Lesejahr A: 2019/2020

2. Lesung (Phil 2,1-11)

21Wenn es also eine Ermahnung in Christus gibt, einen Zuspruch aus Liebe, eine Gemeinschaft des Geistes, ein Erbarmen und Mitgefühl,

2dann macht meine Freude vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, einander in Liebe verbunden, einmütig, einträchtig,

3dass ihr nichts aus Streitsucht und nichts aus Prahlerei tut. Sondern in Demut schätze einer den andern höher ein als sich selbst.

4Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der anderen.

5Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht:

6Er war Gott gleich, / hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein,

7sondern er entäußerte sich / und wurde wie ein Sklave / und den Menschen gleich. / Sein Leben war das eines Menschen;

8er erniedrigte sich / und war gehorsam bis zum Tod, / bis zum Tod am Kreuz.

9Darum hat ihn Gott über alle erhöht / und ihm den Namen verliehen, / der größer ist als alle Namen,

10damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihr Knie beugen / vor dem Namen Jesu

11und jeder Mund bekennt: / Jesus Christus ist der Herr / zur Ehre Gottes, des Vaters.

Überblick

„Wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht“. Paulus ermutigt die Gemeinde in Philippi zu einer persönlich und gemeinschaftlich konsequenten Lebensweise.

1. Verortung im Brief
Der Apostel Paulus schreibt der Gemeinde von Philippi, der ersten Gemeinde in Europa, während er (wahrscheinlich) in Ephesus im Gefängnis sitzt. Paulus hat zu der Gemeinde eine besonders intensive Beziehung, nur von ihr lässt er sich auch finanziell unterstützen. Im Philipperbrief (Phil), der Korrespondenz zwischen Gemeinde und Apostel geht es sowohl um persönliche Anliegen und Vorhaben des Apostels als auch um die konkrete Situation der Gemeinde.
An die klassische Brieferöffnung (Phil 1,1-2) hatte Paulus einen innigen und persönlichen Dank an die Gemeinde und Fürbitte angeknüpft (Phil 1,3-11). Der Abschnitt Phil 1,12-26 bildet einen ersten inhaltlichen Schwerpunkt insofern Paulus seine persönliche Situation als Gefangener und das damit verbundene Glaubenszeugnis thematisiert. Die Verse Phil 1,27-2,18 nehmen dann das Gemeindeleben in den Blick. In ihm ist der Christushymnus (oder auch Christuslied) zu finden. Er bildet das inhaltliche Zentrum des Hauptteils des Briefes. Wie ein Netz spannen sich von ihm aus inhaltliche Fäden durch das gesamte Schreiben. Verankert ist das Lied zwischen Mahnungen für das gemeindliche Miteinander (Phil 2,1-4) und Sorgen des Apostels um die Gemeinde (Phil 2,12-18).

 

