Lesejahr A: 2019/2020

2. Lesung (1 Thess 5,1-6)

51Über Zeiten und Stunden, Brüder und Schwestern, brauche ich euch nicht zu schreiben.

2Ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht.

3Während die Menschen sagen: Friede und Sicherheit!, kommt plötzlich Verderben über sie wie die Wehen über eine schwangere Frau und es gibt kein Entrinnen.

4Ihr aber, Brüder und Schwestern, lebt nicht im Finstern, sodass euch der Tag nicht wie ein Dieb überraschen kann.

5Ihr alle seid Söhne des Lichts und Söhne des Tages. Wir gehören nicht der Nacht und nicht der Finsternis.

6Darum wollen wir nicht schlafen wie die anderen, sondern wach und nüchtern sein.

Überblick

Wach und nüchtern sein heißt die Parole, die Paulus angesichts der erwarteten Wiederkunft Christi ausgibt. Das ist das Gegenteil von angststarrer Lähmung, von handlungsersetzenden Rechenoperationen, wann der Tag kommen könnte, aber auch von sinnentrüber Gleichgültigkeit, die mit dem Einbruch des Anderen gar nicht rechnet.

 

Einordnung der Lesung  in den Zusammenhang

Im zweiten Teil seines Briefes an die thessalonikische Gemeinde (beginnend mit 1 Thessalonicher 4,1) zielt Paulus auf die Gestaltung des Lebensalltags seit und aufgrund der Hinkehr zu Jesus Christus in der Taufe und angesichts der Erwartung von Jesu Wiederkunft zur Rettung vor dem "Zorn Gottes" im Endgericht (vgl. 1 Thessalonicher 1,10). Nach der "Behandlung" der Themen "Über die Bruderliebe" (1 Thessalonicher 4,9) und "Über die Entschlafenen" (Vers 13) schreibt Paulus in 1 Thessalonicher 5,1-11 "Über Zeiten und Stunden" (5,1). Mit der Formulierung "Wir bitten euch" ändert Paulus in 1 Thessalonicher 5,12 erkennbar den Stil und leitet das Brief-Finale (Verse 12-28) ein.

Auch wenn der Apostel dem Wortlaut nach sich nicht "über Zeiten und Stunden" auslassen müsste, weil alle Bescheid wissen, tut er es zumindest in den Versen 2-3 tatsächlich doch. Was wichtig ist und gilt, kann nicht oft genug wiederholt werden! Und sicher wird es irgendjemanden unter den Angesprochenen geben, der bzw. die es immer noch nicht begriffen hat.

Die Verse 4-5 sprechen die Gewissheit aus, dass nicht berechenbare Kommen des Gerichtstages für dei Gemeinde keinen Schrecken haben wird. Sie leben in der Erwartung der Wiederkunft Christi und als die auf ihn hin Getauften leben sie bereits in einem Heilsraum. Dieser Vergewisserung nach innen wird verstärkt durch die Abgrenzung nach außen, also zunächst einmal gegenüber den Bewohnern von Thessaloniki, die sich nicht zum Christentum bekehrt haben und anderen Lebensprinzipien folgen. Im die Lesung abschließenden Vers 6 ist nur undeutlich vom "Schlafen der anderen" die Rede, dem auf der eigenen Seite "Wachen" und "Nüchternheit" gegenüberstehen.

Die für die Lesungsauswahl ausgelassenen Verse 7-11 schaffen etwas mehr Klarheit, was gemeint sein könnte. Übermäßiger Alkoholkonsum lautet ein Vorwurf an die übrigken Thessalonicher (Vers 7: "wer sich betrinkt"), und damit die Flucht aus der Realität. Die Betonung der eigenen Nüchternheit und des - auf christlicher Seite - Gerüstetseins "mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf Rettung" (Vers 8) konkretisiert diese Anklage nach außen noch dahin, dass "die anderen" es offensichtlich an Tatkraft mangeln lassen, und erst recht an Taten zum Guten ("Liebe"). Das Fehlen einer wirklichen Perspektive ("Hoffnung auf Rettung") führt, zumindest bildlich gesprochen, in den Dämmerschlaf (Vers 6: "nicht schlafen wie die anderen"). Verse 9-10 begründen die eigene Hoffnung noch einmal mit dem Grundbekenntnis zu Jesus Christus. Und wie schon im Lesungsabschnitt des vorigen Sonntags (1 Thessalonicher 4,13-18) macht Paulus im Schlusssatz deutlich, worauf er bei seinen Adressatinnen und Adressaten eigentlich hinaus will: nicht bei den Gemeindezusammenkünften lamentieren, sondern - falls es Unsicherheiten und Zweifel geben sollte - sich gegenseitig "trösten" (vgl. 4,18 und 5,11). Dazu möchte Paulus mit seinen Ausführungen das geistliche und argumentative Rüstzeug geben.

