propheten suchten. Einen Menschen, der mit Gott so eng verbunden ist, dass er anderen neue Wege zu Gott und neue Lebensperspektiven erschließen kann. Und genau diese Erwartung wurde in der Begegnung mit Johannes dem Täufer erfüllt, ja sogar übertroffen. Denn es zeigt sich, dass er nicht nur ein Prophet ist, sondern der Prophet, der die wichtige und einmalige Aufgabe hat, auf Jesus, als den erwarteten Messias, hinzuweisen. Er, Johannes, ebnet den Weg, er bereitet die Herzen der Menschen mit seinem Ruf zur Umkehr vor für die Heilszeit, die mit Jesus anbrechen wird. Deswegen ist Johannes der „Größte“ unter den Propheten. Er erwartet den Größeren, der kommen wird, und ebnet ihm den Weg. Er erkennt den Größeren und weiß, hier geschieht, worauf ich gewartet und hingearbeitet habe.

Mit diesen beiden Aspekten zum Thema „Erwartung“ und „Warten“ führt das heutige Evangelium die Botschaft des 2. Adventssonntags weiter. Johannes der Täufer als Wegbereiter Jesu zeugt davon, dass zum Warten auf etwas klare Erwartungen gehören. Wenn ich weiß, was ich erwarte oder auf wen ich warte, dann kann ich überprüfen, ob mein Warten ein Ende findet und das Erwartete eingetreten ist. Doch ich muss bereit sein, das Warten nicht als eine passive Zeit zu verbringen. Vielmehr gehört zum Warten dazu, die Welt um mich herum auf Zeichen hin abzusuchen, die mir das Eintreffen des Erwarteten deutlich machen. Und ich muss vorbereitet sein, wenn das Erwartete eintrifft. Wie das gelingt, hatte Johannes der Täufer bereits am 2. Adventssonntag in seiner Umkehrpredigt deutlich gemacht: „Bringt Früchte!“. Der Ruf nach aktivem Warten, das sichtbare Zeichen hinterlässt und die Klärung der eigenen Erwartungen gehören zusammen. Nicht nur im Herangehen auf das nahende Weihnachtsfest, sondern auch bei all den anderen Dingen, deren Eintreffen wir Ersehen oder vielleicht auch Befürchten.

Kunst etc.

Das Lied „Wait for the Lord“ aus der Communauté de Taizé lädt ein, mit frohem Mut und wachem Herzen die Ankunft Gottes unter uns Menschen zu erwarten (Link zu youtube (externer Inhalt).