2. Aufbau
Der Text lässt sich in zwei große Abschnitte teilen: In 1-4 steht das Miteinander in der Gemeinde im Vordergrund. Die Mahnungen sind stilistisch an den folgenden Hymnus angepasst, so dass auch sie einen „liedähnlichen“ Charakter bekommen. Dabei ist Vers 1 die Grundlage oder Voraussetzung für die konkreten Aufforderungen in den Versen 2-4. Vers 5 ist eine Überleitung zwischen dem Blick auf die Gemeinde und Christus, der im folgenden Lied besungen wird. Der Hymnus selbst lässt sich in zwei Strophen unterteilen. Die Verse 6 bis 8 nehmen das Geschehen der Menschwerdung in den Fokus, die Verse 9 bis 11 die Erhöhung und Verherrlichung Jesu Christi.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 1-2a: Paulus benennt die Grundlagen für seine Worte an die Gemeinde. Er vergewissert sich, dass sie seine Hinweise für das gemeindliche Miteinander mit dem richtigen Ohr hören und seine Worte entsprechend auf fruchtbaren Grund fallen. Das Grundmotiv für ihn in der Kommunikation mit der Gemeinde, ist der Zuspruch. Gemeint ist damit eine Ermutigung und Motivation, ein persönliches Wort der Zurede, des Überzeugens. Die Grundlage für eine solche Rede des Apostels an die Gemeinde einerseits und ein Zuhören der Gemeinde andererseits ist Jesus Christus. Seine Menschwerdung, seine Verkündigung, sein Sterben und Auferstehen sind das Fundament auf dem Paulus seine konkreten Hinweise aufbauen kann.
Das Wort „Ermahnung“ hat im Deutschen schnell einen tadelnden oder belehrenden Unterton. Im Griechischen wird hier das Wort parakalein (griechisch: παρακαλεῖν) verwendet, was ermahnen und zugleich ermutigen und trösten bedeutet. Im Johannesevangelium wird der Heilige Geist mit einem Wort aus diesem Wortstamm umschrieben, wenn es heißt: „Und ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand (parakletos) geben, der für immer bei euch bleiben soll“ (Johannesevangelium 14,16). In diesem Sinne ist die Ermahnung eben auch ein Trost und Zuspruch und sie baut auf dem erlösenden Handeln Jesu auf. Umschreibt die „Ermahnung“ das Handeln des Apostels gegenüber der Gemeinde, so benennt der „Zuspruch der Liebe“ das, was Apostel und Gemeinde miteinander verbindet. Die „Liebe“ geht von Gott aus, wie die „Gemeinschaft des Geistes“ und das „Erbarmen“. Weil Gott seine Liebe ausschenkt, können die, die an ihn glauben, einander in Liebe und Erbarmen Trost zusprechen und sich ermutigen. Das verwendete griechische Wort für Zuspruch ist paramytheisthai (griechisch: παραμυθεῖσθαι) und meint eine direkte, persönliche Zuwendung und Ansprache. Die Liebe als verbindendes Band, das von Gott ausgeht und den Apostel und die Gemeinde im Glauben verbindet, macht es möglich, dass Paulus den Christen in Philippi Hinweise mit auf den Weg gibt. Sie sollen sie also nicht als Besserwisserei verstehen oder seine Hinweise als „Mängelliste“ verstehen. Vielmehr ermutigt er sie ihr Verhalten aufrechtzuhalten und an einigen Stellen noch entschlossener zu leben. Darum spricht Paulus auch davon seine Freude „vollkommen“ zu machen! Die Gemeinde macht ihm mit ihrem Verhalten bereits Freude.

 

Verse 2b-4: Was die Freude, die Paulus beim Erinnern an die Gemeinde vollkommen machen könnte, wird nun ausgeführt. Zunächst ist es die Einmütigkeit (Vers 2). Gemeint ist damit ein Streben in eine Richtung, also eine gemeinsame Orientierung an Christus. Paulus geht es um das richtige Verhalten der Gemeindemitglieder untereinander, es soll geprägt sein von Liebe und dem Wunsch, sich durch das gemeinsame Fundament (Christus) ermutigen zu lassen.
In Vers 3 führt näher aus, was mit Einmütigkeit und Eintracht gemeint ist, indem zunächst zwei Gegenbeispiele genannt werden: Streitsucht und Prahlerei. Sie stehen einem guten Verhältnis untereinander im Weg. Vielmehr soll das Miteinander dadurch geprägt sein, dass die Christen in Philippi einander gegenüber demütig sind und jeder und jede den Mitchristen höher einschätzt als sich selbst. Dies bedeutet zum Beispiel (Vers 4), nicht auf den eigenen Vorteil oder nur das eigene Wohlergehen oder Ansehen aus zu sein, sondern immer das Wohl des anderen im Blick zu haben (so auch im 1. Korintherbrief 10,24).

 

Vers 5: Paulus leitet von seinen Hinweisen über zum feierlichen Loblied auf Christus und sein Wirken. Die Aufforderung, miteinander so umzugehen, wie es einem Leben in Christus Jesus entspricht, ruft den Philippern in Erinnerung, was sie durch ihre Taufe als Glauben bekannt haben – hier verweist der Vers nach hinten auf das Christuslied. Getauft zu sein, bedeutet, sein Leben ganz bestimmen zu lassen, vom Schicksal Jesu, das von Demut, Gehorsam und Liebe bestimmt war. In diesem Sinne sind die vorangegangenen Weisungen zu verstehen. Die Lebensentscheidung der Taufe bedeutet auch eine Entscheidung für diese Grundüberzeugungen, die Paulus jedem einzelnen und ihnen als Gemeinschaft in den Versen 1-4 in Erinnerung gerufen hatte – so verweist der Vers zurück auf die ermutigenden Worte des Apostels.