 

Vers 1

Die Rede von "Zeit und Stunde" gehört in den Glaubenszusammenhang, dass Gott allein der Herr der Zeit ist- ein Thema, das besonders in der apokalyptischen Zeit (s. dazu Anmerkung 1 unter "Überblick" am vorigen Sonntag) wichtig geworden ist (vgl. Daniel 2,21: "Er bestimmt den Wechsel der Zeiten und Fristen" [im Griechischen steht derselbe Wortlaut wie bei Matthäus]).  Das gilt auch für die Festlegung des Endes dieser Weltzeit. Im Streit der Ansichten, ob dieses Ende, das das Judentum als "Tag des Herrn" oder "Tag des Zorns" erwartete und christlich als Tag der Wiederkunft Christi verstanden wird, in absehbarer und berechenbarer Zeit erfolge oder prinzipiell unplanbar und unkalkulierbar sei, positioniert sich Paulus eindeutig: Terminliche Kalkulationen sind nicht angebracht. Die Formulierung erweckt den Eindruck, als habe Paulus schon bei seiner Erstverkündigung in Thessaloniki, also bei seiner Gründung der Gemeinde, zu diesem Thema deutliche Worte gesagt. So kann er sich jetzt darauf beschränken, die Gewissheit des Kommens des Tages der Herrn und dessen unplanbare Plötzlichkeit herauszustellen.

 

Verse 2-3

Die nächsten beiden Verse veranschaulichen dieses Moment der unplanbaren Plötzlichkeit mit Bildern aus zwei sehr unterschiedlichen Erfahrungsbereichen: der überraschende Einbruch des Diebes bei Nacht und die wie aus dem Nichts einsetzenden Wehen einer Frau. Die Nebeneinanderstellung beider Beispiele macht bereits deutlich: Es geht sicher nicht um die Nacht als Zeitpunkt der Wiederkunft Christi. Sondern die "Nacht" steht wie das sich Wiegen in "Frieden und Sicherheit" für die Zeiten, in denen man überhaupt nicht an den alles ändernden Einbruch Gottes in die eigene Welt rechnet. Man schläft gerade so selig und ruht sich einfach von seinem Tagewerk aus oder man glaubt einfach aufgrund der Umstände, es könne einem überhaupt nichts passieren und es ginge immer weiter so. Heute würde Paulus vielleicht auf eine Après-Ski-Party in Bad Ischgl verweisen, in die von einem Moment zum anderen die Nachricht vom Ausbruch eines tödlichen Corona-Virus trifft. Diese ist mitnichten mit der Wiederkunft Christi zu verwechseln (sowenig wie ein Diebstahl oder der Ausbruch von Wehen). Aber das erschreckende Überraschungsmoment ist immer dasselbe. Bei den Wehen kommt das Moment der Unentrinnbarkeit hinzu als Entsprechungsbild zur Gewissheit des Eintreffens des Tages des Herrn. Auf beides will Paulus hinaus, setzt es aber zugleich als bekannt voraus: "Ihr selbst wisst genau ..." (Vers 2).

 

Vers 4-5

Mit diesen beiden Versen will Paulus sagen: Der Tag der Wiederkunft Christi kann die christusgläubige Gemeinde von Thessaloniki nicht erschrecken, also in einem negativen Sinn überraschen, weil sie ihn prinzipiell erwartet und auf ihn hin hofft. Dies jedenfalls unterstellt Paulus seinen Adressaten und formuliert deshalb in reinen Beschreibungssätzen, die wörtlich lauten: "Ihr seid nicht in der Finsternis"; "Ihr seid alle Söhne [und Töchter] des Lichts bzw. des Tages"; "Wir sind weder der Nacht noch der Finsternis (zugehörig)". Dabei sind "Licht" und "Tag" Bilder für Heil, Rettung und alles Positive, was der Mensch von Gott her erwarten darf, während "Nacht" und "Finsternis" für das Unheil steht, das den Menschen  erwartet, der mit Gott nicht rechnet, ihn für seine Zwecke zu vereinnahmen sucht oder ihn in bewusster Entscheidung aus seinem Leben ausklammert (zu weiteren Hintergründen des Bildes von Licht und Finsternis s. unter "Auslegung").