 

Verse 6-8: Die erste Strophe des Liedes formuliert eine Herabsteigende Bewegung des Gottessohnes, die mit dem Wort der Selbsterniedrigung umschrieben ist:

„Gott gleich“: Eigentlich steht im griechischen Text „in der Gestalt Gottes“, allerdings führt diese Formulierung schnell zu dem Irrtum, Christus würde nur die Gestalt Gottes, also die äußere Erscheinungsform Gottes haben, denn Gestalt erinnert an etwas Äußeres. Gemeint ist jedoch, Christus ist ganz und gar Gott, er ist vor allem im Inneren, in seinem Wesen ganz von Gott und seiner Wirklichkeit geprägt. Die Suche nach einem geeigneten Begriff das Dasein Christi vor aller Zeit zu beschreiben steckt hier noch ganz in seinen Anfängen, es geht weniger um eine theologisch genaue Beschreibung als um die Charakterisierung eines Daseins, das ganz von Gott geprägt ist. 
Das „Gott gleich“-Sein wird mit anderen Worten noch einmal aufgenommen im zweiten Teil des Verses. Hier geht es nicht mehr zuerst um die Wesensbestimmung als um die Stellung. Vielmehr geht es darum, dass Christus das „Gott gleich“-Sein nicht fest hält im Sinne einer Stellung oder eines Status, den er innehat.

„er entäußerte sich“: Die Feststellung, dass Christus nicht krampfhaft festhält an seiner göttlichen Gestalt und dem Status, wird weiter ausgebaut. Im Gedanken der Entäußerung (Kenosis), dem aus sich Herausgehen, wird die Freiheit Jesu Christi in den Blick genommen. Er verlässt nicht gezwungenermaßen die himmlische Wirklichkeit, sondern nimmt aus freiem Willen die „Gestalt eines Sklaven“ an und wird „den Menschen gleich“. Wenn der Gestalt Gottes die Gestalt eines Sklaven gegenübergestellt wird, geht es nicht hier nicht an erster Linie schon um den Gehorsam oder die Unfreiheit des Sklavendaseins. Im Fokus steht der Schritt von der Wirklichkeit des Himmels zur Wirklichkeit der Erde, er überwindet die Trennung von der Welt Gottes zur Welt des Menschen und wird in Freiheit vollzogen.

Menschwerdung und Menschsein: Die Bewegung von der himmlischen zur irdischen Existenz wird in der Feststellung „sein Leben war das eines Menschen“ abgeschlossen. Die Dynamik von oben nach unten erreicht ihren Höhepunkt oder eigentlich Tiefpunkt im Ankommen in der menschlichen Wirklichkeit. Und diese Wirklichkeit ist gekennzeichnet als eine, die den Tod umfasst. Christus nimmt diese Wirklichkeit mit letzter Konsequenz an: Er erniedrigt sich und ist gehorsam, d.h. er ist demütig der Begrenztheit und Unvollkommenheit des menschlichen Daseins gegenüber und nimmt an, was an ihm geschieht. So ist der Tod am Kreuz das letzte Zeichen des freiheitlichen Aktes der Selbstentäußerung.

 

Verse 9-11: Die zweite Strophe beschreibt die Austeigende Bewegung der Erhöhung Christi, die in der Einsetzung als Herrscher mündet. Ist Gott in der ersten Strophe zwar der Ausgangspunkt der Bewegung, aber nicht der Handelnde – das ist Christus – so greift nun Gott handelnd ein:

„über alle erhöht“: Das Gott nun an Christus handelt, führt den Gedanken der Menschwerdung konsequent weiter. Nur Gott kann auf die Erniedrigung und den Gehorsam eine Antwort geben. Auf den Gehorsam und die Erniedrigung bis in den Tod folgt nun die Erhöhung (eigentlich wörtlich Übererhöhung). In der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, der Septuaginta, wird diese Charakterisierung nur über Gott selbst ausgesagt. Christus, der sich in Freiheit in die Wirklichkeit des Menschen begab, wird jetzt eine Herrschaftsstellung übertragen, die alles andere überragt. Die Verleihung eines Namens, „der größer ist als alle Namen“ und die die Unterwerfung aller Mächte, „die ihr Knie beugen“ sind Bilder, die dem Einsetzungsrituals eines neuen Herrschers entsprechen. Die Huldigung der anderen Mächte, wie auch immer diese hier konkret zu denken sind, markiert den Herrschaftswechsel.
Der abschließende Lobpreis „zur Ehre Gottes, des Vaters“ verbindet die Einsetzung Jesu Christi als Herrscher über alles mit dem Lob Gottes, der diese Erhöhung vornimmt und in ihr selbst als Vater Christi und Vater aller Menschen erkennbar wird.