Die Begründung für die "These" der "Licht"- und "Tages"-Zugehörigkeit im Sinne einer Heilszugehörigkeit reicht Paulus erst einige Verse später nach, die leider aus dem Lesungsabschnitt ausgespart sind. Die Verse 9-10 sagen ausdrücklich: "9 Denn Gott hat uns nicht für das Gericht seines Zorns bestimmt, sondern dafür, dass wir durch Jesus Christus, unseren Herrn, die Rettung erlangen. 10 Er ist für uns gestorben, damit wir vereint mit ihm leben, ob wir nun wachen oder schlafen." "Licht" und "Tag" stehen also letztlich für Christus selbst.

 

Vers 6

Geschickt hatte Paulus schon im letzten Satz von Vers 5 vom belehrenden "ihr" zum solidarischen "wir" umgeschaltet. Was von dem in Christus begründeten Heil zu sagen ist (ewiges Leben, Bestehen des Gerichts), gilt allen, die an diesen Christus glauben, gleichermaßen: dem Verkündiger (Paulus) wie denen, denen er verkündet.

Gemeinsam ist auch beiden die Anstrengung, aus dieser Heilshoffnung heraus das Leben zu gestalten und dementsprechend täglich in gespannter Erwartung zu leben. "Wachen" nennt Paulus diesen Zustand. Dies meint nicht etwa Schlafverzicht, sondern so zu leben, dass, wenn Christus im nächsten Augenblick käme, ich mich dieses Augenblicks nicht schämen müsste. Ein solches Leben setzt den klaren Blick für die Realitäten und Erfordernisse des Lebens voraus und verträgt keine Trübung der Sinne durch Alkohol oder ein Leben in Illusionen und Verdrängungen, für die der alkoholisierte Zustand dann nur ein Bild wäre. Um im Bild zu bleiben: Wer nicht nüchtern ist, kann auch nicht wachen, weil er eh nichts mitbekommt. Wer aber am Tage mitbekommt, was zu tun ist, und in der Nachfolge Chrsiti liebend handelt, kann sich nachts beruhigt schlafen legen. Die Begegnung mit Christus wird keine böse Überraschung werden - ob in der Nacht oder am Tage.

Auslegung

"Tag" und "Licht", "Nacht" und "Finsternis" (1 Thessalonicher 5, 2.4-6)

Der gesamte Lesungsabschnitt ist von verschiedenen Gegensatzpaaren durchzogen: "Friede/Sicherheit" - "Verderben"; "Licht" - "Finsternis"; "Tag" - "Nacht"; "schlafen" - "wach und nüchtern sein". Man spürt die rhetorische Absicht, mit solchen Gegenüberstellungen Identität zu klären und zu stärken (Wer will schon zu den "Schläfern" und "Finsterlingen" gehören?), den hellen Schein der eigenen Gruppe von der dunklen Welt "der anderen/der Übrigen" (griechisch: hoi loipoì: Vers 6) abzusetzen und zugleich wachzurütteln, sich auf die "richtige" Seite zu stellen.

Aber Paulus schafft hier nicht etwa eine Sprache des Aufpeitschens und Motivierens, sondern er bewegt sich kreativ in Sprachmustern, die in seiner jüdischen Denkwelt schon lange verwurzelt sind. Dabei kombiniert er geschickt zwei verschiedene Vorstellungsbereiche. Der Doppelbegriff "Zeiten und Stunden" (Vers 1) wird im nächsten Vers geklärt: Er meint konkret den "Tag des Herrn". Dieser Begriff begegnet 16mal im Alten Testament, ausschließlich in prophetischen Texten (Jesaja 13,6.9; Ezechiel 13,5; Joël 1,15; 2,1.11; 3,4; 4,14; Amos 5,18 (2-mal).20; Obadja 15; Zefanja 1,7.14 (2-mal); Maleachi 3,23). Was immer dieser "Tag des Herrn" ("Tag JHWHs") ursprünglich einmal bedeutet haben mag - ein eher kultischer oder ein eher kriegerischer Tag? -, bei den Propheten ist er seit Amos als ein Tag des Gottesgerichts erkennbar, den man erwartet. Sowohl der Zeitpunkt als auch die Klärung der Frage, ob eher an ein irdisches oder nach-irdisches Geschehen zu denken ist, bleibt unthematisch. Entscheidend ist Gottes Urteil über die Taten der Menschen, die sich vor ihm zu verantworten und die Folgen ihrer Taten zu tragen haben.