Auslegung

Das Verhältnis zwischen Paulus und den Christen in Philippi ist geprägt von einer intensiven persönlichen Beziehung. Dies zeigt sich daran, dass sich Paulus von der Gemeinde sogar finanziell unterstützen lässt, was er sonst stets ablehnt, um unabhängig und ohne Einflussmöglichkeiten von außen seinen Verkündigungsdienst auszuüben. Das vertrauensvolle Verhältnis von Apostel und Gemeinde ist aber nicht nur in einem „guten Draht“ zueinander begründet. Es beruht vielmehr darauf, dass es Paulus und die Christen in Philippi auf ein gemeinsames Fundament aufbauen: Ein Leben im Glauben an Jesus Christus, Gottes menschgewordenen Sohn, der durch sein Sterben und Auferstehen Erlösung schenkt und die vollkommene Liebe Gottes offenbart. So lebt der Apostel wie die Gemeinde „in Christus“. Es ist eine Lebensentscheidung, die Paulus und die Gemeindemitglieder in der Taufe zum Ausdruck gebracht haben. Dieser gemeinsame und doch für jeden individuelle Entschluss zu einem Leben nach dem Vorbild Jesu ist der Ausgangspunkt für die tröstenden und ermutigenden Worte der „Ermahnung“, die Paulus an die Gemeinde richtet. Indem die Worte des Zuspruchs verbunden werden mit dem Loblied auf Jesus Christus, wird einerseits die gemeinsame Grundlage festgehalten und andererseits werden die Hinweise des Paulus objektiviert. Es sind eben nicht „seine Weisheiten“, den anderen höher zu achten als sich selbst oder in Liebe verbunden zu sein. Es sind die wesentlichen Aspekte des Lebens Jesu, die darin verwirklicht werden. Das kunstvolle Christuslied ruft den Gemeindemitgliedern die Bedeutung und das Außergewöhnliche des Lebens Jesu in Erinnerung. Das Leben des Gottessohnes in seinem Hinabsteigen und Erhöhtwerden bleibt einzigartig und kann von der Gemeinde nicht imitiert werden, aber es ist doch die Grundlage des christlichen Lebens – für jeden Einzelnen und für die Gemeinde als Ganze. Das Schicksal Jesu von der Menschwerdung durch Kreuz und Auferstehung bis hin zur Erhöhung ist für die Gemeinde im wahrsten Sinne des Wortes der Beweg-grund für das eigene Handeln. Weil dies für Paulus und die Gemeinde gleichermaßen gilt, sind die Worte des Apostels keine Belehrung von oben herab, sondern wirklich ein Zuspruch von Christ zu Christ. Gegründet im gemeinsamen Leben in Christus und motiviert vom Lebensgeheimnis Jesu, der nicht am Gottsein festhielt, sondern Mensch wurde, um das Menschsein für alle neu möglich zu machen. Es ist ein Zuspruch, der jeden Einzelnen und die ganze Gemeinde in einer christlichen Lebensgestaltung bestärken will. Die Konkretisierung eines solchen Lebens versucht Paulus der Gemeinde vorzuleben – in seinem Dienst der Verkündigung, aber auch in der Art und Weise, wie er seine aktuelle Gefangenschaft erträgt und darin den Mut behält.

Kunst etc.

Die Illustration aus einer Handschrift der Paulusbriefe aus dem 9. Jahrhundert gilt als eine der ältesten Darstellungen des Apostels in der europäischen Kunst. Sie stammt vermutlich aus dem Schreibzimmer der Bibliothek in St. Gallen. Die Inschrift lautet: "Heiliger Paulus. Er sitzt hier und schreibt."