Die Erwartung eines solchen Gottesgerichts wird von den frühen Christen übernommen mit der Besonderheit, dass der gekreuzigte und auferweckte Christus am Gerichtsgeschehen beteiligt sein wird. Wie in seinem Kreuzestod und seiner Auferweckung bereits sichtbar wurde, dass Gott ganz auf der Seite des Vergebens und nicht derjenigen des Zurückschlagens steht, so hoffen Christen darauf, auch im Endgericht, d. h. in der endgültigen Begegnung mit Gott, auf vergebende Liebe und nicht auf zurückschlagende Abrechnung zu treffen.

Von diesem "Tag des Herrn" also und der Gewissheit seines Kommens spricht Paulus am Beginn der Lesung.

Aus der Vorgegebenheit des Begriffs "Tag", der also einen - wenn auch nicht datierbaren - "Termin" meint, wechselt Paulus allerdings in einen qualitativen "Tages"-Begriff, der sich einseits mit "Helligkeit" und "Licht" und andererseits mit "Wachsamkeit" verbindet.

Zumindest im Grundsätzlichen ist auch diese Verbindung nichts Neues, sondern durch den möglicherweise ältesten Beleg zum "Tag des HERRN" vorgegeben, Amos 5,18-20:

"18 Weh denen, die den Tag des HERRN herbeisehnen! Was nützt euch denn der Tag des HERRN? Finsternis ist er, nicht Licht. 19 Es ist, wie wenn jemand einem Löwen entflieht und ihn dann ein Bär überfällt; kommt er nach Hause und stützt sich mit der Hand auf die Mauer, dann beißt ihn eine Schlange. 20 Ist nicht der Tag des HERRN Finsternis und kein Licht, Dunkel und ohne Glanz? "

Auf der Folie dieses prophetischen Wortes verwundern die Ausführungen des Paulus deutlich weniger. Er spricht sozusagen als "umgekehrter Amos". Er warnt nicht die, die meinen, der "Tag des HERRN" treffe nur "die anderen", weshalb sie tun könnten, was sie wollen - sie kämen immer fein raus. Nein, Paulus wendet sich an diejenigen, die fest mit dem "Tag des Herrn" (jetzt ist mit "Herr" Christus selbst gemeint) rechnen, auch um seine mögliche Furchtbarkeit und Unentrinnbarkeit (dieses Thema ist durch Amos 5,19 ebenfalls vorgegeben; Paulus ersetzt das Motiv vergeblicher Flcuht durch das Motiv unentrinnbarer Wehen) wissen, und gerade deshalb alles tun ("wachen", "nüchern sein", "mit Glaube, Liebe und Hoffnung gerüstet sein", d. h. entsprechend zu handeln), damit dieser Tag ein lichtvoller werde, also Heil bedeute.

Amos wendet sich, wie seine Worte im gesamten Buch zeigen, an "Finsterlinge", die Recht nur für sich beanspruchen und ansonsten auf Kosten anderer leben. Paulus wendet sich an "Lichtkinder" ("Söhne des Lichts"), die sich von Christus, der ihr Licht ist, leiten lassen, und sich daher in einer Sphäre des Lichts im Sinne des Heils bewegen.

Diese Begrifflichkeit ist besonders aus der Gemeinde von Qumran bekannt, einer jüdischen Gruppierung, die vom 2. Jh. v. Chr. bis zum 2. Jh. n. Chr. sich am Ufer des Toten Meeres niedergelassen hat, um sich von den aus ihrer Sicht in Jerusalem mit den besetzenden Griechen paktierenden "Söhnen der Finsternis" abzusetzen. Vereinfacht gesagt: Der Tempel wird in den Augen der Qumran-Leute von einem jüdischen Unrechtsregime bestimmt. "Aber der Gott Israels und der Engel seiner Wahrheit helfen allen Söhnen des Lichtes" (sog. Sektenregel: 1 QS III 24-25, Übersetzung: Eduard Lohse).

Auch wenn vieles an dieser Sprache und den damit verbundenen Vorstellungen zeitbedingt sein mag, für Paulus liegen in der Heiligen Schrift des Alten Testaments wie auch in den späteren Traditionen seiner jüdischen Glaubensschwestern und -brüder die Wurzeln seiner Theo- und Christologie sowie der reichen Bilderwelt, derer er sich bedient.

Kunst etc.

Pixabay Clipart-Vector 1293442: Schlafzimmer
Pixabay Clipart-Vector 1293442: Schlafzimmer

Der Schrecken steht Mutter und Kind ins Gesicht geschrieben. Das Bild, auch wenn es nur eine Vektographie ist, veranschaulicht gut die Gefühlslage, auf die Paulus anspielt, wenn er schreibt: "... lebt nicht im Finstern, sodass euch der Tag nicht wie ein Dieb überraschen kann" (1 Thessalonicher 5,4).